Leseprobe der Neuerscheinung „Erhebende Gedanken – Die Meditation“

Leseprobe der Neuerscheinung „Erhebende Gedanken – Die Meditation“

Teil I: Das Denken, ein Werkzeug unserer Macht

Weil sie eine Art Unbehagen oder innere Leere empfinden, die ihnen nach und nach den Geschmack am Leben nimmt, sagen sich manche Menschen, dass sie ihren Lebensstil ein wenig ändern sollten: Sie probieren eine neue Ernährungsweise aus, suchen wieder mehr Kontakt zur Natur, praktizieren eine Sportart oder auch Yoga und Meditation. Leider genügt es nicht, unseren Lebensstil ein wenig zu ändern, um ins Gleichgewicht zu kommen und uns in Harmonie mit der Welt zu fühlen, die uns umgibt. Die Änderungen müssen tiefer im Inneren vorgenommen werden.

Nun haben die meisten Menschen aber oft Ansichten und Gewohnheiten, die sich bereits so fest verankert haben, dass sie nicht in der Lage sind, sich davon zu befreien. Selbst wenn sie Bücher über Spiritualität lesen, behalten sie davon nur das, was ihnen passt; alles, was nicht ihren Standpunkten oder ihrem Geschmack entspricht, lehnen sie ab. Deshalb kommen sie nicht voran. Wer wirklich von einer spirituellen Lehre profitieren will, darf sich nicht damit begnügen, seinen vorgefertigten Meinungen und angenommenen Gewohnheiten ein paar Kenntnisse und Übungen hinzuzufügen. Er muss bereit sein, sein Leben vollständig zu überdenken und die nötigen Anstrengungen zu unternehmen, um jede einzelne Lebensäußerung zu verbessern.
Alle wissen, dass das Denken die Besonderheit des Menschen ist. Aber nur wenige wissen, dass das Denken als Emanation des Göttlichen Geistes, der es geformt hat, unbegrenzte Fähigkeiten besitzt. Man kennt vor allem jene Ergebnisse auf der physischen Ebene, die das Denken mithilfe von Werkzeugen und anderen materiellen Mitteln in steigendem Maße hervorbringt. Aber man ist noch weit davon entfernt zu erkennen, was es auf der psychischen und spirituellen Ebene verwirklichen kann. Auch da wirkt das Denken schöpferisch und gestalterisch: Es bewegt Elemente, es baut auf und zerstört… Es ist also weit mehr als eine simple Fähigkeit, deren Ziel es ist zu erkennen, zu verstehen und zu reflektieren, sondern es ist das Werkzeug unserer Macht.

Es gibt zwar Menschen, die, weil sie verstanden haben, welche Macht dem Denken innewohnt, sich daran machen, es weiterzuentwickeln und alle seine Möglichkeiten auszuschöpfen. Aber wozu? Geht es ihnen darum, die Herrschaft über sich selbst zu erlangen, sich innerlich zu erheben, eine wohltuende Wirkung auf alle anderen zu entfalten? Nein, sie üben sich in ihrer Gedankenkraft, um andere zu dominieren, um sie dazu zu bringen, ihren Interessen zu dienen und Erfolge zu erzielen, die sie durch ihre alleinigen intellektuellen Fähigkeiten oder ihren Arbeitseifer niemals erreichen würden. Nun, diese Leute müssen damit rechnen, eines Tages schreckliche Lektionen erteilt zu bekommen.
Der Schöpfer hat dem Menschen das Denken nicht gegeben, damit er es zu einem Mittel macht, andere Lebewesen oder die Natur zu dominieren. Der Mensch muss sein Denken dazu benutzen, sich selbst zu beherrschen, um die Meisterschaft über seine innere Welt zu erlangen, und auch über seinen Körper, insofern es die Bestimmung des Körpers ist, zum Instrument des Geistes zu werden. Die Fähigkeit unseres Gehirns, das Wissen und die Kräfte des Geistes zu übermitteln, hängt von der Disziplin ab, die wir bereit sind, uns in unserem täglichen Leben aufzuerlegen. Um von allen Kräften des Geistes profitieren zu können, muss man sich eine neue Lebensauffassung zu eigen machen, ein neues Verhalten bezüglich allem, was in den sichtbaren und unsichtbaren Welten existiert.

 

Teil II: Was bedeutet »wach sein«?

1. Morgens beim Aufwachen

Die Menschen scheinen wach zu sein, aber in Wirklichkeit schlafen die meisten nur. Sie gehen durch das Leben, ohne etwas zu sehen, ihr Denken ist nicht präsent. Am Morgen öffnen sie die Augen, aber das heißt nicht, dass sie wach sind. Wach sein bedeutet, sich der geringsten Offenbarungen des Lebens bewusst zu werden, unseres Lebens und des Lebens der Menschen, die uns umgeben oder denen wir begegnen. Das Ziel des Lebens ist… zu leben. Und man kann nur leben, indem man Verbindungen knüpft mit allen sichtbaren und unsichtbaren Existenzen, die das Universum bevölkern. Denn der Schöpfer hat sein Leben in jedes Wesen und in jedes Ding hineingelegt.
Wenn ihr am Morgen aufwacht, seid ihr euch dann, noch bevor ihr die Augen öffnet, des Privilegs bewusst, lebendig zu sein? Ihr hättet ja auch nicht aufwachen können; doch ihr seid lebendig, und diese Entdeckung sollte euch mit Dankbarkeit erfüllen. Versucht – vom Aufwachen an – zu spüren, dass ihr bereits Liebe empfangt, denn überall im Universum manifestiert sich die Liebe. All dieses Leben vom Himmel und von der Erde, das auf euch zukommt, ist Liebe, eine Liebe, die aus der göttlichen Quelle sprudelt. Bedankt euch und nehmt euch vor, selbst ebenfalls mit Liebe zu leben, also, ganz einfach, mit Liebe zu atmen, zu essen, zu gehen, zu blicken, zu sprechen und zu hören. Richtet euren inneren Blick zum Himmel, indem ihr diesen Tag unter seinen Schutz stellt. Bittet ihn darum, euch in allen euren Handlungen sowie in allen zu treffenden Entscheidungen zu inspirieren.
Richtet dann einen Gedanken an eure Familienmitglieder, die hier mit euch zusammenleben, ganz besonders an die Kinder. Ihr möchtet, dass jeder in eurem Hause glücklich ist? Dann stellt euch vor, dass er im Licht schwimmt.
Wenn ihr euer Fenster öffnet, denkt daran, den Himmel, die Sonne, die Bäume und alle lebendigen Geschöpfe zu grüßen. Grüßt sie mit einem Handzeichen, indem ihr sagt: »Ich schenke euch meine Liebe, ich möchte mit euch in Harmonie sein.« Auf diese Weise beginnt ihr euren Tag mit einer ganz wesentlichen Handlung: Ihr verbindet euch mit den Quellen des Lebens, und ihr werdet fühlen, dass der gesamte Raum um euch herum erfüllt ist mit wohl gesonnenen Wesenheiten. Als Antwort auf euren Gruß werden sie euch Energien für diesen beginnenden Tag schicken. Grüßen bedeutet, sich zu öffnen, und indem man sich öffnet, empfängt man das Leben.
Ihr solltet also jeden Tag ganz bewusst erneut Kontakt mit der Welt aufnehmen, mit allen Existenzen, die das Universum bevölkern. Schickt einen Gedanken an die Menschen, sogar an jene, denen ihr vielleicht niemals begegnen werdet, aber vor allem an jene, denen ihr nah oder fern während dieses Tages begegnen werdet, dann werdet ihr bereits spüren, wie ihr euch innerlich öffnet.

2. Vom materiellen zum spirituellen Wasser

Das Wasser ist so sehr Teil des täglichen Lebens, dass man es zu kennen glaubt. Man trinkt es, man benützt es zum Kochen der Nahrungsmittel, für die Toilette, die Waschmaschine und für alle Arten von Putzarbeiten. Aber wer ist sich seiner wahren Natur bewusst? Das Wasser ist in Wirklichkeit eine Materialisierung des kosmischen Fluidums, das den Raum erfüllt. Durch das physische Wasser kann man täglich mit Hilfe des Denkens ein Element spiritueller Natur berühren. Natürlich müssen dafür bestimmte Bedingungen erfüllt sein.
Am Morgen, bevor ihr den Tag beginnt, wascht ihr euch. Wenn ihr schnell und mit hektischen Bewegungen duscht oder euch wascht und dabei an etwas anderes denkt, ist dies nicht gut für euer Nervensystem. Versucht eher, maßvolle, harmonische Bewegungen auszuführen und konzentriert euch gleichzeitig auf das Wasser, auf seine Frische, seine Klarheit, seine Reinheit. Es wird in euch unbekannte Regionen berühren, und ihr werdet euch nicht nur erleichtert und gereinigt fühlen, sondern euer Herz und euer Verstand werden durch neue, feinstoffliche, belebende Elemente genährt; und egal welche Aktivitäten ihr anschließend ausführt, ihr werdet sie mit klarerem Denken angehen. Das physische Wasser enthält die Elemente und Energien des spirituellen Wassers, man muss nur lernen, sie in sich zu erwecken, um sie zu empfangen.
Und wie oft wascht ihr euch täglich die Hände! Es gibt nichts Banaleres! Aber in Wirklichkeit ist nichts banal, ist nichts bedeutungslos, vorausgesetzt man geht bewusst damit um. Ihr könnt diesem Wasser eure besten Gedanken, Gefühle und Wünsche für euch selbst und für die ganze Welt anvertrauen. Selbst wenn ihr euch nur die Hände wascht, kann das Wasser eine Unterstützung für euer inneres Gleichgewicht werden, und diese Unterstützung ist umso wirksamer, als sie lebendig ist, erfüllt mit dem Leben Gottes, so wie dies auch bei der Erde, der Luft und dem Feuer der Fall ist.
Wenn ihr Wasser in ein Glas gießt, denkt daran, dass dieses universelle Element anwesend ist, welches man überall in der Natur in äußerster Formenvielfalt wiederfindet: in den Ozeanen, den Meeren, den Seen, den Flüssen, den Bächen, die von den Bergen herabfließen, in den kleinen Quellen, die unbemerkt inmitten von Gräsern und Kieseln hervorsprudeln, im Regen, der die Erde durchtränkt, und auch in Schnee und Eis… Ihr fragt: »Wie bitte? Kann man all das in einem Glas Wasser erkennen?« Ja, warum nicht?…
Und wie oft am Tag holt ihr Wasser aus dem Wasserhahn! Natürlich ist das vielleicht nicht gerade ein besonders poetischer Rahmen, um mit dem Wasser Kontakt aufzunehmen, aber auch hier könnt ihr euch ins Bewusstsein rufen, welches Symbol es darstellt: Leben, Reinheit… und mithilfe eures Denkens sucht ihr alle Gewässer der Erde auf.

Band 906 aus der Reihe Sila
ISBN 978-3-89515-123-1
160 Seiten, Paperback, Kunstdruckpapier
17,00 Euro

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Leseprobe der Neuerscheinung „Die ganze Schöpfung wohnt in uns“

Leseprobe der Neuerscheinung „Die ganze Schöpfung wohnt in uns“ – Band 326 der Reihe Broschüren

Kapitel 1: Unsere Zugehörigkeit zum Lebensbaum

Der Lebensbaum ist eine Darstellung des göttlichen Lebens, das durch die gesamte Schöpfung kreist, er repräsentiert das Universum, das Gott bewohnt und mit seiner Existenz durchdringt. Und der nach dem Bilde Gottes geschaffene Mensch ist nicht nur Teil des Lebensbaumes, sondern er ist selbst eine Nachbildung, eine Spiegelung dieses Baumes, des Baumes des ewigen Lebens. Warum also fühlt er sich nicht unsterblich? Weil er die göttlichen Gesetze nicht respektiert und sich dadurch in seinem Bewusstsein von dem Baum löst, er empfängt nicht mehr dasselbe Leben vom Baum und fühlt sich schwach und vergänglich. Um das Gefühl seiner Unsterblichkeit wiederzufinden, muss er bewusst in Beziehung zu dem Baum des Lebens treten, mit ihm kommunizieren und seine Früchte essen. Darin liegt der tiefere Sinn des Wortes »essen«: kommunizieren, um das Leben zu empfangen. Derjenige, der sich vom Baum löst, nähert sich dem Tod, denn er wird nicht mehr genährt.

Um mit dem Baum verbunden bleiben zu können und uns von seinen Früchten zu ernähren, müssen wir damit beginnen, uns bewusst zu werden, was wir darstellen, wir, in der Eigenschaft als physische Wesen, als psychische Wesen und als spirituelle Wesen. Solange wir uns nicht wirklich kennen, werden wir Instrumente und Apparate entbehren, das soll heißen, Organe, die uns mit dem Lebensbaum in Kommunikation bringen. Daher jetzt die Frage: Was sind wir genau? Es existiert keine Beschreibung des menschlichen Wesens, die das klären könnte. Diejenige, die gegenwärtig die Anatomen und die Physiologen machen, ist bereits sehr komplex, und viele andere Entdeckungen werden noch folgen. Und ganz insbesondere, was seine Psyche angeht. Man sollte daher nicht erstaunt sein, wenn die Religionen und die verschiedenen philosophischen Systeme davon nicht dieselben Darstellungen geben.

Die Hindus zum Beispiel teilen den Menschen in 6 auf (die sechs Körper: physisch, astral, mental, kausal, buddhi und atman), und die Theosophen haben die gleiche Aufteilung übernommen. Die Astrologen teilen ihn in 12, in Entsprechung mit den zwölf Tierkreiszeichen; und die Alchemisten in 4, nach den vier Elementen: Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Die Kabbalisten haben die 4 und die 10 gewählt, in Bezug auf die vier Welten: Olam Atziluth (die Welt der Emanationen), Olam Briah (die Welt der Schöpfung), Olam Jetzirah (die Welt der Formung) und Olam Assiah (die Welt der Handlung) und in Bezug auf die zehn Sephiroth: Kether, Chokmah, Binah, Chesed, Geburah, Tiphereth, Netzach, Hod, Jesod und Malkuth.

 

In China hat das taoistische Denken die Teilung in 2 bevorzugt: die zwei Prinzipien von Yin (passiv) und Yang (aktiv). So ist es auch in der Religion der alten Perser, im Mazdaismus, ferner im Manichäismus, für den die Welt durch die beiden Prinzipien von Gut und Böse beherrscht wird, vom Licht und der Finsternis, von Ormuzd und Ahriman.

Für die Christen ist es die 3: Körper, Seele und Geist. Und wenn manche Esoteriker die Aufteilung in 9 gewählt haben, dann weil sie die drei Prinzipien von Intellekt, Herz und Wille in den drei Ebenen physisch, psychisch und geistig, oder auch physisch, geistig und göttlich gewählt haben.

Und wo liegt jetzt die Wahrheit? Bei allen, denn alles hängt davon ab, von welchem Standpunkt aus man den Menschen betrachtet. Jede dieser Aufteilungen ist nur ein bequemes Mittel, um diesen oder jenen Aspekt seiner Realität darzustellen. Keine widerspricht den anderen, weil jede von einem bestimmten Standpunkt her gesehen wahr ist. Wenn man die Anatomie des menschlichen Körpers beschreiben soll, ist man des einfacheren Verständnisses wegen gezwungen, verschiedene Bildtafeln zu zeichnen, entsprechend den verschiedenen Systemen: Knochen, Muskeln, Kreislauf, Nerven… Genauso ist es in der Geographie: Um einen möglichst vollständigen Überblick von einer Region zu geben, macht man verschiedene Karten: geologische, physische, politische, ökonomische, industrielle usw. Genauso wie die Anatomen oder die Geographen, bedienen sich die Eingeweihten verschiedener Grundmuster oder Aufteilungen, je nach Aspekten des menschlichen Wesens, die sie vertiefen wollen.

 

Kapitel 2: Sechs Körper, belebt durch sechs Seelen

Selbst überzeugte Materialisten müssen anerkennen, dass hinter der materiellen Form eines menschlichen Körpers ein feinstoffliches, unsichtbares Prinzip existiert, das ihn zusammenhält und in Bewegung setzt. Es ist dieses feinstoffliche Prinzip, das man Seele nennt, das in den Menschen eintritt und aus ihm ein lebendiges Wesen macht; und sobald ihn diese vitale Seele verlässt, stirbt der Mensch. In Wirklichkeit ist ihm die Seele nicht ein für allemal bei der Geburt gegeben; sie lässt sich in ihm in aufeinanderfolgenden Etappen im Laufe seines Lebens nieder. Darum haben die Neu-Platoniker und auch bestimmte Kirchenväter behauptet, dass der Mensch mehrere Seelen besitzt.

Ein Kind lebt neun Monate im Schoß seiner Mutter, bevor es zur Welt kommt. Die Seele, die es bewohnt, hat daher eine rein vegetative Funktion, sie befehligt die körperlichen Prozesse: den Kreislauf, die Ernährung… Bei seiner Geburt empfängt das Kind dann eine Seele, die einen Willen hat und die ihm erlaubt, mehr und mehr über eine gewisse Selbstständigkeit zu verfügen. Selbst wenn das Kind für sein Überleben vollständig von seinen Eltern abhängig ist, kann es sich ihnen sehr bald widersetzen, indem es sich weigert, zu essen oder zu schlafen. Es ist auch bestrebt, ganz allein die Welt um sich herum zu erkunden, und es erlangt nach und nach die Herrschaft über seine Gesten.

Im Alter von sieben Jahren gelangt das Kind in eine Periode, in der das Gefühlsleben mehr und mehr an Bedeutung gewinnt: Es ist die emotionale Seele, die beginnt, sich zu manifestieren. Mit vierzehn Jahren, mit Beginn der Pubertät, wenn diese emotionale Seele zur Reife gelangt, hat der Jugendliche immer mehr die Neigung, sich durch seine Sensibilität und seine Gefühle leiten zu lassen. Aber zur gleichen Zeit nehmen seine Fähigkeiten zum Nachdenken zu: Seine intellektuelle Seele hört nicht auf, Flagge zu zeigen. Und mit einundzwanzig Jahren kann man sagen, dass er im Besitz seiner mentalen Fähigkeiten ist, die er natürlich weiterhin entwickeln muss.

Auf diese Weise empfängt der Mensch, der sich auszeichnet durch seine Fähigkeit zu handeln (Wille), Gefühle zu empfinden (Herz) und zu denken (Intellekt) auf natürliche Weise diese drei ersten Seelen. Es sind diese drei Seelen, die aus ihm ein Geschöpf machen, das sich von den Tieren unterscheidet und sich natürlich noch mehr von den Pflanzen und Steinen unterscheidet. Man kann daher sagen, dass sie das bilden, was man die menschliche Seele nennen kann. Was die göttliche Seele angeht: Sie steigt nur in den Menschen herab, wenn er es wirklich wünscht und Anstrengungen macht, sie zu ihm hinzuziehen.

Sie ist selbst aus drei Seelen geschaffen, die sich durch Gedanken, Gefühle und Handlungen ausdrücken, mehr und mehr inspiriert durch die Weisheit, die Liebe und die Wahrheit.

Diese sechs »Seelen«, die von den Philosophen und Theologen des Westens beschrieben und erforscht worden sind, nennen die Weisen Indiens Körper. Und das ist keinesfalls widersprüchlich, denn jedes psychische oder geistige Prinzip braucht, um zu wirken, eine Materie, die ihm als Trägersubstanz dient. Allerdings, wenn man hierbei von Materie spricht, muss man verstehen, dass es sich nicht um diese dichte, greifbare Substanz handelt, die wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen; es existieren unendlich viele Zustände der Materie, von den dichtesten bis hin zu den feinstofflichsten. Doch im Universum existiert keine Energie ohne Materie und auch keine Materie ohne Energie: Die Materie ist die Trägersubstanz, und die Energie ist das lebendige Prinzip, das sie belebt.

Wie der physische Körper, der uns zu handeln ermöglicht, so sind auch das, was wir das Herz und den Intellekt nennen – wenn auch feinstofflicher – materielle Instrumente, also Körper. Dem Herzen, durch dessen Vermittlung wir Emotionen, Gefühle und Wünsche empfinden, entspricht der Astralkörper. Dem Intellekt, der uns ermöglicht zu denken, zu überlegen und zu erforschen, entspricht der Mentalkörper. Der Mensch besteht daher aus immer feinstofflicheren Körpern. Jeder dieser Körper – der physische Körper, Astral- und Mentalkörper –, und noch darüber hinaus der Kausal-, Buddhi- und Atmankörper, der Sitz des Höheren Selbst, besitzt eine Seele. Der Körper stellt die Form dar, den Behälter, und die Seele steht für die Energie, die ihn belebt. Die beiden sind untrennbar. Die Natur selbst ist ein Körper, der Körper des universellen Geistes, den wir Gott nennen.

Band 326 aus der Reihe Broschüren
ISBN 978-3-89515-126-2
64 Seiten, Paperback
4,00 Euro

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Leseprobe der Neuerscheinung „Der Preis der Freiheit“

Leseprobe der Neuerscheinung „Der Preis der Freiheit“ – Band 327 der Reihe Broschüren

 

Kapitel 1: Die Bedingung für die Freiheit: Die Beachtung der kosmischen Gesetze

Wenn mich Menschen um Rat oder Hilfe bitten, stelle ich gelegentlich die Frage: »Was wollen sie im Leben?« Und oft antwortet mir der eine oder andere: »Ich will frei sein!« Das ist ausgezeichnet, aber die Art, wie sie mir erklären, was sie beabsichtigen, um das zu erreichen, zeigt, dass sie nicht wissen, worin die wahre Freiheit besteht. Zunächst einmal haben sie noch nie darüber nachgedacht, was dieses »Ich«, das frei sein will, eigentlich ist, und wenn ich sie danach frage, sind sie erstaunt und antworten: »Wie, welches Ich? Ich, das bin ich«. In Wirklichkeit ist das aber nicht so einfach. Wie ich euch schon oft erklärt habe, besteht der ganze Mensch aus zwei »Ich«: ein höheres, göttliches Ich, und ein niederes, tierisches Ich. Und je nachdem, ob er dem einen oder dem anderen die Möglichkeit gibt, sich zu manifestieren, öffnen sich ihm weite Räume oder aber er gerät in die Klemme.

Nehmen wir jemanden, dem es gelingt, überall seinen Willen durchzusetzen und seine Wünsche zu befriedigen. Er ist mächtig genug, um es sich zu erlauben, die Gesetze der Aufrichtigkeit und der Gerechtigkeit zu übertreten, und er ist sehr stolz auf sich: Keine Polizei kommt, um ihn festzunehmen und ins Gefängnis zu stecken. Aber dieser Unwissende ist sich nicht bewusst, dass er selbst dabei ist, sich ein Gefängnis zu schaffen, aus dem er bald nicht mehr hinausgelangen kann.

Um wahrhaft frei zu sein, muss man bereit sein, anzuerkennen, dass moralische Gesetze existieren, analog zu den Gesetzen, welche die physische Welt regieren. Wenn man eine giftige Substanz schluckt, vergiftet man sich; wenn man seine Hand ins Feuer oder in kochendes Wasser hält, verbrennt man sich; wenn man sich aus der zehnten Etage herabstürzt, wird man am Boden zerschmettert. Selbst wenn das nicht genauso klar ersichtlich ist: Die Gesetze, die unsere innere Welt regieren, sind genauso unerbittlich, und von der Beachtung dieser Gesetze hängt unser Schicksal ab. Die Möglichkeit zu tun, was man will, wie man es will und wann man es will, ist ein sehr begrenzter Aspekt der Freiheit, und ist oft nur eine Illusion.

Für jedes menschliche Wesen stellt sich die Frage der Freiheit vom Moment der Empfängnis an. Neun Monate lang lebt das Baby im Schoß seiner Mutter, wo es vollständig von ihr abhängig ist. Die Geburt ist für das Baby bereits eine Art Befreiung, aber seine Freiheit ist noch sehr begrenzt. Selbst wenn das Kind sich dann seinen Eltern widersetzen kann, indem es sich weigert zu essen, zu schlafen, ruhig zu bleiben und zu tun, was sie von ihm verlangen, bleibt es doch ihrer Autorität unterstellt. An dem Tag, an dem der Mensch seine Volljährigkeit erreicht, wird er als frei betrachtet. Aber in Wirklichkeit muss er in dem Maße, wie er Selbstständigkeit erlangt, selbst lernen, sich Grenzen zu setzen.

Unsere Gesellschaft verbietet oder genehmigt bestimmte Handlungen und Verhaltensweisen. Aber was sind diese Verbote oder Genehmigungen wert? Das, was in einem Land genehmigt oder vorgeschrieben ist, ist oft in einem anderen Land verboten. Ich werde mich nicht weiter mit der Frage befassen, was die menschlichen Gesetze wert sind: Manche sind gut und man sollte sie besser befolgen; andere sind willkürlich, unnütz oder sogar schädlich. Die Gesetze jedoch, über die ich mit euch sprechen möchte, sind diejenigen, die von Beginn an von der kosmischen Intelligenz aufgestellt worden sind. Sie sind es, die wir alle kennen und beachten müssen, um unsere Freiheit zu erringen. Die Freiheit ist eine der edelsten Bestrebungen des Menschen, und nichts ist wertvoller als die Freiheit. Aber ihre Erringung hat einen Preis. Ihr kennt das Gleichnis von der Perle in den Evangelien: »Ein Kaufmann sucht nach schönen Perlen; er hat eine kostbare Perle gefunden; er hat all seinen Besitz verkauft und sie erworben«. Man kann in dieser Perle ein Symbol für unsere Freiheit sehen.

 

Kapitel 2: Die Moralgesetze: Ihre Analogie mit den Naturgesetzen

1. Das Gesetz von Ursache und Wirkung

Man hat oft die Religionen beschuldigt, Regeln erfunden zu haben, um die Völker zu knechten. Es ist wahr, dass im Verlauf der Jahrhunderte eine kleine Gruppe von Menschen, die sich als eine Elite betrachteten, bemüht war, mit allen Mitteln ihre Macht über Seele und Geist der Menschen auszuüben, und sie haben kriminellen Missbrauch betrieben. Noch heute und überall in der Welt kann man denselben Missbrauch feststellen, gegen den sich aufgeklärte Männer und Frauen erheben. Aber gleichzeitig kann man besonders in den westlichen Gesellschaften auch einen gewissen Niedergang der Moral feststellen: Immer mehr will jeder nach seinen eigenen Wünschen denken und handeln und lässt dabei seinen Impulsen freien Lauf.

Da die Menschen nicht gewohnt sind, über die weit entfernten Folgen ihrer Gedanken, ihrer Gefühle und Handlungen nachzudenken, wissen sie nicht, bis wohin sie ihre Ablehnung bestimmter Moralvorschriften führen wird. Wenn sie mehr Unterscheidungsvermögen hätten, würden sie spüren, dass sie in dem Moment, wo sie diese Regeln ablehnen, schwächer werden, denn sie öffnen dunklen Mächten, die sich ihrer bemächtigen und sie binden, die Tür. Das ist ein Gesetz: Je weniger man sich kontrolliert, desto mehr wird man Sklave. Die wahre Freiheit beginnt mit der Selbstbeherrschung. Wenn die Weisen den Menschen empfehlen, die Natur ihrer Impulse zu erforschen, um sie besser zu kontrollieren, dann nicht um sie zu schikanieren, im Gegenteil, sie wollen sie befreien. Aber wer hört auf sie?

