Leseprobe Gesamtwerk 2 – Die spirituelle Alchimie

Leseprobe Gesamtwerk 2 – Die spirituelle Alchimie

I

Sanftmut und Demut
(Jesus zwischen den beiden Verbrechern)

 

»Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat anderen geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes! Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.«

Lk 23, 32-43

 

All meine Vorträge haben als grundlegendes Thema den Menschen, und auch heute Abend ist er wieder Gegenstand unserer Betrachtungen, aber von einem anderen Blickwinkel aus als in den letzten Vorträgen. Das, was ich euch sagen werde, ist sehr einfach, aber zugleich auch sehr vielschichtig, denn wir werden Symbole interpretieren müssen.

Für die materialistische Wissenschaft besteht der Mensch einzig und allein aus Materie (Zellen, Moleküle, Atome). Er ist nichts anderes als sein physischer Körper. Die spirituelle Wissenschaft hingegen lehrt, dass er jenseits des physischen Leibes auch noch das besitzt, was die christliche Religion Seele und Geist nennt. Ich beschäftige mich jetzt nicht mit den verschiedenen Aufteilungen, die von all jenen vorgeschlagen wurden, die über die menschliche Psyche meditierten. Für heute nehmen wir diejenige, die Jesus gab, als er sagte: »Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.« Diese Worte setzen selbstverständlich voraus, dass für Jesus Herz, Verstand, Seele und Geist die vier Prinzipien unseres psychischen Lebens sind. Denn das Wort »Kraft« bezieht sich auf den Geist. Der Einweihungswissenschaft zufolge besitzt der Geist die wahre Kraft.

Das Herz und die Seele sind die Träger, die Vehikel unserer Emotionen, unserer Gefühle und unserer Wünsche; wobei aber das Herz der Sitz der gewöhnlichen, mit Instinkten, Begehrlichkeiten und Enttäuschungen verbundenen Emotionen ist, und die Seele ist der Sitz der spirituellen und göttlichen Emotionen und der spirituellen und göttlichen Impulse. Die reine, uneigennützige Liebe, die den Menschen fähig macht, Opfer zu bringen und ihn dazu drängt, sich mit allen höheren Wesen des Universums zu verbinden, die befindet sich auf der Buddhi-Ebene.

Zwischen Verstand und Geist gibt es die gleiche Verbindung wie zwischen Herz und Seele. Der Verstand, der Mentalkörper ist das Vehikel für die gewöhnlichen Gedanken und Überlegungen, die nur anstreben, materielle Bedürfnisse, egoistische Interessen zu befriedigen. Der Kausalkörper hingegen, (der also mit dem Atmankörper verbunden ist), ist das Prinzip der rein spirituellen, schöpferischen Gedanken und Tätigkeiten.

Das Herz und die Seele sind ein und dasselbe Prinzip, das weibliche Prinzip, das seine Tätigkeit zwischen einer niederen Region, dem Herzen oder Astralkörper und einer höheren Region, der Seele oder dem Buddhikörper aufteilt. Verstand und Geist sind auch nur ein einziges Prinzip, das männliche Prinzip, das sich in den Regionen der Mental-Ebene und der Kausal- und Atman-Ebene manifestiert. Ihr seht also, wie in uns die beiden Prinzipien, das männliche und das weibliche, arbeiten und vier Vehikel benutzen: das Herz, den Verstand, die Seele und den Geist. Diese zwei Prinzipien und diese vier Vehikel nehmen den gleichen Wohnsitz ein: den physischen Körper.

Leseprobe Gesamtwerk 2 - Schematische Darstellung der verschiedenen Körper

Um diesen Punkt noch verständlicher zu machen, der für viele noch unklar bleibt, gebe ich euch ein ganz einfaches Bild, dessen Entsprechungen genau übereinstimmen. Stellt euch ein Haus vor, in dem der Hausherr und die Hausherrin mit einem Diener und einer Dienerin wohnen. Es kommt manchmal vor, dass der Hausherr auf Reisen geht. Er lässt seine Frau zurück, die traurig und sehnsüchtig die Rückkehr ihres Gatten erwartet. Wenn er dann mit Geschenken beladen nach Hause kommt, gibt es ein großes Fest im Haus. Manchmal brechen Hausherr und Hausherrin gemeinsam zu einer langen Reise auf. Da nun die beiden Bediensteten merken, dass sie allein und ohne Aufsicht sind, wollen sie diese Freiheit für sich nutzen: Sie beginnen die Schränke zu durchforsten, wo sie Proviant, Weinflaschen und alles Mögliche finden. Und da es lustiger ist, beim Trinken und Essen in Gesellschaft zu sein, laden sie noch Nachbarn und Nachbarinnen ein… Nach einer Orgiennacht gibt es natürlich ein paar umgestürzte Tische und ebenso ein paar zerbrochene Flaschen oder sogar eingeschlagene Köpfe. Wenn die Herrschaften dann zurückkommen, sind sie entsetzt über das sich ihnen bietende Spektakel. Sie verteilen natürlich Strafen und sorgen dafür, dass das Haus wieder gereinigt und alles in Ordnung gebracht wird.

Interpretieren wir nun diese kleine Geschichte. Das Haus ist der physische Körper; die Dienerin ist das Herz; der Diener ist der Verstand; die Hausherrin ist die Seele und der Hausherr ist der Geist. Oft verlässt uns der Geist und unsere Seele weint und jammert. Aber wenn der Geist zurückkehrt, bringt er Inspirationen und eine Überfülle an Licht mit. Wenn Seele und Geist auf Reisen gehen, beeilen sich das Herz und der Verstand, alle Dummheiten zu machen, die man gemeinsam und in Gesellschaft mit anderen Herzen und Intellekten machen kann. Hier liegt also der Ursprung aller Unordnung und aller Konflikte in der Welt.

Wenn wir uns noch weiter mit diesem Bild beschäftigen wollen, entdecken wir bis in alle Einzelheiten die jeweiligen Rollen des Herzens, des Verstandes, der Seele und des Geistes. Die Dienerin zum Beispiel ist mehr mit dem Bedienen der Hausherrin beschäftigt, während der Diener sich eher um den Herrn kümmert, aber es kommt natürlich vor, dass der Diener und die Dienerin zusammen gegen das Interesse ihrer Herrschaften handeln. Die Herrschaften unterscheiden sich von den Bediensteten durch ihren Lebensstil, ihre Verhaltensweisen und ihre Beschäftigungen. Sie weihen sie nicht immer in ihre Arbeitsgeheimnisse, ihre Pläne ein. Auf diese Weise handeln Seele und Geist, ohne ihre Absichten dem Herzen und dem Verstand zu offenbaren. Wenn die Dienerin, das Herz, durch ihr untadeliges Verhalten das uneingeschränkte Vertrauen ihrer Herrin, der Seele, erlangt, spricht die Seele manchmal von ihren Plänen, ihrem Glück, von der Liebe, die sie für ihren Gemahl, den Geist empfindet. In diesem Fall ist die Dienerin aufgrund dieser Vertraulichkeiten von Freude erfüllt. Dasselbe geschieht, wenn der Diener, der Verstand, durch seine Arbeit das Vertrauen seines Herrn gewinnt. Dann beginnt dieser, ihm gewisse Dinge zu enthüllen und der Verstand ist dadurch aufgeklärter und klarer. Aber damit das geschieht, ist es notwendig, dass Dienerin und Diener gemeinsam im Dienst an ihren Herrschaften in vollkommener Harmonie leben. Wenn sie in Zwietracht sind und die Wünsche des einen die Bedürfnisse des anderen durchkreuzen, stören sie die Arbeit ihrer Herrschaften. Dieses Bild hat vielerlei Kombinationsmöglichkeiten und verschiedene Anwendungsarten, über die ihr meditieren solltet, denn alle Zustände von Gesundheit oder Krankheit, von Glück oder Leid, kann man mit Hilfe dieser vier Bewohner des menschlichen Hauses erklären.

Die Beziehung zwischen diesen vier Prinzipien erklärt, warum der Verstand und das Herz nur Dummheiten machen, wenn sie dem Geist und der Seele – Sohn und Tochter Gottes – nicht untergeordnet sind. In ferner Zukunft werden auch das Herz und der Verstand Sohn und Tochter Gottes sein. Momentan sind sie nur Bedienstete. Symbolisch gesprochen handelt ein wahrer Sohn in Harmonie mit seinem Vater und eine wahre Tochter in Harmonie mit ihrer Mutter. Das ist dann der Fall, wenn das Herz und der Verstand es verstehen, den göttlichen Willen auszuführen, das heißt, wenn sie es verstehen, der Liebe und der Weisheit gemäß zu handeln, erst dann werden sie Sohn und Tochter Gottes sein. Solange sie nicht gehorchen und Zweifel, Unruhe und Auflehnung in ihnen wohnen, sind sie weder Sohn noch Tochter Gottes, sondern nur des Menschen.

Nach diesen wenigen Erklärungen können wir zur Geschichte der beiden Verbrecher zurückkehren, die an Jesu Seite gekreuzigt wurden. Der erste beschuldigte ihn, indem er sagte: »Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und uns!« Aber der andere wies ihn zurecht und sagte: »Nicht einmal du fürchtest Gott? Uns hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten. Dieser aber hat nichts Unrechtes getan.« Und er sagt zu Jesus: »Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.« Die Charaktere dieser beiden Verbrecher sind klar beschrieben und dies ist kein Zufall. Wir finden diese beiden Charaktere überall wieder, in allen Bereichen des Lebens, sogar in uns, denn die Kreuzigungsszene Jesu, zwischen den beiden Verbrechern, ist auch ein Symbol unseres Innenlebens. Ihr werdet gleich verstehen, dass der erste Verbrecher den Verstand und der zweite das Herz darstellt und wie Christus, zwischen den beiden, das göttliche Prinzip darstellt, das sich durch die Seele und den Geist als Liebe und Weisheit, Wärme und Licht manifestiert.

Ich werde euch eine kleine Geschichte erzählen. Ein Bauer bat auf seinem Totenbett, man solle ihm den Pfarrer und den Notar holen. Man ließ die beiden holen und als der Bauer sie eintreten sah, gab er ihnen ein Zeichen, dass sie sich an sein Krankenbett setzen sollten, einer rechts und der andere links. Alle beide waren überzeugt, dass der Sterbende nach ihnen geschickt hatte, um sein Testament zu diktieren und seine Sünden zu beichten. Der Bauer schaute sie von Zeit zu Zeit schweigend und mit offensichtlicher Zufriedenheit an, schloss dann immer wieder seine Augen und kümmerte sich nicht weiter um sie. Eine Viertelstunde ging so vorbei, eine halbe Stunde – und er hatte sich immer noch nicht geäußert. Der Notar und der Pfarrer wurden allmählich ungeduldig und baten schließlich seinen Sohn, ihn zu fragen, aus welchem Grund er sie hatte holen lassen. Der Sohn wandte sich an seinen Vater, der antwortete: »Mein Sohn, jetzt bin ich zufrieden, ich kann in Frieden sterben. Ich wollte nur wie Christus sterben: zwischen zwei Schächern.« Natürlich ist das nur eine Anekdote, aber es ist interessant festzustellen, dass symbolisch gesprochen der Notar den Verstand und der Pfarrer das Herz darstellt. Wenn die beiden Personen dieser Geschichte wirklich ein unehrlicher Notar und ein schlechter Pfarrer (das soll auch vorkommen!) waren, dann symbolisieren sie tatsächlich die beiden Schächer, im esoterischen Sinn der Geschichte.

Ich sagte euch also, dass der erste Schächer den menschlichen Verstand darstellt. Der Verstand ist erfüllt von Hochmut, Zweifel, Verachtung und Kritik. Er möchte immer bei einem Wunder dabei sein. Doch trotz dieses Bedürfnisses und obwohl es überall auf der Welt Wunder gibt, gelingt es ihm nicht, sie zu sehen. Der menschliche Verstand überlegt immer folgendermaßen: »Würde Gott existieren, so würde Er sich zeigen und Er würde mir Reichtum, Gesundheit, Schönheit, Unsterblichkeit usw. schenken. Die ganze Welt würde mir dienen. Ich würde niemals leiden.« Nach der Logik des Verstandes dürfte Gott nur existieren, um die Angelegenheiten der Menschen zu regeln. Bei der geringsten Unannehmlichkeit – entstanden, weil er sich dummerweise verkalkuliert hat – überhäuft er Gott mit seiner Kritik, seinen Anschuldigungen und seinem Protestgeschrei.

Das Herz seinerseits wünscht sich, nur in Freude und Leichtigkeit zu leben. Es erwartet, dass alles angenehm für es sei und wird ärgerlich, wenn ihm nur ein klein wenig Bitternis widerfährt und es nicht immer und überall eitel Sonnenschein und Freude begegnet.

Wenn der Verstand nicht vom Geist erhellt wird, wird er zum Opfer des Hochmuts. Wenn das Herz nicht von der Seele erwärmt wird, verfällt es der Zügellosigkeit. Beim geringsten Hindernis erfasst Hass den Verstand und Zorn das Herz. Der Hochmütige verachtet die ganze Welt, wenn er bemerkt, dass man ihn nicht in dem Maße schätzt, wie er es für angemessen hält. Er wird abweisend, schweigsam, lebt weit weg von allen in der inneren Kälte und bereitet sich ein ganz übles Schicksal, denn indem er sich innerlich verzehrt, vergiftet er sich. Das Herz hingegen, geizig und Besitz ergreifend, wird vom Feuer des Zorns verwüstet, wenn es fühlt, dass die Dinge und Wesen ihm entwischen oder ihm nicht ausschließlich gehören. Wenn ihnen nicht von Seele und Geist, das heißt von Liebe und Weisheit geholfen wird, versinken Herz und Verstand in der Hölle. Nur eines kann sie retten, nämlich ihre Herrschaften zu finden und ihnen als treue Diener zu dienen. Dann wird das Herz zum Gefäß der Seele und wird göttliche Liebe manifestieren; der Verstand wird zum Vermittler des Geistes und wird göttliche Weisheit manifestieren.

Der erste Schächer lehnte es ab, anzuerkennen, dass ein absolutes Gesetz von Ursache und Wirkung existiert.1 Er war hochmütig und wollte nicht anerkennen, dass er sein Schicksal verdiente. Der zweite Schächer hingegen fühlte, dass er seine Strafe verdiente und sagte zum anderen: »Schweig! Du musst wissen, dass uns die göttliche Gerechtigkeit bestraft für unser Handeln, Jesus jedoch ist unschuldig.« Vom astrologischen Gesichtspunkt aus betrachtet wurde der erste Schächer unter einem schlechten Einfluss von Jupiter in einem ungünstigen Aspekt mit Saturn geboren. Der zweite Schächer wurde unter dem negativen Einfluss von Mars in einem schlechten Aspekt mit Venus geboren. Der erste hatte seinen Vater getötet und der zweite seine Frau, aus Eifersucht.* Der erste bereute sein Verbrechen nicht, der zweite bereute es jedoch, diejenige getötet zu haben, die er noch immer liebte.

* Der Leser wird von diesen biografischen Details, die nicht in den Evangelien erwähnt werden, überrascht sein. Man darf aber nicht vergessen, dass Omraam Mikhaël Aïvanhov zu Beginn des Vortrages ankündigte, er wolle die Kreuzigungsszene mit Christus zwischen den beiden Schächern als Symbol des Innenlebens interpretieren. Das heißt also, die Feststellung: »Der erste tötete seinen Vater und der zweite seine Frau aus Eifersucht«, sollte symbolisch als Drama unseres psychischen und spirituellen Lebens interpretiert werden. Der Unterschied hingegen, der besteht zwischen dem Fehler des Herzens, den der Schuldige bereut und Vergebung erlangt und dem Fehler des Verstandes, den der Schuldige nicht bereut, entspricht auch gewissen Kulturphänomenen und psychologischen Typen, die genau bestimmt werden können.

