Leseprobe Izvor 223 – Geistiges und künstlerisches Schaffen

Leseprobe Izvor 223 - Geistiges und künstlerisches Schaffen

Leseprobe Izvor 223 – Geistiges und künstlerisches Schaffen

Kapi­tel 9: Die Schön­heit
Gäbe es nicht im Welt­all ein kosmi­sches Prin­zip, die Gött­li­che Mut­ter, das sich stän­dig da­mit be­fasst, die Harmo­nie der For­men zu be­wah­ren, dann wä­ren die Men­schen von ab­sto­ßender Häss­lich­keit. Denkt nur da­ran, wie sie ihr Le­ben füh­ren, in ewi­gem Durch­einan­der, in Lei­den­schaf­ten und Kon­flikte ver­strickt, oh­ne den Wunsch nach Ver­voll­komm­nung zu emp­finden – wie soll­te da nicht ihre Schön­heit ver­lo­ren ge­hen?

Es gibt schö­ne Män­ner und schö­ne Frau­en. Sieht man aber, was für Gril­len und Scham­lo­sig­kei­ten sie in ihrem Kopf und in ihrem Her­zen ha­ben, dann wun­dert man sich: Wenn es eine ab­solu­te Ge­rech­tig­keit gä­be, so müss­te ihre äuße­re Er­schei­nung er­schre­ckend und ab­sto­ßend sein. Die­se feh­lende Be­zie­hung zwi­schen dem Inne­ren und dem Äuße­ren kommt da­her, dass sich das In­nen­le­ben viel ra­scher wan­delt als die äuße­re Form. Hier geht es al­so um ei­nen Bruch zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart. In der Zeit­span­ne ei­nes ein­zi­gen Ta­ges ver­mag der Mensch sei­ne phi­lo­sophi­sche Ein­stel­lung, sei­ne ge­sam­te Welt­an­schau­ung zu än­dern. Sein Aus­se­hen wan­delt sich hin­gegen sehr lang­sam, denn es ist aus ei­ner Mate­rie ge­macht, de­ren Wi­der­stands­kraft viel grö­ßer ist als die der geis­tigen Eigen­schaf­ten.

Stellt euch ei­nen Men­schen mit ab­sto­ßendem Aus­se­hen vor, aber des­sen phi­lo­sophi­sche Auf­fas­sung gött­li­cher Art ist. All­mäh­lich durch­dringt die­se Auf­fas­sung sein gan­zes We­sen; die Mate­rie sei­nes physi­schen Kör­pers wird da­durch be­lebt, bis sie ei­nes Ta­ges sein inne­res Le­ben, sei­ne See­le, sei­nen Geist ge­nau wi­der­spie­gelt: Die­se Mate­rie wird dann strah­lend schön und gött­lich. Das Gegen­teil mag auch vor­kom­men. Führt ein Mensch von blen­dender Schön­heit ein ver­dorbe­nes Le­ben, dann wird er sich äu­ßer­lich nicht gleich ver­än­dern; aber ei­nes Ta­ges wird sein An­blick doch dem inne­ren Zu­stand ent­spre­chen. Es ist al­so schwer zu be­urtei­len. Oft bleibt man an ei­ner von der Ver­gan­gen­heit ge­präg­ten Form haf­ten; da­raus er­folgt dann ein Fehl­ur­teil. Doch es ist eine Fra­ge der Zeit: Frü­her oder spä­ter spie­gelt die Form das In­nen­le­ben wi­der.

Al­so be­sitzt je­der Mensch ein inne­res Ge­sicht, ver­schie­den von dem, wel­ches die ande­ren Tag für Tag zu se­hen be­kom­men. Es ist das An­ge­sicht sei­ner See­le, des­sen Zü­ge nicht so fest be­stimmt, nicht so un­wan­del­bar sind wie dieje­nigen sei­nes kör­per­li­chen Ge­sich­tes; das seeli­sche An­ge­sicht ver­än­dert sich stän­dig, denn es steht in en­gem Zu­sam­men­hang mit dem psychi­schen Le­ben, mit den Ge­füh­len und Ge­dan­ken; bald sieht die­ses An­ge­sicht licht­voll oder ver­dun­kelt aus, bald harmo­nisch oder frat­zen­haft, aus­drucks­voll oder leer. Die­ses inne­re An­ge­sicht soll­te der Mensch je­den Tag model­lieren, ver­edeln, be­ma­len, er­leuch­ten, da­mit es end­lich ein­mal auch sein kör­per­li­ches Ge­sicht prä­ge.

Eu­er heuti­ges Ge­sicht war in ei­nem frühe­ren Le­ben das An­ge­sicht eu­rer See­le. Es stellt die Sum­me al­ler von euch ge­pfleg­ten Tugen­den und Las­ter dar. Viel­leicht seid ihr mit ihm nicht be­son­ders zu­frie­den, doch nun ist kaum et­was da­ran zu än­dern. Grü­belt des­halb nicht mehr; be­fasst euch mit eu­rem inne­ren An­ge­sicht, das dem äuße­ren in sei­nem Ge­stal­tungs­pro­zess als Vor­bild ge­dient hat. Fangt ihr an, eu­er seeli­sches An­ge­sicht be­wusst zu ver­edeln, dann be­mer­ken es viel­leicht die Men­schen in eu­rer Um­ge­bung nicht, doch die En­gel schon, und sie wer­den euch seg­nen. Zu­erst wi­der­steht das äu­ßer­e Ge­sicht al­len Ver­ände­rungen, aber nach länge­rer Zeit lässt sein Wi­der­stand unter dem Druck des ande­ren Ge­sich­tes nach, denn das An­ge­sicht der See­le ist mäch­tig und prägt dem äuße­ren Ge­sicht sei­ne eige­nen Zü­ge auf. Von Zeit zu Zeit lässt es schon et­was von sei­ner Schön­heit durch­schim­mern. Es mag sein, dass die See­le so viel Licht, Gü­te und Erha­ben­heit aus­strahlt, dass die­se Aus­strömung durch das äuße­re Ge­sicht hin­durch wahr­nehm­bar wird; dann kommt das geis­tig erha­bene An­ge­sicht flüch­tig zum Vor­schein. Setzt eu­re Arbeit be­harr­lich fort; es wird der Tag kom­men, an dem eu­re bei­den Ge­sich­ter über­ein­stim­men wer­den.