Wie viele Wissenschaftler, Philosophen und Künstler verbreiten heutzutage Ideen oder erschaffen Werke, ohne sich Fragen zu stellen, was diese wirklich wert sind und was für Wirkungen sie auf sie selbst und auf das Publikum haben werden. Sie sind frei! Es genügt ihnen, bestimmte Meinungen zu haben, gewisse Impulse zu spüren: Sie lassen diese nicht nur ihr Leben lenken, sondern machen sie auch noch überall bekannt und sind zufrieden mit dem Einfluss, den sie ausüben. Doch selbst wenn die menschliche Justiz sie nicht zur Rechenschaft zieht, die göttliche Justiz, die nach anderen Kriterien urteilt, wird dies tun. Sobald sie eine Tages im Jenseits erscheinen werden, wird sie ihnen die Schäden vor Augen halten, die sie bei anderen und auch bei sich selbst hervorgerufen haben, denn sie werden Elemente verloren haben, die für ihre Entfaltung wesentlich sind. Jeder sollte sich damit befassen, seine Gaben zur Besserung der Menschen einzusetzen, ihre Intelligenz zu erhellen, ihre Herzen zu erwärmen, und ganz besonders seinen Willen in den Dienst des höchsten Ideals zu stellen. Wer sich nicht an diese Regel hält, wird die Folgen zu tragen haben: In einer folgenden Inkarnation – und manchmal sogar schon in diesem Leben – wird er seine Begabungen verlieren.

Was die Moralgesetze charakterisiert, ist, dass sie wie die Naturgesetze von geringer Zahl und sehr einfach sind. Seid nicht erstaunt, wenn ich euch sage, dass das erste dieser Gesetze diesem entspricht, das in der Landwirtschaft herrscht: Man erntet, was man sät. Das ist das Gesetz von Ursache und Wirkung: Was man gesät hat (Ursache), das wird man ernten (Wirkung). Ein Gärtner, der Salatsamen gesät hat, wird keine Erdbeeren ernten, und wenn sich jemand das Vergnügen macht, Disteln zu säen, so wird er keine Petersilie ernten. Dieses Gesetz ist auf der physischen Ebene absolut zuverlässig, und es ist genauso zuverlässig auf der psychischen Ebene. Derjenige, der finstere, anarchische Gedanken und Gefühle sät, wird nicht nur innerlich in Finsternis und Unordnung leben, sondern er wird auch negative Reaktionen von Seiten anderer auf sich ziehen. Wie viele Leute wundern sich darüber, mancherlei Unwohlsein zu empfinden oder keine wahren Freunde zu haben!… Das kommt einfach daher, dass sie keine guten Gärtner sind.

Dem Anschein nach sind alle sehr belesen, sie zitieren sogar das Sprichwort: »Wer den Wind sät, wird den Sturm ernten.« Solange es um physische Vorgänge geht, um materielle Ereignisse, sind sie gelehrt, aber sobald es in den psychischen Bereich geht, wissen sie nichts mehr. Und dabei kann jeder diese Wahrheit feststellen und erfahren. Aber anstatt sie zu akzeptieren und die Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, verlieren sie sich in Erklärungen und Argumenten… – im originellen – um ihr Verhalten zu rechtfertigen; und selbst wenn sie durch die Tatsachen widerlegt sind, beharren sie auf ihrem Irrtum.

Was allerdings oft daran hindert, dieses Gesetz von Ursache und Wirkung zu verstehen, ist die Langsamkeit, mit der es wirkt: Das Gute geschieht nicht sofort, und das Böse ebenso wenig. Das ist das Gleiche wie beim Organismus: Wer ein Übermaß an Nahrung, Alkohol, Zigaretten usw. zu sich nimmt, bekommt nicht immer sofort die Wirkung zu spüren. Aber es ist leicht vorherzusehen, dass er, wenn er sein Verhalten nicht schnell ändert, einer Krankheit nicht entkommen kann. Und wenn es einmal soweit ist, wird er nur noch der guten alten Zeit nachtrauern können, wo er all seine Begierden befriedigen konnte. Der Organismus desjenigen, der das Maß überschreitet, in welchem Bereich auch immer, sei es physisch oder psychisch, gleicht einem Balken, der schon von Würmen zernagt wird: Sie zerstören ihn nicht von heute auf morgen, aber Jahre später, ganz plötzlich, fällt das Haus in sich zusammen.

Ein Mensch verhält sich wie ein Tyrann oder ein Betrüger, und dem Anschein nach läuft alles gut für ihn. Manche die ihn sehen, sagen sich daher: »Da ihm ja alles gelingt, gibt es wohl keine Gerechtigkeit. Warum ihn daher nicht nachahmen?« Um wirklich zu verstehen, wie die Gesetze wirken, müsste man die Menschen und die Ereignisse über einen langen Zeitraum beobachten. Einen Moment aus diesem Zeitablauf heraus zunehmen, genügt nicht, um sich darüber äußern zu können. Betrachtet auch, was in manchen Ländern geschah, die ehemals mächtig und reich waren: Oft kann man erst Jahrhunderte später verstehen, wie sie nach und nach in Dekadenz verfielen, bis zu dem Punkt, dass sie unter die Herrschaft ihrer Nachbarn gerieten. Diejenigen, die dieser Dekadenz verfielen, waren sich dessen nicht bewusst. Und das Gleiche gilt für die Individuen: Manchmal kann man die Konsequenzen eines schlechten Verhaltens nicht in der aktuellen Inkarnation beobachten, sondern erst in der folgenden.

In dem Moment, wo man handelt, löst man unausweichlich bestimmte Kräfte aus, die genauso unausweichlich bestimmte Ergebnisse hervorrufen. Es ist diese Idee von der Verbindung zwischen Ursache und Wirkung, die in dem, was die Hindus Karma nennen, enthalten ist; dann hat dieses Wort die Bedeutung von Bezahlung angenommen, für eine begangene Übertretung. Man kann daher sagen, dass das Gesetz des Karma, in der zweiten Bedeutung, jedes Mal Anwendung findet, wenn eine Handlung nicht voll und ganz von der göttlichen Weisheit und Liebe inspiriert ist – was die meiste Zeit der Fall ist. Ihr wendet ein: »Aber dann begehen wir ja zwangsläufig Fehler, wenn wir handeln, dann täten wir besser gar nichts!« Nein, nichts zu tun ist keine Lösung, das ist keine gute Haltung, um sich zu entwickeln. Ihr müsst handeln, euch üben, das sind Versuche, die ihr macht, und wenn sie ungeschickt sind, so ist das nicht schlimm, ihr werdet dann zum Nachdenken gezwungen sein, wie ihr das wieder in Ordnung bringen könnt. Natürlich werdet ihr leiden, aber ihr werdet auch lernen und Fortschritte machen… und eines Tages werdet ihr nicht mehr leiden. Wenn ihr gelernt haben werdet, korrekt zu handeln, wenn all eure Handlungen, all eure Worte von Güte, Reinheit und Selbstlosigkeit inspiriert sein werden, werden sie kein Karma mehr nach sich ziehen, sondern sie werden segensreiche Folgen bewirken. Das nennen die Hindus dann Dharma.

Bemüht euch daher, etwas vorausschauender zu sein, schaut über die sofortige Verwirklichung eines Gedanken, eines Gefühls oder eines Bedürfnisses hinaus und bemüht euch, euer fernes, endgültiges und ewiges Wohl ins Auge zu fassen. In Wirklichkeit, wenn ihr euch zu beobachten wisst, werdet ihr innerlich sehr schnell die Folgen eures Verhaltens erkennen. Ihr werdet sofort spüren, wie wohlwollende Gedanken, Gefühle und Handlungen euch innerlich erweitern: Sie entzünden ein Licht, erweitern euren Horizont. Und auch das Gegenteil: Ihr werdet spüren, wie egoistische und böswillige Gedanken, Gefühle und Handlungen euch augenblicklich verfinstern und euren Weg blockieren. Es braucht manchmal viel Zeit, bis die Folgen konkret in Erscheinung treten; aber in euch geschieht es sofort. Sogar bevor sie die anderen erreichen, beginnen eure Gedanken und Gefühle euch zu durchqueren; und wenn sie nicht von Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und Güte inspiriert sind, hinterlassen sie in euch zuerst Unreinheiten, Hässlichkeit und Gifte.

Kümmert euch daher nur darum, durch euer Handeln überall Liebe, Frieden und Licht zu verbreiten. Zuerst werdet ihr selbst diese Liebe, diesen Frieden und dieses Licht verspüren. Ihr wisst noch nicht, was das Gute ist, ihr wisst noch nicht, wie mächtig es ist und fähig, euch zu schützen. Sobald ihr es in euch gestärkt habt, wird es zu einer Festungsmauer, die das Böse zurückdrängt und ihr werdet nicht erreicht.

Nichts kann sich der diesem Gesetz widersetzen: Man erntet eines Tages die Früchte der Samen, die man ausgesät hat. Dass es jetzt in der Zwischenzeit Witterungseinflüsse geben mag, dass zu viel Regen fällt, dass die Sonne die Samen verbrennt oder Vögel und Maulwürfe sie gefressen haben, das ist eine andere Frage. Das sind Unfälle, die nichts an der Realität des Gesetzes ändern: Jeder Same bringt seine Entsprechung hervor, denn die ätherische Prägung, die der Same besitzt, kann ihm nicht genommen werden. Man kann ihn zeitweise daran hindern, zu keimen und zu wachsen, aber nicht seine Natur ändern; es ist unmöglich, ihm das Schema wegzunehmen, das bewirkt, dass aus ihm Weizen wird und kein Mais. Doch ich spreche mit euch von der Natur des Samens: Sobald es günstige Bedingungen geben wird, wird der Same, den ihr gesät habt, Früchte tragen.

Es ist Zeit, dass die Menschen lernen, ihr Leben auf ein solides, unwiderlegbares Wissen zu gründen, das jeder nachprüfen und ausprobieren kann. Man erntet, was man gesät hat: Jeder ist überzeugt von der Wahrhaftigkeit dieses Gesetzes, aber nur auf der physischen Ebene. Man muss jetzt darüber hinausgehen, höher hinauf, um zu entdecken, dass dieselben Gesetze auch auf der psychischen und der spirituellen Ebene herrschen, denn die Schöpfung ist eine Einheit. Wenn man sich den Gesetzen widersetzt, die seit dem Ursprung der Welt bestehen, ist das so als, würde man gegen eine Mauer laufen: Eines Tages bricht man zusammen.

Im Gegensatz zu dem, was manche Religionen predigen, kümmert sich Gott nicht darum, die Menschen für ihre Fehler zu bestrafen, Er ist weit davon entfernt. Wenn sie aber aus Unwissenheit oder Böswilligkeit die kosmischen Gesetze übertreten, sind die Kräfte, die sie stören, so mächtig, dass die Menschen zersetzt werden. Ein Unglücklicher, der allein gegen eine ganze Armee antreten will, wird schnell vernichtet. Ein Insekt, das immer wieder gegen eine Scheibe fliegt, wird schließlich bewusstlos, aber ist es die Schuld der Scheibe? Der Mensch handelt oft wie das Insekt: Er fühlt sich frei, die göttlichen Gesetze ignorieren zu können, er stößt sich an ihnen und zerbricht. Warum hat er sich der Gefahr ausgesetzt?

Das sollte in Zukunft ganz klar sein. In welchem Bereich es auch sei, alles, was im Leben geschieht, hat zuvor die Bedingungen für seine Verwirklichung vorgefunden: Jedes Ereignis hat eine Ursache. Wie viele Leute, die sich in einer bedauernswerten Situation befinden, können nicht verstehen, was sie dahin geführt hat! Und alles ist in ihrem Kopf derart finster und unlogisch, dass man es ihnen nicht einmal erklären kann. Man müsste die Ereignisse von Anfang an aufrollen, um ihnen zu zeigen, wie die Dinge begonnen haben wo und wann sie begonnen haben, die falsche Richtung zu nehmen. Und natürlich müssten sie erst einmal Willens sein, dem zuzuhören, was man ihnen sagt. Da sind sie, gefesselt, aber anstatt Erklärungen und Empfehlungen zu akzeptieren, die sie befreien könnten, widersetzen sie sich und suchen nach allen möglichen unglaublichen Argumenten. Und diese Argumente sind immer dieselben: es ist die Schuld von anderen. Sie selbst sind natürlich völlig unschuldig. Sie weigern sich, anzuerkennen, dass es in einem bestimmten Moment etwas in ihrem Kopf oder in ihrem Herzen gab, was sie auf einen Irrweg führte; und sie klammern sich an diesen Weg und finden jedes Mal neue Argumente und neue Gründe, um sich zu rechtfertigen.

Wie viele Personen machen beispielsweise ihre Eltern für ihre Lage verantwortlich! Ihr Vater, ihre Mutter haben sie nicht verstanden, sie haben ihnen keine guten Bedingungen gegeben, um sich zu entfalten, sie waren traurige Vorbilder. Das mag vielleicht sein, aber diese Personen sollten wissen, dass sie diese Eltern in jedem Fall verdient haben. Wenn sie es verdient hätten, in anderen Verhältnissen zu leben, hätten sie andere Eltern gehabt. Die Eltern sind nur dem Anschein nach verantwortlich; man darf ihnen nichts vorwerfen, denn sie sind nur die Ausführenden gewesen. Das, was jeder von seinen Eltern empfängt, das hat er selbst durch seine Gedanken, seine Gefühle und seine Handlungen bereits seit Langem vorbereitet.

Derjenige, der nichts als Ungerechtigkeit sieht in dem, was ihm widerfährt, kann sich nicht entwickeln. Anstatt also niedergedrückt zu bleiben und über seine Krankheiten und Klagegründe zu grübeln, sollte er in sich gehen, sich mit seinem höheren Selbst verbinden, mit seinem göttlichen Selbst, und es bitten, ihm Licht zu senden. Wenn er begreifen wird, was er tun muss, um in sich eine Welt der Schönheit und Harmonie zu erschaffen, wird er neue Samen säen, die keimen werden. Und eines Tages wird er, anstatt sich zwischen Brennnesseln und Brombeeren zu verirren, frei durch einen großartigen Park spazieren.

 

Band 327 aus der Reihe Broschüren
ISBN 978-3-89515-127-9
64 Seiten, Paperback
4,00 Euro

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Leseprobe der Neuerscheinung „Vom Sinn des Betens“

Leseprobe der Neuerscheinung „Vom Sinn des Betens“

Die diesjährige Neuerscheinung im Herbst hat den Titel „Vom Sinn des Betens – Erklärung und Gebete“. Die Originalausgabe erschien 2015 in Frankreich unter dem Titel „De la terre au Ciel – Le sens de la prière“

Das Buch hat 176 Seiten und wurde auf 130g Kunstdruckpapier gedruckt. Das Format entspricht dem Buch „Die Gymnastik-Übungen“, das in der gleichen Reihe im Jahr 2013 erschien.

Der Verkaufspreis beträgt 17,00 Euro, zzgl. Versand. Der Erscheinungstermin ist der 24. Oktober 2016. Ihre Vorbestellungen nehmen wir gerne unter Tel. 0741-46552 oder per E-Mail an service@prosveta.de entgegen.

Bite klicken Sie auf das Coverbild, um die Leseprobe zu öffnen.

Leseprobe Izvor 223 – Geistiges und künstlerisches Schaffen

Leseprobe Izvor 223 - Geistiges und künstlerisches Schaffen

Leseprobe Izvor 223 – Geistiges und künstlerisches Schaffen

Kapi­tel 9: Die Schön­heit
Gäbe es nicht im Welt­all ein kosmi­sches Prin­zip, die Gött­li­che Mut­ter, das sich stän­dig da­mit be­fasst, die Harmo­nie der For­men zu be­wah­ren, dann wä­ren die Men­schen von ab­sto­ßender Häss­lich­keit. Denkt nur da­ran, wie sie ihr Le­ben füh­ren, in ewi­gem Durch­einan­der, in Lei­den­schaf­ten und Kon­flikte ver­strickt, oh­ne den Wunsch nach Ver­voll­komm­nung zu emp­finden – wie soll­te da nicht ihre Schön­heit ver­lo­ren ge­hen?

Es gibt schö­ne Män­ner und schö­ne Frau­en. Sieht man aber, was für Gril­len und Scham­lo­sig­kei­ten sie in ihrem Kopf und in ihrem Her­zen ha­ben, dann wun­dert man sich: Wenn es eine ab­solu­te Ge­rech­tig­keit gä­be, so müss­te ihre äuße­re Er­schei­nung er­schre­ckend und ab­sto­ßend sein. Die­se feh­lende Be­zie­hung zwi­schen dem Inne­ren und dem Äuße­ren kommt da­her, dass sich das In­nen­le­ben viel ra­scher wan­delt als die äuße­re Form. Hier geht es al­so um ei­nen Bruch zwi­schen Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart. In der Zeit­span­ne ei­nes ein­zi­gen Ta­ges ver­mag der Mensch sei­ne phi­lo­sophi­sche Ein­stel­lung, sei­ne ge­sam­te Welt­an­schau­ung zu än­dern. Sein Aus­se­hen wan­delt sich hin­gegen sehr lang­sam, denn es ist aus ei­ner Mate­rie ge­macht, de­ren Wi­der­stands­kraft viel grö­ßer ist als die der geis­tigen Eigen­schaf­ten.

Stellt euch ei­nen Men­schen mit ab­sto­ßendem Aus­se­hen vor, aber des­sen phi­lo­sophi­sche Auf­fas­sung gött­li­cher Art ist. All­mäh­lich durch­dringt die­se Auf­fas­sung sein gan­zes We­sen; die Mate­rie sei­nes physi­schen Kör­pers wird da­durch be­lebt, bis sie ei­nes Ta­ges sein inne­res Le­ben, sei­ne See­le, sei­nen Geist ge­nau wi­der­spie­gelt: Die­se Mate­rie wird dann strah­lend schön und gött­lich. Das Gegen­teil mag auch vor­kom­men. Führt ein Mensch von blen­dender Schön­heit ein ver­dorbe­nes Le­ben, dann wird er sich äu­ßer­lich nicht gleich ver­än­dern; aber ei­nes Ta­ges wird sein An­blick doch dem inne­ren Zu­stand ent­spre­chen. Es ist al­so schwer zu be­urtei­len. Oft bleibt man an ei­ner von der Ver­gan­gen­heit ge­präg­ten Form haf­ten; da­raus er­folgt dann ein Fehl­ur­teil. Doch es ist eine Fra­ge der Zeit: Frü­her oder spä­ter spie­gelt die Form das In­nen­le­ben wi­der.

Al­so be­sitzt je­der Mensch ein inne­res Ge­sicht, ver­schie­den von dem, wel­ches die ande­ren Tag für Tag zu se­hen be­kom­men. Es ist das An­ge­sicht sei­ner See­le, des­sen Zü­ge nicht so fest be­stimmt, nicht so un­wan­del­bar sind wie dieje­nigen sei­nes kör­per­li­chen Ge­sich­tes; das seeli­sche An­ge­sicht ver­än­dert sich stän­dig, denn es steht in en­gem Zu­sam­men­hang mit dem psychi­schen Le­ben, mit den Ge­füh­len und Ge­dan­ken; bald sieht die­ses An­ge­sicht licht­voll oder ver­dun­kelt aus, bald harmo­nisch oder frat­zen­haft, aus­drucks­voll oder leer. Die­ses inne­re An­ge­sicht soll­te der Mensch je­den Tag model­lieren, ver­edeln, be­ma­len, er­leuch­ten, da­mit es end­lich ein­mal auch sein kör­per­li­ches Ge­sicht prä­ge.

Eu­er heuti­ges Ge­sicht war in ei­nem frühe­ren Le­ben das An­ge­sicht eu­rer See­le. Es stellt die Sum­me al­ler von euch ge­pfleg­ten Tugen­den und Las­ter dar. Viel­leicht seid ihr mit ihm nicht be­son­ders zu­frie­den, doch nun ist kaum et­was da­ran zu än­dern. Grü­belt des­halb nicht mehr; be­fasst euch mit eu­rem inne­ren An­ge­sicht, das dem äuße­ren in sei­nem Ge­stal­tungs­pro­zess als Vor­bild ge­dient hat. Fangt ihr an, eu­er seeli­sches An­ge­sicht be­wusst zu ver­edeln, dann be­mer­ken es viel­leicht die Men­schen in eu­rer Um­ge­bung nicht, doch die En­gel schon, und sie wer­den euch seg­nen. Zu­erst wi­der­steht das äu­ßer­e Ge­sicht al­len Ver­ände­rungen, aber nach länge­rer Zeit lässt sein Wi­der­stand unter dem Druck des ande­ren Ge­sich­tes nach, denn das An­ge­sicht der See­le ist mäch­tig und prägt dem äuße­ren Ge­sicht sei­ne eige­nen Zü­ge auf. Von Zeit zu Zeit lässt es schon et­was von sei­ner Schön­heit durch­schim­mern. Es mag sein, dass die See­le so viel Licht, Gü­te und Erha­ben­heit aus­strahlt, dass die­se Aus­strömung durch das äuße­re Ge­sicht hin­durch wahr­nehm­bar wird; dann kommt das geis­tig erha­bene An­ge­sicht flüch­tig zum Vor­schein. Setzt eu­re Arbeit be­harr­lich fort; es wird der Tag kom­men, an dem eu­re bei­den Ge­sich­ter über­ein­stim­men wer­den.

Wie das Aus­se­hen ei­nes Men­schen auch sein mag, es liegt doch in ihm et­was ver­bor­gen, was nie ir­re­füh­ren kann und sei­ne grund­le­gen­de Na­tur of­fen­bart: sei­ne Emana­tionen, sein Flui­dum. Wie schön oder häss­lich der Mensch auch sein mag, ihr wer­det euch nicht ir­ren, wenn ihr fä­hig seid, sei­ne Emana­tionen wahr­zu­neh­men, denn die­se spiegeln den inne­ren Zu­stand mit ab­solu­ter Ge­nau­ig­keit wi­der. Sind die Emana­tionen trüb, dis­harmo­nisch, schäd­lich, dann drü­cken sie ge­nau sei­ne Ge­dan­ken und Be­gier­den aus. Die See­le ei­nes Men­schen kann nicht wirk­lich sicht­bar wer­den, ihre Aus­strah­lungen sind aber spür­bar. Strahlt die­ser Mensch Lau­ter­keit und Licht aus, dann könnt ihr hun­dert­pro­zentig sicher sein, dass sei­ne See­le schön und erha­ben ist. Manch­mal sind die­se Aus­strah­lungen so kraft­voll, dass sie trotz ihrer Sub­ti­li­tät sicht­bar wer­den. Ein Bei­spiel: Es gibt sehr häss­li­che, miss­gestal­tete Men­schen, die ei­nen Au­gen­blick lang wie ver­wan­delt da­ste­hen. Ihre Emana­tionen ha­ben für eine Wei­le ihre Form ver­wan­delt. Drei Punk­te sind al­so zu be­rück­sich­tigen: die Form, die Emana­tionen, die durch die­se Form zum Aus­druck kom­men, ihr aber nicht im­mer ent­spre­chen, und der Geist, der die­se Emana­tionen er­zeugt. Da es fast un­mög­lich ist, den Geist wahr­zu­neh­men, weil die Form ir­re­füh­rend ist, sind es ein­zig und al­lein die Emana­tionen, die uns die wah­re Na­tur ei­nes Men­schen er­ken­nen las­sen.

Hin­ter der Form gibt es al­so noch et­was, was wir er­ken­nen müs­sen: den Aus­druck; die Emana­tionen, die das Inne­re ei­nes Men­schen, den Le­bens­strom wi­der­spie­geln. Will man noch wei­ter ein­drin­gen, um sich den in den himmli­schen Sphä­ren leben­den Geist die­ses Men­schen zu ver­gegen­wärti­gen, dann tut sich eine au­ßer­or­dent­li­che Pracht vor uns auf. Sol­che Pracht kann sich aber nicht ein­mal durch die Emana­tionen of­fen­ba­ren, denn der physi­sche Kör­per ist nicht in der La­ge, eine der­arti­ge Sub­ti­li­tät durch­schei­nen zu las­sen.

In Wirk­lich­keit gibt es kei­ne Er­klä­rung für die Schön­heit. Es ist ein Le­ben, das pul­siert, das aus­strahlt. Stellt euch zum Bei­spiel ei­nen Dia­manten vor, auf den ein Son­nen­strahl fällt. Ihr wer­det faszi­niert sein von der plötz­lich auf­leuch­tenden Far­ben­pracht. Das eben ist die wah­re Schön­heit. Sie ist mit dem Licht der Son­ne ver­gleich­bar. Je mehr es ei­nem Men­schen ge­lingt, der­arti­ge Schön­heit aus­zu­strah­len, umso nä­her reicht er an die wirk­li­che Schön­heit he­ran. Die­se ist nicht in den For­men vor­han­den; die wirk­li­che Schön­heit hat gar kei­ne Form, denn sie ist dort oben, auf ei­ner Ebe­ne, wo es nur Strö­mungen, Kräf­te, Aus­strah­lungen gibt. Darf man die­se Pracht ein­mal be­trach­ten, dann ge­rät man in sol­che Eks­tase, dass man bei­na­he ster­ben möch­te. Die wah­re Schön­heit be­geg­net uns weni­ger im Kör­per oder im Ge­sicht der Men­schen; sie be­fin­det sich in höhe­ren Sphä­ren. So­bald aber ein Mann, eine Frau mit der gött­li­chen Welt ver­bun­den und fä­hig sind, eini­ge Aus­strah­lungen von dort zu über­tra­gen, dann ge­lingt es ih­nen, et­was von die­ser Schön­heit wi­der­zu­spie­geln.

Merkt euch al­so dies: Die Schön­heit be­fin­det sich nicht in der Form, son­dern in den Aus­strah­lungen, in den Emana­tionen. Des­halb soll­te sich nie­mand auf sie stür­zen, um sie fest­zu­hal­ten und zu ver­schlin­gen. Die Schön­heit ist kei­ne greif­ba­re Form. Sie soll­te nur be­trach­tet wer­den und als stän­dige Quel­le der Be­wunde­rung die­nen; man soll­te sich von ihrer Gegen­wart durch­drin­gen las­sen. Miss­brau­chen die Men­schen die Schön­heit, um sich gegen­sei­tig in den Ab­grund zu stür­zen, dann ist nicht die Schön­heit da­ran schuld. Die Schuld tra­gen dieje­nigen, die nicht ge­läu­tert ge­nug sind. In sich selbst ent­fa­chen sie ein Feu­er, das – all ihrer Un­rein­hei­ten we­gen – zu rau­chen be­ginnt. Die Schön­heit ist nicht da­zu ge­schaf­fen wor­den, um die Men­schen zu Fall zu brin­gen, son­dern um sie zu Gott zu füh­ren, um ih­nen An­lass zu ge­ben, sich bis in die höchs­ten Sphä­ren hi­nauf­zu­schwin­gen. Ich weiß schon, dass sol­che Be­trach­tungs­wei­se nicht üb­lich ist, ja, fast gro­tesk er­schei­nen mag. Die meis­ten Men­schen tun, als wä­re die Schön­heit nur da­zu da, da­mit sie sie be­tas­ten, be­sit­zen, be­fle­cken und zer­flei­schen kön­nen. Wie Kin­der, die die Sei­ten ei­nes Bu­ches zer­rei­ßen, nach­dem sie sich die Bilder an­ge­schaut ha­ben!