Jede intellektuelle Auflehnung manifestiert sich kulturell durch einen übertrieben kritischen und zerstörerischen Geist, der in der Verneinung Gottes mündet. Wenn man nun den historischen Kontext betrachten möchte, um die Nuancen gewisser Strömungen deutlich zu machen, könnte man den Libertinismus und den Nihilismus anführen. Die Auflehnung gegen Gott, die den ersten Schächer veranlasst, Jesus nach Beweisen für seine Macht zu fragen, ist eigentlich nur die Wiederholung seines Vatermordes. Der Mord an seinem Vater stellt den Akt dar, durch den der Sohn sich von einer Vormundschaft befreien möchte, die er als unterdrückend und vom Wesen her sozusagen als göttlich empfindet. Aber dieser Mord befreit ihn nicht. Das Drama des Verstandes ist also wirklich der Hochmut, der sich durch die Behauptung seiner persönlichen Macht äußert, selbst dann, als seine totale Machtlosigkeit enthüllt wird, da er ja nur herrschen kann, wenn er zerstört und durch diese Zerstörung aber zugleich auch seine Herrschaft wieder zunichte macht.

Die Ermordung der geliebten Frau aus Eifersucht ist hingegen eine Handlung, durch die unbewusst eine Versöhnung, eine absolute Übereinstimmung gesucht wird. Othello zum Beispiel sah nach dem Mord an Desdemona seinen Fehler ein und erflehte die Vergebung des Opfers und des Himmels. Das Tor des Paradieses bleibt für denjenigen angelehnt, der trotz seines Verbrechens seine Liebe bewahrt hat, obwohl an dieser Liebe noch viel zu arbeiten ist, denn sie ist noch zu gewalttätig, zu ausschließlich. Die Psychoanalyse hat durch die Analyse des männlichen Unterbewusstseins gezeigt, dass der Vater derjenige ist, den man immer verleugnen möchte (den Verstand) und die Frau oder die Mutter diejenige ist, die man immer besitzen möchte (das Herz), aber dass diese beiden Wünsche in der Radikalität ihrer Typologie im Ergebnis zum gleichen Verbrechen führen. (Anmerkung des Herausgebers)

Der erste Schächer wollte also seine Fehler nicht einsehen und lehnte sich auf, während der zweite, der sich seines Verbrechens bewusst war, bescheiden war und die Leiden Christi mitempfand. Er beichtete ihm: »Meister, ich bin ein Verbrecher, ich habe meine Frau getötet, aber ich habe unter dem Einfluss einer Leidenschaft gehandelt, derer ich nicht Herr werden konnte. Ich bereue es, und da du der Sohn Gottes bist, verzeih mir.« Und Jesus antwortete: »Ich weiß, ich weiß. Wahrlich ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.«

Es wurde viel diskutiert über diese Antwort, die Jesus dem zweiten Schächer gab, und manche glaubten, er sei von der Demut und dem Vertrauen, die jener zeigte, berührt gewesen. Wer das Gesetz von Ursache und Wirkung nicht kennt, kann sagen, was er will, Tatsache aber ist, dass die großen Meister weder von guten Worten beschwichtigt noch von Kritik verletzt werden. Sie sehen in der tiefsten Tiefe der Seele, was der Mensch in der Vergangenheit gelebt hat, was er verdient und was er noch abzahlen muss. Wenn Jesus dem zweiten Schächer sagte, er werde mit ihm im Paradies sein, dann deshalb, weil dieser Mann in anderen Verkörperungen Gutes getan hatte. Nach dem Gesetz des Schicksals also musste er trotz seines Verbrechens für diese guten Taten belohnt werden. Der Mensch wechselt nicht augenblicklich vom bösen Menschen zum guten. Er kann nicht das Gute tun, wenn er nicht auch ein Element des Guten in sich trägt. Wenn ein paar Sekunden Reue ausreichen würden, um die Tore des Reiches Gottes zu öffnen, wie kommt es dann, dass so viele Sünder, die doch Worte der Reue ausgesprochen haben, noch immer in der Hölle sind?

Die Antwort Jesu beweist also die Wirksamkeit der Reue, aber die Reue ermöglicht keineswegs die vollständige Sühne aller Verbrechen der Vergangenheit. Der zweite Schächer konnte mit Jesus ins Reich Gottes eintreten, aber nur für eine gewisse Zeit. Er musste danach wieder zur Erde zurückkehren, um seine schlechten Taten wiedergutzumachen. Wer die Gesetze nicht kennt, erklärt immer alles falsch.2 Ein Mensch, der nur Böses getan hat, kann nicht ins Reich Gottes eintreten. Niemand kann für ihn eintreten, damit er unberechtigterweise dort hineinkommt, nicht einmal Christus, denn Christus ist der Erste, der die Gesetze beachtet. Es stimmt zwar, dass ihm alle Macht gegeben war, aber er bedient sich ihrer nicht, um sich gegen die Gesetze zu wenden. Ein wahrer Eingeweihter handelt niemals so, dass er seine Macht missbraucht oder willkürliche Entscheidungen trifft, so wie es die Menschen tun, sobald sie die Möglichkeit dazu haben.

Die meisten Christen stellen sich vor, dass Jesus handelte, ohne die Gesetze zu berücksichtigen, dass er jeden beliebigen Menschen von Krankheiten oder Dämonen befreien konnte. Das ist nicht richtig. Es gab viele Kranke und Besessene, die er nicht rettete, weil es ihr Schicksal war, noch leiden zu müssen. Er selbst sagte: »Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hofe sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein« (Jh 10,16). Und an einer anderen Stelle: »Ich habe deinen Namen geoffenbart den Menschen, die du mir aus der Welt gegeben hast. […] Ich bitte für sie; nicht für die Welt bitte ich, sondern für die, welche du mir gegeben hast, denn sie sind dein« (Jh 17, 6-8). Warum hat Jesus Pharisäer und Sadduzäer nicht gerettet? Weil er nicht für sie gekommen war. Sie gehörten nicht zu seinen Schafen. Dies ist also der Beweis, dass die Schafe, die er retten durfte, gezählt und vorherbestimmt waren. Dies wissen die Christen nicht. Natürlich ist seine Philosophie, die Lehre, die er hinterlassen hat, für alle Menschen, aber das ist ein anderes Thema.

Ihr werdet sagen: »Aber, da Jesus doch gekreuzigt wurde, hatte er denn auch noch Fehler wiedergutzumachen?« Nein, er war ohne Sünde. Er wurde gekreuzigt zum Heil der Menschen. Ich sagte es euch übrigens bereits vorhin: Christus, der zwischen den beiden Schächern gekreuzigt wurde, ist ein Symbol, das man auch im Menschen wiederfindet, wo das göttliche Prinzip ständig vom Verstand und vom Herzen gekreuzigt wird. Der Verstand und das Herz, die an der Arbeit des göttlichen Prinzips teilnehmen sollten, behindern diese Arbeit nicht nur, sondern machen sich sogar über sie lustig oder verleugnen sogar seine Existenz. Auf diese Weise wird Christus ständig in uns zwischen diesen beiden Schächern gekreuzigt: dem hochmütigen Verstand und dem jähzornigen Herzen.

Hochmut und Zorn sind zwei hochwirksame Gifte, und nur sehr wenige Menschen haben die Macht, sie zu neutralisieren. Die Chemiker wissen, wie man Gifte mit Gegengiften neutralisiert, aber im Bereich des psychischen Lebens ist man unwissend, kennt man keine Gegengifte. Nur die Eingeweihten haben sich damit beschäftigt, Heilmittel gegen Hochmut und Zorn zu finden. Diese Heilmittel sind die Sanftmut und die Demut. In einer bestimmten astrologischen Überlieferung repräsentieren Saturn und Mars »das große Übel« und »das kleine Übel«, während Jupiter und Venus »das große Glück« und »das kleine Glück« repräsentieren. Und als Jesus sagte: »Kommt zu mir, die ihr beladen seid, ich werde euch erquicken, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen«, reichte er seine Hände den beiden großen Übeln, die die Menschheit quälen: Zorn und Hochmut.

Sanftmut und Demut sind die beiden grundlegenden Tugenden für den Schüler, denn sie ermöglichen es ihm, die schwierigsten Probleme zu lösen. Der sanftmütige und demütige Mensch ist nicht schwach, wie man gewöhnlich glaubt. Da er die Wärme des vergeistigten Herzens und das Licht des vergeistigten Verstandes besitzt, bewegt er sich auf dem Pfad der Macht. Alle, die glauben, dass man gezwungenermaßen ein Opfer der anderen wird, wenn man Demut und Sanftmut in sich pflegt, irren gewaltig. Wer sanftmütig und demütig ist, besitzt Kraftreserven, die er sich angesammelt hat, und ist immer in Sicherheit, denn es heißt in der Heiligen Schrift, dass Gott sich gegen die Hochmütigen wendet und die Demütigen erhebt.

Aber die Astrologen werden mich am besten verstehen, weil sie wissen, dass die Planeten Saturn und Mars als Missgeschicks- und Unglücksfaktoren betrachtet werden. Mars ist in seinem negativen Aspekt der Planet der Gewalttätigkeit und Saturn der Planet des Hochmutes. Die Gewalttätigkeit von Mars muss also durch die Sanftmut neutralisiert werden und der Hochmut Saturns durch die Demut.

Tatsächlich haben viele Menschen keine sehr klare Vorstellung von Hochmut und Demut und verwechseln oft das eine mit dem anderen. Wenn sie einen Menschen sehen, der sich vor den Mächtigen dieser Welt beugt und eine unterwürfige Haltung einnimmt, weil er sich ihnen gegenüber arm, unwissend und schwach fühlt, so sagen sie, er sei demütig. Aber wenn sie einen Menschen treffen, der das Reich Gottes verwirklichen will, rufen sie: »Was für ein Hochmut!« Nein, sie täuschen sich. Der erstere ist nicht demütig, weil er sich vor den Reichen und Mächtigen verneigt. Gebt ihm ein bisschen Reichtum, gebt ihm ein paar Gelegenheiten, aus seinen Lebensumständen herauszukommen, und ihr werdet sehen, ob er demütig ist! Lasst ihn ein paar Prüfungen durchmachen und ihr werdet sehen, ob er vor dem Herrn demütig ist. Wie viele Menschen lehnen sich bei den geringsten Schwierigkeiten gegen Gott auf oder verleugnen sogar Seine Existenz! Wahre Demut besteht nicht darin, sich vor den Mächtigen und Reichen zu verneigen, sondern vor Gott demütig zu sein. Wahre Demut besteht darin, dem Himmel dienen und seinen Willen ausführen zu wollen, darin, Achtung zu haben vor allem, was heilig ist und es in sich und um sich herum bewahren zu wollen. Selbstverständlich soll Jesus, wenn man die Meinung mancher Menschen hört, hochmütig gewesen sein, weil er sich »Sohn Gottes« nannte, weil er die Händler mit einer Peitsche aus dem Tempel vertrieb und die Pharisäer »Schlangenbrut« und »ausgebleichte Gräber« nannte… Nein, in Wirklichkeit besaß Jesus wahre Demut, weil er vor dem Herrn demütig war und in den schrecklichsten Leiden sagte: »Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe.«

Ein Hochmütiger ist jemand, der sich einbildet, von nichts und niemandem abhängig zu sein, so wie eine Lampe, die behauptet, sie spende das Licht, ohne zu ahnen, dass sie ohne das Elektrizitätswerk, welches ihr den Strom liefert, dunkel bleiben würde. Der Hochmütige glaubt, er selbst sei die Quelle aller Manifestationen. Der demütige Mensch hingegen weiß, dass nichts von ihm abhängt, und dass er, wenn er nicht mit dem Himmel verbunden bleibt, weder Kraft noch Licht noch Weisheit haben wird. Er vergisst niemals, dass er in Wirklichkeit nur ein Leiter ist. Ich möchte auf diese Frage nicht länger eingehen, aber ich kann euch sagen, dass derjenige, der glaubt, über allem zu stehen und nur von sich selbst abhängig zu sein und dabei die Kraftquelle vergisst, die sich durch ihn manifestiert, früher oder später damit endet, dass er alles verliert.

Ich werde euch eine kleine Geschichte erzählen. Es lebte einmal in der Antike in Babylon ein armer Steinklopfer. Er arbeitete am Rand einer Straße, auf der ein großer Eingeweihter jeden Morgen vorbeiging und sie grüßten sich jedes Mal. Eines Tages bat der Steinklopfer den Eingeweihten, ob er etwas tun könne, damit er ein bisschen aus seinem Elend herauskomme, und da dieser bemerkte, dass er ein guter Arbeiter war, sagte er: »Gehe zu jener Stelle. Dort ist ein Schatz vergraben. Nimm ihn und du wirst reich werden.« Von einem Tag auf den anderen wurde der Steinklopfer unglaublich reich. Er begann mit den hochgestelltesten Menschen zu leben und gab große Feste. Eines Tages wollte der Eingeweihte ihn besuchen, aber der frühere Steinklopfer hatte ihn vollständig vergessen, zu sehr war er beschäftigt mit den großen Persönlichkeiten, die er nun regelmäßig aufsuchte, und als man ihm den Besuch ankündigte, antwortete er: »Ein Prinz ist gerade bei mir. Er soll warten, bis ich frei bin.« Der Eingeweihte wartete sehr lange und schließlich kam jemand, um ihm zu sagen, dass er aus Zeitmangel nicht empfangen werden könne. Als er wieder ging, redete ihm der Engel, der ihn begleitete, ins Gewissen: »Glaubst du wirklich, dass du weise warst, als du diesem Mann geholfen hast? Wegen dir hat er seine Seele verloren und ist so hart und hochmütig geworden. Es bleibt dir nichts anderes übrig, als deinen Fehler wiedergutzumachen. Versuche ab jetzt besser zu verstehen, wem du helfen sollst.« Der Eingeweihte verstand und machte sofort seinen Fehler wieder gut: Der Neureiche verlor sein ganzes Vermögen und musste wieder Steine klopfen, und er sah wieder jeden Tag den Eingeweihten vorbeigehen. […]

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Leseprobe Izvor 209 – Weihnachten und Ostern in der Einweihungslehre

Leseprobe Izvor 209 - Weihnachten und Ostern in der Einweihungslehre

Leseprobe Izvor 209 – Weihnachten und Ostern in der Einweihungslehre

I

Das Weihnachtsfest

Die vier wichtigsten Feste Weihnachten, Ostern, Johanni und Michaeli sind kein Zufall und nicht beliebig von einigen Geistlichen eingeführt worden, sondern es sind Zeitpunkte, die kosmischen Phänomenen entsprechen. In einem Jahr durchläuft die Sonne vier Kardinalpunkte (Tagundnachtgleiche im Frühjahr und Herbst und die Sommer- und Wintersonnenwende). Während dieser vier Zeitabschnitte ist in der Natur ein gewaltiges Strömen und Kreisen von Energien zu beobachten, das die ganze Erde mit all ihren Bewohnern beeinflusst: Pflanzen, Tiere und Menschen. Die Eingeweihten haben diese Phänomene studiert und festgestellt, dass große Veränderungen im Menschen stattfinden können, wenn er aufmerksam ist, sich vorbereitet und sich in Harmonie bringt, um diese Ausströmungen aufzunehmen.

In der christlichen Tradition heißt es, dass Jesus am 25. Dezember um Mitternacht geboren sei. An diesem Tag tritt die Sonne in das Sternbild Steinbock ein. Symbolisch gesehen ist der Steinbock mit den Bergen und Höhlen verbunden, und gerade in der Finsternis einer Höhle kann das Jesuskind geboren werden. Das Jahr hindurch waren Natur und Menschen sehr aktiv, aber beim Herannahen des Winters werden viele Arbeiten eingestellt, die Tage werden kürzer, die Nächte länger; der Mensch hat jetzt Zeit für Meditation und Besinnung; er kann in die Tiefen seines Wesens hinabsteigen und die Voraussetzungen für die Geburt des Kindes finden.