Wie das Aus­se­hen ei­nes Men­schen auch sein mag, es liegt doch in ihm et­was ver­bor­gen, was nie ir­re­füh­ren kann und sei­ne grund­le­gen­de Na­tur of­fen­bart: sei­ne Emana­tionen, sein Flui­dum. Wie schön oder häss­lich der Mensch auch sein mag, ihr wer­det euch nicht ir­ren, wenn ihr fä­hig seid, sei­ne Emana­tionen wahr­zu­neh­men, denn die­se spiegeln den inne­ren Zu­stand mit ab­solu­ter Ge­nau­ig­keit wi­der. Sind die Emana­tionen trüb, dis­harmo­nisch, schäd­lich, dann drü­cken sie ge­nau sei­ne Ge­dan­ken und Be­gier­den aus. Die See­le ei­nes Men­schen kann nicht wirk­lich sicht­bar wer­den, ihre Aus­strah­lungen sind aber spür­bar. Strahlt die­ser Mensch Lau­ter­keit und Licht aus, dann könnt ihr hun­dert­pro­zentig sicher sein, dass sei­ne See­le schön und erha­ben ist. Manch­mal sind die­se Aus­strah­lungen so kraft­voll, dass sie trotz ihrer Sub­ti­li­tät sicht­bar wer­den. Ein Bei­spiel: Es gibt sehr häss­li­che, miss­gestal­tete Men­schen, die ei­nen Au­gen­blick lang wie ver­wan­delt da­ste­hen. Ihre Emana­tionen ha­ben für eine Wei­le ihre Form ver­wan­delt. Drei Punk­te sind al­so zu be­rück­sich­tigen: die Form, die Emana­tionen, die durch die­se Form zum Aus­druck kom­men, ihr aber nicht im­mer ent­spre­chen, und der Geist, der die­se Emana­tionen er­zeugt. Da es fast un­mög­lich ist, den Geist wahr­zu­neh­men, weil die Form ir­re­füh­rend ist, sind es ein­zig und al­lein die Emana­tionen, die uns die wah­re Na­tur ei­nes Men­schen er­ken­nen las­sen.

Hin­ter der Form gibt es al­so noch et­was, was wir er­ken­nen müs­sen: den Aus­druck; die Emana­tionen, die das Inne­re ei­nes Men­schen, den Le­bens­strom wi­der­spie­geln. Will man noch wei­ter ein­drin­gen, um sich den in den himmli­schen Sphä­ren leben­den Geist die­ses Men­schen zu ver­gegen­wärti­gen, dann tut sich eine au­ßer­or­dent­li­che Pracht vor uns auf. Sol­che Pracht kann sich aber nicht ein­mal durch die Emana­tionen of­fen­ba­ren, denn der physi­sche Kör­per ist nicht in der La­ge, eine der­arti­ge Sub­ti­li­tät durch­schei­nen zu las­sen.

In Wirk­lich­keit gibt es kei­ne Er­klä­rung für die Schön­heit. Es ist ein Le­ben, das pul­siert, das aus­strahlt. Stellt euch zum Bei­spiel ei­nen Dia­manten vor, auf den ein Son­nen­strahl fällt. Ihr wer­det faszi­niert sein von der plötz­lich auf­leuch­tenden Far­ben­pracht. Das eben ist die wah­re Schön­heit. Sie ist mit dem Licht der Son­ne ver­gleich­bar. Je mehr es ei­nem Men­schen ge­lingt, der­arti­ge Schön­heit aus­zu­strah­len, umso nä­her reicht er an die wirk­li­che Schön­heit he­ran. Die­se ist nicht in den For­men vor­han­den; die wirk­li­che Schön­heit hat gar kei­ne Form, denn sie ist dort oben, auf ei­ner Ebe­ne, wo es nur Strö­mungen, Kräf­te, Aus­strah­lungen gibt. Darf man die­se Pracht ein­mal be­trach­ten, dann ge­rät man in sol­che Eks­tase, dass man bei­na­he ster­ben möch­te. Die wah­re Schön­heit be­geg­net uns weni­ger im Kör­per oder im Ge­sicht der Men­schen; sie be­fin­det sich in höhe­ren Sphä­ren. So­bald aber ein Mann, eine Frau mit der gött­li­chen Welt ver­bun­den und fä­hig sind, eini­ge Aus­strah­lungen von dort zu über­tra­gen, dann ge­lingt es ih­nen, et­was von die­ser Schön­heit wi­der­zu­spie­geln.

Merkt euch al­so dies: Die Schön­heit be­fin­det sich nicht in der Form, son­dern in den Aus­strah­lungen, in den Emana­tionen. Des­halb soll­te sich nie­mand auf sie stür­zen, um sie fest­zu­hal­ten und zu ver­schlin­gen. Die Schön­heit ist kei­ne greif­ba­re Form. Sie soll­te nur be­trach­tet wer­den und als stän­dige Quel­le der Be­wunde­rung die­nen; man soll­te sich von ihrer Gegen­wart durch­drin­gen las­sen. Miss­brau­chen die Men­schen die Schön­heit, um sich gegen­sei­tig in den Ab­grund zu stür­zen, dann ist nicht die Schön­heit da­ran schuld. Die Schuld tra­gen dieje­nigen, die nicht ge­läu­tert ge­nug sind. In sich selbst ent­fa­chen sie ein Feu­er, das – all ihrer Un­rein­hei­ten we­gen – zu rau­chen be­ginnt. Die Schön­heit ist nicht da­zu ge­schaf­fen wor­den, um die Men­schen zu Fall zu brin­gen, son­dern um sie zu Gott zu füh­ren, um ih­nen An­lass zu ge­ben, sich bis in die höchs­ten Sphä­ren hi­nauf­zu­schwin­gen. Ich weiß schon, dass sol­che Be­trach­tungs­wei­se nicht üb­lich ist, ja, fast gro­tesk er­schei­nen mag. Die meis­ten Men­schen tun, als wä­re die Schön­heit nur da­zu da, da­mit sie sie be­tas­ten, be­sit­zen, be­fle­cken und zer­flei­schen kön­nen. Wie Kin­der, die die Sei­ten ei­nes Bu­ches zer­rei­ßen, nach­dem sie sich die Bilder an­ge­schaut ha­ben!