Denkt da­ran, wie vie­le schö­ne Frau­en völ­lig zer­stört, ver­dor­ben wor­den sind! Sie wa­ren we­der ge­scheit noch auf­ge­klärt und ha­ben sich den Säuen preis­gege­ben. Bild­schö­ne Mäd­chen sind lei­der sel­ten ge­scheit. Ge­nau­so ist es auch mit schö­nen Män­nern. Das Ge­sicht der klu­gen Män­ner ist eher asym­me­trisch, un­propor­tioniert. Sind der Stamm und die Äs­te ei­nes Bau­mes ver­wach­sen, dann ist es ein Be­weis, dass die­ser Baum viel Schwe­res hat durch­ma­chen müs­sen, bis er aus­gewach­sen war. Um je­den Preis hat er al­le Hin­der­nis­se über­win­den wol­len, um zu über­le­ben; er hat nach al­len Rich­tungen hin ge­kämpft, und die­ser Kampf spie­gelt sich in Stamm und Äs­ten wi­der. Genauso ver­hält es sich mit dem Men­schen: Das ver­krampf­te, asym­metri­sche Ge­sicht ge­wis­ser her­vor­ragen­der Men­schen ist ein Be­weis, dass sie viel Schwe­res ha­ben über­win­den müs­sen. Öf­ters ha­ben sie die intellek­tuellen Kapa­zi­tä­ten und den Wil­len ent­wi­ckelt, lei­der zum Nach­teil von Gü­te und morali­schen Eigen­schaf­ten; so ha­ben sie ihr Ge­sicht ver­formt. Die Schön­heit ver­mit­telt eher morali­sche als intellek­tuelle Eigen­schaf­ten. Ja, so ist es, ihr habt es aber nicht ge­wusst! Schö­ne Men­schen sind nicht im­mer ge­scheit. Oft wird so­gar ihre Gut­mü­tig­keit scham­los aus­ge­nützt von ande­ren, die bei wei­tem nicht so schön aus­se­hen, aber sie ver­ste­hen es, je­de Chan­ce zu er­grei­fen.

Die Schön­heit hat viel mehr Affi­ni­tät mit der Gü­te als mit der Intel­ligenz. Ihr wer­det ein­wen­den: »Das stimmt nicht! Ich ha­be bild­schö­ne Frau­en ge­kannt, die wahr­haf­te Teu­fel wa­ren!« Nein, ihr habt nicht gut hin­ge­schaut. Be­obach­tet man sol­che Frau­en, dann spürt man hin­ter der Schön­heit ihrer Ge­sichts­zü­ge et­was Grau­sa­mes, Schlau­es und Egoisti­sches. Das hat mit der wah­ren Schön­heit, von der hier die Re­de ist, über­haupt nichts zu tun. Ihre Hal­tung, ihr Be­tra­gen ver­rät, dass es ih­nen im Grun­de le­dig­lich um die Ver­fol­gung be­stimm­ter Zwe­cke geht; und das ist das Häss­li­che, das durch al­les hin­durch­dringt. Viel ein­fa­cher, nai­ver, na­tür­li­cher ist die wirk­li­che Schön­heit. Schlau­heit und Be­rech­nung sind ihr fremd; von be­sonde­rer Klug­heit ist sie nicht, sie ist aber vol­ler Gü­te.

Sol­che Nuan­cen wer­den erst nach lan­gem Üben er­kenn­bar. Das ist et­was sehr Sub­ti­les, es geht nicht nur aus den Ge­sichts­zü­gen, aus der Form her­vor, das ha­be ich schon er­wähnt. Be­stimm­te Frau­en mö­gen schön sein, aber die fürch­ter­li­chen Be­gier­den und Ambi­tionen, die aus ihrem As­tral­leib aus­strö­men, wer­den dieje­nigen, die sie lie­ben, zu­grun­de rich­ten. Ihr Ge­sicht und ihr Kör­per sind ein Be­weis, dass sie sich in ei­nem frühe­ren Le­ben lan­ge um gu­te Eigen­schaf­ten und Tugen­den be­müht ha­ben. Der­zeit arbei­ten sie nicht mehr in der­sel­ben Rich­tung; der physi­sche Kör­per ver­än­dert sich aber nicht so rasch; selbst wenn die­se Frau­en ei­nen fal­schen Weg be­schrei­ten, leis­tet ihr physi­scher Kör­per wei­ter­hin Wi­der­stand, zeigt noch et­was von ihrer ver­gange­nen Herr­lich­keit. Die Schloss­da­me steckt bis über die Oh­ren in Schul­den, aber das Schloss sieht noch präch­tig aus, denn die Qua­der sind fest und wi­der­stands­fä­hig. Die Qua­der des Ge­bäu­des stel­len eben den physi­schen Kör­per dar. Nach eini­ger Zeit wer­den auch sie zu­sam­men­stür­zen. Al­lein der­jeni­ge, des­sen In­nen­le­ben ge­ord­net und harmo­nisch ver­läuft, arbei­tet un­be­wusst an der Ge­stal­tung und Model­lierung sei­nes Ge­sich­tes und sei­nes Kör­pers für das all­ge­meine Wohl.

Ent­schließt euch, von nun an eu­er Ver­hält­nis zur Schön­heit rich­tig zu stellen. Ihr soll­tet sie als ei­nen Aus­druck der leben­digen Na­tur be­trach­ten; durch sie wird euch die Mög­lich­keit ge­ge­ben, euch Gott zu nä­hern. Wollt ihr euch von der wirk­li­chen Schön­heit eine licht­vol­le, lau­tere Vor­stel­lung ma­chen, dann greift nach ei­nem Kris­tall, ei­nem Pris­ma und seht, wie das Licht beim Durchfallen sich zu solch faszinie­render Far­ben­pracht ent­fal­tet, dass man in stun­den­lan­ge Eks­tase ge­ra­ten könn­te. Ich tu­e es oft und freu­e mich, die­se Pracht des Lich­tes be­trach­ten zu dür­fen; und ich ra­te euch, es auch zu tun, ihr wer­det viel da­bei ge­win­nen. Eini­ge wer­den si­cher be­haup­ten, sie seien nicht da­rauf vor­berei­tet, so et­was sei nicht ihre Sa­che; nein, das ist kein trif­tiges Ar­gu­ment. Im Gegen­teil, sie soll­ten sich sa­gen: »Ob­wohl ich nicht da­für ver­an­lagt und schwach bin, be­schlie­ße ich, mich künf­tig durch die Schön­heit zu er­näh­ren.« So­lan­ge ihr eu­er Au­gen­merk auf eu­ren dürf­tigen, gegen­wärti­gen Zu­stand rich­tet, statt auf den, wel­chen ihr er­rei­chen könnt, wer­det ihr über­haupt nicht vor­wärts kom­men, das ist klar.

Die wirk­li­che Schön­heit ist nicht auf der physi­schen Ebe­ne zu fin­den, sie liegt an­ders­wo. Frei­lich ist die Er­de schön mit ihren Pflan­zen, Ber­gen, Se­en, Flüs­sen. Aber im Ver­gleich zu der Pracht dort oben – das muss ich ge­ste­hen – ver­blasst die Schön­heit der Er­de. Die Schön­heit ist eine Aus­drucks­form der höchs­ten Voll­kom­men­heit. In ihr sind Intel­ligenz, Licht, Lau­ter­keit, Mu­sik, Far­be und Duft mit ein­bezo­gen. Des­we­gen ist für mich die Schön­heit mit der Gott­heit eng ver­bun­den. Die Gott­heit ist die Schön­heit; und ich sa­ge es euch, wä­re Gott nicht schön, wä­re Er nur wei­se, lie­be­voll und all­mäch­tig, dann wür­de ich Ihn nicht so in­nig lie­ben. Ich lie­be Ihn, weil Er schön ist, Ihm will ich ähn­lich sein.

Vie­le Men­schen sind auf der Su­che nach Gott, weil Er all­mäch­tig und all­wis­send ist; ich su­che Ihn, weil Er schön ist. Ich ha­be eine Schwä­che für die Schön­heit, d. h. für die Voll­kom­men­heit. Um­so bes­ser, denn der­arti­ge Schwä­chen sind not­wen­dig! Die ein­zige – so­gar glor­rei­che – Schwä­che, die man euch nicht vor­wer­fen wird, ist eben die Schwä­che für die Schön­heit, die gött­li­che Schön­heit. Ich sa­ge es ganz of­fen, ich ha­be bild­schö­ne Mäd­chen ge­se­hen und auch sehr gut ausse­hende Män­ner; be­son­ders faszi­niert wur­de ich von kei­nem; denn ich such­te eine ande­re Art von Schön­heit, je­ne Schön­heit eben, die hin­ter der Form steht. Mich hat mei­ne Lie­be für die Schön­heit stets ge­ret­tet. Habt auch ihr die­se Lie­be, dann wer­det ihr ge­ret­tet.

Die Schön­heit soll­te man su­chen, nicht die äuße­re, son­dern die inne­re Schön­heit. Be­fass­ten sich die Men­schen mit ihrer eige­nen inneren Ver­schöne­rung so inten­siv, wie sie es mit der äußeren tun, dann wür­den sie Wun­der voll­brin­gen. Al­les, was äu­ßer­lich ge­tan wird, hält lei­der nicht lan­ge an; kurz da­nach muss man wie­der von vor­ne an­fan­gen. In­ner­e Fort­schrit­te ge­hen viel­leicht lang­sam vor sich, ihr könnt euch aber völ­lig auf ihre Dauer­haf­tig­keit ver­las­sen. Eu­rer Schön­heit soll­tet ihr euch des­halb wenigs­tens ein paar Au­gen­bli­cke täg­lich wid­men. Ei­nen Kosme­tik­sa­lon braucht selbst­ver­ständ­lich je­der: Es gibt na­tür­lich Insti­tute ver­schie­dener Art! Mor­gens beim Son­nen­auf­gang, zum Bei­spiel – das ist solch ein Schön­heits­sa­lon! Bei der Be­trach­tung der auf­gehen­den Son­ne wan­delt sich et­was in eu­rem ätheri­schen Leib, eu­rem As­tral- und Men­tal­kör­per. Die ge­sam­te Na­tur, die Se­en, die Wäl­der kön­nen auch als Kosme­tik­sa­lons die­nen. Aber der wert­volls­te liegt in euch sel­ber. Den soll­tet ihr be­tre­ten und euch an die Arbeit ma­chen. Je­den Tag habt ihr die Mög­lich­keit, be­stimm­ten inneren Män­geln ab­zu­hel­fen, in­dem ihr die Re­gen­bo­gen­far­ben an­zu­wen­den lernt.

Bei demje­nigen, der die­sen inne­ren Kosme­tik­sa­lon be­sucht, ver­schö­nert sich nicht nur sein Ge­sicht, son­dern auch sein ge­sam­ter Kör­per. Ich wür­de euch so­gar ra­ten, euch nicht mehr mit eu­rem jetzi­gen Kör­per aus­einan­der zu set­zen, son­dern nach der Ge­stal­tung ei­nes völ­lig neu­arti­gen Kör­pers zu stre­ben, eben nach dem Kör­per des Lich­tes, der Herr­lich­keit, von dem in der Heili­gen Schrift die Re­de ist. Je­der Ein­geweih­te be­fasst sich mit der Ge­stal­tung die­ses Kör­pers. Zu die­sem be­stimm­ten Zweck sind die sub­tils­ten, lauters­ten, gött­lichs­ten Parti­keln sei­nes We­sens er­for­der­lich. Mit je­dem erha­benen Au­gen­blick voll Poe­sie, An­be­tung und Auf­opfe­rung ge­winnt er an be­stimm­ten Sub­stan­zen, die ihm bei der Ge­stal­tung die­ses Kör­pers hel­fen, als ob er eine Sta­tue model­liere. Er weiß ge­nau Be­scheid, dass er ei­nes Ta­ges sei­nen physi­schen Kör­per ver­las­sen wird, denn die­ser ist sterb­lich und kann nicht in die ent­legens­ten Regio­nen des Welt­alls ge­lan­gen. Da­rum arbei­tet er am Kör­per der Herr­lich­keit. All die­se Mate­rialien, die er wäh­rend der Medita­tion, der Kontem­plation, den tiefs­ten Eksta­sen he­ran­ge­holt hat, die­nen ihm zur Ge­stal­tung die­ses Kör­pers. Der Kör­per der Herr­lich­keit ver­mag von sol­cher Kraft und Aus­strah­lung zu sein, dass er so­gar imstan­de ist, den physi­schen Kör­per in die Hö­he zu heben und durch den Welt­raum zu tra­gen.

Die Schön­heit soll­te ge­liebt und ge­wünscht wer­den. Doch die Schön­heit al­lein, die Schön­heit, die nicht im Diens­te ei­nes erha­benen Zwe­ckes steht, kann die schlimms­ten Wi­der­wär­tig­kei­ten nach sich zie­hen. Wie vie­le Män­ner ha­ben we­gen ei­ner bild­schö­nen Frau Selbst­mord be­gan­gen, weil die­se über­all Neid und Eifer­sucht weck­te! Die Schön­heit soll­te im Diens­te ei­ner erha­benen Idee ste­hen, die Men­schen zu ge­stei­gerten Leis­tungen an­spor­nen, sonst wird sie ge­fähr­lich, so­gar schäd­lich. Lei­der wen­den die meis­ten Frau­en ihre Schön­heit an, um die Er­fül­lung ihrer eige­nen Wün­sche zu er­zie­len: Geld, Ruhm und Ver­gnü­gungen. Sie den­ken über­haupt nicht da­ran, ihren Mit­men­schen Gu­tes zu tun, sie auf den Weg der Ent­wick­lung, der Ver­ede­lung und der Poe­sie zu lo­cken. Die Schön­heit ist ein zwei­schnei­diges Schwert, sie kann so­wohl Gu­tes wie Bö­ses an­rich­ten. Die Frau­en und auch die Män­ner soll­ten sich al­so über die Ver­wen­dung ihrer Schön­heit im Kla­ren sein und nie da­bei ver­ges­sen, dass der Him­mel über sie wacht. Die­sen Schatz hat ih­nen der Him­mel an­ver­traut, und er interes­siert sich da­für, wie die­ses Kapi­tal an­ge­legt wird. Stellt er fest, es dient bloß zur Be­friedi­gung von Gril­len und Egois­mus, dann wird er ein­grei­fen: Die Schön­heit wird ver­lo­ren ge­hen und die Stra­fe nicht aus­blei­ben.

Was ich euch hier­mit über die Schön­heit ge­sagt ha­be, gilt auch für al­le Vor­tei­le, die unser Eigen sind: Be­sitz, Intel­ligenz, Ruhm und Kraft. Nie soll­ten die­se aus­schließ­lich dem eige­nen Ge­brauch vor­behal­ten sein, son­dern man soll­te sie in den Dienst ei­ner gött­li­chen Idee stel­len.

 

Kapi­tel 11: Das leben­dige Meis­ter­werk
Al­les im Le­ben hängt von dem Ziel ab, das sich der Mensch ge­setzt hat, mit ei­nem Wort: von dem an­gestreb­ten Ideal. Die­ses Ideal bleibt nicht oh­ne Fol­gen, es be­ein­flusst den Men­schen, ruft Wir­kungen her­vor. Durch die­ses Ideal wird al­les ge­rei­nigt, ge­ord­net, ge­stal­tet und harmoni­siert. Nach die­sem Ideal ge­stal­tet und formt sich das mensch­li­che Le­ben. Ist das Ideal nicht erha­ben, nicht edel, son­dern pro­saisch und mate­riell, dann wird auch al­les, was die­ser Mensch tut, fühlt und denkt, je­nem Ideal ent­spre­chen. Er soll­te sich des­halb nicht wun­dern, wenn ihm et­was fehlt und er nicht glück­lich ist.

Fragt nicht da­nach, ob die­ses Ideal er­reich­bar ist oder nicht, das ist be­lang­los. Eu­re ein­zi­ge Sor­ge soll­te es sein, aus die­sem Ideal et­was Voll­komme­nes, Erha­benes, Gött­li­ches zu ma­chen. Wie viel Zeit da­zu not­wen­dig ist, spielt kei­ne Rol­le.

Das ho­he Ideal ist ein wirk­li­ches, leben­diges, mäch­tiges We­sen. Es ist in der La­ge, uns in al­ler Ewig­keit mit Spei­se und Trank zu ver­sor­gen. Die­se Wahr­heit ha­ben die Men­schen nie be­grei­fen wol­len, so ver­zich­ten sie un­auf­hör­lich auf das Bes­te, was es über­haupt gibt. Im­mer zie­hen sie ein na­hes, leicht er­reich­ba­res, mate­rielles Ziel vor, und bald steht die Lee­re vor der Tür. Ei­nem Ideal wohnt eine magi­sche Eigen­schaft in­ne; da die­ses Ideal mit uns in Ver­bin­dung steht, bringt es uns stän­dig wohl­tuen­de Parti­keln mit, er­quick­li­che Strö­mungen aus der ihm eige­nen Re­gion. Die­ses Ideal ha­ben wir selbst ge­stal­tet, wir las­sen es nicht aus unse­ren Ge­dan­ken, wir lie­ben es; da­her ist es im­mer da, be­reit, uns an sei­ner Fül­le und Reich­hal­tig­keit Teil ha­ben zu las­sen. Ei­nes Ta­ges wer­den in unse­rem Le­ben die neuen Ver­hält­nisse vor­han­den sein, die die­ses Ideal für uns ge­schaf­fen hat. Ge­sche­hen wird es aber erst, wenn wir die­ses Ideal lie­ben, wenn wir es in der Tie­fe unse­res Her­zens, unse­rer See­le he­gen und pfle­gen. Sei­ne Un­er­mess­lich­keit, die Ent­fer­nung, die uns von ihm trennt, spie­len da­bei kei­ne Rol­le. In der Ver­bin­dung mit ihm liegt die größ­te Weis­heit, die tiefs­te Wahr­heit.

Von nun an soll­tet ihr ler­nen, euch zu über­win­den, zu über­tref­fen, al­les zu meis­tern, da­mit die­ses Ideal Wirk­lich­keit wird. Fol­gendes soll­te sich je­der mer­ken: Ein Ideal ist ein We­sen, das schon in der gött­li­chen Welt lebt. Da wir mit ihm ver­bun­den sind, sorgt es da­für, dass wir aus al­ler Ver­wick­lung, al­lem Un­glück und Elend he­raus­kom­men. Aber wo blei­ben eben die­ser Glau­be, die­ses Wis­sen, die­ser Wil­le, die fä­hig wä­ren, solch ein Ideal zu for­men?

Wer die­se grund­le­gen­den Wahr­hei­ten nicht kennt, arbei­tet mit bröcke­ligen Mate­rialien, unter un­gewis­sen Um­stän­den. Er lei­det und klagt; wer ist aber da­ran schuld? Sein Ziel war nicht sehr hoch ge­setzt. Er hat sich stets mit Lappa­lien zu­frie­den gege­ben und über de­ren mit­tel­mäßi­ge Be­schaf­fen­heit nichts ge­wusst. Denn auch hier spielt das Affi­ni­täts­ge­setz mit: Ein mit­tel­mäßi­ges Ideal zieht zwangs­läu­fig die trübs­ten, labils­ten Ele­mente an. Die not­wendi­gen Mate­rialien zur Ge­stal­tung al­ler Orga­ne eu­res Kör­pers und Ge­hirns soll­tet ihr euch von oben he­ran­ho­len, aus der höchs­ten und un­end­li­chen Wei­te des Him­mels, aus der Gren­zen­lo­sig­keit des Lich­tes, aus der geis­tigen Tie­fe eu­res We­sens; erst wenn ihr euch für das höchs­te Ideal ent­schei­det, wird so et­was mög­lich sein. Die Men­schen glau­ben, sie hät­ten ihr Ideal in die Tat um­ge­setzt, so­bald sie den ge­wähl­ten Be­ruf oder die ge­wünsch­te Tä­tig­keit aus­üben kön­nen. Wa­rum kla­gen sie dann, wa­rum spü­ren sie in sich eine Lee­re, als fehl­te ih­nen et­was? Das ist nicht lo­gisch, da sie das Er­wünsch­te doch schon er­reicht ha­ben. So­lan­ge sie kein wirk­lich erha­benes Ideal ha­ben, wird ih­nen im­mer et­was feh­len, denn es ist ein­zig und al­lein das ho­he Ideal, das je­des Vaku­um im Men­schen aus­zu­fül­len ver­mag; es dringt über­all ein und bringt Fül­le. Da­mit mei­ne ich nicht, ihr soll­tet kei­nen Be­ruf aus­üben, we­der Wissen­schaftler noch Künst­ler sein, nein. Aber auf sol­chen Ge­bie­ten wer­det ihr we­der Un­sterb­lich­keit er­lan­gen noch Ewig­keit und Fül­le er­le­ben kön­nen. Es ist schon rich­tig, eine Arbeit, eine Tä­tig­keit im Le­ben zu ha­ben; man soll­te sich aber nicht da­rauf be­schrän­ken, sich nicht mit der Vor­stel­lung täu­schen, dass Glück, Licht, Kennt­nis, Macht, voll­kom­mene Selbst­entfal­tung dort zu fin­den wä­ren. Es ist un­mög­lich, Gott hat sie nicht auf die­ser Ebe­ne vor­gese­hen; be­stimm­te Mög­lich­kei­ten schon, aber kei­ne voll­kom­mene Ent­fal­tung für unse­re See­le, für unse­ren Geist. Um zur Fül­le zu ge­lan­gen, ist et­was Höhe­res er­for­der­lich.

Die bes­te Lö­sung ist al­so fol­gende: Ver­schafft euch al­les Not­wen­dige im Le­ben; aber nicht da­rauf soll­tet ihr eu­er Ideal auf­bau­en. Stellt es hoch, so­gar in un­er­reich­ba­re Hö­he. Dann habt ihr das Rich­tige ge­trof­fen. Ihr wisst, dass ihr die­ses Ideal un­mög­lich ver­wirk­li­chen könnt, auch nicht in Tau­senden von Jah­ren. Aber ihr liebt es, es steht da vor eu­ren Au­gen, ihr seid mit ihm eins, ihr sprecht zu ihm. Die­sem Ideal ver­dankt ihr eu­er Gleich­ge­wicht, es ge­währt euch himmli­sche Freu­de, es wan­delt das Bö­se in Gu­tes um; ei­nes Ta­ges wird es euch da­zu ver­hel­fen, eine Gott­heit zu wer­den.

Die größ­te Weis­heit, das tiefs­te magi­sche Ge­heim­nis be­steht da­rin, im Vo­raus zu wis­sen, dass eu­er ho­hes Ideal nie in die Tat um­ge­setzt wer­den kann. Be­wahrt es aber stets leben­dig in euch, dann wird es schon zum Vor­schein kom­men, denn aus euch selbst wird im­mer mehr Klar­heit, Lau­ter­keit und Licht her­vor­bre­chen. Eu­er Ideal bleibt wei­ter­hin un­aus­führ­bar. Ich wür­de bei­na­he sa­gen, sei­ne Ver­wirkli­chung sei fast über­flüs­sig, da ihr euch auch so Tag für Tag an sei­nen Schät­zen be­rei­chert. In wel­cher Form? In al­ler­lei For­men. Es kommt euch viel­leicht so­gar ab­surd vor, aber eben durch sol­che Ab­sur­di­tät wird viel ge­won­nen! Wer das nicht be­greift, wird das We­sent­li­che nie er­rei­chen.

Vie­le wer­den ein­wen­den: »Ja, schon, aber mich selbst ken­ne ich durch­aus. Ich bin so schwach, so un­wis­send, ich wer­de es nie schaf­fen!« Und da­bei bleibt es, weil man nichts ver­stan­den hat. Der Mensch hat den Glau­ben an die Gott­heit ver­lo­ren; er weiß nicht mehr, dass er ein Sohn Got­tes ist; er hat ver­ges­sen, dass ein gött­li­cher Fun­ke tief in ihm ver­gra­ben liegt, die­ser gött­li­che Fun­ke, den er um je­den Preis zum Sprü­hen brin­gen soll­te. Von nun an soll­tet ihr auf die­se Phi­lo­so­phie ein­ge­hen, sie ver­tie­fen; uns wird ge­lehrt, dass wir al­le Er­ben unse­res Himmli­schen Va­ters sind. Es hängt nur von uns ab, über Sein gan­zes Wis­sen, Sei­ne gan­ze Lie­be, Sei­ne ge­sam­te Herr­lich­keit und Macht zu ver­fü­gen. So kommt man an das höchs­te Ideal he­ran. Nach dem Vor­bild des Herrn wird unser We­sen ge­stal­tet, nicht nach dem der Schwä­che, der Krank­heit, des To­des; unser We­sen wird nach ei­nem wirk­lich gött­li­chen Ideal model­liert; die­ses Ideal weilt im Him­mel; von dort oben lä­chelt es uns zu, schützt und trös­tet uns, über­mit­telt uns, was uns fehlt. Bleibt die­sem Ideal treu, was auch ge­sche­hen mag.

Steigt ein Tau­cher ins Meer hi­nab, um eine Arbeit aus­zu­füh­ren, dann bleibt er durch Ka­bel und Schläu­che mit dem Schiff in Ver­bin­dung; er wird un­unter­bro­chen über­wacht. Soll­te er in Ge­fahr ge­ra­ten, dann gibt er ein Zei­chen; er wird so­fort hi­nauf­ge­bracht oder ihm wird ir­gend­wie ge­hol­fen. Die meis­ten Men­schen glei­chen im Mee­re ver­irr­ten Tau­chern, denen nie­mand zu Hil­fe kommt. Sie sind mit kei­nem Ideal ver­bun­den, al­lein und ver­las­sen sind sie den ärgs­ten Ge­fah­ren aus­ge­setzt. Dieje­nigen, die ei­nem ho­hen Ideal nach­stre­ben, kön­nen hin­gegen nach Belie­ben unter­tau­chen, aus dem Was­ser he­raus­kom­men, ein- und ausatmen, wie­der ins Was­ser hi­nein­ge­hen. Es gibt kei­ne Ge­fahr, denn sie wer­den von ihrem Ideal über­wacht, unter­stützt und da­zu mit noch un­bekann­ten Parti­keln ver­sorgt. Sol­che Men­schen sind Kin­der Got­tes. Die Atmo­sphäre, die sie ein­at­men, ist von laute­rer Be­schaf­fen­heit.

Ein ande­rer Ver­gleich: Das ho­he Ideal ist wie ein elektri­scher Trans­forma­tor, der die Strom­span­nung um­wan­delt. Wel­len und Wir­bel von un­geheu­rer Kraft durch­zie­hen un­unter­bro­chen die ätheri­sche Atmo­sphäre, in wel­cher wir le­ben. Bei be­stimm­ten Men­schen be­wir­ken sie psychi­sche, so­gar physi­sche Stö­rungen. Das wirk­sams­te Mit­tel, um sich vor die­sen Strö­mungen zu schüt­zen, ist das ho­he Ideal, das als Trans­forma­tor dient, denn es ist fä­hig, die In­tensi­tät je­ner Strö­me zu ver­min­dern, bis sie für den Men­schen er­träg­lich wer­den. Wie vie­le wün­schen, ei­nem sol­chen Ideal nach­zustre­ben?