Nach dem Steinbock tritt die Sonne in das Tierkreiszeichen des Wassermanns ein. Der Wassermann stellt das Wasser, die Taufe, das sprudelnde Leben dar, das neue Strömungen hervorbringt. Danach durchläuft sie die Konstellation der Fische, wo der Fischfang stattfindet, von dem Jesus sprach, als er zu seinen Jüngern sagte, dass sie »Menschenfischer« sein würden.

Kehren wir aber zurück zur Geburt Jesu. Jedes Jahr steigt am 25. Dezember um Mitternacht das Sternbild Jungfrau am Horizont auf und darum heißt es, Jesus sei von der Jungfrau geboren. Gegenüber erscheinen die Fische und in der Mitte des Firmaments ist das wunderschöne Sternbild Orion zu sehen, dessen Zentrum drei aneinander gereihte Sterne bilden, die volkstümlich die drei Weisen genannt werden.

Ob Jesus nun wirklich am 25. Dezember um Mitternacht zur Welt kam, soll uns hier nicht beschäftigen; was uns interessiert ist, dass an diesem Tag das Christus-Prinzip in der Natur geboren wird, das Licht und die Wärme, die alles verwandeln. Zur gleichen Zeit wird dieses Fest auch im Himmel gefeiert: Die Engel singen und alle Heiligen, hohen Meister und Eingeweihten versammeln sich, um zu beten, um den Ewigen zu ehren und die Geburt des Christus zu feiern, der wahrhaft im Universum geboren wird.

Und was macht währenddessen die Mehrzahl der Menschen auf der Erde? Sie hält sich in Kneipen, Tanzbars und Nachtlokalen auf, wo gegessen, getrunken und Unsinn gemacht wird, um die Geburt Jesu zu feiern… eine seltsame Mentalität! Das Erstaunliche dabei ist, dass sogar die intelligentesten Menschen es normal finden, Weihnachten auf diese Art zu feiern, anstatt sich der Bedeutung eines nur einmal jährlich stattfindenden Ereignisses bewusst zu sein. Wenn die ganze Natur aufmerksam das neue Leben vorbereitet, ist der Mensch mit seinen Gedanken woanders. Deshalb empfängt er auch nichts vom Himmel, sondern verliert im Gegenteil dessen Gnade und Liebe. Denn was kann der Himmel einem Menschen, der den göttlichen Strömungen gegenüber unempfindlich ist, schon geben? Der Schüler dagegen bereitet sich vor. Er weiß, dass in der Weihnachtsnacht Christus als Licht, Wärme und Leben geboren wird, und er schafft günstige Bedingungen, damit dieses göttliche Kind auch in ihm geboren wird.

Jesus wurde vor zweitausend Jahren in Palästina geboren. Doch das ist der historische Aspekt von Weihnachten, der aber, wie ihr wisst, für die Eingeweihten zweitrangig ist, denn Christi Geburt ist eher ein kosmisches als ein historisches Ereignis. Es ist die erste Manifestation  des Lebens in der Natur, überall beginnen neue Energien hervorzusprudeln. Außerdem ist diese Geburt auch ein mystisches Ereignis, das heißt, dass Christus in jeder Menschenseele als Prinzip des Lichtes und der göttlichen Liebe geboren werden soll. Dies ist die Bedeutung der Geburt Jesu. Aber solange der Mensch nicht von Licht und Liebe erfüllt ist, kann das Christkind nicht in ihm geboren werden, er kann es feiern und erwarten… und wird nie etwas bekommen.

Zur Erinnerung an die Geburt Jesu vor zweitausend Jahren geht man in die Kirche und singt, dass er gekommen ist, uns zu erlösen. Und da wir nun bereits erlöst sind, können wir in aller Ruhe weiter sündigen, trinken und schlemmen und brauchen uns für alle Ewigkeit keine Sorgen mehr zu machen! Das ist es, was die Menschen unter der Geburt Jesu verstehen. Aber wer denkt schon daran, an sich selbst zu arbeiten, zu lernen und sich zu bemühen, damit Jesus in jeder Seele, in jedem Geist geboren wird? Wäre das Kommen Jesu vor zweitausend Jahren ausreichend gewesen, warum ist dann das Reich Gottes auf Erden noch nicht Wirklichkeit geworden? Kriege, Elend und Krankheiten hätten schon längst verschwinden müssen.

Ich leugne nicht, dass Jesu Geburt ein äußerst wichtiges historisches Ereignis war, aber das Wesentliche sind die kosmischen und mystischen Aspekte des Weihnachtsfestes. Die Geburt Christi ist nicht nur ein alljährliches Ereignis im Universum, sondern kann auch jeden Augenblick in unserem Inneren stattfinden. Ihr könnt die Geschichte der Geburt Jesu lesen, so oft ihr wollt und singen: »Es ist geboren, das himmlische Kind…«, solange Christus nicht in euch selbst geboren ist, hat all das keinen Zweck. Jetzt kommt es darauf an, dass jeder den Wunsch hat, Ihn in seiner eigenen Seele zur Welt zu bringen, um selbst so zu werden wie Er, damit die Welt von Menschen bevölkert wird, die alle den Geist Christi in sich tragen. Gerade dies wollte Jesus im Übrigen erreichen, als er sagte: »Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird die Werke auch tun, die ich tue, und er wird noch größere als diese tun; denn ich gehe zum Vater« (Jh 14,12). Aber wo sind diese Werke, die größer sind als die Werke Jesu?

Für einige ist Christus bereits geboren, für manche wird er bald geboren werden, und für andere wird er leider erst in einigen Jahrhunderten geboren. Es kommt eben darauf an, ihm die richtigen Bedingungen zu schaffen. Um die ganze Bedeutung des Weihnachtsfestes zu begreifen, ist es daher sehr wichtig, sich lange vorher darauf vorzubereiten. Was bedeutet zum Beispiel die Geburt Jesu in einer Krippe zwischen Esel und Ochse? Was stellen die Hirten, die drei Weisen dar? Ihr sagt: »Aber das weiß doch jeder!« Wir werden gleich sehen, ob man es weiß oder nicht, und was man sich darunter vorstellt. Lukas hat die meisten Einzelheiten über dieses Ereignis berichtet; alle anderen Evangelisten erwähnen es kaum oder beginnen erst mit der Taufe Jesu am Ufer des Jordan durch Johannes den Täufer. Ich möchte euch deshalb jetzt gerne die Schilderung von Jesu Geburt aus dem Lukas-Evangelium vorlesen (Lk 2,1-32).

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auf auch Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und siehe, des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: »Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.« Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Joseph, dazu das Kind in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Und da acht Tage um waren, und man das Kind beschneiden musste, da ward sein Name genannt Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe denn er im Mutterleibe empfangen ward.

Und da die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Moses vollendet waren, brachten sie ihn nach Jerusalem, auf dass sie ihn darstellten dem Herrn. Wie denn geschrieben steht in dem Gesetz des Herrn: »Alle männliche Erstgeburt soll dem Herrn geheiligt heißen«, und dass sie gäben das Opfer, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben«. Und siehe, ein Mensch war zu Jerusalem, mit Namen Simeon, und derselbe Mensch war fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels, und der heilige Geist war mit ihm. Und ihm war eine Antwort geworden von dem Heiligen Geist, er solle den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen. Und er kam auf Anregen des Geistes in den Tempel. Und da die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, dass sie für ihn täten, wie man pflegt nach dem Gesetz, da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:

 

»Herr, nun lässest du deinen Diener in

Frieden fahren, wie du gesagt hast.

Denn meine Augen haben deinen Heiland

gesehen,

Welchen du bereitet hast vor allen Völkern,

Ein Licht zu erleuchten die Heiden,

Und zum Preis deines Volkes Israel…«.

 

Diese Geschichte habt ihr bestimmt schon öfter gelesen oder gehört. Sie enthält zahlreiche symbolische Details und zwei sehr mysteriöse Stellen. Warum heißt es: »Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen«? Folglich musste sie von diesen Worten etwas für sich behalten. Hätte es sich um die Aussagen der Hirten gehandelt, hätte sie darüber sprechen können, denn diese waren für niemanden ein Geheimnis. Also war es etwas anderes, etwas Heiliges, das sie kostbar in ihrer Seele hütete. Und wer war Simeon? Es heißt, dass der Heilige Geist über ihm war, er war also ein sehr reiner Mensch. Die Frage nach Simeon kann ich indes nicht behandeln, denn das würde jedes christliche Bewusstsein erschüttern. Ja, wer war Simeon? Welche Verbindung hatte er zu Jesus?…

Jetzt werdet ihr gleich sehen, ob ihr dieses Kapitel wirklich verstanden habt. Zunächst: Wer waren Maria und Joseph? Wenn sie als Jesu Eltern ausgewählt wurden, dann waren sie auch darauf vorbereitet worden und würdig, Jesus, den Erlöser der Menschheit, in ihrer Familie zu empfangen. In ihren vorangegangenen Leben hatten sie sicherlich eine bedeutende spirituelle Arbeit geleistet. Sie waren außergewöhnliche Menschen und für dieses Ereignis vorherbestimmt. Maria hatte sich schon sehr jung dem Herrn geweiht. Sie war in den Tempel gegangen, um Seine Dienerin zu werden. Sie hatte sich also geläutert und die größten Opfer gebracht, um würdig zu sein, einen so erhabenen und mächtigen Geist wie Christus in ihrem Schoße zu empfangen. An solche Dinge denkt niemand. Man ist überzeugt, Gott sei alles möglich und Er tue, was ihm gefällt, sogar die unglaublichsten Dinge, und deshalb könne Er auch den Erstbesten für die allerhöchste Mission auswählen. Nein, auch auf diesem Gebiet gibt es eine Gerechtigkeit, Regeln und Gesetze, die der Herr selbst erlassen hat, also wird Er selbst sie bestimmt nicht übertreten.

Wenn Gott Geschöpfe auswählt, dann erfüllen sie bestimmte Voraussetzungen. Gewiss, »Er kann aus Steinen Kinder Abrahams machen«, aber zuerst müssen diese vom Stadium der Steine zu dem der Pflanzen und der Tiere übergehen, bevor sie die Ebene der Menschen erreichen. Das Gleiche gilt für das Kind. Der Keim durchwandert auch viele Formen und Zustände, bevor er das Aussehen eines menschlichen Wesens annimmt. Genauso musste auch Jesus bestimmte Etappen durchschreiten, bevor er Christus wurde. Auch das können die Christen nicht akzeptieren. Ihrer Meinung nach war Jesus Gott selbst und von Geburt an vollkommen. Aber warum musste er dann bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr warten, um den Heiligen Geist zu empfangen und Wunder zu vollbringen? Selbst wenn Gott persönlich sich auf Erden verkörpern will, wird Er dabei Seine eigenen Gesetze befolgen. Er, der Herr, respektiert Sich selbst, versteht ihr? So sehen die Eingeweihten die Dinge; in ihrem Kopf ist alles geordnet, logisch und sinnvoll.

Maria und Joseph waren rein. Um würdig zu sein, Jesus zu empfangen, hatten sie sich lange vorbereitet, schon in früheren Inkarnationen. Ist Jesus vom Heiligen Geist geboren? Ja, es war der Heilige Geist auf der himmlischen Ebene, aber auf der körperlichen Ebene war auch etwas nötig, beziehungsweise jemand, damit auch auf dieser Ebene sich der Heilige Geist widerspiegelte. Der Heilige Geist brauchte auch auf der physischen Ebene einen Mittler, damit auf physischer, spiritueller und göttlicher Ebene alles heilig, lichtvoll und rein war und eine völlige Übereinstimmung der drei Welten erreicht wurde.

Ihr sagt: »Aber für den Heiligen Geist ist alles möglich!« Ich weiß, er hätte sich zum Beispiel ein bisschen Materie aus dem Raum nehmen und sich damit einen Körper formen können, der nicht von einer Frau geboren zu werden brauchte. Nur, ein solcher aus ätherischen Stoffen bestehender Körper kann kaum einige Stunden, vielleicht einen Tag überleben, und dann entfliehen die Teilchen wieder. Das ist das, was bei spiritistischen Sitzungen geschieht. Wenn ein Körper Bestand haben soll, benötigt er die von der Mutter kommenden materiellen Teilchen. Deshalb brauchte der Heilige Geist eine reine Frau, um sich in ihrem Schoß einen Körper zu bilden. Das Übrige werde ich euch nicht sagen, das könnt ihr selbst erraten!

Ist Jesus durch das Wirken des Heiligen Geistes geboren worden? Ja, gewiss insoweit, als seine Zeugung von keinerlei Begierde, Leidenschaft oder Sinnlichkeit befleckt wurde, kann man sagen, dass er durch das Wirken des Heiligen Geistes geboren wurde. Auf dieser Ebene ist die Jungfräulichkeit Mariens zu verstehen. Die Keuschheit ist eher eine spirituelle denn eine physische Eigenschaft. Wie viele Frauen sind nach außen hin Jungfrauen, aber im Inneren schlimmer als Straßenmädchen! So, mehr sage ich euch nicht… das war schon sehr viel!

Die Geburt Jesu muss in den drei Welten verstanden werden. Das heißt als historisches, psychisch-mystisches und schließlich als kosmisches Phänomen. Heute interessiert mich vor allem das mystische Phänomen.

Von den Evangelisten war Lukas der gelehrteste und gebildetste; er beginnt sein Evangelium mit den Worten: »So habe auch ich’s für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an sorgfältig erkundet habe, es für dich, hoch geehrter Theophilus, in guter Ordnung aufzuschreiben, damit du den sicheren Grund der Lehre erfahrest, in der du unterrichtet bist« (Lk 1,3-4). Er war also nicht wie die anderen, Zeuge der Geschehnisse, sondern hat Nachforschungen angestellt und in seinem Bericht von der Geburt Jesu nur die Bilder der Ereignisse festgehalten, die sich in der Seele eines jeden Menschen ständig wiederholen. Wir wollen jetzt diese symbolischen Bilder näher betrachten.

Das Jesuskind braucht einen Vater und eine Mutter, um geboren zu werden. Der Vater, Joseph, stellt den Intellekt, den Geist des Menschen dar. Die Mutter, Maria, ist das Herz, die Seele. Wenn Herz und Seele geläutert sind, dann wird das Kind geboren. Aber es wird nicht von Intellekt und Geist, sondern von der Universalseele geboren, die nichts anderes ist als der Heilige Geist in Form von Feuer, von göttlicher Liebe… eine reine Flamme, die das Herz und die Seele des menschlichen Wesens befruchtet. Herz und Seele verkörpern das weibliche, empfängliche Prinzip. Intellekt und Geist dagegen stellen das männliche Prinzip dar, das die Bedingungen vorbereitet, damit der Heilige Geist, das heißt die Universalseele, die Feuer ist, Besitz ergreift von der Seele, von Maria. Dann wird das Christkind geboren. Aber da die Geburt in allen drei Welten stattfinden soll, muss das Kind auch auf physischer Ebene auf die Welt kommen. Ihr seht, all das ist viel komplexer als ihr euch vorstellt.