Denkt da­ran, wie vie­le schö­ne Frau­en völ­lig zer­stört, ver­dor­ben wor­den sind! Sie wa­ren we­der ge­scheit noch auf­ge­klärt und ha­ben sich den Säuen preis­gege­ben. Bild­schö­ne Mäd­chen sind lei­der sel­ten ge­scheit. Ge­nau­so ist es auch mit schö­nen Män­nern. Das Ge­sicht der klu­gen Män­ner ist eher asym­me­trisch, un­propor­tioniert. Sind der Stamm und die Äs­te ei­nes Bau­mes ver­wach­sen, dann ist es ein Be­weis, dass die­ser Baum viel Schwe­res hat durch­ma­chen müs­sen, bis er aus­gewach­sen war. Um je­den Preis hat er al­le Hin­der­nis­se über­win­den wol­len, um zu über­le­ben; er hat nach al­len Rich­tungen hin ge­kämpft, und die­ser Kampf spie­gelt sich in Stamm und Äs­ten wi­der. Genauso ver­hält es sich mit dem Men­schen: Das ver­krampf­te, asym­metri­sche Ge­sicht ge­wis­ser her­vor­ragen­der Men­schen ist ein Be­weis, dass sie viel Schwe­res ha­ben über­win­den müs­sen. Öf­ters ha­ben sie die intellek­tuellen Kapa­zi­tä­ten und den Wil­len ent­wi­ckelt, lei­der zum Nach­teil von Gü­te und morali­schen Eigen­schaf­ten; so ha­ben sie ihr Ge­sicht ver­formt. Die Schön­heit ver­mit­telt eher morali­sche als intellek­tuelle Eigen­schaf­ten. Ja, so ist es, ihr habt es aber nicht ge­wusst! Schö­ne Men­schen sind nicht im­mer ge­scheit. Oft wird so­gar ihre Gut­mü­tig­keit scham­los aus­ge­nützt von ande­ren, die bei wei­tem nicht so schön aus­se­hen, aber sie ver­ste­hen es, je­de Chan­ce zu er­grei­fen.

Die Schön­heit hat viel mehr Affi­ni­tät mit der Gü­te als mit der Intel­ligenz. Ihr wer­det ein­wen­den: »Das stimmt nicht! Ich ha­be bild­schö­ne Frau­en ge­kannt, die wahr­haf­te Teu­fel wa­ren!« Nein, ihr habt nicht gut hin­ge­schaut. Be­obach­tet man sol­che Frau­en, dann spürt man hin­ter der Schön­heit ihrer Ge­sichts­zü­ge et­was Grau­sa­mes, Schlau­es und Egoisti­sches. Das hat mit der wah­ren Schön­heit, von der hier die Re­de ist, über­haupt nichts zu tun. Ihre Hal­tung, ihr Be­tra­gen ver­rät, dass es ih­nen im Grun­de le­dig­lich um die Ver­fol­gung be­stimm­ter Zwe­cke geht; und das ist das Häss­li­che, das durch al­les hin­durch­dringt. Viel ein­fa­cher, nai­ver, na­tür­li­cher ist die wirk­li­che Schön­heit. Schlau­heit und Be­rech­nung sind ihr fremd; von be­sonde­rer Klug­heit ist sie nicht, sie ist aber vol­ler Gü­te.

Sol­che Nuan­cen wer­den erst nach lan­gem Üben er­kenn­bar. Das ist et­was sehr Sub­ti­les, es geht nicht nur aus den Ge­sichts­zü­gen, aus der Form her­vor, das ha­be ich schon er­wähnt. Be­stimm­te Frau­en mö­gen schön sein, aber die fürch­ter­li­chen Be­gier­den und Ambi­tionen, die aus ihrem As­tral­leib aus­strö­men, wer­den dieje­nigen, die sie lie­ben, zu­grun­de rich­ten. Ihr Ge­sicht und ihr Kör­per sind ein Be­weis, dass sie sich in ei­nem frühe­ren Le­ben lan­ge um gu­te Eigen­schaf­ten und Tugen­den be­müht ha­ben. Der­zeit arbei­ten sie nicht mehr in der­sel­ben Rich­tung; der physi­sche Kör­per ver­än­dert sich aber nicht so rasch; selbst wenn die­se Frau­en ei­nen fal­schen Weg be­schrei­ten, leis­tet ihr physi­scher Kör­per wei­ter­hin Wi­der­stand, zeigt noch et­was von ihrer ver­gange­nen Herr­lich­keit. Die Schloss­da­me steckt bis über die Oh­ren in Schul­den, aber das Schloss sieht noch präch­tig aus, denn die Qua­der sind fest und wi­der­stands­fä­hig. Die Qua­der des Ge­bäu­des stel­len eben den physi­schen Kör­per dar. Nach eini­ger Zeit wer­den auch sie zu­sam­men­stür­zen. Al­lein der­jeni­ge, des­sen In­nen­le­ben ge­ord­net und harmo­nisch ver­läuft, arbei­tet un­be­wusst an der Ge­stal­tung und Model­lierung sei­nes Ge­sich­tes und sei­nes Kör­pers für das all­ge­meine Wohl.

Ent­schließt euch, von nun an eu­er Ver­hält­nis zur Schön­heit rich­tig zu stellen. Ihr soll­tet sie als ei­nen Aus­druck der leben­digen Na­tur be­trach­ten; durch sie wird euch die Mög­lich­keit ge­ge­ben, euch Gott zu nä­hern. Wollt ihr euch von der wirk­li­chen Schön­heit eine licht­vol­le, lau­tere Vor­stel­lung ma­chen, dann greift nach ei­nem Kris­tall, ei­nem Pris­ma und seht, wie das Licht beim Durchfallen sich zu solch faszinie­render Far­ben­pracht ent­fal­tet, dass man in stun­den­lan­ge Eks­tase ge­ra­ten könn­te. Ich tu­e es oft und freu­e mich, die­se Pracht des Lich­tes be­trach­ten zu dür­fen; und ich ra­te euch, es auch zu tun, ihr wer­det viel da­bei ge­win­nen. Eini­ge wer­den si­cher be­haup­ten, sie seien nicht da­rauf vor­berei­tet, so et­was sei nicht ihre Sa­che; nein, das ist kein trif­tiges Ar­gu­ment. Im Gegen­teil, sie soll­ten sich sa­gen: »Ob­wohl ich nicht da­für ver­an­lagt und schwach bin, be­schlie­ße ich, mich künf­tig durch die Schön­heit zu er­näh­ren.« So­lan­ge ihr eu­er Au­gen­merk auf eu­ren dürf­tigen, gegen­wärti­gen Zu­stand rich­tet, statt auf den, wel­chen ihr er­rei­chen könnt, wer­det ihr über­haupt nicht vor­wärts kom­men, das ist klar.