Ihr könnt euch nicht vor­stel­len, wel­che Wun­der das ho­he Ideal in euch zu be­wir­ken ver­mag. Es gleicht ei­nem Bild­hauer, der euch ge­stal­tet und model­liert. Da liegt die höchs­te Stu­fe der Kunst: sich selbst zu ma­len, zu ge­stal­ten, zu model­lieren, sein eige­nes Buch zu schrei­ben. Ich lie­be die Künst­ler; die Kunst ist eine Tür, die in den Him­mel hi­nein­führt, ein Weg auf die Gott­heit zu. Trotz­dem bin ich der An­sicht, dass es noch höhe­re Stu­fen in der Kunst gibt. Die Schön­heit wird ja von den Künst­lern ge­schaf­fen; es ist aber eine Schön­heit, die au­ßer­halb ihres We­sens liegt, denn sie ver­arbei­ten und ver­wan­deln nicht ihre eige­ne Mate­rie.

Ei­nes Ta­ges such­te mich ein jun­ger Bild­hauer auf. Er war so stolz, Bild­hauer zu sein. Sein Be­neh­men war arro­gant. Er hat­te an al­lem et­was aus­zu­set­zen. Ich be­gann mit ihm zu re­den: »Sie sind al­so Bild­hauer? –Ja – Aha, aha! Folg­lich ken­nen Sie al­le Ge­set­ze der Bild­hauer­kunst? – Jawohl! – Es ist al­les schön und gut, ich glau­be es aber nicht! – Wieso? Ich ha­be Wer­ke ge­schaf­fen. – Es mag sein. Schau­e ich mir aber Ihr ver­form­tes Ge­sicht an (das Wort »Visa­ge« habe ich na­tür­lich nicht ver­wen­det), dann muss ich da­raus fol­gern, dass die Ge­set­ze der wirk­li­chen Bild­hauer­kunst Ihnen völ­lig un­be­kannt sind; wüss­ten Sie darü­ber Be­scheid, dann hät­ten Sie sie zu­erst an sich selbst an­ge­wandt. Mir wer­den Sie nicht ein­re­den, dass Sie Bild­hauer sind. Nichts in Ihrem gan­zen We­sen weist da­rauf hin.« Na­tür­lich war er er­staunt und be­gann, die Flag­ge ein­zu­zie­hen.

Ja! Der Ma­ler, der sich nie um die Far­ben sei­ner Au­ra küm­mert, ist in Wirk­lich­keit kei­ner. Der Musi­ker, der nie da­ran ge­dacht hat, sei­nen Intel­lekt, sein Herz und sei­nen Wil­len in Ein­klang zu brin­gen, hat von der Harmo­nie kei­ne Ah­nung. Man muss ver­ste­hen, was wirk­lich Kunst ist. Gibt es et­was Schöne­res, als ein Künst­ler zu sein in dem Be­reich der Ge­dan­ken und Ge­füh­le, in der Ges­tik, in den Wor­ten und Bli­cken, die uns eigen sind? Je­den Tag fin­det dann eine Aus­stel­lung vor den En­geln statt. Oh­ne Unter­lass be­trach­ten sie uns. Wa­rum rich­ten denn so vie­le Künst­ler ihr We­sen, ihre Ge­sund­heit zu­grun­de, um auf der Büh­ne he­rum­zu­stol­zieren und von Idio­ten Ap­plaus zu er­hal­ten, wäh­rend je­der von ih­nen Tag für Tag die ge­sam­te En­gels­schar mit der Vor­füh­rung der eige­nen Wer­ke er­freu­en könn­te?

Wer in sei­nem Inne­ren ziel­be­wusst arbei­tet, mit al­ler Ge­nau­ig­keit, Klar­heit und Präzi­sion die schöns­ten Far­ben und die präch­tigsten For­men an­wen­det, der wird nicht kla­gen, dass er we­der ge­schätzt noch an­er­kannt ist, denn er weiß ge­nau, dass die ver­rich­tete Arbeit an sich selbst un­ver­kenn­bar ist. Er ver­liert nicht den Mut, er zwei­felt nicht an sich. Ihr wer­det ein­wen­den: »Ja, schon! Aber von sei­nen Wer­ken be­kommt man nichts zu se­hen.« Momen­tan ist es viel­leicht wahr, aber – das ha­be ich schon ge­sagt – in der un­sicht­ba­ren Welt gibt es ande­re We­sen, die sich die Aus­stel­lung ge­nau an­schau­en und ihre Mei­nung äu­ßern, dann »kau­fen« sie… und so wird der Mensch dort oben als ein be­rühm­ter Künst­ler an­gese­hen! Be­schlie­ßen die­se We­sen­hei­ten ei­nes Ta­ges, ihm irdi­schen Ruhm zu ver­gön­nen, dann ist es für sie kein Pro­blem. Er sel­ber soll­te aber nicht nach die­sem irdi­schen Ruhm stre­ben; er soll­te sich da­rum be­mü­hen, ein­zig und al­lein die un­sicht­ba­re Welt zu­frie­den zu stel­len und je­den Tag sa­gen: »Nun, was hal­tet ihr heu­te von mei­ner Leis­tung?«

In der Zu­kunft wird der Künst­ler nicht nach sei­nem Werk, sei­nen Ge­mäl­den oder sei­nen Skulp­turen ge­wür­digt; je­der wird ver­lan­gen, mit ihm sel­ber be­kannt zu wer­den; um sich durch die Poe­sie, die Mu­sik be­zau­bern zu las­sen, die aus sei­nem gan­zen We­sen, aus sei­nem Le­ben selbst he­raus­strö­men. Dann wird sich je­der ein Le­ben voll Poe­sie wün­schen, er wird sich be­mü­hen, die Mu­sik durch sei­ne eige­ne Ges­tik, sei­ne eige­nen Ge­dan­ken und Ge­füh­le zum Aus­druck zu brin­gen. Je­der wird da­nach stre­ben, das eige­ne Ge­sicht zu zeich­nen, den eige­nen Kör­per nach dem Eben­bild Got­tes zu ge­stal­ten. Für die­sen Ge­stal­tungs­pro­zess ist si­cher eine be­stimm­te Zeit er­for­der­lich, aber die Fra­ge der Zeit soll­te euch nicht zum Sto­cken brin­gen. Kunst­wer­ke, die der Mensch au­ßer­halb sei­ner selbst ge­stal­tet, sind kein Teil von ihm. Sie sind et­was rein Mate­rielles, nicht von in­nen he­raus ge­schaf­fen; ei­nes Ta­ges wer­den sie von der Bild­flä­che ver­schwin­den. Kommt der Künst­ler sel­ber wie­der auf die Er­de, dann muss er mit sei­nem Werk von vor­ne an­fan­gen. Ein wirk­li­cher Ma­ler, ein wirk­li­cher Bild­hauer, ein wirk­li­cher Dich­ter, der an sich selbst arbei­tet, wird nie von sei­nen Wer­ken ge­trennt sein. Er wird sie mit ins Jen­seits neh­men und sie in der nächs­ten Inkar­nation wie­der mit­brin­gen. Die Arbeit, die an sich selbst ge­tan wird, dau­ert bis in al­le Ewig­keit.

Es ist zwar nicht zu leug­nen, dass die Künst­ler un­sterb­li­che Kunst­wer­ke hin­ter­las­sen ha­ben. Sie inspi­rieren die ge­sam­te Mensch­heit und brin­gen sie ein Stück wei­ter auf dem Weg der Ent­wick­lung. Aber nach der Esote­rik, nach der kosmi­schen Intel­ligenz, die mir den Zweck der Schöp­fung of­fen­bart hat, soll­te man hier kei­ne Wur­zeln schla­gen, denn es lie­gen in der Kunst noch höhe­re Stu­fen vor. Die Kathe­dralen, die Sym­pho­nien, die Skulp­turen be­wun­dere ich schon; das höchs­te Ideal be­steht aber da­rin, die­se gan­ze Pracht in sich sel­ber zu reali­sieren; je­der soll­te selbst Ge­mäl­de, Skulp­tur, Poe­sie, Mu­sik, Tanz sein. Ihr wer­det ein­wen­den, nie­mand wer­de von sol­chen Kunst­wer­ken profi­tieren. Das ist eben eine Täu­schung. Die wirk­li­chen Meis­ter der Mensch­heit ge­stal­teten sich sel­ber, schrie­ben ihr eige­nes Buch. Durch ihre Prä­senz al­lein wur­de die gan­ze Welt er­schüt­tert, denn durch sie hin­durch wur­den al­le Far­ben, al­le For­men, die ge­sam­te Dich­tung und Mu­sik der Welt wahr­nehm­bar. Ein We­sen, das sich selbst ge­stal­tet und sein eige­nes Buch schreibt, trägt viel mehr zum Wohl der Mensch­heit bei als al­le Bi­blio­the­ken, Muse­en und Kunst­wer­ke zu­sam­men, denn die­se sind leb­los, er sel­ber ist aber leben­dig.

Der Künst­ler par excel­lence ist der­jeni­ge, des­sen eige­ner Leib als Ge­stal­tungs­mit­tel, des­sen Ge­sicht und Kör­per als Lein­wand, des­sen Ge­dan­ken und Ge­füh­le als Wachs zum Model­lieren die­nen. Die Schön­heit und Harmo­nie der ge­sam­ten Schöp­fung sol­len durch ihn hin­durch zum Vor­schein kom­men. Ein der­arti­ger Künst­ler setzt sich aus­einan­der mit der Er­schaf­fung der neuen Kunst, die die zu­künf­tige Kul­tur bringt.

Die Schön­heit ist eine leben­dige Sa­che; ihre Quel­le liegt tief im Men­schen ver­gra­ben. Sie spru­delt her­vor, dringt bis zur Ober­flä­che des Kör­pers, über­flu­tet die Haut, den Blick, das Lä­cheln und so­gar die Stim­me des Men­schen. Licht­vol­le Ge­dan­ken, selbst­lo­se Lie­bes­ge­fühle sind die not­wen­dige Vo­raus­set­zung für die Er­schaf­fung der Schön­heit. Hat der Mensch es bis da­hin ge­bracht, dann strömt un­wi­der­steh­lich der zar­te Duft der auf­gehen­den Blu­men aus ihm he­raus, der fei­ne Ge­ruch der rei­fenden Früch­te, die in dem Hain sei­ner See­le he­ran­wach­sen.

 

Band 223 aus der Reihe Izvor
ISBN 978-3-89515-041-8
176 Seiten, Paperback
12,00 Euro

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Teil I

Das Alpha­bet und die zwei­undzwan­zig Ele­mente des WORTS

 

Mit der Ein­tei­lung seiner Apo­ka­lypse in zwei­undzwan­zig Kapi­tel – ge­nau so viele Buch­staben gibt es im hebräi­schen Alpha­bet – wollte der hei­lige Johan­nes dieses Buch unter das Zei­chen des WORTS stel­len. In seinem Evange­lium schreibt er, das WORT sei der Ur­sprung aller Dinge: »Im An­fang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.«  Wie soll man das WORT, seine Be­schaf­fen­heit und Macht ver­stehen?

Im letz­ten Kapi­tel der Apo­ka­lypse sagt Chris­tus: »Ich bin Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, der An­fang und das Ende.« Alpha und Omega sind der erste und der letzte Buch­stabe des griechi­schen Alpha­bets, die Spra­che, in der das Neue Testa­ment ge­schrie­ben wurde. In der hebräi­schen Spra­che, also in der Spra­che Jesu, sind Aleph und Tav der erste und der letzte Buch­stabe. Die beiden Sätze: »Ich bin Alpha und Omega« oder »Ich bin Aleph und Tav« haben die­selbe Be­deu­tung.

Alpha und Omega, oder Aleph und Tav… In Wirk­lich­keit stel­len diese beiden Buch­staben das ge­samte Alpha­bet dar, denn An­fang und Ende kann man nicht von­einan­der tren­nen. Ein Alpha­bet ist eine Zu­sammen­set­zung von auf­einan­der fol­genden Ele­menten, den Buch­staben. Ihre An­ord­nung ist kein Zu­falls­ergeb­nis: Die Buch­staben sind die analoge Dar­stel­lung jener »Buch­staben«, aus denen die Schöp­fung be­steht. Im hebräi­schen Alpha­bet stel­len die Buch­staben die Ele­mente, die Kräfte, die Eigen­schaf­ten, die Geis­ter, die Kräfte dar, aus deren Zu­sammen­set­zung Gott das Uni­versum er­schuf. Mit Hilfe dieser leben­digen Buch­staben hat Gott Wörter und Sätze ge­bildet, und Er bildet weiterhin Wörter und Sätze. So hat sich die Welt ge­stal­tet, und so ge­stal­tet sie sich weiter. Wenn die Ein­geweih­ten die kabbalis­tische Be­deu­tung der hebräi­schen Buch­staben stu­dieren, tun sie es in der Ab­sicht, die leben­dige Spra­che der Natur lesen und er­for­schen zu können.

In diesem Alpha­bet gibt es zwei­undzwan­zig Buch­staben. Als Chris­tus sagte: »Ich bin das Alpha und das Omega«, meinte Er damit: »Ich bin das göttliche, lebendige Wort, die zwei­undzwan­zig Ele­mente, mit denen die Welt er­schaf­fen wurde.« Wenn sich der Mensch, um zu denken, zu spre­chen und zu lesen der Buch­staben be­dient, han­delt er ge­nau wie Gott selbst. Denn das ge­dachte, ge­spro­chene oder nieder­geschrie­bene Wort ist ein und das­selbe.

Alle Ele­mente, die in uns vor­han­den sind: Farben, Kräfte, Projek­tionen, Aus­strah­lungen, Vibra­tionen usw… dienen da­zu, unsere Ge­danken zu ge­stal­ten und zum Aus­druck zu brin­gen. Denken, aus­spre­chen und schrei­ben sind folg­lich drei As­pekte des WORTS. Einige formu­lieren das WORT in ihren Ge­danken, andere spre­chen es aus, wei­tere schrei­ben es nieder. Die Ein­geweih­ten, die diese drei Aus­drucks­formen des WORTS kennen, haben seit alters her auf be­stimm­ten kirch­lichen Ge­bäuden graphi­sche Zei­chen, geo­metri­sche oder hiero­glyphi­sche Figu­ren hinter­lassen: Sie sind der schrift­liche Aus­druck des WORTS. Die Ein­geweih­ten wussten, dass solche Figu­ren durch die Jahr­hun­derte hin­durch weiter­beste­hen und die Men­schen der zu­künf­tigen Genera­tionen in Kon­takt mit dem WORT brin­gen würden.

Alle Buch­staben des kabbalis­tischen Alpha­bets hängen im Uni­versum zu­sammen. Wer ge­lernt hat, sie zu­sammen­zu­stel­len, um daraus Sätze und Ge­dichte zu bilden, ist ein wirk­licher Schriftgelehrter. Der Schriftgelehrte – im initiatischen Sinne des Wortes – ist der­jenige, der sich darauf ver­steht, die Ele­mente der Spra­che, die Buch­staben des Alpha­bets, auf alle Ebenen des Lebens – und be­son­ders in sich selbst – zu über­tragen Er be­müht sich, diese Ele­mente so zu kombi­nieren, dass ein schö­nes und harmoni­sches »Wort« daraus ent­steht. Das ist am schwie­rigsten. Taucht in uns Ver­wir­rung auf, dann ist es ein Hin­weis, dass die »Worte« nicht an der rich­tigen Stelle stehen. Man hat sie ohne An­ord­nung, ohne Kennt­nis, ohne Weis­heit falsch ge­setzt.

Man muss auch wissen, dass in der Natur jeder Buch­stabe einer geo­metri­schen Form ent­spricht, und dass hinter jeder geo­metri­schen Form be­stimm­te Kräfte wirk­sam sind. Die Natur weiß, wie sie ihre eige­nen Formen mit den Buch­staben – die sie dar­stel­len – ver­binden soll. Wer die Korrespon­denzen jedes einzel­nen Buch­sta­bens mit den un­sicht­baren Kräf­ten kennt, wird fähig, die kosmi­schen Strö­mungen aus­zu­lösen. Wenn man also be­stimm­te Formen bildet oder zeich­net, stellt man eine Ver­bin­dung mit ge­wissen Wesenheiten der un­sicht­baren Welt her.

Grei­fen wir den Buch­staben Aleph auf. Schema­tisch stellt dieser Buch­stabe einen Men­schen dar, der einen Arm zum Himmel hebt und den ande­ren zu Boden rich­tet. Diese Hal­tung ist be­zeich­nend für einen Ver­mittler, ein Medium zwi­schen Himmel und Erde. Er fängt das Licht des Him­mels auf und gießt es über die Men­schen und um­ge­kehrt: Er fängt das Mensch­liche auf, wan­delt es in sich selbst und gibt es dem Himmel in Form von Licht zu­rück. Aleph ist also ein Wesen, das weiß und das kann.

Der Buch­stabe Aleph deutet auf den An­fang einer Tätig­keit hin. Wenn ihr den Arm hebt, be­deutet das den An­fang von etwas. Ihr drückt euren Willen zum Han­deln aus. Sind die Arme des Men­schen waage­recht aus­ge­streckt, dann bilden sie ein Kreuz mit dem Körper, sie brin­gen das Gleich­ge­wicht zum Aus­druck: In dieser Stel­lung schwe­ben die Vögel. Werden die Arme aber schief ge­halten, dann ist es ein Be­weis, dass die Waag­scha­len auf unter­schied­lichem Ni­veau stehen. Das Gleich­ge­wicht ist ge­stört, d.h. der Mensch ist ge­rade dabei zu han­deln.

Wenn ihr die erste Tarot­karte (Magier ge­nannt) be­trach­tet, seht ihr einen Mann vor einem Tisch ste­hend. Einer seiner Arme ist ge­hoben, der andere nach unten ge­rich­tet. Die Karte stellt also einen Mann dar, der dabei ist zu han­deln. Und was tut er? Durch den auf­geho­benen Arm tritt er in Ver­bin­dung mit dem Himmel, und durch den ge­senk­ten Arm ver­bindet er sich mit der Erde, mit den Men­schen. Die himmli­schen Kräfte, die er auf­fängt, gehen durch ihn hin­durch, er gibt sie der Erde weiter: Er ist ein Aleph. Aber ein Aleph zu sein be­deutet auch zu wissen, wie man die irdi­schen Kräfte auf­fängt und zum Himmel hinauf­proji­ziert, mit ande­ren Worten er soll ein Ver­mitt­ler sein. Jesus hat das­selbe mit fol­genden Worten aus­ge­drückt: »Nie­mand kommt zum Vater denn durch mich.« Für die Kabba­listen ist Aleph der voll­kom­mene Mensch. Indem er mit dem Himmel ver­bunden ist, arbeitet er für die Mensch­heit. Man kann auch sagen, im Buch­staben Aleph sei das Ge­heim­nis der Ver­fahren »Solve« und »Co­agula« ent­halten. Aleph lehrt den Schü­ler, wie er an der Mate­rie wirken muss, um sie zu ver­flüch­tigen oder zu ver­festi­gen.

Hier ist etwas sehr Interes­santes zu be­merken: Der Buch­stabe Aleph be­steht aus vier Jod. Anmerkung: Jod ist ein Buchstabe des heräischen Alphabets. Jod hat die Form eines ge­beug­ten Daumens, er ist also mit dem Willen ver­bunden. Aleph ist ein mäch­tiger, schöpfe­rischer Buch­stabe. Seine graphi­sche Dar­stel­lung weist auf einen in ihm ver­borge­nen Willen hin, der wie­derum aus vier Willen, vier Tätig­keiten, vier zu­sammen­gebrach­ten Rich­tungen be­steht. Aleph ist der Buch­stabe des Raumes mit seinen vier Rich­tungen: Norden, Süden, Osten und Westen. Er ist der Buch­stabe der vier Ele­mente. Schaut hin, der Joker steht vor einem Tisch, der das Ele­ment Erde symboli­siert. Vor ihm ist eine Schale, die das Wasser ver­an­schau­licht. In der Hand trägt er einen Stab, den er nach oben hält. Das be­deutet, dass er die niede­ren Ele­mente (Erde und Wasser) mit den oberen Ele­menten (Luft und Feuer) in Ver­bin­dung bringt. Und noch etwas, der Hut dieser Figur weist eine höchst charakte­ristische Form auf. Seine Krem­pen be­schrei­ben eine hori­zontal ­lie­gende Acht, also das Zei­chen für die Un­end­lich­keit. Der Buch­stabe Aleph ist folg­lich das Symbol des Ein­geweih­ten, dem es ge­lungen ist, die Natur­kräfte zu be­herr­schen, die vier Ele­mente.

Nun werdet ihr sehen, wie die Zif­fern sich ver­ketten: Wer die Vier der Macht der Eins – der Geist und Wille ist – unter­wirft, der wird zur Fünf. Er wird zum voll­komme­nen Men­schen, der die fünf Tugen­den Liebe, Weis­heit, Wahr­heit, Güte und Ge­rech­tig­keit in sich ver­einigt. Um das voll­kom­mene Gleich­ge­wicht zu kennen, muss man aber die sechs er­rei­chen. Die Sechs stellt die Drei zwei­mal dar, die zwei Drei­ecke von Mate­rie und Geist, das Salo­mons­siegel. Das Salo­mons­siegel selber zu sein be­deutet also, dass man sich darauf ver­stan­den hat, beide Drei­ecke in sich ins Gleich­ge­wicht zu brin­gen. Dieser Buch­stabe Aleph ist »Gottes Erst­gebo­rener«, der An­fang aller Dinge. Darü­ber wusste der hei­lige Johan­nes ge­nau Be­scheid, sonst hätte er nicht ge­schrie­ben: »Im An­fang war das WORT.« Das WORT, das ist Chris­tus, Er ist also der kosmi­sche Magier. Er wirkt mit den vier Ele­menten, mit derer Hilfe alles über­haupt er­schaf­fen worden ist. Als Jesus Fol­gendes sagte: »Mein Vater wirkt und ich wirke mit ihm«, war es Chris­tus, der durch ihn sprach. Damit wollte er beto­nen, dass seine Aktivi­tät nie­mals auf­hört. Jetzt könnt ihr be­grei­fen, dass das Kreuz selbst – das Symbol Chris­ti – mit der Idee dieser Aktivi­tät Gottes im gesam­ten Uni­versum ver­bunden ist. Ist das Kreuz mit einem schie­fen Quer­balken dar­ge­stellt, heißt es, das Kreuz sei in voller Aktion; in diesem Moment wird es wegen seiner Form auch mit Aleph ver­gleich­bar. Die­selbe Be­deu­tung hat übri­gens auch die Swas­tika, die in mehre­ren Reli­gionen, in Indien oder im alten Griechenland immer wieder auf­taucht…

Aleph ist das Kreuz, dessen waage­rechter Quer­balken schief ist: Sein Gleich­ge­wicht ist ge­stört, um eine Tätigkeit zu er­mög­lichen. Was das Kreuz mit vier gleich­langen Balken + an­be­langt, so symboli­siert es das ab­solute Gleich­ge­wicht zwi­schen den beiden männ­lichen und weib­lichen Prinzi­pien. Das Kreuz kann man aber auch anders zeich­nen. Aus dem Kreuz wird dann ein Schlüs­sel, der einem die Mög­lich­keit gibt, alle Tore des Uni­ver­sums zu öffnen. Der Schlüs­sel ist ein Ab­bild des Men­schen. So­lange man aber nichts über den Men­schen weiß, weiß man auch nicht, wie man das Uni­versum öffnen kann, denn das Uni­versum ist in Wirk­lich­keit nur der bis zum Maß der Un­end­lich­keit ausgedehnte Mensch.

Aleph kann man auch in ande­ren symboli­schen Formen finden, z.B. in Form eines Schafs, das ein Kreuz hält oder einer Schlan­ge, die von einem Pfeil durch­bohrt wird. Beide sind eine Ab­bil­dung von Aleph, aber zu­gleich auch eine Ab­bil­dung des Men­schen selbst. Schaut, wem gleicht denn das Ge­rippe des Men­schen mit der Wirbel­säule und dem Kopf, wenn das Fleisch ver­schwun­den ist?… Es sieht aus wie eine Schlan­ge. Und die Arme, die Quer­linie von Aleph, sind wie ein Pfeil, der eine Be­wegung dar­stellt, der auf die Rich­tung hin­weist, auf welche die Tätig­keit hin­zielt. Chris­tus, das WORT, ist nichts Ande­res als das le­bende Kreuz.

Was be­deutet das Lamm mit dem Kreuz? Das Lamm ist das zum Opfer dar­ge­brachte Tier, die Liebe. Im An­fang, vor der Er­schaf­fung der Welt, hat sich das Lamm auf­geop­fert, damit die Welt weiter­beste­hen könne. Ja, um Atome und Mole­küle zu­sammen­zu­halten war eine gegen­sei­tige An­zie­hungs­kraft not­wendig, und diese Kraft ist die Liebe. Des­halb steht ge­schrie­ben, Chris­tus sei das Lamm, das am An­fang der Welt auf­geop­fert wurde… Und diese Kraft, die der Welt er­mög­licht weiter­zu­beste­hen, findet man auf allen Ge­bieten des Lebens wieder. Durch sie können nicht nur alle chemi­schen Körper, alle Mole­küle usw. weiter­ beste­hen, son­dern auch alle mensch­lichen Ge­mein­schaf­ten, Fami­lien, Ge­sell­schaften und Natio­nen… Ohne Opfer gibt es nichts. Weiter­ beste­hen kann eine Ge­samt­heit nur dann, wenn sich jeder Be­stand­teil auf­opfert. Haltet das Opfer­ in der Viel­falt seiner Formen – Blicke, Worte, Zu­vor­kommen­heit, gegen­sei­tige Hilfe, Ver­zicht usw… – an, und alles wird sich auf­lösen und dahin­schwin­den. Wollt ihr, dass etwas lange an­dauert, dann nehmt Chris­tus, die Liebe als Basis.

Die prakti­sche Schluss­folge­rung aus dem, was ich euch über Aleph, den ersten Buchstaben sagte: Dass man nie etwas,  was immer es auch sei, unter­nehmen sollte, ohne vor­her ge­nau zu wissen, was für Kräfte man damit in Be­wegung setzt. Denn das Wesent­liche ist eben der An­fang. Das Aus­lösen von Kräf­ten oder Er­eig­nissen ist immer leicht. Sie zu lenken, zu orien­tieren, also zu be­herr­schen, ist aber höchst schwie­rig. Wären sich die Poli­tiker über dieses Ge­setz bewusster, dann würden sie sich die An­ord­nung be­stimm­ter Ver­ände­rungen länger über­legen. Viele, die eine revolu­tionäre Be­wegung aus­lösten, haben ge­glaubt, sie würden sie be­herr­schen können. Letz­ten Endes sind sie jedoch davon total über­rollt worden! Der Aus­druck »Zauber­lehr­ling« be­zeich­net genau den Men­schen, der durch seinen Leicht­sinn be­stimm­te Strö­mungen aus­löst, die er später weder be­herr­schen noch orien­tieren kann.