Als Maria und Joseph in einer Herberge Unterkunft suchten, fanden sie keinen Platz. Mit anderen Worten: Menschen, die nur für Essen, Trinken und Vergnügungen leben, haben für den Eingeweihten, der das Kind empfing, keinen Platz. Das göttliche Kind, das er bereits als Licht in sich trägt, kann ein Ideal oder eine Idee sein, die er nährt und innig liebt, aber wohin mit diesem Kind? Niemand öffnet ihm die Tür, das heißt niemand versteht ihn. Zum Glück gibt es einen Stall. Der Stall mit der Krippe ist ein Symbol, das zunächst auf die Armut und die äußeren Schwierigkeiten hinweist. Ja, so wird es für den Menschen, in dem der Geist wohnt, immer sein: Von den Menschen wird er weder geschätzt noch aufgenommen. Aber andere werden das Licht, das er über die Krippe hinaus ausstrahlt, von weither sehen und ihn aufsuchen.

Das durch den fünfzackigen Stern dargestellte Licht ist eine absolute Realität. Es leuchtet über dem Haupt aller Eingeweihten, deren weibliches Prinzip – Seele und Herz – das vom Heiligen Geist gezeugte Christkind zur Welt gebracht hat. In dem Fall soll der Intellekt, Joseph, anstatt Maria eifersüchtig zu verstoßen und wie ein grober Mensch zu schimpfen: »Das Kind, das du geboren hast, ist nicht von mir, verschwinde!…« sich beugen und sagen: »Gott selbst hat Marias Seele und Herz mit Seinem Hauch gestreift. Ich war nicht dazu imstande«. Der Intellekt darf sich also nicht empören und zornig werden, sondern muss Maria behalten, die Lage richtig einschätzen und zugeben: »Hier ist etwas, das meine Kenntnisse übersteigt!« Maria zu verstoßen würde bedeuten, die Hälfte seines eigenen Wesens aufzugeben und wie die rein intellektuellen und rational eingestellten Menschen zu werden, die alle Regungen des Gemüts, alles Empfängliche, alle Eigenschaften der Milde, Demut und Güte verbannt haben. Viele haben Maria verstoßen, weil sie sich gerne vom Heiligen Geist besuchen ließ…

Ihr müsst verstehen, dass Maria und Joseph Symbole des Innenlebens sind. Wer Maria verbannt, verdorrt und hat nur noch einen Intellekt, der alles zersetzt, kritisiert und immer unzufrieden ist. Aber ihr habt gesehen, dass Joseph Maria im Gegenteil achtete, sie bei sich behielt und sich sagte: »Oh, sie erwartet ein Kind, ich will sie schützen, denn sie braucht meine Hilfe.«

Was bedeutet nun der Stern? Er zeugt von einem Phänomen, das sich unvermeidlich im Leben eines wahren Mystikers, eines wahren Eingeweihten ereignet. Über seinem Haupt erscheint ein Stern, ein leuchtendes Pentagramm. Das, was oben ist, ist wie das, was unten ist und das, was unten ist, ist wie das, was oben ist, und deshalb muss auch das Pentagramm zweifach existieren.

 

 

Leseprobe Izvor 209 - Weihnachten und Ostern in der Einweihungslehre

 

 

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Neuerscheinung „Die Gymnastik-Übungen – Sinn, Ablauf und Entsprechung zu heiligen Symbolen“

Neuerscheinung "Die Gymnastik-Übungen - Sinn, Ablauf und Entsprechung zu heiligen Symbolen"

Neuerscheinung „Die Gymnastik-Übungen – Sinn, Ablauf und Entsprechung zu heiligen Symbolen“

1
Versteckte Schätze in einfachen Übungen

Ihr wünscht euch alle ein Leben, das reich an Enthüllungen, Inspirationen und Segnungen ist und ihr denkt, dass jemand kommen sollte, der euch außerordentliche Geheimnisse verrät. Wenn ich euch sage, dass diese Geheimnisse, nach denen ihr euch sehnt, in einigen sehr einfachen Übungen enthalten sind, werdet ihr denken: »Ist das alles?« Ja, die größten Geheimnisse, um jeden Tag in Harmonie, Freude und Hoffnung zu leben, bestehen in sehr einfachen Übungen. Lasst ihr sie weg, werdet ihr niemals erfahren, was sie euch hätten bringen können.
Nehmen wir nur einmal unsere Gymnastikübungen. Spürt ihr deren Nützlichkeit, um die Geschmeidigkeit, die Vitalität und das Gleichgewicht eures Körpers aufrechtzuerhalten? Ihr macht sie einige Tage lang, dann lasst ihr sie wieder weg, und wenn ihr sie wieder aufnehmen wollt, seid ihr schon steif, schwer und ungeschickt. Man muss sie regelmäßig machen, wie die Tänzer, die keinen einzigen Tag auslassen, ohne zu trainieren. Sagt nicht, dass die Übungen zu viel Zeit brauchen. Sie dauern nur ungefähr zehn Minuten.
Nehmen wir mal an, ihr macht diese Übungen jeden Tag. Da sie einfach sind, könnt ihr sie genauso gut in korrekter Weise ausüben und an nichts anderes denken, denn ihr habt nur wirklich einen Nutzen, wenn ihr euch darauf konzentriert. Gebt euch nicht damit zufrieden, eure Arme und eure Beine mechanisch nach links oder nach rechts zu heben, versucht einen guten Rhythmus zu finden. Auf diese Weise werden die Zellen eurer Beine, eurer Arme, eures Sonnengeflechts, eures Gehirns und eures ganzen Körpers nach und nach vibrieren und eines Tages werdet ihr spüren, dass ihr feinstoffliche Ströme aussendet, die sich harmonisch im Raum verbreiten.
Seid euch also zu Beginn der Übungen bewusst, dass ihr Wellen aussenden und Energieströme hervorbringen werdet. Desgleichen werdet euch eurer Atmung bewusst. Auf diese Weise tragt ihr zur Geschmeidigkeit eures Körpers, zur Verjüngung eurer Zellen, zur Ausgeglichenheit und Aktivität eures Nervensystems bei.
Man assoziiert die Idee der Gymnastik zu oft mit der Pflege des physischen Körpers und der Entwicklung der Muskeln. Für eine gute Gesundheit und ausreichende Energie muss hauptsächlich das Nervensystem unterstützt, gestärkt und stimuliert werden. Ein Sportler kann die stärksten Muskeln haben, wenn aber sein Nervensystem geschwächt und ausgelaugt ist, hebt er nicht einmal eine Flasche Wasser hoch. Beobachtet euch und fragt euch, warum ihr an manchen Tagen von morgens bis abends aktiv seid und zehn Kilometer zu Fuß gehen könnt, ohne müde zu werden, und an anderen Tagen schleppt ihr euch jämmerlich dahin. Ihr habt die gleichen Muskeln, habt aber weniger Nervenenergie. Mit unseren Gymnastikübungen versuchen wir also, vor allem das Nervensystem zu stärken, weil selbst die Leistung der Muskeln von ihm abhängt.
Und was stärkt und nährt das Nervensystem? Es ist das Bewusstsein, der Glaube und die Begeisterung, womit man sich an die Aufgabe macht. Ich fühle sehr wohl, dass ihr hinter mir seid, wenn wir die Übungen zusammen machen, aber ich spüre, dass ihr nicht immer bewusst dabei seid. Wenn ihr euch ab jetzt bemüht, all diese Bewegungen mit der Überzeugung zu machen, dass ihr etwas Gutes und etwas Schönes tut, wird euer ganzer Tag dann günstig beeinflusst werden. Ihr habt dann eine Harmonie in euch hineingebracht, die sich auch auf euer Verhalten gegenüber eurer Umgebung auswirken wird: auf eure Familie, eure Freunde, eure Nachbarn, eure Arbeitskollegen und auf alle Personen, denen ihr begegnet.
Unsere Lehre vermittelt viele Methoden (die Gymnastikübungen sind nur eine unter vielen): das Gebet, die Meditation, die Lieder, den Surya-Yoga (Sonnenyoga), den Hrani-Yoga (Yoga der Ernährung), die Atemübungen, die Paneurhythmie, usw. Für jede dieser Praktiken habe ich euch erklärt, wie ihr eure Gedanken lenken sollt, um die besten Ergebnisse zu erzielen. Eine Methode an sich repräsentiert noch nichts Großartiges, sie ist nur ein Werkzeug. Ein Wort oder eine Geste, die man wiederholt, entfaltet seine Macht nur, wenn man seinem Inhalt einen Gedanken und sogar ein Gefühl hinzufügt.
Ihr habt ungeahnte Ressourcen und ihr müsst lernen, sie zu nutzen, indem ihr bei allem, was ihr tut, gegenwärtig seid. Ihr seid oft nicht müde vom zu vielen Arbeiten, sondern weil ihr nicht wisst, welche Anstrengungen ihr machen sollt und vor allem nicht, wie ihr sie machen sollt. Wenn ihr so weit seid, unsere Gymnastikübungen nicht mehr als eine rein körperliche Anstrengung zu betrachten, sondern auch als eine psychische und spirituelle Tätigkeit, werdet ihr spüren, wie sich vom ganzen Universum Ströme reiner Energie über euch ergießen.
Bei jeder Bewegung sprechen wir eine Formel, ein Gebet. Diese Formeln und diese Gebete helfen uns nicht nur, uns über die Wichtigkeit dieser Geste und ihrer Bedeutung bewusst zu werden, sondern sie senden auch Schwingungen aus, die selbst die Materie unseres Wesens durchdringen. Eines Tages werde ich euch zeigen, wie jede dieser Bewegungen einem Symbol, einer geometrischen Figur zugeordnet werden kann.
Es ist wünschenswert, diese Gymnastikübungen – wie jede spirituelle Übung – in der Stille machen zu können, in äußerer Stille, aber auch – und insbesondere – in innerer Stille. Bevor ihr beginnt, werft also einen Blick in euch selbst, um diese Stille in euch herzustellen, die Ausdruck des Friedens, der Harmonie und des Lichtes ist. Es ist unnütz, nach spirituellen Verwirklichungen – nach welchen auch immer – zu streben, solange man es nicht schafft, den lärmenden und chaotischen Lauf seiner Gedanken und Gefühle zu unterbrechen. Wenn ihr diese Stille schaffen könnt, werdet ihr unmerklich euren Gebärden eine Anmut und einen Rhythmus übermitteln, die auf all eure Zellen übertragen und auch auf alle Wesen um euch günstig einwirken werden. Ich habe euch auch oft gesagt, dass selbst die Tiere und die Pflanzen empfindsam für die Atmosphäre sind, die von euch ausgeht.
Wenn die Stille einmal hergestellt ist, könnt ihr mit den Übungen beginnen, indem ihr die Formeln in Gedanken sprecht. Diese innere Stimme nennt man das WORT*. Das WORT ist eine Sprache, die noch nicht auf die physische Ebene herabgekommen ist. Es ist vorhanden – real, lebendig, aber unhörbar – und manifestiert sich in der unsichtbaren Welt der Formen, der Farben und der Schwingungen. Dank des WORTES könnt ihr euch in den verschiedenen Bereichen der Natur hörbar machen, denn es findet immer sofort einen geeigneten Ausdruck, den alle Geschöpfe verstehen, selbst die Engel und Erzengel. Ja, weil das WORT die universelle Sprache ist.
Am Ende jeder Formel fügen wir hinzu: »Zum Ruhme Gottes«. Warum? Weil es im spirituellen Leben sehr wichtig ist, zu wissen, in wessen Dienst wir uns stellen. Selbst die Gymnastikübungen müssen für uns eine Gelegenheit sein, den Herrn zu rühmen.
Und zu diesem Thema füge ich noch ein paar Worte hinzu. Statt »zum Ruhme Gottes« können wir auch sagen »zum Ruhme unseres Himmlischen Vaters« oder »zum Ruhme meines Himmlischen Vaters«. Mit dieser Formel versuchen wir, direkter mit unserem höheren Ich, unserem göttlichen Ich in Kontakt zu kommen. Denn in Wahrheit sind wir oben in der göttlichen Welt ein Funke von gleicher Natur, von gleichem Wesen wie Gott, unser Himmlischer Vater. Die Menschen sind alle Söhne und Töchter des gleichen Himmlischen Vaters und wenn man »unser Himmlischer Vater« oder »mein Himmlischer Vater« sagt, unterstreicht jeder noch stärker seine Abstammung, seine Identität. Er weckt in sich das Bewusstsein seines göttlichen Ursprungs, er verbindet sich so sehr mit Gott, dass er mit Ihm verschmilzt. Denn es liegt in unserer Bestimmung, eines Tages wie Jesus zu sagen: »Mein Vater und ich sind eins« (Joh 10,30).

 