Die wirk­li­che Schön­heit ist nicht auf der physi­schen Ebe­ne zu fin­den, sie liegt an­ders­wo. Frei­lich ist die Er­de schön mit ihren Pflan­zen, Ber­gen, Se­en, Flüs­sen. Aber im Ver­gleich zu der Pracht dort oben – das muss ich ge­ste­hen – ver­blasst die Schön­heit der Er­de. Die Schön­heit ist eine Aus­drucks­form der höchs­ten Voll­kom­men­heit. In ihr sind Intel­ligenz, Licht, Lau­ter­keit, Mu­sik, Far­be und Duft mit ein­bezo­gen. Des­we­gen ist für mich die Schön­heit mit der Gott­heit eng ver­bun­den. Die Gott­heit ist die Schön­heit; und ich sa­ge es euch, wä­re Gott nicht schön, wä­re Er nur wei­se, lie­be­voll und all­mäch­tig, dann wür­de ich Ihn nicht so in­nig lie­ben. Ich lie­be Ihn, weil Er schön ist, Ihm will ich ähn­lich sein.

Vie­le Men­schen sind auf der Su­che nach Gott, weil Er all­mäch­tig und all­wis­send ist; ich su­che Ihn, weil Er schön ist. Ich ha­be eine Schwä­che für die Schön­heit, d. h. für die Voll­kom­men­heit. Um­so bes­ser, denn der­arti­ge Schwä­chen sind not­wen­dig! Die ein­zige – so­gar glor­rei­che – Schwä­che, die man euch nicht vor­wer­fen wird, ist eben die Schwä­che für die Schön­heit, die gött­li­che Schön­heit. Ich sa­ge es ganz of­fen, ich ha­be bild­schö­ne Mäd­chen ge­se­hen und auch sehr gut ausse­hende Män­ner; be­son­ders faszi­niert wur­de ich von kei­nem; denn ich such­te eine ande­re Art von Schön­heit, je­ne Schön­heit eben, die hin­ter der Form steht. Mich hat mei­ne Lie­be für die Schön­heit stets ge­ret­tet. Habt auch ihr die­se Lie­be, dann wer­det ihr ge­ret­tet.

Die Schön­heit soll­te man su­chen, nicht die äuße­re, son­dern die inne­re Schön­heit. Be­fass­ten sich die Men­schen mit ihrer eige­nen inneren Ver­schöne­rung so inten­siv, wie sie es mit der äußeren tun, dann wür­den sie Wun­der voll­brin­gen. Al­les, was äu­ßer­lich ge­tan wird, hält lei­der nicht lan­ge an; kurz da­nach muss man wie­der von vor­ne an­fan­gen. In­ner­e Fort­schrit­te ge­hen viel­leicht lang­sam vor sich, ihr könnt euch aber völ­lig auf ihre Dauer­haf­tig­keit ver­las­sen. Eu­rer Schön­heit soll­tet ihr euch des­halb wenigs­tens ein paar Au­gen­bli­cke täg­lich wid­men. Ei­nen Kosme­tik­sa­lon braucht selbst­ver­ständ­lich je­der: Es gibt na­tür­lich Insti­tute ver­schie­dener Art! Mor­gens beim Son­nen­auf­gang, zum Bei­spiel – das ist solch ein Schön­heits­sa­lon! Bei der Be­trach­tung der auf­gehen­den Son­ne wan­delt sich et­was in eu­rem ätheri­schen Leib, eu­rem As­tral- und Men­tal­kör­per. Die ge­sam­te Na­tur, die Se­en, die Wäl­der kön­nen auch als Kosme­tik­sa­lons die­nen. Aber der wert­volls­te liegt in euch sel­ber. Den soll­tet ihr be­tre­ten und euch an die Arbeit ma­chen. Je­den Tag habt ihr die Mög­lich­keit, be­stimm­ten inneren Män­geln ab­zu­hel­fen, in­dem ihr die Re­gen­bo­gen­far­ben an­zu­wen­den lernt.

Bei demje­nigen, der die­sen inne­ren Kosme­tik­sa­lon be­sucht, ver­schö­nert sich nicht nur sein Ge­sicht, son­dern auch sein ge­sam­ter Kör­per. Ich wür­de euch so­gar ra­ten, euch nicht mehr mit eu­rem jetzi­gen Kör­per aus­einan­der zu set­zen, son­dern nach der Ge­stal­tung ei­nes völ­lig neu­arti­gen Kör­pers zu stre­ben, eben nach dem Kör­per des Lich­tes, der Herr­lich­keit, von dem in der Heili­gen Schrift die Re­de ist. Je­der Ein­geweih­te be­fasst sich mit der Ge­stal­tung die­ses Kör­pers. Zu die­sem be­stimm­ten Zweck sind die sub­tils­ten, lauters­ten, gött­lichs­ten Parti­keln sei­nes We­sens er­for­der­lich. Mit je­dem erha­benen Au­gen­blick voll Poe­sie, An­be­tung und Auf­opfe­rung ge­winnt er an be­stimm­ten Sub­stan­zen, die ihm bei der Ge­stal­tung die­ses Kör­pers hel­fen, als ob er eine Sta­tue model­liere. Er weiß ge­nau Be­scheid, dass er ei­nes Ta­ges sei­nen physi­schen Kör­per ver­las­sen wird, denn die­ser ist sterb­lich und kann nicht in die ent­legens­ten Regio­nen des Welt­alls ge­lan­gen. Da­rum arbei­tet er am Kör­per der Herr­lich­keit. All die­se Mate­rialien, die er wäh­rend der Medita­tion, der Kontem­plation, den tiefs­ten Eksta­sen he­ran­ge­holt hat, die­nen ihm zur Ge­stal­tung die­ses Kör­pers. Der Kör­per der Herr­lich­keit ver­mag von sol­cher Kraft und Aus­strah­lung zu sein, dass er so­gar imstan­de ist, den physi­schen Kör­per in die Hö­he zu heben und durch den Welt­raum zu tra­gen.