Sei es auf der physi­schen, Astral- oder Mental­ebene, ihr müsst wissen, dass eure Macht weder in der Mitte noch am Ende aller Dinge steht, son­dern am An­fang. Stellt euch vor, ihr steht auf einem Berg neben einem mäch­tigen Fels­block. Bringt ihr ihn zum Kippen oder zum Rollen, dann wird er euch sicher ge­hor­chen. Ihr habt also die Mög­lich­keit, den Block da an seinem Platz zu lassen oder ihn den Berg­hang hinun­ter­zu­stür­zen. Wenn ihr ihn zum Kippen bringt, wird er euch natür­lich ge­hor­chen. Aber dann ist es aus, ihr habt keine Macht mehr, er kann sogar unermesslichen Scha­den an­rich­ten. Ge­nau­so steht es mit euch, wenn der Zorn in euch aufsteigt. Ent­schließt ihr euch, ihn sofort zu unter­drü­cken, dann wird er nicht aus­bre­chen. Lasst ihr ihm aber freie Bahn, dann könnt ihr seiner nicht mehr Herr werden. Das stimmt auch für ge­wisse Vor­stel­lungen, die ihr in euch duldet: Am Ende sind sie nicht mehr aus­zu­rotten. Seid also wach­sam. Ihr dürft nie­mals ver­gessen, dass Tav von Aleph ab­hängt, das Ende ist vom An­fang ab­hängig. Seid wie der Magier, der bewusst ein magi­sches Ver­fahren unternimmt und sein Ziel ge­nau er­reicht.

Mit den Worten: »Ich bin Aleph und Tav« zeigt uns Chris­tus, auf welche Weise wir unsere Tätig­keit in An­griff nehmen soll­ten. Der An­fang, das ist der Himmel, die gött­liche Welt. Oben mit dem Himmel müssen wir also an­fangen und all­mäh­lich bis in die Mate­rie hinab­stei­gen. Wer mit der Mate­rie be­ginnt, um sich dann bis zum Himmel hinauf­zu­schwin­gen, geht Miss­erfolg und Leiden ent­gegen. Zwei einan­der lie­bende Men­schen müssen sich zu­erst auf der spiritu­ellen Ebene lieben, be­vor sie ihre Liebe auf der mate­riellen Ebene ausdrücken. Im All­gemei­nen machen aber Männer und Frauen ge­nau das Gegen­teil: Sie fangen mit Tav an und setzen Aleph ans Ende! Werden sie sich auf der spiritu­ellen Ebene lieben können, wenn alles zer­bro­chen ist? Bei allen Dingen muss man mit dem An­fang, mit dem Kopf be­ginnen.

Wenn die Kabba­listen das hebräi­sche Alpha­bet stu­dieren, unter­schei­den sie zu­erst drei Mutter­buch­staben (meis­tens »matres lectionis« ge­nannt): Aleph, Mem und Shin, die je­weils Luft, Wasser und Feuer ge­schaf­fen haben; dann sieben Doppel­buch­staben: Beth, Ghimel, Daleth, Kav, Pé, Resch und Tav, die die sieben Plane­ten er­schaf­fen haben, und zu­letzt zwölf ein­fache Buch­staben: Hé, Vav, Zaïn, Heth, Teth, Jod, Lamed, Nun, Samesch, Aïn, Tsadé und Qof, die die zwölf Stern­bilder er­schaf­fen haben. Die zwei­undzwan­zig Buch­staben be­inhal­ten die Gesamtheit der Schöp­fung.

Selbst­ver­ständ­lich sind diese Buch­staben nur der mate­rielle Aus­druck abstrak­ter Prinzi­pien. Beim Spre­chen oder Schrei­ben setzt ihr, ge­nau wie Gott, Buch­staben und Wörter zu­sammen, ihr werdet da­durch zum Schöp­fer. Auf diese Weise könnt ihr in den Men­schen Freude und Ver­trauen, Liebe und Licht her­vor­zu­rufen, wie auch Kummer, Be­trüb­nis, Krank­heit und Ver­zweif­lung. Im zwei­ten Fall hat man nicht mit Schrift und Wort zu tun, son­dern mit Ge­schmie­re und Kauder­welsch. Die wahr­haf­tige Ent­wick­lung be­steht darin zu er­lernen, wie man im Hin­blick auf gött­liche Er­geb­nisse von Schrift und Wort, Formen und Bildern Ge­brauch machen kann, d.h. wie die Ele­mente des WORTS in An­griff ge­nommen werden müssen, damit nur das Gute, das Schöne, das Rich­tige zu­stan­de kommt. Wer auf diesem Ge­biet völlig be­wusst arbei­tet, wirkt an Gottes Werk mit; es kommt dann ein­mal der Tag, an dem er als Arbei­ter Gottes an­ge­stellt wird. Denn der Schöp­fung­spr­ozeß ist noch nicht zu Ende. Der Schöp­fer arbei­tet weiter daran und braucht Arbei­ter, die Ihm etwas Sand und Gips herbei­schaf­fen. »Nur das?« werdet ihr sagen. Ja, und emp­findet es nicht als eine Be­leidi­gung, uns wird Er be­stimmt nicht für die Haupt­rolle aus­erwäh­len, aber auf wel­chem Niveau es auch ge­sche­hen mag, es ist ehren­voll an dieser gött­lichen Arbeit mit­zu­wirken.

Vertieft euch in das von Gott ge­gebene Leben, befasst euch mit dessen Manifes­tationen, so wie vor Gott selbst, sagt: »Zu­künf­tig werde ich wach­sam sein und beim Spre­chen und Han­deln nur darauf hin­zielen, die ge­samten Krea­turen zu be­leben und zu be­ruhi­gen, zu er­leuch­ten und zu er­wärmen, sie zu er­muti­gen und zu stär­ken.« Bei diesem Ent­schluss be­ginnt schon das WORT seinen Platz in euch zu finden, und ihr werdet euch über die Fülle der euch von Gott ge­schenk­ten Ele­mente immer klarer und klarer werden. Ihr wisst noch nicht, wel­chen Ge­brauch ihr davon machen könnt. Aber allmählich spürt ihr, wie diese Ele­mente euch immer mehr zu Diens­ten zu stehen: Dann werdet ihr sehr mäch­tig. Ihr dürft euch aber auch nicht damit be­gnügen, nur gute und schöne Worte aus­zu­spre­chen. Ihr müsst diese Worte bis zu ihrer Ver­wirkli­chung, bis zu ihrem Ende führen. Nur unter dieser Voraus­set­zung werden sie zu »wahr­haftig wahren Wahr­heiten.«

Nun möchte ihr euch etwas Persön­liches er­zählen. Ich war damals sieb­zehn und spürte in mir das Be­dürf­nis nach einer Form, nach einer geo­metri­schen Figur, die beim An­schau­en Harmo­nie und Frie­den in mir her­vor­rufen würde. Nach einer Zeit­lang ent­schloss ich mich für den Kreis. Den Radius des Krei­ses nahm ich als Maß und teilte den Um­kreis in sechs Teile. Das gab mir die Mög­lich­keit, sechs Kreise zu zeich­nen, daraus er­gab sich eine Ro­sette. Die sechs Kreise färbte ich mit den sechs Farben des Pris­mas: vio­lett, blau, grün, gelb, orange und rot. Als ich diese Zeich­nung be­trach­tete, ver­setzte sie mich in Ent­zücken. Für mich war sie das Symbol der Voll­kommen­heit. Nach eini­ger Zeit kam es mir vor, als fehlte noch etwas dabei. Als ich ver­suchte heraus­zu­finden, was es war, spürte ich mich von einer ge­heim­nis­vollen Im­puls ge­trie­ben und be­gann unter der Ro­sette den An­fang des Johan­nes-Evange­liums nieder­zu­schrei­ben: »Im An­fang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht was gemacht ist.« Warum gerade diese Worte? War ich denn be­son­ders damit ver­bunden? Ich darf nicht daran zwei­feln und habe mein Leben lang darü­ber nach­ge­dacht. Heute weiß ich, warum ich meine Zeich­nung auf solche Weise er­gänzt habe…

Der hei­lige Johan­nes ent­hüllte die Myste­rien des göttlichen Wortes, das einem die Mög­lich­keit gibt, auf die Natur­kräfte ein­zu­wirken. Darin be­steht seine Lehre. Wenn sich die Chris­ten heutzu­tage von dieser Lehre ab­wenden und sich damit be­gnügen, ledig­lich mit dem Pfar­rer oder dem Küster zu kommuni­zieren, ist das ihre Sache. Die Chris­ten haben die Geheimnisse des göttlichen Wortes, die alle Ge­heim­nisse des Uni­ver­sums mit ein­bezie­hen, ver­gessen. Ihr erin­nert euch an die Ver­spre­chungen, die – in den ersten Kapi­teln der Apo­ka­lypse – in den Briefen an die ver­schie­denen Ge­mein­den ge­macht wurden: »Wer siegt, dem werde ich von dem ver­borge­nen Manna geben. Ich werde ihm einen weißen Stein geben und auf diesem Stein steht ein neuer Name, den nur der kennt, der ihn emp­fängt«… »Wer siegt, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens, der im Paradies Gottes steht«… Wer siegt wird ebenso mit weißen Ge­wän­dern be­klei­det werden«… »Wer siegt, dem werde ich zu einer Säule im Tempel meines Gottes machen«… »Wer siegt, der darf mit mir auf meinem Thron sitzen…« All diese Ver­spre­chungen stel­len eine Ein­wei­hung in die Myste­rien des WORTES dar.

Sèvres, den 2. März 1958

Band 320 aus der Reihe Broschüren
ISBN 978-3-89515-034-7
64 Seiten, Paperback
4,00 Euro

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Leseprobe Izvor 214 »Liebe, Zeugung und Schwangerschaft«

Leseprobe Izvor 214 »Liebe, Zeugung und Schwangerschaft«vom O. M. Aivanhov, Kapitel 4 und 7 - ISBN 978-3-89515-042-5, 208 Seiten, 12,00 Euro.

Leseprobe Izvor 214 »Liebe, Zeugung und Schwangerschaft«

Rückentext des Buches »Liebe, Zeugung und Schwangerschaft – Die geistige Galvanoplastik und die Zukunft der Menschheit«:

»Im Universum gibt es zwei Grundprinzipien, die sich in allen Erscheinungsformen der Natur und des Lebens wiederfinden. Die gesamte Schöpfung ist das Werk des männlichen und weiblichen Prinzips. Wenn sie fruchtbar sein wollen, müssen diese beiden Prinzipien zwangsläufig miteinander arbeiten, denn getrennt können sie nichts erschaffen. Deshalb suchen sie sich ständig gegenseitig. Nichts ist für ein Geschöpf wesentlicher, als die Begegnung mit seinem ergänzenden Prinzip. Die gesamte Schöpfung beruht auf diesen beiden Prinzipien, die sich von den zwei schöpferischen Urprinzipien des Kosmos ableiten: dem Himmlischen Vater und der Göttlichen Mutter. Überall in der Natur wirken diese Prinzipien in unterschiedlichen Formen und Dimensionen. Sie existieren auch im Menschen selbst, und zwar nicht nur in seinem physischen Körper, sondern auch in seiner Psyche. Geist und Verstand stellen das männliche, Seele und Herz dagegen das weibliche Prinzip dar. Die geistige Galvanoplastik ist die bewusste Anwendung dieser beiden Prinzipien im Innern des Menschen.«

Omraam Mikhael Aivanhov

 

Inhaltsverzeichnis:

Kapitel 1: Die geistige Galvanoplastik

Kapitel 2: Mann und Frau, Abbild des männlichen und weiblichen Prinzips

Kapitel 3: Die Ehe

Kapitel 4: Lieben ohne Besitzanspruch

Kapitel 5: Wie man der Liebe eine edlere Ausdrucksform gibt

Kapitel 6: Nur die geistige Liebe schützt die menschliche Liebe

Kapitel 7: Der Liebesakt aus der Sicht der Einweihungslehre

Kapitel 8: Die Sexualkraft, Bestandteil der Sonnenenergie

Kapitel 9: Die Zeugung eines Kindes

Kapitel 10: Die Schwangerschaft

Kapitel 11: Die Kinder von Verstand und Herz

Kapitel 12: Die Frau soll ihren wahren Platz wieder einnehmen

Kapitel 13: Das Reich Gottes, Kind der kosmischen Frau

 

Kapitel 4
Lieben ohne Besitzanspruch

Viele Ehepaare, die zu mir kommen, beklagen sich über die Untreue ihres Partners. Wenn ich ihre Anschuldigungen nachprüfe, stelle ich jedoch fest, dass es reine Einbildung war. Warum macht man eigentlich solche Geschichten? Weil man im Grunde Angst hat, die geliebte Person zu verlieren. Und mit welchem Genuss, mit welchem Vergnügen versucht man, den anderen aus der Fassung zu bringen und zu quälen! »Liebling, ich quäle dich nur deshalb, weil ich dich liebe…« Eine seltsame Logik!

Es kommt aber auch vor, dass eine Frau unzufrieden und unglücklich ist, wenn ihr Mann nicht eifersüchtig ist. Sie weiß, dass er sie liebt, dass er es an nichts fehlen lässt, und ihr sogar die Freiheit gibt, aber anstatt sich zu freuen, macht sie sich Sorgen und verdächtigt ihn, eine Freundin zu haben. Soll er sie anketten und sich ihr gegenüber wie ein Drache benehmen, damit sie glücklich ist? Es gibt Frauen, die mit solchen Drachen zusammenleben, aber auch sie sind unglücklich. Glaubt mir, man kann es den Menschen nie recht machen. Wenn ein Mann seiner Frau die Freiheit lässt, beschwert sie sich: »Warum überwacht er mich nicht, warum gibt er mir so viel Freiheit? Er liebt bestimmt eine andere! » Und wenn ihr Mann ein Despot, ein Tyrann ist, jammert sie und sucht sich einen anderen, der sie befreit. Manche Menschen wollen ihren Mann oder ihre Frau für sich allein besitzen und haben Angst, sie zu verlieren, sobald sie anderen ein wenig Zuneigung entgegenbringen. Sie werden eifersüchtig und befürchten, dass ihr vermeintliches Eigentum ihnen entkommt. Aber wo steht geschrieben, dass euer Mann oder eure Frau euer Eigentum sind? Ihr kennt sie seit zwei oder zehn Jahren, aber sie sind lange bevor ihr sie kennen gelernt habt geschaffen worden. Sie haben Eltern, sie haben einen Schöpfer, sie existieren bereits seit Millionen von Jahren und gehören nicht euch. Der Mann sagt: »Das ist meine Frau! » Ja, sie ist Ihre Frau, aber für wie lange? Das weiß nur Gott allein! Ihr seid ganz einfach Partner. Wenn ihr schwerwiegende Missverständnisse oder gar großes Unglück vermeiden wollt, dann seht den anderen als euren freiwilligen Partner an – oder unfreiwilligen, das geht aus der Geschichte nicht hervor. Ihr seid Partner, um eine bestimmte Arbeit zu verrichten, um zum Beispiel ein Haus zu bauen. Ja, wenn ihr ein Kind zeugt, ist es genau das gleiche, wie wenn ihr ein Haus baut. Das Kind ist ein Geist, der von sehr weit herkommt, und ihr baut ihm Stein um Stein ein Haus, seinen Körper.

Die Angst, das geliebte Wesen zu verlieren ist die Ursache vieler Missverständnisse. Ihr müsst von vornherein wissen, dass der andere euch nicht gehört. Ihr wollt ihn mit allen Mitteln an euch binden, ihr quält ihn, tut ihm Gewalt an und drängt ihm euren Willen auf. Aber was erreicht ihr in Wirklichkeit damit? Angenommen, ihr habt eine sehr hübsche Frau geheiratet. Könnt ihr verhindern, dass andere Männer sie ansehen, sie bewundern und ihr sogar nachlaufen? An Gelegenheiten fehlt es nicht; auf der Straße, im Theater in Gesellschaft, bei Freunden, überall sieht jeder eure Frau an, und wenn ihr nicht vernünftig seid, müsst ihr leiden. Es ergeht euch genauso wie jemandem, der einen Park voller Blumen besitzt. Er kann nicht verhindern, dass die Blumen ihren Duft verbreiten und alle Welt ihn einatmet. In Wirklichkeit ist das, was ihr so eifersüchtig bewacht, nur der Körper des geliebten Wesens, eine Hülle, eine Schale… Der wahre Wert, die Essenz, das heißt Gedanken und Gefühle des Menschen können nicht eingeschlossen werden. Es ist die größte Täuschung zu glauben, dass man eine menschliche Seele gefangen halten kann. Ebenso wenig wie man den Sand oder den Wind in Ketten legen kann, kann man über die Seele herrschen. Man vermag sich vielleicht des physischen Körpers zu bemächtigen, nicht aber dieses geheimnisvollen Wesens, das in ihm wohnt.

Es gibt Menschen, die einen Mann oder eine Frau durch Zauberkunst an sich binden wollten. So etwas ist möglich: es gibt allerlei Sprüche und magische Verfahren, durch die man Menschen verhexen kann, aber ich rate niemandem, solche Methoden anzuwenden. Warum nicht? Angenommen, ihr erreicht durch solche Gewalt, dass eine Frau euch liebt. Vielleicht verliebt sie sich sogar unsterblich in euch… Zwischen Himmel und Erde ist alles möglich! Ihr wisst jedoch nicht, was sie gleichzeitig auf euch überträgt, wenn sie euch küsst oder euch das gibt, was ihr von ihr erwartet. Die durch die Macht eurer Sprüche angezogenen Geister haben sich in ihr niedergelassen, und es ist nicht ihr Geist, der euch liebt, sondern diese niederen Wesenheiten. Wenn ihr sie sehen könntet, würden euch die Haare zu Berge stehen und ihr würdet den Himmel anflehen, euch von ihnen zu befreien. Menschen zu verhexen, ist keine gute Methode. Gewiss, ihr bekommt, was ihr wolltet, aber wenn ihr von den Lippen dieser Frau die Liebe zu trinken glaubt, trinkt ihr in Wirklichkeit ein Gift, das euch nach und nach zugrunde richtet. Man kann vielleicht die Wesen der Astralwelt heraufbeschwören und ihnen seinen Willen auf zwingen, aber der Geist ist frei und kann weder angebunden noch in Ketten gelegt werden.

Was bedeutet also die Angst, die Schale, den Körper, das Gehäuse eines Menschen zu verlieren im Vergleich zu der Freude, seinen Geist zu gewinnen und ihn an seiner Seite zu haben? Ihr sagt, dass es das Beste wäre, sie alle beide zu besitzen: Geist und Körper. Ja, das kann ich verstehen, aber um das zu erreichen, gibt es andere Methoden. Mit Gewalt erreicht ihr nichts. Im Gegenteil, durch solche Mittel verliert ihr beide. Ihr braucht eine andere Einstellung, damit der freie Geist sich derart an euch bindet, dass er durch nichts von euch getrennt werden kann. Hier beginnt die Wissenschaft der Liebe. Wenn ihr erreichen wollt, dass jemand euch freiwillig und ohne Zwang liebt, gibt es nur ein unschädliches Mittel: ihr dürft nie negativ über ihn denken und müsst ihm stets herrliche, lichtvolle und reine Gedanken zusenden. Seid geduldig, auch wenn er hart und böse ist, ertragt alles und hört nicht auf, ihm zu helfen und ihn zu lieben. Wenn euch tatsächlich so viel an ihm liegt, wird auch er euch früher oder später eine reine, göttliche Liebe entgegenbringen.

Jemand wendet ein: »Ja, aber wenn man seine Frau nicht eifersüchtig bewacht, stellt sie Dummheiten an.« Da täuscht ihr euch. Im Gegenteil, gerade wenn ihr sie eifersüchtig bewacht, macht sie am meisten Dummheiten. Könnt ihr in ihren Kopf, in ihr Herz sehen, um zu wissen, was dort vor sich geht? Eine Frau kann so gut lügen, dass sie sogar den lieben Gott betrügen würde, und der Dummkopf von Ehemann bildet sich ein, er könne sie beaufsichtigen! Eines glaube ich ganz gewiss nicht, nämlich dass ein Mann seine Frau überwachen kann. Sie kann sich selbst überwachen, ja, aber nicht er. Selbst wenn er sie in einen Turm einsperrte, würde sie den Teufel herbeirufen und sich mit ihm amüsieren, um sich an ihrem Mann zu rächen.

Eifersucht führt immer zu Katastrophen. Wenn die Frau ständig von ihrem Mann hört: »Du betrügst mich… du bist mir untreu…«, wird sie sich eines Tages schließlich sagen: »Das möchte ich ausprobieren, es ist sicher aufregend!« Bislang war sie ihm treu und dachte nicht daran, ihn zu betrügen; aber durch seine Verdächtigungen hat der Mann auf der Astral ebene selbst die Voraussetzungen dafür geschaffen. Und wenn sie sich einmal entschlossen hat, ihn zu betrügen, tut sie es nicht nur, sondern weiß obendrein seine Befürchtungen mit erstaunlicher Überzeugungskraft zu beschwichtigen: »Mein Liebling, du kannst beruhigt sein, ich sage dir die Wahrheit…« Und während er ihr nicht glaubte, als sie ihm die Wahrheit sagte, glaubt er ihr nun, wo sie ihn anlügt.

Eifersucht ist Mangel an Verständnis. Verbissen bewacht man sein »Eigentum«, ohne zu bemerken, dass die Seele und der Geist des Körpers, den man so eifersüchtig sein Eigen nennt, vollkommen frei sind. Sobald ihr erkennt, dass in dem geliebten Menschen ein feinstoffliches Prinzip wohnt, zu dem ihr eine Beziehung aufnehmen müsst, weitet sich euer Verständnis und ihr verhaltet euch ihm gegenüber viel feinfühliger und einsichtiger. Und sobald er sieht, dass ihr seine Freiheit respektiert, ihm keine Gewalt antut und er euch vertrauen kann, bindet er sich langsam immer stärker an euch. Wenn die Angst schwindet, seid ihr nicht mehr so angespannt, grob, böswillig und rachsüchtig; ihr seid ruhiger und findet Lösungen für die Probleme, die auf euch zukommen.

Nehmen wir sogar einmal an, eure Frau liebt euch nicht mehr. Sagt euch in diesem Fall, dass ihre Seele frei ist und nicht ewig bei euch bleiben wird; vor euch hat sie in früheren Inkarnationen bereits Hunderte von Männern geliebt und nach euch wird sie noch andere lieben. Warum zerbrecht ihr euch den Kopf, wenn sie euch nicht mehr liebt? Werdet ihr sie denn immer lieben? Habt ihr sie seit Anbeginn der Schöpfung geliebt?… Nein. Also bleibt ruhig und vergegenwärtigt euch, dass es ungerecht ist, von einem anderen Wesen alles zu erwarten, während ihr euch selbst frei fühlt, das zu tun, was euch gerade in den Sinn kommt.

Die Eifersucht ist ein schreckliches Gefühl. Es verdunkelt den Geist und wirft den Menschen in sehr niedere Sphären, in denen die Sinnlichkeit entfesselt wird. Eine Eifersuchtsszene endet immer in einem Impuls heftiger, sinnlicher Liebe, die jedes Mal stürmischer ist als zuvor. Wenn ihr also nicht unter den Einfluss einer entfesselten Sinnlichkeit geraten wollt, solltet ihr keine Eifersucht äußern, denn sonst seid ihr nachher wie verhext und wisst nicht einmal, wie es so weit gekommen ist. Wie oft haben nicht schon Männer, nachdem sie ihren Frauen oder Freundinnen einen fürchterlichen Auftritt gemacht und geschworen hatten, sie zu verlassen, sich in einem unwiderstehlichen Sexualdrang vor ihr gedemütigt und ihre ganze Würde aufgegeben, um eine einzige Liebkosung zu erhalten!… Die Eifersucht ist der schlechteste Ratgeber der Hölle; sie treibt die Menschen zu sinnlosen Taten, die sie nachher, wenn es zu spät ist bereuen. In rasender Eifersucht tötet man seine Geliebte, weint später und bringt sich selbst um.

Der Schüler einer Einweihungsschule muss die Eifersucht überwinden. Er sollte sich schämen, weiterhin von solchen Sorgen und Ängsten beherrscht zu werden. Wenn seine Frau ihn verlässt sollte er nachdenken und sich sagen: »Es ist traurig, dass ich meine Frau verloren habe; es tut mir weh, aber ich habe noch den Himmel, Gott, das Licht, die Lehre, den Meister. Wie reich ich bin!« Wenn ihr nur ein Brot habt, könnt ihr nicht großzügig sein; wenn ihr aber viele Brote habt, könnt ihr sie verteilen und wisst, dass ihr trotzdem nicht hungern müsst. Eifersucht ist ein Zeichen der Armut. Wer innerlich reich ist, hat keine Angst, allein zu bleiben; selbst wenn alle ihn verlassen, spürt er, dass Hunderte, ja Tausende von Geistern ihn weiterhin besuchen. Eine der besten Methoden, sich von der Eifersucht zu befreien, besteht darin, die Liebe auf eine höhere Ebene zu erheben. Warum will eine Frau ihren Mann, den sie um seiner Intelligenz, seines Wissens, seines Geistes und seiner Güte willen liebt, der ganzen Welt bekannt machen? Warum ist sie glücklich, wenn jeder bei ihm Aufklärung und Wärme sucht?… Weil ihre Liebe von anderer, erhabenerer ist als die gewöhnliche Liebe einer Frau, die einen Mann rein körperlich wegen seines süßen kleinen Bartes oder seiner eindrucksvollen Muskeln liebt!

Es ist wichtig, seine Liebe umwandeln zu können. Ihr müsst wissen, dass eine sehr sinnliche Liebe untrennbar mit Eifersucht verbunden ist. Je mehr ihr jemanden rein körperlich liebt, desto mehr wollt ihr ihn für euch allein besitzen, und schon ist die Eifersucht da. Je mehr ihr jemanden auf geistiger Ebene liebt, desto mehr wollt ihr ihn den anderen geben und mit ihnen die Freude teilen, ihn zu lieben. Heiraten ist wunderbar, aber wenn ihr Leid vermeiden wollt, müsst ihr eine Grundregel kennen: betrachtet eure Frau oder euren Mann nie als euer Eigentum, ihr stoßt sonst auf große Widersprüche, denn in einem bestimmten Augenblick werdet ihr immer merken, dass der andere euch nicht gehört. Er existierte bevor er euch kannte und wird auch nach euch existieren. Ein anderer hat ihn geschaffen und nicht ihr. Betrachtet ihn also in diesem Leben als einen Partner und denkt daran, dass er frei ist! Wenn er etwas für euch tun will, freut euch, aber kein Gesetz kann ihn dazu zwingen. Er ist einzig und allein aus eigenem, freiem Einverständnis mit euch verbunden. Vor euch war er mit anderen zusammen, und eure Beziehung zu ihm ist nicht ewig; wenn sie es wäre, wäre er eure Schwesterseele und ihr würdet in vollkommener Harmonie miteinander leben. Da dies nicht der Fall ist, kanntet ihr euch vorher nicht und begegnet euch jetzt vielleicht zum ersten Mal.