2
Von der Bewegung zum Licht

Für ein spirituelles Leben muss man nicht unbedingt viel Wissen ansammeln. Das Wesentliche im spirituellen Leben ist die Praxis. Es ist nicht gut, zu lesen und zu studieren, ohne zu versuchen, etwas zu verwirklichen, und zu konkretisieren. Natürlich ist die Praxis ohne ausreichende Kenntnisse arm und leer. Wenn man aber einmal einige Kenntnisse erlangt hat, muss man sich darauf konzentrieren, jeden Tag einige Übungen zu wiederholen. Unsere Lehre bringt uns bei, wie man mit dem Geist, der Seele, dem Intellekt und dem Herzen, aber auch mit dem Willen arbeitet. Und der Wille entwickelt sich durch die Praxis, durch Gesten, die das Ergebnis von Aktivitäten des Geistes, der Seele, des Intellekts und des Herzens sind.
Man begegnet im Leben sehr einfachen Leuten, die nur ein paar Zettel besitzen, auf die sie ein paar der wichtigsten Aktivitäten des Geistes, der Seele, des Intellekts und des Herzens geschrieben haben, und man spürt, dass sie vom Geist und vom Licht beseelt sind. Und man trifft auf andere, auf Gelehrte, die in ihrer Bibliothek alle heiligen Bücher der Menschheit besitzen, die sie zitieren können; aber es geht nichts Spirituelles von ihnen aus. Wesentlich ist, einige spirituelle Kenntnisse zu haben, um mit ihnen etwas aufzubauen. Wir können dieses »Bauwerk« unsere Zukunft nennen… oder unseren Tempel. Und es ist tatsächlich dieser Tempel, an den der Apostel Paulus gedacht hat, als er den zweiten Brief an die Korinther schrieb: »Wir sind der Tempel des lebendigen Gottes.«
Damit ihr dieses Bauwerk verwirklichen könnt, präsentiere ich euch viele Methoden, denn in meiner Eigenschaft als Pädagoge muss ich auf euch Rücksicht nehmen. Ihr habt nicht alle das gleiche Temperament, die gleichen Bedürfnisse, die gleichen Fähigkeiten, die gleiche Arbeitskraft, deswegen muss ich euch viele und auch unterschiedliche Methoden vorschlagen. Ich sage euch nicht, dass ihr sie alle anwenden müsst, denn das wäre gefährlich. Ihr müsst selbst sehen, welche euch am meisten entsprechen. Ihr müsst natürlich immer die wichtigsten Regeln im Kopf bereit haben, die ich euch für die tägliche Lebensführung gegeben habe, aber was die Übungen betrifft, wählt einige aus und konzentriert euch auf sie, um eine tiefere Arbeit zu machen. Später könnt ihr sie lassen, um andere anzuwenden. Aber zerstreut euch nicht, das wäre nicht gut für euer Gleichgewicht.
Zu viele Schüler einer spirituellen Lehre verstehen noch nicht die Notwendigkeit, einfache Übungen zu praktizieren. Sie tauchen in Werke der Kabbala, der Astrologie, der Magie, der Alchimie, der indischen Spiritualität oder andere ein, ohne etwas über Demut, Reinheit, Geduld und Dankbarkeit gelernt zu haben. Sie wissen nicht, wie sie in Harmonie mit den Menschen und mit der ganzen Schöpfung kommen können. Deswegen sind sie bei der ersten Gelegenheit gestört und krank: Diese Lektionen, die sie ohne Unterscheidungsvermögen gemacht haben, brachten sie an den Rand eines Abgrunds. Sie bildeten sich ein, dass sie Zugang zu den großen Mysterien haben, das Rätsel des Universums lösen, die Einweihung bekommen und dass sie, weil sie mit diesen grandiosen Projekten beschäftigt sind, bestimmte Tätigkeiten des täglichen Lebens, die ihrer überhaupt nicht würdig sind, vernachlässigen könnten, sowie auch alle grundlegenden Wahrheiten, die ihren Weg hätten erleuchten können. Aber es sind die grundlegenden Wahrheiten, die die wichtigsten sind. Hätten sie diese angewandt, hätten sie die richtige Haltung gefunden, sie wären geschützt gewesen, indem sie diese einfach weiterstudiert hätten.
Seid demütig und macht jeden Tag bestimmte kleine Gesten mit Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Lichtvolle Wesenheiten werden kommen, um euch zu beschützen und die Strömungen umzulenken, die euch durcheinanderbringen oder schädigen könnten. Ihr werdet es spüren. Zwingt euch, jeden Tag wenigstens eine Anstrengung, eine Übung zu machen. Sprecht ihr wenigstens ein Gebet? Lest ihr den Tagesgedanken? Ihr braucht einige wesentliche Wahrheiten, an die ihr euch ständig erinnert, um weiterzukommen, sowie die Anstrengungen und Übungen, damit sie all eure Handlungen durchdringen. Dazu dient die Sammlung von Tagesgedanken, die jedes Jahr vorbereitet werden, um euch zu helfen. Und lest nicht alle Gedanken auf einmal, wie es mir einige anvertraut haben, sondern einen pro Tag und denkt darüber nach. Jeden Tag sollt ihr den Geschmack für diese Wahrheiten in eurer Seele wiederbeleben.
Die Menschen wissen viel, aber wozu dient es ihnen, wenn sie mit dem, was sie wissen, nichts anfangen? Wählt eine Tugend wie zum Beispiel die Stabilität oder die Geduld oder die Güte oder die Dankbarkeit… Und beobachtet, ob ihr fähig seid, sie in die Praxis umzusetzen. Ihr kommt in die Bruderschaft… und was gibt es da für ein Feld von Übungen! Es gibt kein besseres. Das gemeinschaftliche Leben leben, das brüderliche Leben, verlangt, ständig auf die anderen zu achten, um sie nicht zu stören und nicht mit ihnen zusammenzustoßen. Ihr habt nicht das Recht, sie zu ignorieren oder euch gegen sie zu stellen, nur weil sie anders sind als ihr. Es ist besser zu versuchen, sie zu verstehen. So lässt sich in euch eine gute Gewohnheit nieder, die euch vor vielen Gefahren schützt.
Es gibt Leute, die stolz auf ihren sozialen Status sind und sich derart groß und so bedeutend fühlen, dass sie sich keine Mühe um kleine Ameisen geben. Wenn sie sich aber eines Tages in der Situation befänden, in ein paar Stunden Millionen von Getreide -, Gersten-, oder Reiskörnern verlesen zu müssen, wären sie sehr froh, wenn diese Ameisen ihnen zu Hilfe kämen. Oder wenn sie ganz fest angebunden wären und eine Maus käme, die sich daran macht, an ihrer Kordel zu nagen, um sie zu befreien. Ihr werdet sagen: »Aber das sind doch Fabeln, Märchen für Kinder!« Wenn ihr so wollt. Diese Mäuse, diese Ameisen, das sind Personen, mit denen ihr lebt, für die ihr aber keine große Wertschätzung habt: Wer weiß, ob die kleinen Gesten, die ihr ihnen heute gegenüber macht, euch später nicht retten werden?
Und wenn ihr auf einem Weg, an dem ihr vorbeikommt, Steine wegräumt, durch die jemand stolpern könnte, oder Glasscherben, die verletzen könnten, wisst ihr auch nicht, was ihr innerlich dadurch erhalten könnt: Diese Vorsichtsmaßnahmen werden auch euch eines Tages vielleicht retten, denn das Vorausschauen wird dann für euch zur Gewohnheit geworden sein. Glaubt mir, man hat niemals genug von diesen Gewohnheiten. Sie sind anscheinend unbedeutend, jedoch eben nur anscheinend.
Seid nicht erstaunt, wenn unsere Lehre so sehr auf das Praktizieren besteht: Dank der praktischen Anwendungen werdet ihr eines Tages das Licht besitzen. Ich habe euch oft daran erinnert, wie die Primitiven das Feuer angezündet haben, und ihr könnt selbst die Erfahrung machen. Nehmt beispielsweise zwei Holzstücke, die ihr aneinander reibt. Diese Reibung erzeugt Wärme und aus dieser Wärme entfacht sich letztlich eine Flamme, das Licht. Die Bewegung, die Wärme, das Licht, das sind drei Etappen, die ihre Entsprechung in unserem psychischen Leben haben: die Bewegung (der Wille, die Handlung) erzeugt die Wärme (die Liebe, das Gefühl), und die Wärme erzeugt das Licht (den Gedanken, das Verständnis). Nun, um zum Licht zu kommen, muss man den Willen in Aktion bringen, bis er die Wärme – die Liebe – erzeugt, sodass diese Wärme, diese Liebe, selbst zum Licht wird. Wenn man sich wirklich bemüht, Übungen anzuwenden, kann man sie letztlich nicht mehr lassen, und eines Tages kommt das Licht zutage.
Wenn ihr den Willen aufbringt, jeden Tag einige Übungen zu machen, gewinnt ihr immer mehr Geschmack daran, ihr werdet sie lieben, und dank dieser Liebe wird das Licht hervorkommen; ihr werdet ihren tieferen Sinn durchdringen. Geht morgens früh zum Sonnenaufgang, esst in Stille, indem ihr euch auf die Nahrung konzentriert, macht Atem- und Gymnastikübungen, meditiert, betet, singt… Am Anfang findet ihr vielleicht, dass es euch nicht genug inspiriert, macht jedoch weiter. Wenn ihr diese Übungen macht, werdet ihr einen ganzen Mechanismus in euch auslösen, und dank ihrer werdet ihr eines Tages spüren, dass euch die Kräfte der Natur in eurer Arbeit unterstützen.
Sagt mir jetzt nicht, dass ihr nicht genügend Zeit zum Üben habt, weil ihr morgens zur Arbeit müsst, und weil ihr vieles erledigen müsst, bevor ihr wegfahrt, und wenn ihr abends heimkommt auch… Denn ich antworte euch darauf: Wenn ihr keine Zeit habt, in der Harmonie und im Licht zu sein, werdet ihr immer Zeit haben, um in Schwierigkeiten, Chaos und Dunkelheit zu sein. Wenn es etwas gibt, das im Leben ganz sicher kommt, dann ist es Traurigkeit, Schwäche und Mutlosigkeit. Und was weniger sicher ist, das ist glücklich, stark und heiter zu sein. Warum? Wegen dieser Worte, mit denen sich alle umgeben: »Ich habe keine Zeit!« Das ist eine bequeme Art, die Faulheit und die Trägheit zu rechtfertigen. Keine Zeit zum Meditieren, zum Beten und Übungen zu machen, um widerstandsfähiger und aufgeklärter zu werden… Welches Schicksal bereitet man sich auf diese Weise?
Und sagt mir auch nicht, dass ihr es langweilig findet, immer die gleichen Übungen zu machen, denn dann frage ich euch, warum ihr es nicht langweilig findet, drei Mal am Tag das gleiche Brot zu essen und das gleiche Wasser zu trinken. Ihr nehmt täglich die fast gleiche Nahrung zu euch, um Kraft zum Lernen, zum Arbeiten und zum Lieben zu haben… Jeden Tag habt ihr Appetit auf irdische Nahrungsmittel, warum habt ihr nicht den gleichen Appetit auf die spirituellen Nahrungsmittel, die genauso notwendig zum Leben sind?

 

4
Beschreibung der Gymnastikübung

Erste Übung

 

 

 

 

 

136 Seiten & DVD
ISBN 978-3-89515-112-5
17,00 Euro

Neuerscheinung Gesamtwerk 108 – Sprache der Symbole, Sprache der Natur

Neuerscheinung Gesamtwerk 108 - Sprache der Symbole, Sprache der Natur

Liebe Freunde des Verlags,

gestern kam die Bücherlieferung mit den Neuerscheinungen aus unserer Druckerei in Ungarn an. Sechs Paletten druckfrische Bücher, drei deutsche Neuerscheinungen und zwei polnische, der Rest waren Nachdrucke von Titeln wie Izvor 204 – Yoga der Ernährung und ein ganzer Schwung neuer Lesezeichen.

Hier an dieser Stelle gibt es jetzt für Sie die Leseprobe für das Gesamtwerk 108. Dieses Werk beinhaltet wieder topaktuelle Themen, ausführliche Erklärungen und wichtige Lebenshilfen und natürlich jede Menge Humor des Meisters. Wir wünschen viel Freude beim Schmökern und Studieren!

 

 

Neuerscheinung Gesamtwerk 108 – Sprache der Symbole, Sprache der Natur

 

 

Kapitel I
Die Seele

Frage: »Meister, können Sie uns sagen, was die Seele ist?«

Um diese Frage zu beantworten, werde ich zunächst erklären, auf wie viele unterschiedliche Weisen zahlreiche Religionen und philosophische Theorien versuchten, den Menschen damit zu erklären, dass in ihm eine Reihe verschiedener Prinzipien wirken.

Die Hindus unterteilten ihn in 7 Bereiche und die Theosophen übernahmen diese Aufteilung. Die Astrologen unterteilen ihn in Übereinstimmung mit den Tierkreiszeichen in 12 Bereiche und die Alchimisten entsprechend der vier Elemente in 4. Die Kabbalisten wählten die 4 und die 10, die vier Welten und die zehn Sephiroth. In der Religion der einstigen Perser, dem Mazdaismus und dann im Manichäismus, wird der Mensch in 2 Bereiche eingeteilt, entsprechend der beiden Prinzipien Gut und Böse, Licht und Finsternis, Ormuzd und Ahriman. In Widerspruch zu dieser Theorie behaupten einige, der Mensch sei eine unteilbare Einheit. Was die Christen betrifft, so gilt für sie oftmals eine Dreiteilung in Körper, Seele und Geist. Und auch wir werden gleich auf diese dreigliedrige Einteilung zurückgreifen. Ich ergänze noch, dass manche Esoteriker eine Aufteilung in 9 Ebenen wählten, weil sie die Drei in jeweils drei Welten wiederholen, in der physischen, in der spirituellen und in der göttlichen Welt.

Wo liegt jedoch jetzt die Wahrheit? Bei allen. Es hängt davon ab, von welchem Gesichtspunkt aus man den Menschen betrachtet. Sei es nun die Unterteilung in 1, 2, 3, 4, 7, 9, 10 oder 12 Ebenen, alle sind richtig. Man kann sogar noch weiter gehen und ihn in 3 x 12 einteilen, also in 36, und weiter in 2 x 36, also in 72, und sogar noch weiter in 2 x 72, also in 144. 36, 72 und 144 ist die Reihenfolge dieser Zahlen, mit der sich die Kabbala eingehend befasst, und sie sind sehr bedeutsam. Aber man kann feststellen, dass die 3 am häufigsten vorkommt: 3 x 3 = 9, 3 x 4 = 12, 3 x 12 = 36 und so weiter. Die 36, das sind die 36 Genien. Und 2 x 36 = 72, das sind die 72 Namen Gottes, die Schem Hameforasch. Es heißt, dass derjenige, der diese 72 Namen Gottes kennt, über alle planetarischen Genien herrschen kann…1 All diese Zahlen haben die Kabbalisten und Eingeweihten nicht zufällig ausgewählt. Nehmen wir als Beispiel die Zahl 72. Der Frühlingspunkt läuft alle 72 Jahre um einen Grad rückwärts, und 72 ist auch die Anzahl der Herzschläge pro Minute. Und man kann sogar feststellen, dass im Normalfall 18 Atemzüge pro Minute erfolgen, und 18 ist genau ein Viertel von 72.

Im Lauf der Sterne und der Planeten, in der Abfolge oder der Wiederholung zahlreicher Phänomene der Natur haben die Weisen der Vergangenheit eine gewisse Regelmäßigkeit beobachtet, das heißt Rhythmen, die sich in Zahlen übertragen lassen. Diese äußerst bedeutsamen Zahlen verwenden sie zur Darstellung bestimmter Ideen, und je nach dem Aspekt, den sie aufzeigen wollten, verwendeten sie diese oder jene Zahl. Ich verfahre auf die gleiche Art und Weise. Oft teile ich den Menschen der Einfachheit halber in zwei Bereiche ein, in die niedere Natur oder Personalität und in die höhere Natur oder Individualität, weil diese Einteilung das Verständnis mancher Fragen erleichtert. Für andere Erklärungen wähle ich die Einteilung in drei oder in sechs oder in sieben Bereiche, wenn mir das für euch mehr Klarheit zu bringen scheint. Diese Einteilungen sind lediglich praktische Hilfsmittel, um diesen oder jenen Aspekt der Wirklichkeit darzustellen. Keine widerspricht der anderen, weil jede, je nach Sichtweise, richtig ist.

Man kann den Menschen in so viele Bereiche einteilen, wie man will. Nehmen wir zum Beispiel die Anatomen: Auf einer Schautafel stellen sie nur das Knochensystem, das Skelett dar, auf einer anderen nur den Blutkreislauf mit den Arterien, Venen und Kapillaren, oder aber nur das Muskelsystem oder das Nervensystem und so fort. Es handelt sich immer um den Menschen, nur jedes Mal unter einem anderen Aspekt dargestellt, weil es dem Verstand unmöglich ist, ihn in seiner Gesamtheit zu erfassen. Und auch wenn die Geographen Karten anfertigen, stellen sie nicht alle Aspekte eines Landes gleichzeitig dar. Auf den Reliefkarten sind die Wasserläufe, die Berge und die Ebenen eingezeichnet, auf den geologischen Karten die Bodenbeschaffenheit. Und dann gibt es auch noch ökonomische und politische Karten und viele mehr. Das Gleiche gilt für alle Bereiche. So wie ein Anatom oder ein Geograph bedienen sich also auch die Eingeweihten verschiedener Einteilungen, je nachdem welchen Aspekt sie veranschaulichen wollen.

Um jetzt zu erklären, was die Seele ist, befassen wir uns zuerst einmal mit der Aufteilung in sieben Bereiche, in Anlehnung an die der Hindus und der Theosophen. Ich werde euch also sagen, dass der Mensch aus sieben Körpern besteht: dem physischen, dem Äther-, dem Astral- und dem Mentalkörper, dem Kausal-, Buddhi- und Atmankörper. Wollte man jetzt versuchen, diese Einteilung in sieben in Übereinstimmung zu bringen mit der für die westlichen Menschen eher gewohnten Einteilung in drei Bereiche, so ist das durchaus möglich. Bei dieser Dreiteilung entspricht »der Körper« der physischen und der ätherischen Ebene, »die Seele« der Astral- und der Mental-Ebene und »der Geist« der Kausal-, Buddhi- und Atman-Ebene. Für den Geist gibt es also drei Bereiche, für die Seele zwei und für den Körper ebenfalls zwei. Durch dieses Schema seht ihr, dass die Seele ein Vermittler ist, eine Verbindung zwischen der physischen Welt und der Welt des Geistes. Sie ist das Vehikel, das die Elemente des Himmels zur Erde transportiert und von der Erde zum Himmel. Alles vollzieht sich über die Seele.