Die Schön­heit soll­te ge­liebt und ge­wünscht wer­den. Doch die Schön­heit al­lein, die Schön­heit, die nicht im Diens­te ei­nes erha­benen Zwe­ckes steht, kann die schlimms­ten Wi­der­wär­tig­kei­ten nach sich zie­hen. Wie vie­le Män­ner ha­ben we­gen ei­ner bild­schö­nen Frau Selbst­mord be­gan­gen, weil die­se über­all Neid und Eifer­sucht weck­te! Die Schön­heit soll­te im Diens­te ei­ner erha­benen Idee ste­hen, die Men­schen zu ge­stei­gerten Leis­tungen an­spor­nen, sonst wird sie ge­fähr­lich, so­gar schäd­lich. Lei­der wen­den die meis­ten Frau­en ihre Schön­heit an, um die Er­fül­lung ihrer eige­nen Wün­sche zu er­zie­len: Geld, Ruhm und Ver­gnü­gungen. Sie den­ken über­haupt nicht da­ran, ihren Mit­men­schen Gu­tes zu tun, sie auf den Weg der Ent­wick­lung, der Ver­ede­lung und der Poe­sie zu lo­cken. Die Schön­heit ist ein zwei­schnei­diges Schwert, sie kann so­wohl Gu­tes wie Bö­ses an­rich­ten. Die Frau­en und auch die Män­ner soll­ten sich al­so über die Ver­wen­dung ihrer Schön­heit im Kla­ren sein und nie da­bei ver­ges­sen, dass der Him­mel über sie wacht. Die­sen Schatz hat ih­nen der Him­mel an­ver­traut, und er interes­siert sich da­für, wie die­ses Kapi­tal an­ge­legt wird. Stellt er fest, es dient bloß zur Be­friedi­gung von Gril­len und Egois­mus, dann wird er ein­grei­fen: Die Schön­heit wird ver­lo­ren ge­hen und die Stra­fe nicht aus­blei­ben.

Was ich euch hier­mit über die Schön­heit ge­sagt ha­be, gilt auch für al­le Vor­tei­le, die unser Eigen sind: Be­sitz, Intel­ligenz, Ruhm und Kraft. Nie soll­ten die­se aus­schließ­lich dem eige­nen Ge­brauch vor­behal­ten sein, son­dern man soll­te sie in den Dienst ei­ner gött­li­chen Idee stel­len.

 

Kapi­tel 11: Das leben­dige Meis­ter­werk
Al­les im Le­ben hängt von dem Ziel ab, das sich der Mensch ge­setzt hat, mit ei­nem Wort: von dem an­gestreb­ten Ideal. Die­ses Ideal bleibt nicht oh­ne Fol­gen, es be­ein­flusst den Men­schen, ruft Wir­kungen her­vor. Durch die­ses Ideal wird al­les ge­rei­nigt, ge­ord­net, ge­stal­tet und harmoni­siert. Nach die­sem Ideal ge­stal­tet und formt sich das mensch­li­che Le­ben. Ist das Ideal nicht erha­ben, nicht edel, son­dern pro­saisch und mate­riell, dann wird auch al­les, was die­ser Mensch tut, fühlt und denkt, je­nem Ideal ent­spre­chen. Er soll­te sich des­halb nicht wun­dern, wenn ihm et­was fehlt und er nicht glück­lich ist.

Fragt nicht da­nach, ob die­ses Ideal er­reich­bar ist oder nicht, das ist be­lang­los. Eu­re ein­zi­ge Sor­ge soll­te es sein, aus die­sem Ideal et­was Voll­komme­nes, Erha­benes, Gött­li­ches zu ma­chen. Wie viel Zeit da­zu not­wen­dig ist, spielt kei­ne Rol­le.

Das ho­he Ideal ist ein wirk­li­ches, leben­diges, mäch­tiges We­sen. Es ist in der La­ge, uns in al­ler Ewig­keit mit Spei­se und Trank zu ver­sor­gen. Die­se Wahr­heit ha­ben die Men­schen nie be­grei­fen wol­len, so ver­zich­ten sie un­auf­hör­lich auf das Bes­te, was es über­haupt gibt. Im­mer zie­hen sie ein na­hes, leicht er­reich­ba­res, mate­rielles Ziel vor, und bald steht die Lee­re vor der Tür. Ei­nem Ideal wohnt eine magi­sche Eigen­schaft in­ne; da die­ses Ideal mit uns in Ver­bin­dung steht, bringt es uns stän­dig wohl­tuen­de Parti­keln mit, er­quick­li­che Strö­mungen aus der ihm eige­nen Re­gion. Die­ses Ideal ha­ben wir selbst ge­stal­tet, wir las­sen es nicht aus unse­ren Ge­dan­ken, wir lie­ben es; da­her ist es im­mer da, be­reit, uns an sei­ner Fül­le und Reich­hal­tig­keit Teil ha­ben zu las­sen. Ei­nes Ta­ges wer­den in unse­rem Le­ben die neuen Ver­hält­nisse vor­han­den sein, die die­ses Ideal für uns ge­schaf­fen hat. Ge­sche­hen wird es aber erst, wenn wir die­ses Ideal lie­ben, wenn wir es in der Tie­fe unse­res Her­zens, unse­rer See­le he­gen und pfle­gen. Sei­ne Un­er­mess­lich­keit, die Ent­fer­nung, die uns von ihm trennt, spie­len da­bei kei­ne Rol­le. In der Ver­bin­dung mit ihm liegt die größ­te Weis­heit, die tiefs­te Wahr­heit.

Von nun an soll­tet ihr ler­nen, euch zu über­win­den, zu über­tref­fen, al­les zu meis­tern, da­mit die­ses Ideal Wirk­lich­keit wird. Fol­gendes soll­te sich je­der mer­ken: Ein Ideal ist ein We­sen, das schon in der gött­li­chen Welt lebt. Da wir mit ihm ver­bun­den sind, sorgt es da­für, dass wir aus al­ler Ver­wick­lung, al­lem Un­glück und Elend he­raus­kom­men. Aber wo blei­ben eben die­ser Glau­be, die­ses Wis­sen, die­ser Wil­le, die fä­hig wä­ren, solch ein Ideal zu for­men?