Jede Frau hat schon so viele Ehemänner gehabt, dass die Ärmste sich gar nicht zurechtfinden würde, wenn sie sie alle aufzählen sollte. Ebenso hat auch der Mann schon unzählige Frauen gehabt, und es ist gar nicht gesagt, dass er in der nächsten Inkarnation die gleiche wieder trifft. Also braucht man sich keine Illusionen oder Sorgen zu machen. Männer und Frauen sollten sich sagen: »Gut, wir sind Partner, wir wollen unser Bestes tun und ehrlich sein. Das ist alles!« Wenn sie sehr gute Beziehungen zueinander herstellen, können sie wieder zusammen sein, warum nicht? Ihr seht, wie alles sich aufklärt. Diese Wissenschaft ist genauso unendlich wie das Leben selbst. Ich habe das Gefühl, noch nicht genug über dieses Thema gesagt zu haben, wie übrigens auch über alle möglichen anderen Themen. Aber ich hoffe, dass wir diese Probleme mit der Gnade des Himmels und eurem guten Willen mehr und mehr klären können, damit ihr Söhne und Töchter Gottes werdet und glücklich und frei seid. Ja, glücklich, frei und in Frieden, selbst mit euren Frauen, euren Männern und euren Kindern!…

 

Kapitel 7:
Der Liebesakt aus der Sicht der Einweihungslehre

Die geschlechtlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau sind nicht an sich schlecht. Wenn dies so wäre, warum äußerte die Natur sich dann seit Anbeginn der Schöpfung bei allen Geschöpfen auf diese Art und Weise? Wäre der Geschlechtsakt an sich verwerflich, hätte die Natur ihn nicht geduldet, und der Himmel hätte schon längst alle diejenigen ausgerottet müssen, die ihn vollziehen. Nein, der Geschlechtsverkehr als solcher ist weder gut noch schlecht; er wird allein durch die dahinter stehende Absicht kriminell oder heilig. Wir können zum Vergleich die Frage stellen: Was ist wichtiger, der Wasserhahn oder das durch ihn hindurchfließende Wasser? Der Wasserhahn mag aus Gold sein, aber was nützt dies, wenn das Wasser schmutzig ist. Wichtig ist also, dass das Wasser rein ist. Nun, eine schlechte Absicht gleicht schmutzigem und eine gute Absicht kristallklarem, belebendem Wasser. Es kommt also nicht auf Gesten oder Organe an, sondern auf die Beschaffenheit der psychischen Kräfte, Energien, Ausstrahlungen und Essenzen, die von Mann und Frau während des Liebesaktes ausgehen.

Wenn ein Mann nicht an sich gearbeitet hat, um edler und reiner zu werden, wenn er egoistische und unehrliche Absichten hegt, lädt er Schuld auf sich, auch wenn er mit dem Akt selbst wartet, bis er verheiratet ist. Sein Verhalten wird vielleicht anerkannt und allgemein gebilligt – die Familie bereitet ein Festessen, das Standesamt gibt ihm das Recht und die Kirche ihren Segen –, aber die Natur verurteilt ihn. Denn was überträgt er auf seine Frau? Krankheiten, Laster und schädliche Einflüsse, das ist alles. Auch wenn jeder sein Handeln gutheißt, sprechen die Gesetze der lebendigen Natur sich gegen ihn aus, weil er seine Frau beschmutzt. Umgekehrt macht man euch vielleicht Vorwürfe, weil ihr sexuelle Beziehungen unterhaltet, ohne verheiratet zu sein, wenn ihr jedoch die Seele der geliebten Frau mit himmlischem Segen erfüllt, sind oben alle Engel begeistert.

Was gut oder schlecht ist, ergibt sich nicht aus der Beachtung oder Nichtbeachtung der Konvention, sondern aus der Beschaffenheit und Qualität dessen, was ihr gebt. Der Himmel kümmert sich nicht darum, ob die Vereinigung von Mann und Frau legal oder illegal ist, ihn interessiert nur, was sie sich gegenseitig für ihr Wohl, ihren Aufbau und ihre Weiterentwicklung geben. Der Himmel urteilt nach diesen Maßstäben, denn sie sind die wesentlichen. Die Menschen sollten an sich arbeiten, sich reinigen, sich in Harmonie bringen und sich vervollkommnen, damit der Himmel sich durch ihre Nachkommen äußert, wenn sie einmal welche haben. Auch die Eingeweihten, die nicht heiraten, arbeiten ständig an ihrer Reinigung und Durchlichtung, um göttliche Wesen zu werden, sie kümmern sich nicht um die Meinung ihrer Umwelt, die die Alleinstehenden kritisiert. Übrigens sind sie in Wirklichkeit gar nicht alleinstehend. Aber auf dieses Thema komme ich später zurück.

In Fachbüchern über Medizin, Hygiene oder Sexualerziehung findet ihr genügend Einzelheiten über die Sexualität. Es gibt eine umfangreiche Literatur zu diesem Thema, die ich aber nie durchgegangen bin; erstens, weil ich keine Zeit dazu habe, hauptsächlich aber, weil es mich nicht interessiert, den Geschlechtsverkehr vom rein anatomischen, physiologischen oder, wenn ihr wollt, »technischen« Standpunkt aus zu betrachten. Diese Bücher enthalten alles – bis auf das, was ich euch enthülle: nämlich den geistigen Aspekt dieses Aktes. Denn die Liebe ist kein Vergnügen, sondern eine gewaltige, prachtvolle Arbeit des Wiederaufbaus, der Auferstehung und Vergöttlichung.

Die Geschlechtsorgane sind die Wurzeln der Menschen. Wenn man sie wahllos benutzt, kann man damit dem ganzen Wesen schaden, denn die Wurzeln sind sehr wichtig – alles hängt von ihnen ab, alles kommt von ihnen her. Gerade sie geben der Gesamtpersönlichkeit Farbe und bestimmen die Nuancen von Temperament und Charakter. Betrachtet allein schon die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Viele Äußerungen ihres physischen, affektiven, sittlichen und intellektuellen Lebens haben ihren Ursprung – ihre Wurzeln in den sogenannten »intimen Körperteilen«. Sie stellen so etwas wie eine Zusammenfassung von Mann und Frau dar. So liegt es zum Beispiel in der Natur der Frau, alles sammeln und bewahren zu wollen, wohingegen der Mann seinem Wesen nach verschwenderisch ist. Jeder hat dies beobachten können, aber niemand kennt den Ursprung dieser Eigenheiten. Im Grunde ist es klar, aber die Menschen können einfach keine Analogien herstellen. Der Charakter von Mann und Frau erklärt sich durch die Gestaltung ihrer Geschlechtsorgane. Die Frau bewahrt, häuft an; ihre Aufgabe liegt im Ansammeln, Behüten und Erhalten. Natürlich gibt es auch verschwenderische Frauen, aber das sind dann keine wahren Frauen, sondern verkleidete Männer! Die kosmische Intelligenz hat der Frau also aus einem ganz bestimmten Grund die Eigenschaft gegeben, alles anzuziehen und zu bewahren: sie darf nichts verschleudern, denn sonst könnte kein Kind entstehen. Wenn der Mann dagegen verschwenderisch ist, ist dies aus der Sicht der Natur weniger schwerwiegend, denn er hat noch »Rohstoffe«. Viele Körner und Samen sind notwendig, um überhaupt etwas zu ernten. Der Mann muss großzügig sein, damit wenigstens eine Geburt zustande kommt; denn es könnte sein, dass alles zerstreut würde oder auf unfruchtbaren Boden fiele. Wenn die Frau dagegen genauso freigebig wäre wie der Mann, würde dies Unfruchtbarkeit bedeuten; deshalb bewahrt sie das Wenige, das sie bekommt, sorgfältig auf.

Diese körperlichen Gegebenheiten, das Bewahren und Verschwenden wiederholen sich auch in den Charakterzügen von Mann und Frau. Die Frau muss etwas in den Händen haben – zuerst den Ehemann, dann die Kinder. Wenn sie den Mann nicht halten kann, klammert sie sich an das Kind. Solange es klein ist und ihren Schutz braucht, ist sie glücklich, denn dann kann sie es für sich behalten. Sobald es je doch erwachsen sein wird, entgleitet ihr auch das Kind, und sie ist wiederum unglücklich, weil sie nichts mehr besitzt. Dieser Besitzdrang der Frau kompliziert alles. Ihr fragt: »Aber will der Mann denn nicht besitzen?« Nein, er will, grob gesagt, im körperlichen Bereich nur genießen; besitzen bedeutet für ihn: ausnutzen und sich davonmachen. Die Frau will dagegen den Mann an sich binden und ist erst dann gewillt, ihm alles andere zu geben. Der Mann sagt: »Mach dir keine Sorgen, nachher bringen wir alles in Ordnung; lass uns erst einmal die Liebe genießen.« Aber da die Frau nicht dumm ist, weiß sie, dass er sie verlässt, wenn sein Verlangen befriedigt ist, und deshalb sagt sie: »Nein, zuerst musst du unterschreiben!« Sie zwingt ihn so, einen Vertrag abzuschließen und sich zu verpflichten.

Die Sexualität ist ein sehr ergiebiges und vielseitiges Thema. Man kann sie aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachten (was man übrigens auch tut): aus organischer, physiologischer, psychologischer, sozialer, sittlicher und religiöser Sicht. Nur den Standpunkt der Einweihungswissenschaft kennt man noch nicht, denn er ist eigentlich nie richtig dargelegt worden.

Man hat mir von Versuchen erzählt, die Forscher und Mediziner durchgeführt haben. Um die physiologischen Phänomene während des Liebesaktes zu studieren, haben sie zum Beispiel an den verschiedenen Körperteilen von zwei freiwilligen Testpersonen – einem Mann und einer Frau – Elektroden angeschlossen. Ein Wirrwarr von Kabeln verbindet die beiden mit einem Aufzeichnungsgerät, und die ganze Apparatur zeigt Diagramme ihrer verschiedenen Reaktionen während sie sich mitten in diesem Kabelsalat »lieben«. Da es mehr und mehr sogenannte emanzipierte Menschen gibt, die sich von allen alten moralischen Vorurteilen befreit haben, gibt es für derartige Versuche anscheinend Hunderte von Freiwilligen. Fraglich ist, ob die sogenannten »Forscher« tatsächlich nur die Diagramme beobachten. Was in ihnen vorgeht, wird nicht erwähnt. Sicherlich haben auch sie interessante Reaktionen zu verzeichnen und es ist schade, dass sie selbst nicht auch an solche Geräte angeschlossen sind… Aber ganz unabhängig vom Resultat ihrer Beobachtungen, sind sie noch weit von den Enthüllungen der Einweihungswissenschaft über die Liebe entfernt.

Auch wenn die Wissenschaftler eines Tages die physiologischen Reaktionen bis in alle Einzelheiten kennen, wissen sie nichts von der Liebe, solange sie nicht den feinstofflichen Bereich, die Ausstrahlungen, die Ausströmungen, die ätherischen und fluidischen Schwingungen studiert haben. Sie ahnen ja nicht einmal, dass solche Phänomene überhaupt existieren. Nun, mich interessiert gerade dieser Aspekt des menschlichen Wesens, denn er ist der wichtigste: zu wissen, in welche Richtung die Energien während des Geschlechtsverkehrs ausgestrahlt werden, was sie an Schäden und Zerstörungen oder Aufbauendem und Großartigem in der Welt anrichten und wer sich diese Energien aneignet. Sind sie symbolisch gesehen nicht wie Vulkanausbrüche, deren Niederschläge so manches verschütten und ganze Städte unter sich begraben?… Männer und Frauen sollten deshalb folgendes wissen: Wenn sie nur auf Vergnügen aus sind, fangen gewisse niedere Wesenheiten – Elementargeister, Larven und unterirdische Naturkräfte – diese Energien auf und halten auf Kosten der Menschen ein Festmahl.

Ja, Männer und Frauen müssen wissen, dass sie durch ihre Sinnlichkeitsexzesse böswillige Wesenheiten, Larven und Elementargeister nähren, die die Menschheit entzweien und vernichten. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Wesenheiten – nicht nur Larven, sondern auch niedere Seelen und nicht verkörperte Menschen – sich in Nachtclubs und sonstigen Stätten des Lasters aufhalten und bei diesem Festmahl die dort vorhandenen Energieströme aufsaugen. Ja, Menschen, die ihre Begierden während ihres Erdenlebens nicht befriedigen konnten, besuchen solche Orte, um sich von den grobstofflichen Ausstrahlungen dieser dem Laster ergebenen Menschen zu ernähren.

Die Eingeweihten haben all dies seit langem studiert. Wenn Mann und Frau ihrer Liebe ein niedriges Ziel setzen und nur das Vergnügen suchen, öffnen sie damit den niederen Wesenheiten eine Tür, durch die sie sich einschleichen und in kürzester Zeit in ihrem Innern beträchtliche Schäden und Verwüstungen anrichten! Die geistige Liebe dagegen verjagt schädliche Wesenheiten und nährt die Engel und Erzengel, die die Menschheit retten wollen. Die Energien der sind göttliche Energien, die wieder zur göttlichen Welt zurück kehren müssen und muss zur göttlichen Welt zurückkehren. Wenn Liebende sich dieser Wahrheit bewusst sind, leiten unzählige intelligente Naturkräfte diese Energien weiter und verwenden sie zum Wohl der ganzen Menschheit, ja, des ganzen Kosmos.

Es kommt also zuallererst auf das Ziel an. Wenn Mann und Frau sich im Bewusstsein der Erhabenheit dieses Aktes vereinigen, können sie mit diesen Energien eine gewaltige Arbeit leisten. Engel und höhere Wesen nutzen diese Energien und helfen den beiden Menschen, die unablässig schöner und stärker werden. Es gibt darüber eine ganze Wissenschaft, die früher in Ägypten und Indien, hauptsächlich aber in Tibet bekannt war. Wer diese hohen Wahrheiten umsetzte, war sogar in der Lage, sein Leben zu verlängern und besondere Fähigkeiten zu entwickeln, denn die Macht der Liebe ist die großartigste Macht der Welt. Keine Macht kann sie übertreffen oder ihr auch nur gleichkommen. Die Liebe ist allmächtig.

Beim Durchblättern von Büchern oder Artikeln, die heute über die Liebe veröffentlicht werden, habe ich mich oft gewundert, warum die Herausgeber ganz gewöhnliche Leute befragt haben, statt sich an die Eingeweihten zu wenden. Ihre Schlussfolgerungen sind natürlich insofern richtig, als sie auf den Erfahrungen zahlreicher Personen beruhen; sie werden jedoch dadurch verfälscht, dass sie die Kenntnisse der höchstentwickelten Wesen nicht in Betracht ziehen. Man hätte sie nach ihrer Meinung fragen sollen, das wäre für viele eine große Entdeckung gewesen. Im Moment raten die Ärzte den Jugendlichen zu geschlechtlichen Beziehungen, um, wie es heißt, gewisse Spannungen auszugleichen. Ich hatte mehrmals Gelegenheit, mit jungen Leuten zu sprechen, die solche Empfehlungen bekommen hatten. Für die meisten, die sich daran gehalten hatten, war es nachher noch schlimmer. Warum gibt man derartige Ratschläge, wenn man die Struktur des Menschen noch so wenig kennt? Für einige mag dies eine Lösung sein, aber nicht für alle.

Es wäre vielleicht dann eine Lösung, wenn Männer und Frauen ein besseres Verständnis dessen hätten, was der Liebesakt sein soll und sich nicht damit begnügen würden, ihren Körper zu befriedigen, ohne sich um Seele und Geist zu kümmern. Aber nur der Körper zählt: er wird bewundert, gestreichelt, angesprochen, geküsst und bis zum Gehtnichtmehr verrenkt. Ob Seele und Geist nachher in Finsternis und Qualen stecken, ist ihnen ziemlich egal. Ich habe nie behauptet, dass man sich keine Liebe schenken soll. Doch man sollte sich sogar sehr viel Liebe schenken, aber anstatt sich nur im körperlichen Bereich zu begegnen, sich zu erregen, zu befriedigen und dann zu schnarchen sollte man die Liebe auf einer höheren Ebene leben. Man will sich jedoch nicht erheben. Statt die Wichtigkeit des Liebesaktes für den geistigen Aufstieg zu erkennen, hat man es eilig, so schnell wie möglich im Sumpf zu versinken. Für die Phantasielosen gibt es sogar eine umfangreiche Literatur über die unglaublichsten Stellungen, die die größtmögliche Lust gewähren sollen. Leider haben diejenigen, die diese Stellungen einnehmen, nicht die geringste Ahnung von den negativen Kräften, die sie dadurch anziehen. Nehmen wir das Beispiel eines Magneten: seine beiden Enden sind unterschiedlich gepolt. Um einen anderen Magneten anzuziehen, muss man den Nordpol des einen zum Südpol des anderen drehen, denn zwei gleichartige Pole stoßen einander ab. Auch das menschliche Wesen ist polarisiert: Kopf und Füße stellen zwei verschiedene Pole dar, ebenso linke und rechte Seite, Vorder- und Rückseite. Rücken an Rücken gelegt, ist etwas anderes als Vorderseite an Vorderseite. Wenn man diese Nuancen kennt, kann man sie praktisch – zum Beispiel sogar zur Heilung anwenden. Je nachdem wie man sich mit den Menschen, der Erde oder der ganzen Natur polarisiert, entsteht eine Anziehung oder Abstoßung, etwas Wohltuendes oder eine Anomalie. Wenn Mann und Frau ihren Spaß daran haben, die unglaublichsten Stellungen einzunehmen, ziehen sie unwissentlich bösartige Wesenheiten an, stoßen die gutgesinnten Kräfte ab und verursachen so jedes Mal eine Störung in ihrem Innern.

Aber wer will schon über diese Probleme nachdenken? Wenn es darum geht, sich zu amüsieren, wird nicht mehr überlegt! Im Gegenteil, man ist entzückt, sich selbst restlos zu verlieren, sich aufzulösen, und gerade in dieser Auflösung findet man sein Glück. Man gibt dies übrigens ohne Umschweife zu: »Wenn man nicht seinen Kopf verliert, empfindet man nichts!« Man unterschreibt also sein geistiges Todesurteil. Aber gerade diese Einstellung wird gut geheißen und ist allgemein verbreitet. Wenn ein Mann wachsam ist und sich beherrscht, um in seine Liebe nur Lichtvolles, Poetisches und Gutes für seine Partnerin einfließen zu lassen, sagt sie missbilligend: »Das ist doch kein Mann, er behält seinen klaren Verstand, er verliert nicht den Kopf!« Aber wenn sein Blick trübe wird, wenn er schnauft, dass die ganze Welt erbebt und alle seine Überzeugungen, Entschlüsse und Pläne zusammenbrechen, dann sagt sie: »Ach, wie wunderbar, das lohnt sich, das ist ein richtiger Mann!« Nicht, dass sie ihn wirklich bewundert, aber sie ist stolz auf ihre Macht über ihn; sie glaubt, ihn in der Tasche zu haben. Wenn sie sieht, dass er verwirrt und verloren ist, freut sie sich und sagt triumphierend: »Sieh da, er schien so stark, aber jetzt ist es aus mit ihm, ich kann mit ihm machen, was ich will. Ihre niedere Natur hat also gesiegt, denn sie kann ihn beherrschen, ihn an der Nase herumführen und ihn so beeinflussen, dass er auf alle ihre Launen eingeht. Nun, ein derartiger Triumph ist nicht besonders schön, er ist eher eine versteckte Grausamkeit.

Die Frau sollte sich aber über eine derartige Kapitulation ihres Mannes oder Liebhabers nicht freuen. Sie sollte sich im Gegenteil Sorgen machen, denn ein solches Verhalten bedeutet auch für sie selbst nicht gerade etwas Erfreuliches. Die ruckartigen, fieberhaften Bewegungen und der sinnlich verfärbte Blick zeigen, dass er seinen Trieb befriedigen will, dass er verschlingen und zerreißen will; um dieses Ziel zu erreichen, ist er imstande, sie auszuplündern und ihr alles zu nehmen. Aber gerade das hat sie gern, sie will gar nichts anderes. Wenn ein Mann sie respektvoll und bewundernd anschaut und in seinem Blick ein strahlendes Licht und tiefe Reinheit liegen, ist sie sogar unzufrieden und sagt: »Von dem kann ich nichts erwarten!« und verlässt ihn. Instinktiv fühlt die Frau sich gern wie Teig in den Händen eines Bäckers, es gefällt ihr, von ihm durchgeknetet, gewalkt und rau behandelt zu werden, während sie mit Respekt und himmlischen Blicken nichts anzufangen weiß. Es gibt Ausnahmen, aber im Allgemeinen stimmt das!

Männer und Frauen sollten sich nicht länger das Vergnügen zum Ziel setzen. Nun fragt ihr euch natürlich, was euch bleibt, wenn ihr euch nicht mehr amüsieren könnt… In Wirklichkeit wartet ein viel größeres, zehnmal intensiveres Vergnügen auf euch; es ist jedoch reiner und das Wesentliche ist, dass es eure Energien nicht aufzehrt. Folglich hat es andere Auswirkungen – es äußert sich als Licht, Licht und nochmals Licht… Und die himmlischen Wesen werden sich dann an der Pracht eurer Liebe erfreuen.

Ich höre einige sagen: »Aber Meister, was Sie uns da erzählen, lässt sich doch unmöglich verwirklichen. Jeder kann Ihnen bestätigen, dass ein klarer Verstand das Vergnügen abtötet und dass man je wacher die Gedanken sind, umso weniger Gefühle hat.« In Wirklichkeit wurde dem Menschen die Denkkraft gegeben, damit er die wahre Liebe besser erleben kann. Ohne das Denken würde die Liebe ganz vom Tierischen, rein Triebhaften beherrscht werden. Gerade der Verstand soll mit Hilfe der Gedanken die Energien kontrollieren, leiten und verfeinern.

Gewiss, die meisten Menschen haben ihre Freude an den vulkanartigen Ausbrüchen der Liebe. Sie wissen nicht, dass diese Art der Liebe auch die zerstörerischste und kostspieligste ist, denn die wertvollsten Elemente in ihrem Inneren – Ideen, Pläne und poetische Inspirationen werden aufgezehrt. All dies verbrennt und nachher stellen die Menschen fest, dass sie nicht mehr denselben Schwung, dieselbe Begeisterung besitzen. Wenn ihr dagegen einen klaren Verstand behaltet, wenn eure Gedanken wachsam sind, alles beobachten, kontrollieren und die Kräfte lenken, habt ihr natürlich nicht das, was viele Leute unter »Vergnügen« verstehen, das heißt ein tierisches, grobes, unkontrollierbares Gefühl ohne Würde und geistigen Gehalt. Aber ihr könnt mit Hilfe eurer Gedanken eine spirituelle Arbeit leisten und euer Vergnügen wird durch das Licht zu Freude, Entzückung, Begeisterung, Ekstase… Leider scheuen die Menschen die Anstrengung, bis zu diesem Punkt vorzudringen und zu erleben, wie man die Liebe verwandeln kann. Selbst wenn sie sich momentan erleichtert, getröstet und von einem starken Druck befreit fühlen, sieht man nach einigen Monaten oder Jahren, dass sie abgestumpft und schwerfällig geworden sind und keine Eingebung mehr besitzen. Andere hingegen, die diese ursprüngliche, enorm machtvolle Energie, diese Gabe Gottes, für himmlische, erhabene Zwecke verwenden, erleben zahllose Freuden und Vergnügen; verwundert und begeistert stellen sie fest, dass sie Entdeckung auf Entdeckung machen… bis ins Unendliche.

Man sollte nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern über die Grenzen des Vergnügens hinausgehen und nicht auf diesem zu niedrigen Niveau verharren: Man muss aufsteigen und die Wolken durchstoßen, bis man die Sonne sieht. Vergesst daher nie, jeder eurer Handlungen ein lichtvolles Ziel zu setzen. Was immer ihr tut, ob ihr esst, spazieren geht oder jemanden umarmt, habt immer das Licht zum Ziel. Tut nie etwas einzig und allein zu eurem Vergnügen. Ihr werdet sagen: »Aber wenn man keine Freude mehr an den Dingen hat, ist doch alles sinnlos!« Ihr habt mich nicht richtig verstanden. In Wirklichkeit ist alles miteinander verbunden. Sowie Licht und Wärme da sind, das heißt Verstand und Liebe, folgt die Freude unweigerlich. Nur ihre Beschaffenheit, ihre Eigenart, ihre Intensität ist anders. Also meditiert, überlegt und vergesst nie, dass ihr bis zum Licht vordringen müsst. Solange euch eure Art zu lieben nicht erleuchtet, ist dies ein Zeichen dafür, dass es sich nicht lohnt in der gleichen Weise weiterzumachen. »Das stimmt«, sagt ihr, »zehnmal hat es nichts eingebracht aber vielleicht beim elften Mal… »Nein, so werdet ihr euch das Genick brechen; solange euer wahres Ziel nicht das Licht ist, werdet ihr nichts erreichen.

 

Band 214 aus der Reihe Izvor
ISBN 978-3-89515-042-5
208 Seiten, Paperback
12,00 Euro

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Leseprobe Gesamtwerk 5 »Die Kräfte des Lebens«

Leseprobe Gesamtwerk 5 »Die Kräfte des Lebens«

Leseprobe Gesamtwerk 5 »Die Kräfte des Lebens«

Kapi­tel 1: Das Le­ben
Teil 1

Da­mit euch be­wusst wird, welch gro­ße Be­deu­tung das Le­ben hat, dass es oh­ne das Le­ben über­haupt nichts gibt, muss ich lan­ge zu euch spre­chen und da­bei vie­le Er­klä­rungen, Ar­gu­men­te und Bilder brin­gen.

Als ich noch recht jung war, stell­te mir da­mals in Bulga­rien Meis­ter Pe­ter Deunov, der wuss­te, dass ich die Hand­le­se­kunst stu­dierte, wäh­rend ei­nes Vor­trags vor der gan­zen Bru­der­schaft von So­fia ein­mal die Fra­ge: »Wel­che Li­nie der Hand ist als ers­te er­schie­nen?« Ich antwor­tete: »Die Le­bens­li­nie.« »Und dann?« »Die Herz­li­nie.« »Und da­nach?« »Die Kopf­li­nie.« Das stimm­te, und der Meis­ter war mit mei­ner Ant­wort zu­frie­den.

Am An­fang steht das Le­ben. Schaut nur die Ge­schöp­fe an, zu­erst ein­mal er­hal­ten sie das Le­ben, dann erst be­gin­nen sie mehr oder weni­ger zu füh­len und zu den­ken.

Le­ben…, die­ses Wort be­inhal­tet die gan­ze Fül­le des Uni­ver­sums, die un­diffe­renziert und un­geord­net da­rauf war­tet, dass eine Kraft kommt und sie ge­stal­tet. So schließt das Wort »Le­ben« al­le zu­künf­tigen Ent­wick­lungs­for­men mit ein. In ei­ner Zel­le sind al­le Orga­ne, die ei­nes Ta­ges da­raus ent­ste­hen sol­len, schon als An­la­ge ent­hal­ten, wie zum Bei­spiel bei ei­nem Sa­men, den man in die Er­de legt, be­gießt und pflegt, um zu se­hen, was da­raus er­wächst. Ge­nau­so wie bei dem Sa­men, be­ginnt al­so al­les aus die­ser Ur­sub­stanz, dem Ur­chaos, der un­geform­ten Rea­li­tät des Le­bens he­raus­zuwach­sen und Ge­stalt an­zu­neh­men.