Nehmen wir als Beispiel den Baum, denn man kann für ihn die gleiche Dreiteilung in drei Bereiche vornehmen: in Wurzeln, Stamm und Äste. Vereinfacht dargestellt, ist die Versorgung des Baumes mit Nährstoffen durch ein Gefäßsystem gewährleistet: Im Zentrum befinden sich die Gefäße, die den unbearbeiteten Saft der Wurzeln zu den Blättern transportieren, wo er verarbeitet wird, und in der Rinde befinden sich die peripheren Gefäße, die den bearbeiteten Saft zu den Wurzeln schicken. Es sind also zwei Ströme, ein aufsteigender und ein absteigender, wobei es festzustellen gilt, dass sie sich nicht vermischen. Sie sind genau vergleichbar mit dem arteriellen und dem venösen Blutkreislauf im menschlichen Körper: das Blut der Venen und das Blut der Arterien vermischen sich auch nicht, sonst leidet man unter Blausucht (Zyanose).

Die Seele ist also jene Zwischenregion, die von Strömen durchquert wird, die von der Erde zum Himmel und vom Himmel zur Erde fließen. Sie ist die Jakobsleiter. Sie ist diese Leiter, auf der – im Traum von Jakob – die Engel auf- und abstiegen. Diese Jakobsleiter befindet sich in der Seele, das heißt auf der Astral- und der Mentalebene. Deshalb gibt es zwei Ströme: den des Fühlens und den des Denkens, aber sie begegnen sich nicht. In der Seele wird nichts gestaltet, sie ist ein Durchgangsort, durch den alles fließt, was vom Himmel, von der göttlichen Welt, zu den Geschöpfen hinuntersteigt und alles, was von unten zum Himmel hinaufsteigt.

Der Geist arbeitet an der Materie, wobei aber die Seele die Vermittlerrolle übernimmt. Die Seele ist also ein Werkzeug für den Geist, ein Werkzeug, dessen er sich bedient, um die physische Ebene zu erreichen, denn der Geist selbst ist dazu nicht in der Lage. Einzig die Seele hat die Möglichkeit, die Materie zu berühren, und allein durch sie hindurch kann der Geist an der Materie arbeiten, sie modellieren, sie gestalten, ihr Anweisungen geben. Ohne die Seele, ohne die Möglichkeiten der Seele, kann der Geist an der Materie nichts ausrichten. Alle Kräfte, die im physischen Körper angesammelt sind, Metalle, Kristalle, Erdöl, Gold, Edelsteine – symbolisch ausgedrückt –, kann der Geist nur mittels der Seele nutzen, die in den physischen Körper eindringt, sich hineinschlängelt, weil sie schon viel näher an der Materie dran ist. Sie hat also mehr die Möglichkeiten, an sie heranzukommen und ihr Elemente zu entnehmen, und sobald es ihr gelungen ist, diese Elemente zu erfassen, leitet sie diese an den Geist weiter.

Aber was hat man nicht alles erzählt, was die Seele betrifft! Ich habe die wunderlichsten und verworrensten Theorien gelesen, vor allem in den Büchern, die von Theologen geschrieben wurden; und das nur, weil sie die Natur nicht richtig beobachtet haben. Alles spiegelt sich in der Natur wider und wenn man weiß, wie man sie beobachten soll, kann man die Lösung der vielschichtigsten und abstraktesten Fragen finden. Die Antwort auf alle alchimistischen, theurgischen, magischen, kabbalistischen oder astrologischen Fragen könnt ihr in den Phänomenen der physischen Ebene finden. Ihr solltet euch mittlerweile daran gewöhnt haben, diese Arbeit der Entschlüsselung vorzunehmen. Wie oft habe ich schon über dieses Thema gesprochen! Aber ihr nehmt es nicht ernst. Ihr findet meine Interpretationen poetisch, das ist alles, und passend für Kinder – zu einfach für euch.

Wenn ihr glaubt, dass man euch deutlicher erklären kann, was die Seele ist, so täuscht ihr euch. Man kann es nicht klarer darlegen, als ich es gerade mache. Nun, wenn man sich mit allen Möglichkeiten der Seele und mit den verschiedenen Arten, wie man sie dargestellt hat, zu beschäftigen hat, gibt es natürlich vieles zu sagen. Die Seele besitzt Form und Gestalt gebende Möglichkeiten, für sie gibt es keine Grenzen, sie kann sich ausdehnen, bis an die Grenzen des Universums. Sie wurde Astrallicht, universales Medium und so weiter genannt. Aber unter all diesen symbolischen Bezeichnungen und Darstellungen der Seele gibt es eine, die für viele rätselhaft geblieben ist, nämlich die der Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Auch hier kann man eine Aufteilung in 3 Bereiche erkennen: Körper, Seele, Geist. Der Geist ist der Kopf der Schlange, der Körper ist der Schwanz, und die Seele ist alles, was zwischen dem Kopf und dem Schwanz ist. Aber ich habe nicht das Recht, euch zu erklären, was es bedeutet. Ich werde euch nur sagen, dass dieses Symbol mich jahrelang sehr beschäftigt hat. Ich wollte wissen, was es darstellt, und als ich es wusste, war das eine unbeschreibliche Offenbarung. Danach habe ich mein Allermöglichstes getan, um all das zu verwirklichen, was die Eingeweihten in diesem Symbol verborgen haben. In Wirklichkeit ist es sehr einfach. Wenn der Himmel euch hilft, ist es sehr einfach zu verstehen… Aber ich habe nicht das Recht, es euch zu offenbaren.

Und wo befindet sich nun der Mensch? Überall… Ihr werdet sagen: »Sogar in seinem physischen Körper?« Ja, selbst in seinem physischen Körper. Wenn er sich mit dem Körper identifiziert, so wie es die gewöhnlichen Menschen tun, die sich immer mit ihrem Bauch, ihrem Magen, ihren Geschlechtsorganen usw. identifizieren, dann ist er der Körper. In Wirklichkeit ist der Körper natürlich nicht der Mensch, er ist sein Instrument, seine Bekleidung. Man nimmt euch vielleicht ein Bein oder einen Arm ab, man kann euch einen Lungenflügel oder eine Niere entfernen, aber ihr existiert immer noch, und ihr fühlt, dass ihr euch weder in den Beinen noch in den Armen noch im ganzen Rest befindet. »Also«, werdet ihr fragen, »existiert der Mensch in seiner Seele?« Ja, dort ist er natürlich schon viel eher, aber auch nicht vollständig. Die wahre Wohnstätte des Menschen ist sein Geist. Und was macht er mit seiner Seele? Er manifestiert sich durch sie ebenso wie durch einen Körper, einen höheren Körper natürlich, einen lichtvollen Körper, aber eben doch ein Körper, der eines Tages ebenso zerfallen wird, und dann wird der Mensch in seinem Geist leben.

Wenn es heißt, die Seele des Menschen sei unsterblich, spricht man in Wirklichkeit von seiner höheren Seele, das heißt von seinem Geist. Seine niedere Seele jedoch wird verschwinden, denn sie ist sterblich. Ja, die gewöhnliche Seele des Menschen ist sterblich, aber seine spirituelle Seele, die sein Geist ist, ist unsterblich, und dort wird er eines Tages leben. Er kann natürlich auch ab sofort damit beginnen, aber unter der Bedingung, dass er lernt, sich nicht mit all dem zu verwechseln, was er nicht ist. Indem er sich beobachtet, sich analysiert, meditiert und betet, sollte er daran arbeiten, sich zu suchen, sich zu finden. Warum? Weil er sich verirrt hat, und wer sich verirrt, verliert all seine Möglichkeiten. Weil sich die Menschen von der Quelle, vom Geist entfernt haben, haben sie das Bewusstsein ihrer wahren Identität verloren, und mit dem Verlust dieses Bewusstseins haben sie alles verloren. Aus diesem Grund stellen alle Einweihungslehren dem Schüler die Aufgabe, sich wieder zu finden, sich zu erkennen.

Im Giebeldreieck des Tempels von Delphi stand: »Erkenne dich selbst«, doch nur wenige Denker haben diesen Leitsatz verstanden. Man glaubt sich zu erkennen bedeute, seinen Charakter, seine Schwächen, seine Qualitäten zu erkennen. Nein, das reicht weit darüber hinaus. Wenn es sich nur um Psychologie handeln würde, so hätte man es niemals auf einen Tempel geschrieben! Es ist viel zu einfach, sich auf diese Art und Weise selbst zu erkennen. Wahre Erkenntnis im Sinne der Einweihungslehre bedeutet, sich durch einen Akt der Liebe zu vereinen, zu verschmelzen, so wie es in der Bibel heißt, dass »Adam Eva erkannte«(1 Mos 4). Das wahre Erkennen ist ein Verschmelzen. Indem sie sagten »Erkenne dich selbst«, meinten die Eingeweihten damit, dass der Mensch nicht derjenige ist, der er glaubt zu sein, und dass er also lernen muss, sich zu erkennen. Sich erkennen bedeutet, sich identifizieren, verschmelzen mit sich selbst, diesem höheren Selbst, das sich oben in der Region des Geistes befindet.2 Deshalb sollte er alles aufgeben, was nur Hülle, zerlumpte Kleidung, Illusion ist, und immer höher hinauf steigen, bis er nur noch eins mit seinem Geist ist. Das bedeutet sich erkennen, und dies ist eben ein Aspekt des Symbols der Schlange, die sich in den Schwanz beißt, aber es ist ein winzig kleiner Teil davon. Den Rest müsst ihr selbst suchen.

Der Sinn der Einweihung – ich wiederhole es – bedeutet, den Menschen zu lehren, sich von seiner niederen Natur zu lösen, um mit seinem Geist in Einklang schwingen zu können, der sein wahres Ich ist. Dann besitzt er alle Qualitäten des Geistes, die Macht, die Selbstbemeisterung, das Wissen des Geistes. Die Verschmelzung mit dem höheren Ich, das ist die Verschmelzung mit Gott. Ja, sich wieder zu finden, sich zu erkennen, das bedeutet mit der Gottheit zu verschmelzen, denn dieser Funke, dieser Geist, der im Menschen existiert, ist niemals von Gott getrennt. Und wenn der Mensch sich sucht, wenn er sich findet, kommt er zu der höchsten Erkenntnis, in Gott zu leben und zu atmen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, diese Philosophie ist unermesslich und großartig… Wie man sie verstanden hat, davon habe ich keine Ahnung, aber ich meinerseits werde mit allen Mitteln versuchen, sie euch verständlich zu machen, um sie mit euch zu teilen. Für mich ist das sehr klar, sehr einfach, alles ist in dem Symbol der Schlange, die sich in den Schwanz beißt, zusammengefasst.* Und ihr seht: Das Außergewöhnlichste bei den Eingeweihten ist, dass sie die Fähigkeit hatten, eine atemberaubende Wissenschaft in einem dem Anschein nach so unbedeutenden Symbol zusammenzufassen.

»Aber warum«, werdet ihr fragen »soll man die beiden äußersten Enden der Schlange zusammenfügen?« Dazu sage ich euch nur, dass sich die Energien des Menschen zerstreuen und er sich schwächt, wenn er die Form einer geraden oder gewundenen Linie beibehält. Wenn er hingegen die äußersten Enden zusammenführt, so sind die beiden Pole verbunden und es entsteht eine gewaltige Kraft, die sich im Kreis, in dessen Zentrum ansammelt. Solange der Mensch sich noch nicht wiedergefunden hat, verfliegen seine Kräfte ungenutzt, aber wenn er sich wieder findet, sind seine Kräfte da, gesammelt, verdichtet und aufbewahrt für die Arbeit. Ja, Kopf und Schwanz – wahres Erkennen ist das Ergebnis der Vereinigung von Kopf und Schwanz.

Das Unglück der Menschen besteht darin, dass sie immer versuchen, sich durch die anderen kennen zu lernen. Der Mann sucht immer eine Frau, und die Frau einen Mann, um zu verschmelzen, deshalb gelingt es ihnen nicht, sich zu finden. Denn im Äußeren findet man sich nicht, und die Kräfte sind verloren und vergeudet. Man findet sich niemals durch einen anderen, da ist alles Bemühen umsonst. Natürlich gibt es ein paar eher unbedeutende Empfindungen, ein paar kleine Befriedigungen, aber sofort danach entfernt man sich voneinander und man ist von neuem getrennt, sogar so sehr getrennt, dass man anfängt, sich zu streiten. Man will sich zusammenschweißen, sich vereinigen, aber es ist nichts zu machen! Es bleiben immer zwei getrennte Personen, zwei verschiedene Personen. Man findet sich nur wieder, wenn man aufhört, sich im Äußeren, durch die anderen zu suchen. Wenn man sich stattdessen im Inneren sucht und das Symbol der Schlange, die sich in den Schwanz beißt, verwirklicht, dann sammeln sich die Kräfte an, das Licht nimmt zu und man lebt in der Fülle. Aber auch das ist nur ein Aspekt dieses Symbols.

Ich werde euch zu diesem Thema nichts weiter sagen, außer dass die andere Seite der… sagen wir »Schlange« anders polarisiert ist. Wenn ihr ein Mann seid, ist die andere Seite ein weibliches Prinzip und wenn ihr eine Frau seid, ist es ein männliches Prinzip. Deshalb bringt ihre Vereinigung die Fülle. Bei Mann und Frau hingegen, zwei getrennten Wesen, ist man niemals sicher, ob sie sich wirklich genau ergänzen. Wenn ihr ein Mann seid, sieht es natürlich so aus, als sei eine Frau der andere Pol, aber sie kann auch ein verkleideter Mann sein – und bei ihrer Begegnung knallt es! Und auch umgekehrt gilt das Gleiche. Der andere Teil eurer selbst hingegen ist eure absolute Ergänzung und die Verschmelzung, die ihr mit ihm eingeht, ist die einzig wirkliche Verschmelzung. Natürlich ist es möglich, im Äußeren eure ergänzende Hälfte zu finden, aber das kommt sehr selten vor. Das geschieht nur dann, wenn ihr eurer Schwesterseele begegnet, denn nur eure Schwesterseele ist euer genauer Gegenpol. Ja, aber der Mensch begegnet ihr im Laufe seiner Evolution nur zwölf Mal! Wenn es nicht eure Schwesterseele ist, mit der ihr euch vereint, so seid euch dessen gewiss, dass diese Verschmelzung nicht von langer Dauer sein wird.

Kehren wir nun zur Seele zurück. Das Wesentliche, das ihr euch merken solltet, ist, dass sie eine großartige Kraft ist, fähig, auf die Materie einzuwirken, um sie zum Himmel zu katapultieren und den Himmel anzuziehen, um ihn auf der Erde zu verwirklichen. Wir brauchen unsere Seele, um die Materie zu gestalten, sei es, um sie zu verfeinern, sei es, um sie zu verdichten. Die Alchimisten nennen diese beiden Vorgehensweisen solve und coagula, und nur die Seele ist fähig sie zu verwirklichen. Weder der Geist noch der Körper sind dazu imstande, die Seele aber schon.

Wenn man nun die Entsprechungen dieser Einteilung in Körper, Seele und Geist im menschlichen Körper sucht, so findet man, dass der Geist dem Kopf, der Körper dem Bauch und dem Magen und die Seele den beiden Armen entspricht. Das ist sehr interessant, denn die Seele hat zwei Funktionen: Die eine kondensiert, verdichtet die Dinge und die andere löst sie auf. Ein Teil projiziert sie nach oben und ein Teil zieht sie nach unten. Diese beiden Prozesse werden auch dargestellt durch den hebräischen Buchstaben Aleph. Aleph ist die Zusammenfassung einer ganzen Wissenschaft über die Aktivität der Seele. Die Seele ist der Vermittler zwischen Himmel und Erde: Sie leitet die Ströme der Erde zum Himmel und sie lenkt die Ströme des Himmels zur Erde herab.