Wer die­se grund­le­gen­den Wahr­hei­ten nicht kennt, arbei­tet mit bröcke­ligen Mate­rialien, unter un­gewis­sen Um­stän­den. Er lei­det und klagt; wer ist aber da­ran schuld? Sein Ziel war nicht sehr hoch ge­setzt. Er hat sich stets mit Lappa­lien zu­frie­den gege­ben und über de­ren mit­tel­mäßi­ge Be­schaf­fen­heit nichts ge­wusst. Denn auch hier spielt das Affi­ni­täts­ge­setz mit: Ein mit­tel­mäßi­ges Ideal zieht zwangs­läu­fig die trübs­ten, labils­ten Ele­mente an. Die not­wendi­gen Mate­rialien zur Ge­stal­tung al­ler Orga­ne eu­res Kör­pers und Ge­hirns soll­tet ihr euch von oben he­ran­ho­len, aus der höchs­ten und un­end­li­chen Wei­te des Him­mels, aus der Gren­zen­lo­sig­keit des Lich­tes, aus der geis­tigen Tie­fe eu­res We­sens; erst wenn ihr euch für das höchs­te Ideal ent­schei­det, wird so et­was mög­lich sein. Die Men­schen glau­ben, sie hät­ten ihr Ideal in die Tat um­ge­setzt, so­bald sie den ge­wähl­ten Be­ruf oder die ge­wünsch­te Tä­tig­keit aus­üben kön­nen. Wa­rum kla­gen sie dann, wa­rum spü­ren sie in sich eine Lee­re, als fehl­te ih­nen et­was? Das ist nicht lo­gisch, da sie das Er­wünsch­te doch schon er­reicht ha­ben. So­lan­ge sie kein wirk­lich erha­benes Ideal ha­ben, wird ih­nen im­mer et­was feh­len, denn es ist ein­zig und al­lein das ho­he Ideal, das je­des Vaku­um im Men­schen aus­zu­fül­len ver­mag; es dringt über­all ein und bringt Fül­le. Da­mit mei­ne ich nicht, ihr soll­tet kei­nen Be­ruf aus­üben, we­der Wissen­schaftler noch Künst­ler sein, nein. Aber auf sol­chen Ge­bie­ten wer­det ihr we­der Un­sterb­lich­keit er­lan­gen noch Ewig­keit und Fül­le er­le­ben kön­nen. Es ist schon rich­tig, eine Arbeit, eine Tä­tig­keit im Le­ben zu ha­ben; man soll­te sich aber nicht da­rauf be­schrän­ken, sich nicht mit der Vor­stel­lung täu­schen, dass Glück, Licht, Kennt­nis, Macht, voll­kom­mene Selbst­entfal­tung dort zu fin­den wä­ren. Es ist un­mög­lich, Gott hat sie nicht auf die­ser Ebe­ne vor­gese­hen; be­stimm­te Mög­lich­kei­ten schon, aber kei­ne voll­kom­mene Ent­fal­tung für unse­re See­le, für unse­ren Geist. Um zur Fül­le zu ge­lan­gen, ist et­was Höhe­res er­for­der­lich.

Die bes­te Lö­sung ist al­so fol­gende: Ver­schafft euch al­les Not­wen­dige im Le­ben; aber nicht da­rauf soll­tet ihr eu­er Ideal auf­bau­en. Stellt es hoch, so­gar in un­er­reich­ba­re Hö­he. Dann habt ihr das Rich­tige ge­trof­fen. Ihr wisst, dass ihr die­ses Ideal un­mög­lich ver­wirk­li­chen könnt, auch nicht in Tau­senden von Jah­ren. Aber ihr liebt es, es steht da vor eu­ren Au­gen, ihr seid mit ihm eins, ihr sprecht zu ihm. Die­sem Ideal ver­dankt ihr eu­er Gleich­ge­wicht, es ge­währt euch himmli­sche Freu­de, es wan­delt das Bö­se in Gu­tes um; ei­nes Ta­ges wird es euch da­zu ver­hel­fen, eine Gott­heit zu wer­den.

Die größ­te Weis­heit, das tiefs­te magi­sche Ge­heim­nis be­steht da­rin, im Vo­raus zu wis­sen, dass eu­er ho­hes Ideal nie in die Tat um­ge­setzt wer­den kann. Be­wahrt es aber stets leben­dig in euch, dann wird es schon zum Vor­schein kom­men, denn aus euch selbst wird im­mer mehr Klar­heit, Lau­ter­keit und Licht her­vor­bre­chen. Eu­er Ideal bleibt wei­ter­hin un­aus­führ­bar. Ich wür­de bei­na­he sa­gen, sei­ne Ver­wirkli­chung sei fast über­flüs­sig, da ihr euch auch so Tag für Tag an sei­nen Schät­zen be­rei­chert. In wel­cher Form? In al­ler­lei For­men. Es kommt euch viel­leicht so­gar ab­surd vor, aber eben durch sol­che Ab­sur­di­tät wird viel ge­won­nen! Wer das nicht be­greift, wird das We­sent­li­che nie er­rei­chen.

Vie­le wer­den ein­wen­den: »Ja, schon, aber mich selbst ken­ne ich durch­aus. Ich bin so schwach, so un­wis­send, ich wer­de es nie schaf­fen!« Und da­bei bleibt es, weil man nichts ver­stan­den hat. Der Mensch hat den Glau­ben an die Gott­heit ver­lo­ren; er weiß nicht mehr, dass er ein Sohn Got­tes ist; er hat ver­ges­sen, dass ein gött­li­cher Fun­ke tief in ihm ver­gra­ben liegt, die­ser gött­li­che Fun­ke, den er um je­den Preis zum Sprü­hen brin­gen soll­te. Von nun an soll­tet ihr auf die­se Phi­lo­so­phie ein­ge­hen, sie ver­tie­fen; uns wird ge­lehrt, dass wir al­le Er­ben unse­res Himmli­schen Va­ters sind. Es hängt nur von uns ab, über Sein gan­zes Wis­sen, Sei­ne gan­ze Lie­be, Sei­ne ge­sam­te Herr­lich­keit und Macht zu ver­fü­gen. So kommt man an das höchs­te Ideal he­ran. Nach dem Vor­bild des Herrn wird unser We­sen ge­stal­tet, nicht nach dem der Schwä­che, der Krank­heit, des To­des; unser We­sen wird nach ei­nem wirk­lich gött­li­chen Ideal model­liert; die­ses Ideal weilt im Him­mel; von dort oben lä­chelt es uns zu, schützt und trös­tet uns, über­mit­telt uns, was uns fehlt. Bleibt die­sem Ideal treu, was auch ge­sche­hen mag.