Auf die­se Wei­se sind die Orga­ne er­schie­nen, die wir gegen­wär­tig be­sit­zen, und vie­le wei­tere wer­den in der Zu­kunft noch hinzu­kommen. Der physi­sche Kör­per ist ja nach dem Vor­bild des As­tral­kör­pers ge­macht, die­ser ent­spre­chend dem Men­tal­kör­per usw. bis hin zur gött­li­chen Ebe­ne. Da der Mensch nun fünf Sin­ne für den physi­schen Be­reich be­sitzt, hat er eben­so fünf Sin­ne im As­tral- und Men­tal­be­reich, auch dort be­sitzt er Tast-, Ge­schmacks-, Ge­ruchs-, Ge­hör- und Ge­sichts­sinn. In den weite­ren Ebe­nen sind die­se Orga­ne noch nicht ent­wi­ckelt, war­ten aber nur auf den Au­gen­blick, in Er­schei­nung zu tre­ten. Sind die­se ein­mal ge­bil­det, dann wer­den dem Men­schen un­er­hörte Mög­lich­kei­ten of­fen ste­hen, zu se­hen, füh­len, hö­ren, schme­cken, zu han­deln und auch sich fort­zu­bewe­gen. Das Le­ben, das Lebe­we­sen, die le­bende Zel­le, der Mi­kro­orga­nis­mus ent­hält schon al­le Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten, aber eini­ge Jahr­tau­sende sind noch nö­tig, bis die­se sich voll und ganz zei­gen kön­nen. Da­rin liegt das Ge­heim­nis, aber auch al­le Herr­lich­keit des Le­bens.

Die Men­schen arbei­ten, ver­gnü­gen sich und ge­ben sich den ver­schie­densten Be­schäfti­gungen hin, aber da­bei wird ihr Le­ben be­schmutzt, ge­schwächt, es geht ab­wärts da­mit, denn sie küm­mern sich nicht wei­ter da­rum. Sie mei­nen, da sie ja ein­mal das Le­ben ha­ben, kön­nen sie es be­nut­zen, um die­ses und je­nes zu er­rei­chen, um Reich­tum, Wis­sen und Ruhm zu er­lan­gen. So schöp­fen und schöp­fen sie aus ihrer Le­bens­ener­gie. Und wenn dann al­les aus­ge­schöpft ist, müs­sen sie wohl oder übel al­le Akti­vi­tä­ten ein­stel­len. Es ist aber un­sin­nig, so zu han­deln, denn wenn man die Le­bens­ener­gie ver­liert, hat man kei­ne Kraft­quel­le mehr. Da­rum ha­ben die Wei­sen schon im­mer ge­sagt, die Haupt­sa­che ist das Le­ben, und da­rum muss man es be­wah­ren, läu­tern, hei­lig hal­ten und da­raus ent­fer­nen, was hin­der­lich oder stö­rend wirkt. Denn durch das Le­ben er­hält man schließ­lich al­les, Intel­ligenz, Stär­ke, Schön­heit und Kraft.

In dem Vor­trag, »Les cinq vier­ges sages et les cinq vier­ges folles« (Siehe Band 3 der Reihe Gesamtwerke »Die beiden Bäume im Paradies«, Kapitel 7: »Das Gleichnis von den fünf klugen und den fünf törichten Jungfrauen«) ha­be ich euch er­klärt, dass das Öl, von dem Je­sus sprach, ein Sym­bol für das Le­ben ist. Wenn der Mensch kei­nen Trop­fen Le­bens­ener­gie mehr be­sitzt, er­lischt sei­ne Lam­pe, er stirbt. Das Le­ben kann man sym­bol­haft in al­len Be­rei­chen an­tref­fen: Fürs Auto ist es das Ben­zin, für die Pflan­zen das Was­ser, für al­le Ge­schöp­fe auf der Er­de ist es die Luft, aber für den Men­schen ist es in be­sonde­rem Ma­ße auch das Blut; für das Ge­schäfts­le­ben ist es Gold und Sil­ber usw.

Das Le­ben ist das Reser­voir, aus dem täg­lich neue Schöp­fungen her­vor­quel­len, die sich dann bis ins Un­end­li­che hi­nein wei­ter­ver­zwei­gen und ver­äs­teln. Aus die­sem un­differen­zierten, aus­drucks­lo­sen Le­ben, das sich schlicht und ein­fach als Mög­lich­keit an­bie­tet, schafft der Geist un­abläs­sig neue Ele­mente, neue Mit­tel, neue For­men… Das Le­ben stellt al­so die Ur­mate­rie dar und ist des­halb von so gro­ßer Be­deu­tung.

Die Leu­te küm­mern sich all­ge­mein aller­dings um alles andere, nur nicht um das Le­ben. Wür­den sie in ers­ter Li­nie an das Le­ben den­ken, da­ran, wie sie es be­wah­ren, schüt­zen und in der größ­ten Rein­heit er­hal­ten kön­nen, be­kä­men sie mehr und mehr Mög­lich­kei­ten, das zu er­lan­gen, wo­nach sie stre­ben, denn die­ses er­hell­te, durch­lich­tete, inten­sive Le­ben kann ih­nen al­les ge­ben. Da sie aber die­se Le­bens­weis­heit nicht be­sit­zen, ver­geu­den sie ihr Le­ben, denn sie den­ken, da sie ja leben­dig sind, kön­nen sie sich al­les er­lau­ben. Sie sa­gen sich: »Da wir nun ein­mal das Le­ben ha­ben, müs­sen wir ja et­was da­mit an­fan­gen…« Sel­ten aller­dings ge­lingt es ih­nen dann, ihre Wün­sche zu ver­wirk­li­chen, weil sie mit al­lem Raub­bau trei­ben. Sie müs­sen nun eine ande­re Le­bens­ein­stel­lung an­neh­men und wis­sen, dass die Art und Wei­se ihres Den­kens schon auf ihr Le­ben ein­wirkt, auf ihre Kraft­reser­ven, auf die Quint­es­senz ihres Seins und dass sie durch fal­sches Den­ken al­les ver­der­ben. Das muss man der Mensch­heit bei­brin­gen.

Neh­men wir ein Bei­spiel. Ein jun­ger Bur­sche hat ei­nen sehr rei­chen Va­ter. Er stu­diert und arbei­tet flei­ßig und der Va­ter unter­stützt ihn finan­ziell. Da fängt der Sohn mit ei­nem Mal an, Dumm­hei­ten zu ma­chen, die dem An­sehen des Va­ters scha­den. Die­ser dreht den Hahn zu und gibt dem Sohn kein Geld mehr. Wor­in liegt nun der Feh­ler des Soh­nes? Er hat den größ­ten Feh­ler da­durch be­gan­gen, dass er sei­nem eige­nen Le­ben ge­scha­det hat, in­dem er näm­lich die güns­tigen Um­stän­de, die Ener­gien und die Kraft­strö­me aufs Spiel ge­setzt hat, für die das Geld hier bild­haft steht. Wenn wir nun das Glei­che tun und unser Le­ben be­nut­zen und miss­brau­chen, wie es uns ge­ra­de ein­fällt und da­bei noch al­le geis­tigen Ge­set­ze über­tre­ten, dann zer­stö­ren wir da­mit unse­re Reser­ven, ha­ben den Ener­gie­strom, die Kräf­te nicht mehr und ge­ra­ten in Not, viel­leicht nicht in äuße­re, mate­rielle, aber in inne­re Not. Das Le­ben ist der ein­zige Reich­tum, der wirk­lich exis­tiert. Und es ist da­bei ei­ner­lei, wel­chen Na­men man ihm gibt, sei es Reich­tum, Unter­stüt­zung, Öl oder Quint­es­senz, das läuft al­les aufs Glei­che hi­naus, denn al­le die­se Aus­drü­cke kön­nen für das Wort Le­ben ste­hen. Das Le­ben ist und bleibt das Wich­tigste, und wenn der Mensch we­der intel­ligent noch darü­ber auf­ge­klärt ist, zer­stört er die Quel­le all sei­ner Mög­lich­kei­ten, sei­ner Freu­den und sei­ner Inspi­ration.

Und als Je­sus sag­te: »Ich bin ge­kom­men, da­mit sie das Le­ben in Fül­le ha­ben«, wel­ches Le­ben mein­te er da? Als ich das vor recht lan­ger Zeit zum ers­ten Mal ge­le­sen ha­be, war ich er­staunt. Ich sag­te mir: »Aber sei­ne Jün­ger leb­ten doch! Wel­ches Le­ben soll­ten sie durch ihn er­hal­ten?« Ihr kennt auch das Lied von Meis­ter Pe­ter Deunov: »Si­ne moï, pazi jivota« – »Mein Sohn, be­wah­re dein Le­ben, den in dir ver­borge­nen Fun­ken…«. Das zeigt, dass Meis­ter Pe­ter Deunov die Be­deu­tung des Le­bens ge­nau­so hoch ein­schätz­te. Ja, und nun sind Leh­rer und Päda­gogen nö­tig, die in die­sen ent­schei­denden Punkt, das Le­ben, Klar­heit brin­gen.

Schaut euch die Men­schen an… Wa­rum ver­su­chen sie ihr Le­ben lang Din­ge zu er­rei­chen, die nicht so wich­tig sind, wie das Le­ben selbst? Jah­re­lang arbei­ten sie, um reich zu wer­den, und ei­nes Ta­ges sind sie schließ­lich so aus­ge­laugt und al­lem so über­drüs­sig, dass man fest­stel­len muss, wenn man ein­mal in die Waag­scha­le legt, was sie da­bei er­hal­ten und was sie da­bei ver­lo­ren ha­ben, dass sie al­les ver­lo­ren und sehr we­nig ge­won­nen ha­ben. Aber die Leu­te sind nun ein­mal so, dass sie be­reit sind, al­les zu ver­lie­ren, da man ih­nen nicht bei­ge­bracht hat, dass es wichti­ger ist, Kraft, Ge­sund­heit und Freu­de zu be­sit­zen – selbst wenn das al­les ist, was man hat – als sich Reich­tü­mer zu er­wer­ben, die man letzt­end­lich nicht nut­zen kann, weil man mit sei­ner Kraft am En­de ist. Ein Sprich­wort sagt: »Ein leben­der Hund ist mehr wert als ein to­ter Lö­we.« Vie­le zie­hen es aller­dings vor, to­te Lö­wen zu sein.

Ja, lie­be Brü­der und Schwes­tern, was fehlt, ist die wah­re Phi­lo­so­phie. Schon von Kin­des­bei­nen an müs­sen die Men­schen ler­nen, ihr Le­ben nicht zu ver­schwen­den, da­mit sie es nach­her ei­nem ho­hen Ziel wei­hen kön­nen; denn da­durch wird es ein rei­ches Le­ben, vol­ler Kraft und In­tensi­tät. Das ist ge­nau­so wie bei ei­nem Kapi­tal, das man ge­winn­brin­gend an­legt. Und so habt ihr eu­er Le­bens­kapi­tal auf ei­ner Bank der höhe­ren Regio­nen an­ge­legt, wo es sich ver­mehrt an­statt ver­schwen­det und ver­schleu­dert zu wer­den, und da ihr so in­ner­lich rei­cher wer­det, habt ihr nach­her bes­sere Mög­lich­kei­ten, Kennt­nis­se zu er­wer­ben, dann arbei­tet ihr bes­ser und ge­winnt so­gar an Schön­heit und An­sehen. Ist es nicht ver­nünf­tiger, so zu argumen­tieren?

Je­den Tag zeigt ihr euch wohl er­staunt darü­ber, wie wahr al­les ist, was ich euch sa­ge, und ihr ruft aus, dass ihr so et­was ja noch nie ge­hört habt, aber trotz­dem macht ihr wei­ter wie zu­vor, was ihr ge­hört habt, wird ir­gend­wo ge­spei­chert, nur be­nutzt wird es nicht. Ihr soll­tet jetzt eu­er Le­ben aber licht­vol­len, gött­li­chen Tä­tig­kei­ten wid­men; dann hört ihr nicht nur auf, es zu ver­geu­den, son­dern ihr stärkt es da­rüber hi­naus noch, und mit die­sem Kapi­tal könnt ihr weit­aus mehr an­fan­gen. Wenn ihr euch hin­gegen eu­ren Emo­tionen, eu­rer Sinn­lich­keit und den Ver­gnü­gungen hin­gebt, ver­pfuscht ihr eu­er Le­ben, denn al­les was ihr da­bei er­hal­tet, müsst ihr be­zah­len, und ihr be­zahlt es mit eu­rem Le­ben. Nie­mals er­hält man et­was, oh­ne etwas anderes da­für zu op­fern. So wie es in dem franzö­sischen Sprich­wort heißt: »Man kann kein Ome­lett ma­chen, oh­ne da­bei Eier zu zer­schla­gen.« Nun sa­ge ich euch aber, dass ihr doch ein Ome­lett ma­chen könnt, oh­ne dass ihr da­bei Eier zer­schla­gen müsst. Ja, ich ken­ne das Ge­heim­nis. Ihr denkt viel­leicht, das sei un­mög­lich? Ganz ge­wiss nicht. Legt eu­er Kapi­tal bei ei­ner Bank der höhe­ren Regio­nen an, und dann wer­det ihr durch eu­re Arbeit im­mer kraft­vol­ler und stär­ker. Ja, an­statt schwä­cher zu wer­den, ge­winnt ihr an Stär­ke, denn je­des Mal, wenn ihr nun et­was aus­gebt, strömt wie­der et­was in euch ein, um es zu er­set­zen. Da­für müsst ihr aller­dings eu­er »Geld«, eu­er »Kapi­tal« bei ei­ner himmli­schen Bank an­ge­legt ha­ben.

Da­rum ist es so wich­tig, dass ihr wisst, mit wel­chem Ziel und für wen ihr arbei­tet, denn da­von hängt die Rich­tung ab, in die eu­re Ener­gien ge­lenkt wer­den. Wenn der, für den ihr arbei­tet, zum Bei­spiel eu­er Va­ter ist, ver­liert ihr nur nichts, son­dern ge­winnt noch da­bei. Das Wich­tigste ist al­so, dass ihr wisst, wo­für ihr eu­re Kräf­te ein­setzt und in wel­che Rich­tung ihr arbei­tet, denn da­von hängt eu­re Zu­kunft ab: Ent­we­der ver­armt ihr oder aber ihr be­rei­chert euch.

Oh­ne es zu wis­sen, arbei­ten vie­le Leu­te für ei­nen in ih­nen selbst ver­steck­ten Feind, der sie aus­raubt und arm macht. Ein ech­ter Spiritu­alist ist intelli­genter, er arbei­tet und setzt sei­ne Ener­gien für jeman­den ein, der in Wirk­lich­keit er sel­ber ist, und so ge­winnt er da­bei. Rei­cher und nicht är­mer wer­den, das nen­ne ich Intel­ligenz. Und das ist gar nicht ich­bezo­gen, egois­tisch, ganz im Gegen­teil. Ihr ent­schließt euch zum Bei­spiel nicht für euch, son­dern für die Ge­mein­schaft zu arbei­ten… Ja, ihr seid nun aber mit die­ser Ge­mein­schaft ver­bun­den, al­so ein Teil da­von, und wenn die­se bes­ser und harmoni­scher wird, wirkt sich das auf al­le aus, folg­lich auch auf euch. Ihr ge­winnt et­was da­bei, weil ihr eu­er Kapi­tal bei ei­ner Bank an­ge­legt habt, die sich Fami­lie, Ge­mein­schaft, Uni­ver­selle Bru­der­schaft nennt, der ihr sel­ber an­ge­hört. Arbei­tet ihr hin­gegen nur für euch sel­ber, das heißt für eu­er klei­nes, be­grenz­tes Ich, dann ist das ver­lore­ne Mü­he, und nichts Gu­tes kann euch da­raus erwach­sen. Nun mögt ihr sa­gen: »Aber doch, aber doch, schließ­lich arbei­te ich für mich…« Nein, denn eu­er per­sön­li­ches, isolier­tes, egoisti­sches Ich ist ein Ab­grund, und wenn ihr da­für arbei­tet, werft ihr al­les dort hi­nein. So soll­te man nicht arbei­ten. Die Indivi­dualisten und Egois­ten se­hen nicht, was sie al­les er­lan­gen könn­ten, wä­ren sie für die Ge­mein­schaft tä­tig. Sie sa­gen sich: »Ich bin nicht dumm, ich arbei­te für mich und kom­me schon zu­recht…« Und eben ge­nau in die­sem Au­gen­blick ver­lie­ren sie ihr gan­zes Kapi­tal. Die Wahr­heit ist al­so das Gegen­teil des­sen, was sie zu sein scheint. Ja, so ist es. Die Ein­geweih­ten, die wis­sen, dass man das Gegen­teil des äuße­ren Scheins neh­men muss, um die Wahr­heit zu fin­den, sind für die Ge­mein­schaft tä­tig, und für sie sel­ber erge­ben sich da­raus die größ­ten Wohltaten.

Wenn ich von der Ge­mein­schaft spre­che, mei­ne ich da­mit nicht nur die Mensch­heit, son­dern das gan­ze Uni­ver­sum mit al­len Ge­schöp­fen, ja, Gott selbst. Die­se un­er­mess­lich gro­ße Ge­mein­schaft, für die ihr arbei­tet, ist wie eine Bank, und al­les, was ihr da­für tut, kommt ei­nes Ta­ges ver­stärkt auf euch zu­rück. Da das Uni­ver­sum stän­dig gigan­tische »Ge­schäf­te« macht, sich un­abläs­sig mit neuen Stern­konstel­lationen, Ster­nen­ne­beln und Gala­xien be­rei­chert, wer­den all die­se Schät­ze auf euch zu­kom­men.

Al­le, die nur für sich sel­ber an­statt für das gro­ße Gan­ze arbei­ten, ma­chen sich da­mit arm; denn nach­her denkt nie­mand an sie, nie­mand liebt sie, nicht ein­mal die eige­ne Fami­lie, da sie viel zu ich­bezo­gen sind. Nie ha­ben sie an die ande­ren ge­dacht, wa­rum soll­te man nun an sie den­ken? Und ihr Le­ben en­det in Ent­täu­schung, Bit­ter­keit und Kum­mer. Nur kommt es ih­nen da­bei nie­mals in den Sinn, dass viel­leicht ihre Le­bens­auf­fas­sung nicht die rich­tige war… Oh! Nein, nein, nein, sie hat­ten im­mer Recht, und die ande­ren wa­ren die Un­gerech­ten und die Bö­sen. Sie selbst ver­dien­ten es na­tür­lich, dass man sie lieb­te und ih­nen half… So, so, sie ver­dien­ten es… aber was ha­ben sie denn Gu­tes ge­tan, um auch nur den ge­rings­ten Ver­dienst zu ha­ben? Bei den­jeni­gen hin­gegen, die vol­ler Lie­be, Gü­te und Op­fer­be­reit­schaft sind, selbst wenn man an­fangs meint, man kön­ne mit ih­nen um­sprin­gen, wie man mag, und wenn man sie auch dumm und dusse­lig fin­det, wird man mit der Zeit mehr und mehr spü­ren, dass es wirk­lich au­ßer­ge­wöhn­li­che Men­schen sind, und ei­nes Ta­ges wer­den sie von al­len Sei­ten ihren Lohn emp­fangen, sie wer­den ver­wöhnt und ge­liebt. Sie ha­ben für das gan­ze Uni­ver­sum ge­arbei­tet, und ei­nes Ta­ges wer­den sie ihre Be­loh­nung da­für er­hal­ten… Aber na­tür­lich nicht so­fort.

Wenn ihr bei ei­ner Bank Geld an­legt, be­kommt ihr die Zin­sen ja auch nicht gleich am nächs­ten Tag, son­dern ihr müsst ei­ne Zeit lang war­ten, und je län­ger ihr war­tet, um­so hö­her sind die Zin­sen. Im Geis­tigen gilt ge­nau das glei­che Ge­setz. Ihr arbei­tet mit viel Lie­be, Ge­duld und Ver­trauen und an­fangs seht ihr kei­ner­lei Er­geb­nis. Ver­liert dann nur nicht den Mut! Wenn ihr euch ent­muti­gen lasst, zeigt ihr, dass ihr die auf der Er­de gülti­gen Ge­set­ze nicht gut be­grif­fen habt. Ja, ihr müsst die im Bank­we­sen und in der Ver­wal­tung gülti­gen Ge­setz­mä­ßig­kei­ten ken­nen! Und wenn ihr die kennt, ist euch klar, dass ihr ab­war­ten müsst. Nach­her wird die Fül­le von al­len Sei­ten auf euch nie­der­pras­seln, und selbst wenn ihr flüch­ten woll­tet, gä­be es kein Ent­kom­men! Das gan­ze Uni­ver­sum wird euch mit sei­nen Schät­zen nur so über­schüt­ten, denn das habt ihr dann sel­ber aus­ge­löst. Das ist die wal­tende Ge­rech­tig­keit!

Da seht ihr, wie dumm eine ego­zentri­sche Le­bens­ein­stel­lung ist. Man ver­traut auf den äuße­ren Schein, aber der ist trüge­risch. Wie oft ha­be ich euch das doch schon ge­sagt! Wenn man die Son­ne und die Ster­ne be­trach­tet, hat man stän­dig den Ein­druck, die­se wä­ren in Be­we­gung, und die Er­de stän­de still. Ja, dem An­schein nach… Um die Wahr­heit he­raus­zu­fin­den, muss man jen­seits des Schein­ba­ren su­chen. Was in der Gegen­wart als vor­teil­haft und nütz­lich an­gese­hen wird, er­weist sich oft als schäd­lich in der Zu­kunft. Da­rum rich­ten sich die Ein­geweih­ten nicht nach den Maß­stä­ben der un­wis­senden Mas­se, und ih­nen soll­te man nach­fol­gen, denn sie ha­ben als Ein­zi­ge be­grif­fen. Al­so, setzt eu­er Le­ben für nichts in der Welt aufs Spiel, denn nichts kommt dem Le­ben an Wert gleich. Selbst­ver­ständ­lich gibt es Aus­nah­me­fäl­le, wo Men­schen ihr Le­ben hin­gege­ben ha­ben, um ande­re zu ret­ten oder sich für be­stimm­te Ideen ein­zu­set­zen. Ja, nur in sol­chen Fäl­len hat man das Recht, sein Le­ben zu op­fern, sonst muss man es sorg­sam be­wah­ren.

Die Pro­pheten und Ein­geweih­ten, die ihr Le­ben für eine Idee oder zur Eh­re Got­tes hin­gege­ben ha­ben, ha­ben in Wirk­lich­keit nichts ver­lo­ren, denn im Him­mel ha­ben sie da­rauf­hin ein neu­es, sehr viel rei­cheres und schö­neres Le­ben er­hal­ten, da sie ihres für das Gu­te ge­op­fert hat­ten. Ich sa­ge al­so nicht, dass man unter al­len Um­stän­den sein Le­ben be­wah­ren muss, nein, es gibt Aus­nah­me­fäl­le… Im Allgemeinen soll­te der Schü­ler sein Le­ben aller­dings wah­ren, läu­tern und inten­siver wer­den las­sen, denn da­rin liegt ja die Quel­le, lie­gen die Reser­ven, der Aus­gangs­punkt für jeg­li­che wei­tere Ent­wick­lung, sei es im intellek­tuellen, reli­giösen, ästheti­schen oder im Ge­fühls­le­ben. Vor al­len ande­ren Din­gen steht das Le­ben, und in die­ses unter­schieds­lo­se, un­differen­zierte Le­ben sind schon die Kei­me für al­les Zu­künf­tige hi­nein­ge­legt, ge­nau wie bei ei­nem Sa­men. Ja, am An­fang steht das Le­ben, da­nach erst kom­men Wis­sen, Weis­heit und Licht. Das Le­ben, man weiß gar nicht, was das eigent­lich ist; es ist sehr schwer, das ge­nau zu um­rei­ßen, es hat we­der Form noch Far­be, birgt in sich aber al­le Mög­lich­kei­ten. Nie­mand kann vor­her­se­hen, was noch al­les aus dem Le­ben her­vor­ge­hen wird, das geht bis ins Un­end­li­che hi­nein…

Wenn ich sa­ge, die Men­schen küm­mern sich nicht um das Le­ben und be­mü­hen sich nicht, es zu er­hal­ten, könnt ihr mir ent­gegen­hal­ten, das sei ja nicht wahr, und al­le wür­den sich so­gar da­rum be­mü­hen, es zu ver­län­gern. Ja, es zu ver­län­gern, nur wer denkt da­ran, es zu ver­geis­tigen, zu läu­tern, es ins Licht zu stel­len, es zu heili­gen und ins Gött­li­che zu er­he­ben? Man möch­te sein Le­ben ver­län­gern, da­mit man um­so bes­ser sei­nen »Schwein­ige­lei­en« nach­ge­hen kann, sich in Schul­den stür­zen oder Ver­bre­chen be­ge­hen. Das ist so ein Punkt, den we­der die Ge­lehr­ten, die Medi­ziner noch die Apo­the­ker recht be­grif­fen ha­ben. Meint ihr viel­leicht, sie wür­den das Le­ben der Men­schen ver­län­gern, da­mit es dem Dienst Got­tes oder Seinem Reich ge­weiht wür­de… ganz und gar nicht! Wenn ich al­so sa­ge, dass man sich nicht um das Le­ben küm­mert, ha­be ich Recht, denn man küm­mert sich nicht um das wah­re Le­ben, das heißt, man ist nicht in der La­ge, Freu­de, Schön­heit, Stär­ke, Reich­tum, Ruhm, Kennt­nis­se zu er­lan­gen, oh­ne da­bei sein Le­ben zu ver­pfu­schen. Was man auch an­fängt, im­mer rich­tet man es so ein, dass man sein Le­ben da­bei ver­pfuscht.

Wenn sich die Ein­geweih­ten aus­schließ­lich da­mit be­schäf­tigen, ihr Le­ben schö­ner zu ge­stal­ten und inten­siver wer­den zu las­sen, es zu wei­hen, zu läu­tern und zu heili­gen, dann arbei­ten sie schon da­ran, ihre Intel­ligenz, ihre Stär­ke und ihr Glück zu er­hö­hen. Denn das so ge­läu­terte, harmo­nische, himmli­sche Le­ben dringt in ande­re Regio­nen vor, wo es auf eine Men­ge intelli­genter We­sen ein­wirkt, die ih­nen dann Inspira­tionen brin­gen. Und auch ihr, wenn ihr euch nur um das wah­re Le­ben be­müht, er­langt so Intel­ligenz, Wis­sen und Kraft. Denn das Le­ben, vo­raus­ge­setzt aller­dings, es ist voll­kom­men ge­wor­den, ver­schafft euch in­di­rekt alles andere. Oh­ne dass ihr euch dann noch in Bi­blio­the­ken oder bei Ge­lehr­ten Wis­sen an­eig­nen müss­tet, wird euch das Le­ben, da es nun rein, edel und gött­lich ge­wor­den ist, au­ßer­ge­wöhn­lich rei­che Kennt­nis­se ver­mit­teln, die es aus den Archi­ven des Uni­ver­sums schöpft.