Die Seele ist also polarisiert, sie besteht aus zwei Strömen, die im physischen Körper durch die beiden Hände repräsentiert werden. Der Geist lenkt, ordnet, erhellt, aber er kann die Materie nicht erreichen. Die Seele arbeitet über die Hände an der Materie, formt sie, löst sie auf, verdichtet sie, erwärmt sie, kristallisiert sie. Zu sagen die Seele manifestiere sich über die Hände, ist natürlich eine unerwartete Art und Weise die Dinge darzustellen. Man denkt normalerweise, die Seele manifestiere sich über die Augen. Ja natürlich, denn sie kann sich überall manifestieren. Aber symbolisch gesehen, ist der Kopf mit dem Gehirn, den Augen usw. eher die Region des Geistes. Die Seele hat dort natürlich auch einen Sitz, sie hat oben und unten einen Sitz, aber ihre Region ist nicht der Kopf, sondern es sind die Hände. Der Geist erhellt, lenkt, ordnet, aber hätte er die Hände nicht, gäbe es keine Verwirklichung in der Materie. Der Mensch schafft alles durch seine Hände, durch die Seele.

In der Seele befinden sich die beiden magischen Ströme der Liebe und des Hasses, und diese beiden Ströme drücken sich auch durch die Hände aus. In der Kabbala werden diese beiden Ströme dargestellt durch die Säule der Milde und durch die Säule der Strenge.3 Aber Vorsicht: Strenge hat nichts mit Hass zu tun, denn im Sephirotbaum gibt es einen Platz für die Gerechtigkeit, für die Strenge, aber nicht für den Hass. Den Kabbalisten zufolge stehen den zehn Sephiroth vom Baum des Lebens, die eine Repräsentation der göttlichen Welt sind, 10 andere Sephiroth gegenüber, die so etwas wie deren entgegengesetzte Projektion sind und die die höllische Welt repräsentieren. Dort, auf diesem entgegengesetzten Baum, befindet sich der Hass. Gegenüber der Sephira Geburah, der Gerechtigkeit, befindet sich deshalb die Region der Grausamkeit, des Hasses. Das Gleiche gilt auch für alle anderen Sephiroth, aber ich möchte nicht in Einzelheiten gehen.

Als Jakob diese Leiter aus Licht sah, auf der die Engel hinauf- und hinabstiegen, befand er sich im Bereich der Astral- und der Mentalebene. Diese beiden Ströme, die Engel, die hinauf- und hinabsteigen, der venöse und arterielle Blutkreislauf des Universums, das ist die Seele. Deshalb befinden sich das Herz und die Lunge zwischen Kopf und Bauch, in dieser Zwischenregion, die der Seele entspricht. Und die Arme sind die Manifestationen der Seele in die eine oder in die andere Richtung. Ihr seht, die Arme kommen aus der Region der Seele. Alles, was die Höchste Intelligenz erschaffen hat, beruht auf unglaublichen Entsprechungen.

Ja, die Arme gehören zum Bereich der Seele, das ist ganz klar. Und die Augen, die Ohren, der Mund, die Nase befinden sich nicht unter den Füßen, sondern oben im Bereich des Geistes, um die Dinge zu beobachten, sie zu hören, zu schmecken und zu verstehen. Auch das ist klar und genau das sollte man den Kindern erklären. Nie erklärt man ihnen, warum der Körper auf diese oder jene Weise aufgebaut ist und warum sich die Augen gerade an dieser Stelle und die Beine an einer anderen Stelle befinden. Das könnte ihnen aber einiges verständlich machen und ihnen später helfen, sehr viele Probleme zu lösen! Das sollten die Lehrer den Kindern beibringen…! Wenn natürlich gerade in dem Moment ein Verantwortlicher von der Schulaufsichtsbehörde kommt, wird ihm diese Art von Unterricht etwas spanisch vorkommen, aber warum lehrt man in den Schulen so viele Dinge, doch nie das Wesentliche?

Natürlich bleibt alles, was ich euch sage, sehr theoretisch. Um zu wissen, was die Seele ist, muss man sie erst einmal wahrnehmen… Ja, was immer man auch sagt, man kann nicht wirklich erklären, was die Seele ist, man muss sie wahrnehmen. Kann man die Seele überhaupt wahrnehmen? Aber sicher, das ist möglich, weil sie materiell ist, so leicht und feinstofflich, dass man sie für etwas Unsichtbares hält, aber in Wirklichkeit kann man die Seele sehen. Ihr werdet sagen: »Oh! Erzählen Sie uns, wie sie ist… Hat sie Konturen?« Einerseits ja, andererseits auch wieder nicht. Es handelt sich nicht um feste, greifbare Materie, sondern um Materie, die sich bewegt, die atmet und die so lebendig, so wandelbar ist, dass sie alle Farben und alle Formen annimmt. Und wenn man die Seelen wahrnehmen kann, dann kann man sie auch einordnen. Man sieht, dass eine bestimmte Person trotz ihres Schmuckes, trotz Flitterkram, Orden oder Makeup eine dunkle, grausame Seele hat, und eine andere, trotz ihrer Lumpen und zerrissenen Kleidungsstücke – welch ein Licht, welche Ausdruckskraft, welche Schönheit…!

Die Seele, meine lieben Brüder und Schwestern, ist eine Realität, obwohl die Zeitgenossen, die die Psychologie, die »Wissenschaft der Seele«, studieren, nicht an die Seele glauben! Ja, das ist eine Psychologie, die ohne Seele auskommt, das ist das Komischste daran. Und haben sie nun die Wahrheit auf ihrer Seite? Ja. Ihr werdet sagen, dass ich mir widerspreche… Nein, man muss mich nur verstehen: Alles entspricht der Wahrheit, aber man muss herausfinden, auf welche Art und Weise es wahr ist. Wenn für euch etwas wahr ist, dann genügt das. Wenn ihr sagt: »Es gibt keinen Gott«, so ist das wahr, in euch gibt es keinen Gott, da ihr ja sagt, Er existiere nicht. Auch wenn ihr sagt: »Ich glaube nicht an eine Seele«, nun, so ist auch das wahr, ihr seid ohne Seele, denn wenn ihr eine hättet, würdet ihr sie fühlen. Da ihr sie ja leugnet, habt ihr auch keine. Es entspricht immer alles der Wahrheit, die Existenz und die Nicht-Existenz, das hängt nur davon ab, welchen Standpunkt ihr einnehmt.

Jesus sprach genau in diesem Sinne. Er sagte: »Euch geschehe nach eurem Glauben!«4 (Mt 9,29). Das sagt alles aus. Wenn ihr glaubt, ihr werdet von Räubern verfolgt, so besteht kein Zweifel, ihr werdet von Räubern verfolgt. Und selbst wenn ihr sie nicht seht, die Räuber sind in eurem Inneren. Wenn ihr glaubt, dass ihr mit Geistern sprecht, so ist auch das wahr. Aber wie erhaben diese Geister sind, das ist eine andere Frage. Denn es gibt bestimmte Kategorien von Geistern, die die Menschen sehr gerne täuschen. Das erstaunt euch? Aber nein, so erstaunlich ist das keineswegs. Es gibt Geister der Finsternis, die sich einen großen Spaß daraus machen, den Menschen Streiche zu spielen. Die ganze Welt trifft sich mit Geistern, spricht mit ihnen, treibt Handel mit ihnen, nur muss man wissen, um welche Geister es sich handelt.

Alles, was ich euch erkläre, ist in dem Buchstaben Aleph enthalten, dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets. Doch das wird noch bedeutsamer, wenn man sich erinnert, dass Christus sagte: »Ich bin Alpha und Omega«(Offb 22,13), das heißt Aleph und Tav. Ich bin Aleph, bedeutet: »Ich bin derjenige, der die Elemente von der Erde zum Himmel und vom Himmel zur Erde weitergibt… Ich reiche die Segnungen des Himmels zur Erde herab und ich lasse die Seelen hinaufsteigen. Ihr könnt nur über mich in den Himmel gelangen.« Warum hat man es nicht geschafft, die Dinge abzuklären, die verschiedenen Passagen eines Textes aufeinander zu beziehen, um genau zu verstehen, was sie bedeuten?

Alles steht in der Bibel, aber die Erklärungen sind überall verstreut. In der Apokalypse zum Beispiel finden sich alle möglichen Bilder, aber ihre Anordnung entspricht nicht der, die man sich für gewöhnlich vorstellt. Manche befinden sich im einundzwanzigsten Kapitel, haben aber eine Entsprechung zum ersten Kapitel und umgekehrt. Genau wie bei Spielkarten, die wahllos hingeworfen wurden. Und der Eingeweihte nimmt diese Karten, bringt sie in die richtige Reihenfolge und liest. Später finden dann zu diesen Karten Lesungen statt. Man wird euch auch beibringen, wie man die Zahlen lesen kann. Man wird ihnen ihre jeweilige Bedeutung zuordnen und ihr werdet sehen, was sie euch alles offenbaren können. Und auch was die Worte oder Sätze betrifft, die anscheinend keinerlei Beziehung zueinander haben, werdet ihr sehen, dass, wenn man sie in Bezug zueinander bringt, eins das andere erklärt und dass ein wunderbar logisches Ganzes daraus wird. […]

264 Seiten
ISBN 978-3-89515-108-8
22,00 Euro

 

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Leseprobe Izvor 208 – Das Egregore der Taube – Innerer Friede und Weltfrieden

Leseprobe Izvor 208 - Das Egregore der Taube - Innerer Friede und Weltfrieden

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 Kapitel 1

Ein besseres Verständnis des Friedens

Ich nahm einmal an einer öffentlichen Diskussion über den Frieden teil, an der mehrere angesehene, gebildete, intelligente, sympathische und sogar amüsante Persönlichkeiten teilnahmen. Ich erfuhr dort, dass der Frieden der wünschenswerteste Zustand für die ganze Menschheit sei, der Krieg hingegen das schlimmste aller Übel. Ich war wirklich begeistert und sagte mir: »Da man offenbar endlich begriffen hat, wie segensreich der Frieden ist, wird die Menschheit ganz bestimmt gerettet werden.«

Aber ich wollte trotzdem hören, wie es zu diesem Frieden kommen sollte. Mehrere Redner legten dafür Pläne vor. Der eine schlug vor, eine »Weltpolizei« zu schaffen, um die Länder am gegenseitigen Bekämpfen zu hindern. Schön und gut, aber wie soll man so etwas durchführen? Der Vorschlag erinnerte mich an eine Fabel von La Fontaine, in der die Mäuse beratschlagten, wie sie sich am besten vor der Katze schützen könnten. Nach langem Hin und Her machte die Mäuse-Älteste den Vorschlag, der Katze ein Glöckchen umzuhängen, damit man sie schon von Weitem hören könne. Diese fabelhafte Lösung wurde mit Beifall bedacht. Nur fand sich leider nie eine mutige Maus, die der Katze das Glöckchen umhängen wollte! Mit der Weltpolizei ist es genauso. Wo findet man eine internationale Truppe, die für diese Tätigkeit unparteiisch und ehrlich genug ist? Und wie könnte man sie allen Nationen aufzwingen?

Ein anderer Redner vertrat die Ansicht, dass der Frieden nur durch den Föderalismus verwirklicht werden könne und verlor sich in komplizierten Theorien, denen niemand richtig folgen konnte. Ein Dritter beschuldigte den Staat, seine Macht zu missbrauchen und die Bürger zu Sklaven zu machen… Nachdem ich mir noch verschiedene andere Referenten angehört hatte, musste ich einsehen, dass der Frieden nicht so bald kommen würde, denn niemand begreift ihn und niemand weiß, was er eigentlich bedeutet.

Diese Frage kann nur vom Standpunkt der Einweihung aus beantwortet werden, denn um den Frieden zu verwirklichen, muss man den Menschen sehr gut kennen. Ihr werdet sagen: »Ach, den Menschen kennen wir doch!« Nein, seine seelische Beschaffenheit mit seinen feinstofflichen Körpern und deren jeweils ganz verschiedene Bedürfnisse und Wünsche kennt man nicht. Vor allem kennt man den Menschen nicht so, wie wir ihn darstellen, mit seinen beiden Seiten, seinem niederen und seinem höheren Selbst, der Personalität und der Individualität. Also gut, solange man dieses Wissen nicht hat, wird es nie Frieden in der Welt geben, wie man es auch anpackt.

Gegenwärtig sieht man vor allem aufgehetzte Leute, die sich gegenseitig als Kriegsursache beschuldigen. Sie glauben, so für den Frieden zu wirken. Für die einen sind die Reichen die Schuldigen, für die anderen die Intellektuellen, die Politiker oder die Gelehrten. Die Gläubigen sehen in allen, die nicht ihrer eigenen Glaubensrichtung angehören, Ketzer, die die Menschheit ins Verderben stürzen; die Ungläubigen werfen den Gläubigen vor, sie seien Fanatiker… Bei näherer Betrachtung werdet ihr feststellen, dass jeder glaubt, durch die Beseitigung von etwas ihm Fremdem – entweder Dingen oder Menschen – den Frieden in der Welt wiederherstellen zu können. Aber gerade da täuscht man sich. Selbst wenn man heute Armeen und Waffen abschaffte, erfänden die Menschen morgen andere Mittel, um sich gegenseitig umzubringen. Der Frieden ist ein innerer Zustand, und man wird ihn nie durch Beseitigung irgendwelcher Äußerlichkeiten erlangen. Zuerst muss man in seinem Inneren die Kriegsursachen abschaffen.

Hier ein ganz einfaches Beispiel: Jemand macht sich eine üppige Mahlzeit mit Wurst, Schinken und Geflügel, die er reichlich mit gutem Wein begießt. Nach dem Essen sagt er sich: »So, jetzt suche ich mir ein stilles Plätzchen und ruhe mich aus.« Er findet tatsächlich ein ruhiges Eckchen, aber nun verspürt er eine gewisse Unruhe. Er greift nach einer Zigarette und raucht… Dann streckt er sich aus und denkt, dass er gerne auch eine nette Frau bei sich hätte. Und wo findet man eine? Beim Nachbarn, natürlich. Es gibt da zwar eine Mauer, aber das macht nichts. Er springt einfach darüber. Die Fortsetzung der Geschichte könnt ihr euch vorstellen… Von Frieden braucht man da natürlich nicht mehr zu reden!…

Frieden ist kein Zustand, der sich automatisch einstellt. Wenn ihr Frieden sucht, innerlich aber erregt oder unruhig seid, werdet ihr nie Frieden finden; denn er ist ein Ergebnis, eine Folgeerscheinung. Frieden bedeutet, dass alle äußeren und inneren Funktionen des Menschen völlig ausgeglichen und miteinander im Einklang sind. Man muss also Mittel und Wege kennen, die zum Frieden führen, und das ist eine ganze Wissenschaft.

Sobald der Mensch bestimmte Wünsche und Begierden in sich nährt, kann er – was immer er auch unternimmt – nicht mehr in Frieden leben, denn jetzt ist bereits der Keim der Unordnung in ihn gelangt. Nehmen wir zum Beispiel einen Dieb. Er muss sich ohne Unterlass vorstellen, was ihm alles zustoßen könnte, dass man ihn beobachtet, verhaftet und ins Gefängnis steckt… Er ist nie sicher, dass man ihn nicht gesehen hat, ob er Spuren hinterlassen oder durch irgendeine Bewegung seinen Diebstahl verraten hat. Er ist nicht mehr ruhig, er hat keinen Hunger mehr, kann nicht mehr schlafen und möchte sich nur noch verstecken.