Steigt ein Tau­cher ins Meer hi­nab, um eine Arbeit aus­zu­füh­ren, dann bleibt er durch Ka­bel und Schläu­che mit dem Schiff in Ver­bin­dung; er wird un­unter­bro­chen über­wacht. Soll­te er in Ge­fahr ge­ra­ten, dann gibt er ein Zei­chen; er wird so­fort hi­nauf­ge­bracht oder ihm wird ir­gend­wie ge­hol­fen. Die meis­ten Men­schen glei­chen im Mee­re ver­irr­ten Tau­chern, denen nie­mand zu Hil­fe kommt. Sie sind mit kei­nem Ideal ver­bun­den, al­lein und ver­las­sen sind sie den ärgs­ten Ge­fah­ren aus­ge­setzt. Dieje­nigen, die ei­nem ho­hen Ideal nach­stre­ben, kön­nen hin­gegen nach Belie­ben unter­tau­chen, aus dem Was­ser he­raus­kom­men, ein- und ausatmen, wie­der ins Was­ser hi­nein­ge­hen. Es gibt kei­ne Ge­fahr, denn sie wer­den von ihrem Ideal über­wacht, unter­stützt und da­zu mit noch un­bekann­ten Parti­keln ver­sorgt. Sol­che Men­schen sind Kin­der Got­tes. Die Atmo­sphäre, die sie ein­at­men, ist von laute­rer Be­schaf­fen­heit.

Ein ande­rer Ver­gleich: Das ho­he Ideal ist wie ein elektri­scher Trans­forma­tor, der die Strom­span­nung um­wan­delt. Wel­len und Wir­bel von un­geheu­rer Kraft durch­zie­hen un­unter­bro­chen die ätheri­sche Atmo­sphäre, in wel­cher wir le­ben. Bei be­stimm­ten Men­schen be­wir­ken sie psychi­sche, so­gar physi­sche Stö­rungen. Das wirk­sams­te Mit­tel, um sich vor die­sen Strö­mungen zu schüt­zen, ist das ho­he Ideal, das als Trans­forma­tor dient, denn es ist fä­hig, die In­tensi­tät je­ner Strö­me zu ver­min­dern, bis sie für den Men­schen er­träg­lich wer­den. Wie vie­le wün­schen, ei­nem sol­chen Ideal nach­zustre­ben?

Ihr könnt euch nicht vor­stel­len, wel­che Wun­der das ho­he Ideal in euch zu be­wir­ken ver­mag. Es gleicht ei­nem Bild­hauer, der euch ge­stal­tet und model­liert. Da liegt die höchs­te Stu­fe der Kunst: sich selbst zu ma­len, zu ge­stal­ten, zu model­lieren, sein eige­nes Buch zu schrei­ben. Ich lie­be die Künst­ler; die Kunst ist eine Tür, die in den Him­mel hi­nein­führt, ein Weg auf die Gott­heit zu. Trotz­dem bin ich der An­sicht, dass es noch höhe­re Stu­fen in der Kunst gibt. Die Schön­heit wird ja von den Künst­lern ge­schaf­fen; es ist aber eine Schön­heit, die au­ßer­halb ihres We­sens liegt, denn sie ver­arbei­ten und ver­wan­deln nicht ihre eige­ne Mate­rie.

Ei­nes Ta­ges such­te mich ein jun­ger Bild­hauer auf. Er war so stolz, Bild­hauer zu sein. Sein Be­neh­men war arro­gant. Er hat­te an al­lem et­was aus­zu­set­zen. Ich be­gann mit ihm zu re­den: »Sie sind al­so Bild­hauer? –Ja – Aha, aha! Folg­lich ken­nen Sie al­le Ge­set­ze der Bild­hauer­kunst? – Jawohl! – Es ist al­les schön und gut, ich glau­be es aber nicht! – Wieso? Ich ha­be Wer­ke ge­schaf­fen. – Es mag sein. Schau­e ich mir aber Ihr ver­form­tes Ge­sicht an (das Wort »Visa­ge« habe ich na­tür­lich nicht ver­wen­det), dann muss ich da­raus fol­gern, dass die Ge­set­ze der wirk­li­chen Bild­hauer­kunst Ihnen völ­lig un­be­kannt sind; wüss­ten Sie darü­ber Be­scheid, dann hät­ten Sie sie zu­erst an sich selbst an­ge­wandt. Mir wer­den Sie nicht ein­re­den, dass Sie Bild­hauer sind. Nichts in Ihrem gan­zen We­sen weist da­rauf hin.« Na­tür­lich war er er­staunt und be­gann, die Flag­ge ein­zu­zie­hen.

Ja! Der Ma­ler, der sich nie um die Far­ben sei­ner Au­ra küm­mert, ist in Wirk­lich­keit kei­ner. Der Musi­ker, der nie da­ran ge­dacht hat, sei­nen Intel­lekt, sein Herz und sei­nen Wil­len in Ein­klang zu brin­gen, hat von der Harmo­nie kei­ne Ah­nung. Man muss ver­ste­hen, was wirk­lich Kunst ist. Gibt es et­was Schöne­res, als ein Künst­ler zu sein in dem Be­reich der Ge­dan­ken und Ge­füh­le, in der Ges­tik, in den Wor­ten und Bli­cken, die uns eigen sind? Je­den Tag fin­det dann eine Aus­stel­lung vor den En­geln statt. Oh­ne Unter­lass be­trach­ten sie uns. Wa­rum rich­ten denn so vie­le Künst­ler ihr We­sen, ihre Ge­sund­heit zu­grun­de, um auf der Büh­ne he­rum­zu­stol­zieren und von Idio­ten Ap­plaus zu er­hal­ten, wäh­rend je­der von ih­nen Tag für Tag die ge­sam­te En­gels­schar mit der Vor­füh­rung der eige­nen Wer­ke er­freu­en könn­te?