Und an­statt nun hin­zu­ge­hen, wie man­che es tun, und Ma­gie zu be­trei­ben, da­mit man euch liebt und ver­ehrt, küm­mert euch lie­ber um das Le­ben! Wenn das von euch aus­strah­lende Le­ben licht- und lie­be­voll ist, bringt das euch die Lie­be Tau­sender von Men­schen. Es ist al­so das von euch aus­ge­hende Le­ben, das da­für sorgt, dass ihr nicht un­ge­liebt bleibt. Nun ja, man weiß gar nicht, was es in den Men­schen ge­nau aus­löst, wie es zu ih­nen spricht, aber auf ein­mal wird man von al­len ge­liebt. Das kommt von dem Le­ben, das ganz von al­leine euch ein­mal Lie­be, dann wie­der Kennt­nis­se und schließ­lich auch Freu­de ver­schafft.

Die größ­te Ma­gie, die größ­te wei­ße Ma­gie be­steht al­so in ei­nem licht­vol­len Le­ben. Und wenn ihr die­ses Le­ben in al­le Rich­tungen aus­sen­det, dann könnt ihr euch ei­nes Ta­ges gar nicht mehr ret­ten. Selbst wenn ihr euch auf ande­re Plane­ten flüch­tet, wird man euch mit Lie­be ver­fol­gen. Auch wenn ihr sagt: »Lasst mir mei­ne Ru­he!«, nichts zu ma­chen… Und wenn eu­er Le­ben trü­be ist und chao­tisch und auf krum­men We­gen ver­läuft, dann wer­det ihr euch ge­nau­so we­nig ret­ten kön­nen. Eu­er Le­ben sel­ber wird bei so man­chen feind­seli­ge Re­aktio­nen aus­lö­sen, und die Katastro­phen wer­den von al­len Sei­ten über euch he­rein­bre­chen. Die wah­re, die stärks­te und wahr­haf­tigste Ma­gie ist das Le­ben selbst, das Le­ben, das ihr führt. Küm­mert euch sonst um wei­ter nichts, we­der um Ma­gie, Wis­sen oder Lie­be, al­les das wird euch zu­fal­len. Manch ei­ner sagt nun: »Aber ich le­be… ich le­be doch… ich es­se, trin­ke und ma­che Ge­schäf­te.« Nein, so lebt ihr nicht, son­dern be­gnügt euch da­mit, da­hin­zu­vege­tieren; denn so wisst ihr noch gar nicht, was le­ben be­deu­tet. Ja, im Le­ben gibt es Ab­stu­fungen, Milliar­den von Ab­stu­fungen.

An dem Tag, an dem ihr be­grif­fen habt, dass die wah­re Ma­gie in der Le­bens­füh­rung liegt, wer­det ihr al­les be­kom­men, was ihr euch wünscht, selbst oh­ne dass ihr da­rum bit­ten müsst. Und da­rum ha­be ich di­rekt Lust, euch das Gegen­teil der Wor­te Je­su zu sa­gen: Bit­tet nicht und ihr wer­det emp­fangen! Sucht nicht und ihr wer­det fin­den! Klopft nicht an und euch wird auf­ge­tan! Ja, aber wann? Dann, wenn ihr ein gött­li­ches Le­ben lebt. Ge­nau dann! Und so wird es ei­nes Ta­ges im neuen Evange­lium ste­hen, denn auch Je­sus dach­te so, konn­te es aber noch nicht sa­gen. Zu sei­ner Zeit hät­ten es die Leu­te noch nicht fas­sen kön­nen. Kä­me er heu­te wie­der, wür­de er sa­gen: »Lebt ein gött­li­ches Le­ben und ver­langt nichts. Ihr wer­det al­les be­kom­men!« Wie ist das mög­lich? Wenn ihr ein gött­li­ches Le­ben lebt, dann gebt ihr. Al­so wer­det ihr emp­fangen. Selbst wenn ihr kei­ner­lei Wunsch ge­äu­ßert habt, das ist oh­ne Be­lang, man gibt euch al­les Nöti­ge. Na­tür­lich, gä­be es die Inqui­sition noch, die wür­de jetzt to­ben: »Was bil­det der sich ein!… Was für eine An­ma­ßung!… Er will die Leh­re Je­su ver­dre­hen!«, und ich wür­de auf dem Schei­ter­hau­fen lan­den. Bis­her ha­be ich im­mer er­klärt und auch her­vor­geho­ben, was Je­sus ge­sagt hat­te, und heu­te er­lau­be ich es mir zum ers­ten Mal, das Gegen­teil zu sa­gen – aller­dings unter wel­chen Vo­raus­set­zungen… das gilt es zu be­grei­fen.

Ich will nicht zunichtemachen, was Je­sus ge­sagt hat, nein, denn das ist wahr­haf­tig und ab­so­lut. In ei­nem Vor­trag ha­be ich übri­gens die Sät­ze er­klärt: »Bit­tet und ihr wer­det emp­fangen! Su­chet und so wer­det ihr fin­den! Klopft an, und es wird euch auf­ge­tan!« Da­bei ha­be ich auch auf­ge­zeigt, wie gut Je­sus die mensch­li­che Na­tur und die Drei­heit von Intel­lekt, Herz und Wil­le im Men­schen kann­te. Wer bit­tet? Wer sucht? Wer klopft an? Es ist das Herz, das bit­tet, der Intel­lekt, der sucht, und der Wil­le, der an­klopft. Um was bit­tet nun das Herz? Um Wär­me und Lie­be. Was sucht der Intel­lekt? Licht, Weis­heit und Intel­ligenz. Und der Wil­le, wa­rum klopft der an die Tür? Weil er ein­ge­sperrt ist und weil er Raum und Frei­heit braucht, um schöpfe­risch tä­tig zu wer­den. Da­mit ha­ben wir die Drei­fal­tig­keit: Lie­be er­bit­ten, Weis­heit su­chen und an­klop­fen, um Frei­heit zu er­lan­gen. Da seht ihr ein­mal die Tie­fe des Wis­sens Je­su! Nur ha­ben die Jün­ger viel­leicht nicht al­les auf­ge­schrie­ben. Denn »bit­tet und ihr wer­det emp­fangen« ist ja so noch nicht klar. Bit­ten… ja, aber um was? Um Geld, Autos, Frau­en? Und was soll man su­chen? Streit mit dem Nach­barn?… Und wo an­klop­fen?… All das wur­de ja nie ge­nau er­klärt. Nun bit­ten die Leu­te, su­chen und klop­fen an und wun­dern sich, dass nichts da­bei he­raus­kommt, sie emp­fangen nichts, fin­den nichts und nie­mand macht ih­nen auf. Und da­bei sind das doch prä­zise, fest­ste­hende und nicht zu leug­nende Din­ge.

Es ist das Herz, das bit­tet, und zwar we­der um Weis­heit noch um Kraft, son­dern um Lie­be und Wär­me. Und der Intel­lekt, der bit­tet nicht, son­dern er sucht und zwar nach Kennt­nis­sen, da­nach, Ge­heim­nis­se zu er­grün­den und nach Wahr­hei­ten. Der Wil­le strebt we­der nach Kennt­nis­sen noch nach Wär­me, son­dern er braucht die Tat; er will stark, tat­kräf­tig, schöpfe­risch und frei sein. Seht doch nur, wel­che Präzi­sion da­rin liegt! Je­de Eigen­schaft des Men­schen ist ei­gens für eine be­stimm­te Auf­ga­be vor­berei­tet. Das ist die wah­re Psy­cho­lo­gie. Man darf nicht al­les durch­einan­der brin­gen. Als ich aber noch tie­fer in das Den­ken Je­su vor­gedrun­gen bin, ha­be ich he­raus­ge­fun­den, dass man die­se Sät­ze jetzt um­keh­ren muss – lasst die Chris­ten alle­mal darü­ber ent­setzt sein! – und nun sa­gen muss: »Bit­tet nicht und ihr wer­det emp­fangen! Sucht nicht und ihr wer­det fin­den! Klopft nicht an, und es wird euch auf­ge­tan!« Ja, aber unter der Vo­raus­set­zung, dass eu­er Le­ben in sei­ner Aus­strah­lung, in den Wel­len, die es aus­sen­det, in sei­nen Emana­tionen gött­lich ge­wor­den ist.

 

Gesamtwerk 5 »Die Kräfte des Lebens«
ISBN 978-3-89515-069-2
290 Seiten, Hardcover
22,00 Euro

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Leseprobe Izvor 237 „Das kosmische Gleichgewicht – Die Zahl 2“

Leseprobe Izvor 237 "Das kosmische Gleichgewicht - Die Zahl 2" von O. M. Aivanhov aus dem Prosveta Verlag. ISBN 978-3-89515-082-1. 200 Seiten. 12,00 Euro.

Leseprobe Izvor 237 „Das kosmische Gleichgewicht – Die Zahl 2“

 

Kapitel VII

Zyklische Schwankungen
und Gegenpole:
Das Gesetz der Gegensätze

Das Männliche zieht das Weibliche an und das Weibliche das Männliche. Das Positive zieht das Negative an und das Negative das Positive. Deshalb unterliegt das ganze Leben dem Gesetz der zyklischen Schwankungen, dem Gesetz der Gegensätze. Der Morgen, das Licht, verjagt die Schatten der Nacht und der Abend bringt diese Schatten wieder mit, die nun ihrerseits das Terrain wieder zurückerobern. Kann man deshalb sagen, dass die Nacht dem Tag entgegengesetzt ist? Ja und nein. Ja, weil das Licht das Gegenteil der Finsternis ist und nein, weil der Tag und die Nacht zusammenarbeiten, um das Leben zu zeugen und aufrechtzuerhalten1. Schaut: Bevor ein Kind auf die Welt kommt, bleibt es neun Monate im Bauch seiner Mutter verborgen. Um keimen zu können, müssen die Samenkörner eine bestimmte Zeit unter der Erde bleiben. Die Bienen kleiden ihren Bienenstock mit Wachs aus, weil sie die Dunkelheit brauchen, um den Honig herzustellen usw. Wie viele Arbeiten beginnen im Dunklen, bevor sie ans Licht treten. Licht und Finsternis stellen Wesenheiten, Strömungen, Energien dar, welche die Natur für ihre Arbeit benützt.

Die gegensätzlichen Pole ziehen sich an. Deshalb lieben die Laster die Tugenden und umgekehrt. Seid nicht schockiert! Warum steigen die Engel auf die Erde herab? Um diesen armen Menschen zu helfen, welche die Engel so sehr brauchen! Die Heiligen mögen sich gegenseitig nicht so sehr, sie verstehen sich hingegen sehr gut mit den Sündern. Die Gelehrten mögen sich gegenseitig auch nicht so sehr, sie mögen lieber die Unwissenden, die ihr Wissen bewundern. Die Dinge sind so gemacht und man sollte sich nicht so sehr den Kopf zerbrechen, um den Grund zu verstehen. Was zählt, ist das Verhalten, das man in den verschiedenen Lebenslagen an den Tag legt.

Überall, in allen Bereichen folgen die Gegensätze aufeinander. Auch in uns folgen die entgegengesetzten Zustände aufeinander: Schlaf und Wachheit, Arbeit und Ruhe, Gesundheit und Krankheit, Schwäche und Stärke, Traurigkeit und Freude, all diese gegensätzlichen Zustände und Energien sind notwendig. Wir nennen das eine »gut« und das andere »böse«, aber dieses Gute und dieses Böse sind Freunde. Man sollte nur wachsam sein, sich selbst überwachen und wissen, dass nach der Freude die Sorge kommt, nach der Hoffnung die Entmutigung und umgekehrt.

Ihr habt einen Moment großer Freude erlebt? Dann müsst ihr jetzt etwas Unangenehmes erwarten, Ereignisse oder aus eurer Umgebung oder sogar von euch selbst, weil ihr nicht wisst, wie man diesen Zustand aufrechterhält. O ja, man sollte darauf vorbereitet sein, denn wenn ihr sorglos seid, dann werdet ihr überrascht sein. Wenn ihr Momente des Glücks habt, schlaft nicht ein, seid wachsam, denn die andere Seite ist da und wartet darauf, dass sie sich äußern kann und wenn ihr euch überraschen lasst, könnt ihr alle Vorteile, die ihr erhalten habt, verlieren. Dies ist ein Gesetz: Alles ist verbunden und eine Bewegung, die in einer Region ausgelöst wurde, löst in der entgegengesetzten Region ebenfalls eine Bewegung aus.

Die gute Seite dieses Gesetzes ist, dass, wenn ihr unglücklich und entmutigt seid, sich das Gute bereits vorbereitet, um euch zu besuchen. Ihr werdet sagen: »Ach so, dann braucht man also nur zu warten.« Ja, aber es gibt mehrere Arten zu warten! Man kann passiv warten, aber man kann auch warten und aktiv sein, denn es ist möglich, diese Zustände wie eine Energiequelle zu benutzen. Warum macht ihr nicht, was ich mache? Ihr seid erstaunt: »Was? Auch Sie sind manchmal traurig und entmutigt?« Selbstverständlich, was glaubt ihr denn? Wie bei allen anderen auch, kommt es auch bei mir vor, dass ich müde, traurig und enttäuscht bin. Der Unterschied ist nur, dass ich weiß, wie man diese Zustände nutzen kann. Die letzten Tage des abnehmenden Mondes zum Beispiel sind normalerweise für mich eine schwierige Zeit. Ich fühle mich physisch und psychisch nicht so gut aufgelegt. Ich weiß das: Ich warte bereits darauf und versuche nicht einmal, diesen Zustand sofort zu verjagen. Ich schmeichle ihm ein bisschen. Ich sage zu ihm: »Aha, na endlich, da bist du ja wieder, so sieht man sich wieder«, und ich benütze ihn, denn dieser Zustand kann verglichen werden mit Blumenerde oder sogar mit Mist, den man den Blumen und Sträuchern gibt, damit sie robuster und schöner werden.

Also, sagt auch ihr euch, dass diese Enttäuschungen, diese Traurigkeiten mit der feuchten Blumenerde verglichen werden können, die eure Blumen farbenreicher und duftender wachsen lässt. Ja, auch hier gibt es eine Entsprechung mit der physischen Ebene. Dies sind Erfahrungen, die ich mache. Mein ganzes Leben habe ich solche Erfahrungen gemacht, denn ich habe verstanden, wie wichtig es ist zu wissen, wie unsere Psyche auf diesen oder jenen Einfluss reagiert, um immer die besten Methoden zu finden sich weiterzuentwickeln. Seit langem weiß ich, dass es möglich ist, Energien aus unseren inneren Zuständen, ja sogar den negativsten Zuständen zu schöpfen.

Aber bitte versteht mich nicht falsch: Die negativen Zustände zu benutzen heißt nicht, sich darin zu versenken oder sich darin zu gefallen. Eines Sommers habe ich in Bonfin einen Vortrag über dieses Thema gehalten. Eines Tages bemerkte ich, dass ein junger Bruder, dessen Gesicht normalerweise offen und lächelnd war, ein trauriges und langes Gesicht zeigte. Ich rief ihn und fragte, was ihm passiert wäre. »Ich bin sehr enttäuscht, meine Verlobte sollte in den nächsten Tagen herkommen. Und nun hat sie telefoniert, dass sie durch ihre Arbeit aufgehalten wird.« – »Ach so! Und wann kommt sie dann?« – »In drei Wochen.« – »Und deshalb machen Sie seit Tagen ein solches Gesicht?« – »Aber Meister, vor ein paar Tagen haben Sie in einem Vortrag gesagt, dass, wenn man eine Sorge hat, man nicht versuchen sollte, sich sofort ihrer zu entledigen.« Mein Gott, wie werde ich verstanden? Es gibt Momente, wo ich mir wirklich an den Kopf fasse.

Aber dieser Bruder war jung und ich erklärte ihm: »Ich habe nicht gesagt, man solle sich in seine Sorgen versenken, um sie zu verlängern, sondern man soll sie für eine geistige Arbeit nutzen. Nehmen Sie sich selber als Beispiel: Sie haben gehört, dass Ihre Verlobte nicht so bald kommen kann, wie Sie es sich erhofften, Sie sind enttäuscht. Um diese Enttäuschung zu überwinden, können Sie versuchen sich zu sagen: ›Oh, das macht nichts, das ist mir egal‹ und irgendwelche Zerstreuungen suchen, um sie zu vergessen. Doch dies ist nicht die beste Einstellung. Sie können diese Verzweiflung auch verwenden, indem Sie zum Beispiel denken: ›Also, die Umstände verzögern ihre Ankunft, aber um diesen Mangel nicht zu spüren, denke ich an sie, indem ich ihr noch mehr Licht, noch mehr Liebe schicke. Am Morgen beim Sonnenaufgang werde ich mir vorstellen, dass sie neben mir sitzt und dass wir gemeinsam auf die Sonne zugehen.‹ Es liegt an Ihnen, Bilder und Gedanken zu finden, die Ihnen gut tun. Wenn Sie so handeln, schaffen Sie etwas Schönes, Solides und wenn Sie sie wiedersehen, haben Sie alle beide das Gefühl, dass Sie sich nie verlassen haben. Aber wenn Sie weiterhin diesen negativen Zustand aufrechterhalten, schaden Sie sich selbst und wenn dann Ihre Verlobte kommt und Sie mit so einem finsteren Gesicht sieht, hat sie nur noch Lust, bald wieder abzureisen.« Natürlich hat dieser nette Bruder sofort sein Lächeln wiedergefunden.

Was den Menschen am meisten fehlt, ist das Wissen über die subtile Funktionsweise des Innenlebens. Nun habe ich es euch aber schon gesagt: Wir besitzen ein ganzes Laboratorium und es liegt deshalb an uns, die Elemente zu suchen, die es uns ermöglichen, eine gute Einstellung an den Tag zu legen. Es ist unmöglich, diese Elemente einfach so theoretisch zu beschreiben; jeder muss sie für sich selbst finden, indem er über alle Ereignisse seines Alltags nachdenkt.

Aber kehren wir zum Gesetz der Gegensätze zurück: Es gilt für das äußere und auch für das innere Leben. Ihr habt eine Phase, wo ihr fähig, intelligent, erfolgreich seid? Seid auf Angriffe gefasst. Wenn ihr nicht wollt, dass man euch kritisiert, dass man euch lächerlich macht, so bleibt unbedeutend. Macht nichts und man wird euch in Ruhe lassen. Sobald sich jemand durch seinen Reichtum, seine Schönheit, seine Intelligenz unterscheidet, stürzen sich sofort eine Menge Leute auf ihn, um ihn auszuplündern. Und wenn ihr wollt, dass das Licht in euch triumphiert, so müsst ihr damit rechnen, dass ihr die Dunkelheit provoziert. Aber auch das Gegenteil ist der Fall: Wenn sich die Welt der Dunkelheit manifestiert, ruft dies das Licht hervor. Wie viele Menschen sind in dem Moment, wo sich die Kräfte des Bösen entfesseln, aufgestanden, um die Stimme der Gerechtigkeit und des Guten ertönen zu lassen! Hätten sich nicht solche Ereignisse abgespielt, hätten diese Menschen niemals die Gelegenheit gehabt, sich auf solch außergewöhnliche Weise zu äußern. Man ist also gezwungen, daraus zu schließen, dass wir nicht weit kommen würden, wenn wir keine Feinde hätten.

Der Gegensatz zwingt uns dazu zu kämpfen, Anstrengungen zu machen und herauszufinden, wo sich unser wahrer Wert befindet. Ihr sagt, dies sei sehr schwierig. Natürlich, aber es ist die einzige Art, die Probleme zu lösen. Also anstatt euch zu beklagen und euch aufzulehnen, sagt: »Danke Herr, dank dieser Schwierigkeiten werde ich stärker, werde ich mich selbst übertreffen.« Das Böse ist etwas, was den Menschen zwingt zu arbeiten. Damit man sich ändern, orientieren, harmonisieren kann, muss man kämpfen.

Aber es gibt zwei Arten von Kampf: denjenigen, bei dem ihr euren Gegner auslöscht und denjenigen, bei dem ihr ihn verschont. Wenn ihr euren Gegner auslöscht, könnt ihr nicht mehr kämpfen, und dies wäre katastrophal, ihr würdet keinen Fortschritt mehr machen! Wenn ihr ihn am Leben lasst, um euer ganzes Leben lang mit ihm kämpfen zu können, werdet ihr stark. Wie viele Leute versuchen ihre Feinde loszuwerden. Und was passiert, wenn es ihnen gelingt? Sie sind nicht mehr glücklich, sie haben den Eindruck, dass ihnen etwas fehlt, denn sie brauchen diesen Gegner, um sich mit ihm zu messen. Man sollte also die Gegner nicht ausrotten, sondern wissen, wie man handeln soll, um sich zu stärken und zu verbessern – und bei dieser Gelegenheit auch sie zu verbessern! Aber das gelingt nur unter der Bedingung, dass man sie nicht als etwas Schlechtes betrachtet.2

Übrigens kann man in Wirklichkeit nie eine hundertprozentige Aussage über das Gute und das Böse machen, denn nichts ist ganz und gar gut oder ganz und gar böse. Sogar die besten Dinge im Leben bringen Unannehmlichkeiten. Nehmen wir nur die Ankunft des Frühlings. Einerseits ist er wunderbar, das Licht, die Wärme, alles blüht auf, aber auch die Insekten vermehren sich: die Wespen, Fliegen, Raupen, Blattläuse, Mücken usw. Also, was für Bedingungen es auch immer gibt, man muss Vorsichtsmaßnahmen treffen. Die Unwissenden erliegen bei allen Gelegenheiten, die Weisen hingegen, die wissen wie sie arbeiten sollen, machen auch bei den schlimmsten Prüfungen Fortschritte.3

Und noch etwas: Das Gute und das Böse sind so sehr miteinander verbunden, dass oft das eine zum anderen führt. Der technische Fortschritt zum Beispiel, ist er gut oder böse? Wie viele Erfindungen, die zu Beginn gut waren, haben schließlich katastrophale Auswirkungen gehabt. Ich gebe euch keine Beispiele, wenn ihr ein bisschen nachdenkt, werdet ihr sie selbst finden.

Und wenn ihr Pläne habt für eine Reise, eine Zusammenarbeit, einen Wohnungswechsel, so gibt es immer etwas, was euch entgeht, selbst wenn euch diese Pläne sehr günstig erscheinen: die ferneren Auswirkungen eurer Unternehmungen. Oder ihr wollt jemandem schaden, den ihr als Konkurrenten, Rivalen oder Gegner betrachtet und es gelingt euch. In Wirklichkeit könnt ihr nicht wissen, ob ihr ihm wirklich Böses getan habt. Das ist so, weil andere Wesen in der unsichtbaren Welt überwachen, was geschieht. Sie könnten die Menschen daran hindern zu handeln und wenn sie es nicht tun, dann oft deshalb, weil sie wissen, dass sie dadurch deren Handlungen eine andere Richtung geben könnten.

Das Gute und das Böse… man sollte warten, bevor man sich darüber ausspricht. Die Zeit wird uns sagen, ob es wirklich gut oder böse war. Man kann diese Frage nur verstehen, wenn man Beispiele in unserem Leben und in der Geschichte der Menschheit studiert4. Jedenfalls gab es viele Menschen, denen man schaden wollte und die schließlich durch die Verkettung der Ereignisse Erfolg und Glück gefunden haben.

Nehmt die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern aus dem Alten Testament. Aus Eifersucht entschlossen sich die Brüder Josephs, sich seiner zu entledigen und eines Tages, als sie ihre Herden weideten, verkauften sie ihn an Händler, die nach Ägypten zogen. In Ägypten angekommen, verkauften ihn die Händler an Potifar, einen Offizier des Pharaos, der von den Qualitäten Josephs beeindruckt war und ihn zu seinem Hausverwalter machte. Schließlich wurde Joseph nach allen möglichen Ereignissen Minister des Pharaos. In diesem Amt fanden ihn seine Brüder nach Jahren wieder. Was für eine Überraschung und welche Gewissensbisse für sie, die ihn sterben lassen wollten. Aber wie hat Joseph sich verhalten? Er sagte zu ihnen: »Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr verkauft habt, um nach Ägypten geführt zu werden. Seid jetzt nicht betrübt und verärgert, dass ihr mich verkauft habt, um hierher geführt zu werden; denn um euch das Leben zu retten, hat Gott mich zu euch geschickt. Seit zwei Jahren ist große Hungersnot im Land und noch fünf Jahre wird es kein Pflügen und kein Ernten mehr geben. Gott hat mich zu euch gesandt, damit ihr in diesem Lande fortbesteht und damit er euch durch eine große Erlösung weiterleben lässt. Nicht ihr habt mich hierher geschickt, sondern Gott. Er hat mich zum Vater des Pharaos, zum Herrscher über sein ganzes Haus und alle Länder Ägyptens gemacht.« Joseph sagte klar und deutlich: Gott hat die Kräfte des Bösen benutzt für etwas Gutes. Denn etwas Böses ist nicht das Böse und etwas Gutes ist nicht das Gute.

Und habt ihr nicht selbst Ereignisse erlebt, die anfangs katastrophal erschienen und die sich schließlich als segensreich herausstellten? Leider sieht man auch das Umgekehrte: glückliche Ereignisse, die sich in Katastrophen verwandeln, weil die Personen nicht vorbereitet waren, mit dieser Situation fertig zu werden.

Und sagt euch auch, dass, was immer ihr auch macht, es immer eine Kraft gibt, die euch treibt und eine andere, die euch beobachtet und Berechnungen anstellt. Wenn ihr Gutes tut, so hat euch das Gute getrieben, aber das Böse hat euch beobachtet und wartet auf den Moment, wo es sich auch manifestieren kann. Und vor allem, wenn ihr weitergehen wollt, als notwendig ist, so wisst, dass das Böse den Überfluss an sich reißen wird und manchmal verschlingt es sogar alles! Deshalb sollte man auch nicht beim Guten das Maß überschreiten, sonst entfesselt man gegensätzliche Kräfte. Warum sagt man manchmal, dass das Bessere der Feind des Guten ist? Weil, wenn man das Gute weiter treiben möchte, als es notwendig ist, man das Böse provoziert. O ja, das Gleichgewicht der Waage.

Das Wichtigste ist, ein waches Bewusstsein zu haben, wachsam zu sein. Es reicht nicht aus, nur festzustellen, dass es zwei Kräfte gibt, sondern man muss sich an eine dritte Kraft darüber wenden, damit man mit den beiden richtig umgehen kann. Wenn ihr dies wirklich verstanden habt, versteht ihr auch die Notwendigkeit, euch zu erheben, bis ihr diesen inneren Ort findet, den die Veränderungen nicht erreichen. Von diesem Ort aus lernt ihr mit den gegensätzlichen Kräften zu arbeiten.

 

Anmerkungen
1. Siehe Band 10 der Reihe Gesamtwerke »Sonnen-Yoga«, Kapitel 17: »Tag und Nacht – Bewusstsein und Unterbewusstsein«.
2. Siehe Band 231 der Reihe Izvor »Saaten des Glücks«, Kapitel 18: »Von der Nützlichkeit der Feinde«.
3. Siehe Band 233 der Reihe Izvor »Eine Zukunft für die Jugend«, Kapitel 8: »Erfolg wie Mißerfolg meistern«.
4. Siehe Band 243 der Reihe Izvor »Das Lächeln des Weisen«, Kapitel 12: »Dank: Quelle von Licht und Freude«.

Taschenbuchreihe Izvor
ISBN 978-3-89515-082-1
200 Seiten
12,00 Euro

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