Wer in sei­nem Inne­ren ziel­be­wusst arbei­tet, mit al­ler Ge­nau­ig­keit, Klar­heit und Präzi­sion die schöns­ten Far­ben und die präch­tigsten For­men an­wen­det, der wird nicht kla­gen, dass er we­der ge­schätzt noch an­er­kannt ist, denn er weiß ge­nau, dass die ver­rich­tete Arbeit an sich selbst un­ver­kenn­bar ist. Er ver­liert nicht den Mut, er zwei­felt nicht an sich. Ihr wer­det ein­wen­den: »Ja, schon! Aber von sei­nen Wer­ken be­kommt man nichts zu se­hen.« Momen­tan ist es viel­leicht wahr, aber – das ha­be ich schon ge­sagt – in der un­sicht­ba­ren Welt gibt es ande­re We­sen, die sich die Aus­stel­lung ge­nau an­schau­en und ihre Mei­nung äu­ßern, dann »kau­fen« sie… und so wird der Mensch dort oben als ein be­rühm­ter Künst­ler an­gese­hen! Be­schlie­ßen die­se We­sen­hei­ten ei­nes Ta­ges, ihm irdi­schen Ruhm zu ver­gön­nen, dann ist es für sie kein Pro­blem. Er sel­ber soll­te aber nicht nach die­sem irdi­schen Ruhm stre­ben; er soll­te sich da­rum be­mü­hen, ein­zig und al­lein die un­sicht­ba­re Welt zu­frie­den zu stel­len und je­den Tag sa­gen: »Nun, was hal­tet ihr heu­te von mei­ner Leis­tung?«

In der Zu­kunft wird der Künst­ler nicht nach sei­nem Werk, sei­nen Ge­mäl­den oder sei­nen Skulp­turen ge­wür­digt; je­der wird ver­lan­gen, mit ihm sel­ber be­kannt zu wer­den; um sich durch die Poe­sie, die Mu­sik be­zau­bern zu las­sen, die aus sei­nem gan­zen We­sen, aus sei­nem Le­ben selbst he­raus­strö­men. Dann wird sich je­der ein Le­ben voll Poe­sie wün­schen, er wird sich be­mü­hen, die Mu­sik durch sei­ne eige­ne Ges­tik, sei­ne eige­nen Ge­dan­ken und Ge­füh­le zum Aus­druck zu brin­gen. Je­der wird da­nach stre­ben, das eige­ne Ge­sicht zu zeich­nen, den eige­nen Kör­per nach dem Eben­bild Got­tes zu ge­stal­ten. Für die­sen Ge­stal­tungs­pro­zess ist si­cher eine be­stimm­te Zeit er­for­der­lich, aber die Fra­ge der Zeit soll­te euch nicht zum Sto­cken brin­gen. Kunst­wer­ke, die der Mensch au­ßer­halb sei­ner selbst ge­stal­tet, sind kein Teil von ihm. Sie sind et­was rein Mate­rielles, nicht von in­nen he­raus ge­schaf­fen; ei­nes Ta­ges wer­den sie von der Bild­flä­che ver­schwin­den. Kommt der Künst­ler sel­ber wie­der auf die Er­de, dann muss er mit sei­nem Werk von vor­ne an­fan­gen. Ein wirk­li­cher Ma­ler, ein wirk­li­cher Bild­hauer, ein wirk­li­cher Dich­ter, der an sich selbst arbei­tet, wird nie von sei­nen Wer­ken ge­trennt sein. Er wird sie mit ins Jen­seits neh­men und sie in der nächs­ten Inkar­nation wie­der mit­brin­gen. Die Arbeit, die an sich selbst ge­tan wird, dau­ert bis in al­le Ewig­keit.

Es ist zwar nicht zu leug­nen, dass die Künst­ler un­sterb­li­che Kunst­wer­ke hin­ter­las­sen ha­ben. Sie inspi­rieren die ge­sam­te Mensch­heit und brin­gen sie ein Stück wei­ter auf dem Weg der Ent­wick­lung. Aber nach der Esote­rik, nach der kosmi­schen Intel­ligenz, die mir den Zweck der Schöp­fung of­fen­bart hat, soll­te man hier kei­ne Wur­zeln schla­gen, denn es lie­gen in der Kunst noch höhe­re Stu­fen vor. Die Kathe­dralen, die Sym­pho­nien, die Skulp­turen be­wun­dere ich schon; das höchs­te Ideal be­steht aber da­rin, die­se gan­ze Pracht in sich sel­ber zu reali­sieren; je­der soll­te selbst Ge­mäl­de, Skulp­tur, Poe­sie, Mu­sik, Tanz sein. Ihr wer­det ein­wen­den, nie­mand wer­de von sol­chen Kunst­wer­ken profi­tieren. Das ist eben eine Täu­schung. Die wirk­li­chen Meis­ter der Mensch­heit ge­stal­teten sich sel­ber, schrie­ben ihr eige­nes Buch. Durch ihre Prä­senz al­lein wur­de die gan­ze Welt er­schüt­tert, denn durch sie hin­durch wur­den al­le Far­ben, al­le For­men, die ge­sam­te Dich­tung und Mu­sik der Welt wahr­nehm­bar. Ein We­sen, das sich selbst ge­stal­tet und sein eige­nes Buch schreibt, trägt viel mehr zum Wohl der Mensch­heit bei als al­le Bi­blio­the­ken, Muse­en und Kunst­wer­ke zu­sam­men, denn die­se sind leb­los, er sel­ber ist aber leben­dig.

Der Künst­ler par excel­lence ist der­jeni­ge, des­sen eige­ner Leib als Ge­stal­tungs­mit­tel, des­sen Ge­sicht und Kör­per als Lein­wand, des­sen Ge­dan­ken und Ge­füh­le als Wachs zum Model­lieren die­nen. Die Schön­heit und Harmo­nie der ge­sam­ten Schöp­fung sol­len durch ihn hin­durch zum Vor­schein kom­men. Ein der­arti­ger Künst­ler setzt sich aus­einan­der mit der Er­schaf­fung der neuen Kunst, die die zu­künf­tige Kul­tur bringt.

Die Schön­heit ist eine leben­dige Sa­che; ihre Quel­le liegt tief im Men­schen ver­gra­ben. Sie spru­delt her­vor, dringt bis zur Ober­flä­che des Kör­pers, über­flu­tet die Haut, den Blick, das Lä­cheln und so­gar die Stim­me des Men­schen. Licht­vol­le Ge­dan­ken, selbst­lo­se Lie­bes­ge­fühle sind die not­wen­dige Vo­raus­set­zung für die Er­schaf­fung der Schön­heit. Hat der Mensch es bis da­hin ge­bracht, dann strömt un­wi­der­steh­lich der zar­te Duft der auf­gehen­den Blu­men aus ihm he­raus, der fei­ne Ge­ruch der rei­fenden Früch­te, die in dem Hain sei­ner See­le he­ran­wach­sen.

 

Band 223 aus der Reihe Izvor
ISBN 978-3-89515-041-8
176 Seiten, Paperback
12,00 Euro

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