Ein anderer hat sich Geld geliehen und versprochen, es zurückzugeben. Da er jedoch nicht imstande ist, sich einzuschränken, um die nötige Summe aufzubringen, gibt er sie nicht wieder zurück. Er wird nun von seinen Gläubigern verfolgt und weiß sich nicht mehr vor ihnen zu retten… Ein Dritter hat einem Freund harte, verletzende Worte gesagt und sich ihn zum Feind gemacht. Wieder einmal ist der Frieden auf und davon! Ich brauche keine weiteren Beispiele zu nennen, man könnte Hunderte finden. Ja, die Menschen beweisen immer wieder ein unerhörtes Talent, den Frieden zu verlieren. Wenn eine ganze Meute euch kläffend hinterherrennt, weil ihr Schulden habt, weil ihr gestohlen und etwas in Unordnung gebracht oder ein Versprechen nicht gehalten habt, wie wollt ihr dann Frieden finden? »Indem ich vor meinen Gläubigern fliehe«, werdet ihr sagen. Ja, bestimmt, aber wie könnt ihr den Gläubigern in eurem Inneren, der Unruhe und den Gewissensbissen entkommen, die euch verfolgen?… So zu argumentieren zeigt, dass es an echtem Wissen und an wahren Kenntnissen fehlt. Macht euch nichts vor, die Gedanken holen euch immer wieder ein.

Scheinbar ist es sehr leicht, den Frieden zu finden: Man braucht nur auf einen hohen Berg zu steigen, wo Stille und Einsamkeit herrschen. Aber selbst dort findet der Mensch den Frieden nicht. Warum? Weil er in seinem Kopf ein Radio mitgenommen hat. Ja, ein Radio, von dem er sich nie trennt und das ständig läuft… Was hört er da nicht alles! Oft ist es auf die Sender der Hölle eingestellt; die bringen natürlich auch Musik. Aber was für eine Musik, was für einen Lärm! Und das, obwohl er doch auf dem Gipfel von Ruhe und Stille umgeben ist! Ja, äußerlich ist alles ruhig, aber innerlich toben Gewitter und Sturm. Wie soll man da den Frieden finden?

Jeder weiß, dass der menschliche Körper zahlreiche Organe besitzt, die alle miteinander verbunden sind. Jedes Organ hat eine bestimmte Aufgabe, aber sie alle müssen in Einklang, in Harmonie miteinander sein, sonst gäbe es Unordnung und Dissonanzen, wie man dies in der Musik nennt. Der Mensch kann nur dann gesund und in Frieden leben, wenn all seine Organe selbstlos und uneigennützig für das Wohl des ganzen Körpers tätig sind. Aber diese Gesundheit und dieser Frieden sind erst ein rein physischer Zustand. Wer den Frieden der Seele und des Geistes finden will, muss höher aufsteigen. Alle Elemente des psychischen Organismus müssen wie die physischen Organe ebenfalls ohne Egoismus, Reibereien oder Voreingenommenheit im Einklang schwingen. Friede ist also ein höherer Bewusstseinszustand. Da er aber trotzdem von der Gesundheit unseres Organismus abhängt und weil die geringsten dort auftretenden Störungen die psychische Harmonie infrage stellen können, müssen physischer und psychischer Körper in völligem Einklang miteinander schwingen, damit der Friede sich vollständig einstellen kann.

Was man im Allgemeinen unter Frieden versteht, ist nicht der wahre Frieden. Wenn ihr einige Minuten oder Stunden lang weder Aufregung noch Unruhe verspürt, ist das noch kein Frieden, denn dieser Zustand ist nicht dauerhaft. Wenn der wahre Frieden sich erst in euch eingenistet hat, könnt ihr ihn nicht wieder verlieren. Ja, Frieden heißt nicht nur, sich eine Zeit lang wohl, ruhig und sorgenfrei zu fühlen. Frieden ist etwas viel Tieferes, viel Kostbareres… Frieden ist, wie ich schon sagte, ein Ergebnis. Wenn alle Musikinstrumente in einem Orchester perfekt gestimmt sind, wenn alle Musiker sich nach dem Dirigenten richten – den sie dank langer Zusammenarbeit gut kennen und lieben –, entsteht daraus eine außerordentliche Harmonie. Auch im Menschen bedeutet der Frieden eine Harmonie, eine völlige Übereinstimmung zwischen den Elementen, Kräften, Funktionen, Gedanken, Gefühlen und Handlungen.

Dieser tiefe, unbeschreibliche Frieden ist sehr schwer zu erreichen, weil man dazu viel Willenskraft, Geduld, Liebe und ein großes Wissen besitzen muss. Sobald der Schüler die Eigenschaften aller Elemente, Gedanken, Gefühle und Wünsche zu kennen und verstehen beginnt, damit er nichts mehr in sich aufnimmt, das seine innere Harmonie stören könnte, und wenn es ihm schließlich gelingt, alles, was nicht im Einklang schwingt, aus seinem Organismus auszuscheiden, dann erst findet er den Frieden.

Wenn ihr raucht, wenn ihr wahllos esst und trinkt, nehmt ihr gewisse schädliche Stoffe in euren Organismus auf, die krank machen. Ihr könnt dann keinen Frieden finden. Wie wollt ihr mit Zahnschmerzen, Durchfall oder Herzklopfen den Frieden erlangen? Ihr habt Stoffe in euch aufgenommen, die Verstopfungen oder Gärungen verursachen, und diese müssen jetzt ausgeschieden werden. Das gleiche Gesetz gilt im psychischen Bereich. Solange ihr die Beschaffenheit eurer Gefühle, Gedanken, Wünsche, Leidenschaften und Triebe nicht kennt, sie aber einatmet und euch von ihnen nährt, ohne zu wissen, ob sie euch guttun oder schaden, werdet ihr nie den Frieden finden.

Frieden ist also die Folge eines umfassenden Wissens über die Beschaffenheit der Elemente, von denen der Mensch sich auf den verschiedenen Ebenen nährt. Neben diesem Wissen braucht man natürlich – wie ich schon sagte – große Wachsamkeit und einen starken Willen, damit keine störenden Elemente eindringen. Gerade deshalb legen die Eingeweihten so viel Wert auf die Reinheit, weil sie seit Langem erkannten, dass sie bei der geringsten Unreinheit in ihrem physischen Körper, ihren Gefühlen oder Gedanken sofort den Frieden verloren.

 

Ich sagte es eben: Frieden ist die Folge einer Harmonie zwischen allen Elementen, aus denen der Mensch besteht: Geist, Seele, Verstand, Herz, Wille und Leib. Und weil diese Elemente nur selten im Einklang schwingen, ist es schwer, den Frieden zu erlangen. Jemand hat klare und weise Gedanken, wird aber von seinem Herzen, in das sich ein niederes Gefühl eingeschlichen hat, zu Dummheiten verleitet. Ein anderer hat die besten Absichten, aber sein Wille ist lahm. Wie sollte er bei derartigen Widersprüchen den Frieden finden? Den Frieden kann der Mensch erst zuallerletzt erlangen. Erst wenn er nach allen möglichen Leiden und Kämpfen, Niederlagen und Siegen endlich seine göttliche Natur über die aufständische, lärmende niedere Natur siegen lässt, kann er den Frieden finden. Bis dahin erlebt er vielleicht wunderbare Augenblicke, die aber nicht von Dauer sind. Deshalb hört man viele Menschen sagen: »Ich habe meinen Frieden verloren.«

Den tatsächlichen, wahren Frieden kann man unmöglich verlieren. Es mag von Zeit zu Zeit einige Unruhen geben, aber sie sind nur oberflächlich. Im tiefen Innern herrscht Frieden, wie beim Meer, dessen Oberfläche ständig durch Wellen und Schaumkronen in Bewegung ist, aber weit unter der Oberfläche herrscht in der Tiefe Frieden. Wenn ihr den wahren Frieden erlangt habt, können äußere Erschütterungen euch nicht mehr beunruhigen. Ihr fühlt euch geschützt wie in einer Festung. In Psalm 91 heißt es: »Du, oh Herr, bist meine Zuflucht, den Höchsten hast du zum Schutz dir erwählt.« Diese Zuflucht ist das höhere Selbst. Wenn es euch gelingt, diesen Punkt zu erreichen, die höchste Stufe unseres Seins, dann lernt ihr den Frieden kennen. Dieser Friede ist eine göttliche, unbeschreibliche Empfindung. Aber bevor ihr diesen Zustand erreicht, müsst ihr zahlreiche Siege über eure niederen Triebe davontragen!

Folglich herrscht dann Frieden, wenn alle Elemente und Faktoren, aus denen der Mensch besteht, in Harmonie, in absolutem Einklang schwingen. Aber ich möchte noch hinzufügen, dass diese Harmonie nur dann möglich ist, wenn alle Elemente geläutert sind. Wenn sie nicht im Einklang schwingen, haben sich Unreinheiten eingeschlichen. Wenn jemand etwas gegessen hat, das ihm nicht bekommt, fühlt er sich unwohl und reizbar. Aber wenn er ein Abführmittel nimmt, geht es wieder besser! Die Unreinheiten zerstören den Frieden. Wer also den Frieden erlangen will, muss an seiner Läuterung arbeiten und alle Schadstoffe loswerden, die Verstand, Gemüt und Willen hindern, gut zu funktionieren. Ein wahrer Eingeweihter hat nur eines begriffen: Das Wesentlichste ist, rein zu werden, so rein wie ein Gebirgssee, ein Kristall, der blaue Himmel oder das Licht der Sonne… Mit dieser Reinheit kann er alles andere erlangen. Natürlich ist es gar nicht so einfach, die Reinheit herbeizuführen. Aber man sollte sie wenigstens begreifen, dann sie lieben und mit allen Fasern seines Wesens herbeisehnen und schließlich versuchen, sie zu verwirklichen.

Ihr müsst wissen, dass ihr unreine Elemente aufgenommen habt, wenn in eurem physischen Körper, eurem Herzen oder Denken Störungen auftreten, und »unrein« kann ganz einfach »fremd« heißen. Unreinheiten sind unerwünschte Stoffe, weil sie dem menschlichen Organismus fremd sind. Diese Stoffe sind vielleicht nicht unrein an sich, werden aber als unrein angesehen, weil sie im Körper Störungen verursachen. Folglich sind sie schädlich und müssen beseitigt werden. Wenn ihr krank oder gequält seid, habt ihr eine Unreinheit in Form eines Gedankens, Gefühls oder etwas anderem in euren Körper eindringen lassen.

Jede Unreinheit, ob auf mentaler, astraler oder physischer Ebene bringt Störungen mit sich; und wenn ich von »Störungen« spreche, dann ist dies nur das kleinste Übel, denn Unreinheiten können auch Vergiftungen und sogar den Tod hervorrufen. Deshalb ist es notwendig, sich auf allen Ebenen zu reinigen. Im körperlichen Bereich kann man dies durch Bäder, Abführmittel, Klistiere oder Fasten und im psychischen Bereich durch Gebet, Meditation und andere geistige Übungen erreichen. Nur unter dieser Bedingung kann man den wahren Frieden erlangen.

Erst wenn der Mensch wachsam genug wird, um sein eigenes Reich, das er selbst verkörpert, makellos zu halten, kann er einen beständigen und dauerhaften Frieden erlangen. Und was ist dieser Friede? Eine unbeschreibliche Glückseligkeit, eine fortwährende Symphonie, ein überirdischer Bewusstseinszustand, in dem alle Zellen in einem Meer des Lichts baden, in lebendigem Wasser schwimmen und sich von Ambrosia nähren… Er lebt dann in einer solchen Harmonie, dass der ganze Himmel sich in ihm spiegelt. Er erschaut allmählich eine Pracht, die er vorher nicht wahrnehmen konnte, weil er zu unruhig und erregt war, und weil seine inneren Augen – und sogar die äußeren – nicht auf den Dingen verweilen konnten, um sie zu sehen.

Nur der Friede ermöglicht, die Anwesenheit der feinstofflichen Wirklichkeit zu erblicken und zu verstehen. Darum entdecken die Eingeweihten, die den wahren Frieden gefunden haben, die Wunder des Universums.

Die meisten Menschen suchen nur das Flüchtige, Trügerische, das ihnen nur Enttäuschung und Kummer beschert. Aber es fällt ihnen schwer, dies einzusehen. Um dies zu verstehen, muss man leiden, leiden und Enttäuschungen erleben… Man muss wirklich ganz unten und völlig verzweifelt gewesen sein, um zu erkennen, dass das Erwünschte weder Friede noch Fülle, weder Ehre noch Macht brachte. Aber den Jungen kann man dies unmöglich verständlich machen. Man muss alt sein, innerlich oder äußerlich sehr alt sein, um sich dem alleinigen, ewigen Reichtum zu widmen. Wer noch jung ist, spielt noch mit Puppen, Bleisoldaten und Sandburgen. Sein Alter erlaubt ihm noch nicht, sich mit ernsthaften Fragen zu beschäftigen… Aber wenn er reifer wird, lässt er alles beiseite, um Großartiges zu verwirklichen, und dann wird er endlich den Frieden finden.

Frieden stellt sich erst ein, wenn alle Zellen mit einer göttlichen und selbstlosen Vorstellung im Einklang schwingen. Darum sagen die Weisen zu Recht, dass man den Frieden erst erlangen kann, wenn die eigenen Zellen, das ganze Wesen aus Gedanken der Liebe, das heißt der Barmherzigkeit, Großzügigkeit, Vergebung und Entsagung besteht. Vorher ist es nicht möglich, denn nur durch solche Gedanken entsteht Frieden. Wenn ihr eurem Nachbarn etwas vorzuwerfen habt, das ihr ihm nicht verzeihen könnt, und wenn ihr euch den Kopf zerbrecht, wie ihr euch rächen könnt oder wenn sich jemand Geld bei euch geborgt hat und ihr immer daran denken müsst, dass er es euch zurückgeben sollte, dann ist es nicht möglich, den Frieden zu finden, denn solche Überlegungen sind zu persönlich und egoistisch.

Selbst wenn ihr ein paar Minuten oder ein paar Stunden lang ruhig seid, ist das noch kein Frieden, sondern nur eine kleine Pause, eine Beruhigung (diese Art Frieden können sogar böse Menschen haben), und dann werdet ihr von Neuem von euren Qualen und Ängsten gepackt. Der wahre Friede ist ein geistiger Zustand, den man nicht verlieren kann, wenn man ihn erst einmal erlangt hat. Wenn ihr den Wunsch habt, Gottes Willen zu erfüllen, das heißt, ein Wohltäter der Menschheit zu werden, alle Menschen zu lieben, ihnen zu dienen und verzeihen, dann bringen diese Gedanken alle Teilchen ihres Wesens in die gleiche Schwingung, und erst jetzt könnt ihr den Frieden genießen. Und habt ihr erst einmal diesen Frieden erlangt, folgt er euch überallhin: Ihr habt ihn gestern gespürt, und auch heute noch ist er den ganzen Tag da… und am nächsten Tag wartet er schon nach dem Erwachen auf euch. Mit Erstaunen stellt ihr fest, dass ihr euch nicht einmal mehr anstrengen müsst, um ihn wiederzufinden. Vorher musstet ihr euch lange konzentrieren, beten, singen oder sogar Beruhigungsmittel nehmen, um ruhig zu werden; jetzt ist dies nicht mehr notwendig, denn der Friede ist bereits da, in euch.

Beschäftigt ihr euch daher eingehend mit der Vorstellung, zu lieben, Gutes zu tun, alles zu verzeihen… bis ihr eines Tages so stark werdet, dass alle eure Zellen davon geprägt sind und mit euch im Einklang schwingen. Dann wird der Friede euch nicht mehr verlassen. Selbst wenn gewisse Ereignisse euch beunruhigen, werdet ihr mit einem Blick in eurem Innerem feststellen, dass der Friede trotz allem immer noch da ist. Denn jetzt handelt es sich nicht mehr wie vorher um eine Beruhigung, eine künstlich hergestellte, aufgezwungene Ruhe, die nur so lange andauert, wie ihr euch anstrengt… Jetzt ist er ein Zustand, der sozusagen ein Teil eures Selbst geworden ist.

Habt ihr schon einmal die Raubtiere beobachtet? Wenn der Dompteur bei ihnen ist, tun sie so, als ob sie sich vertragen würden; sobald er sie aber allein lässt, stürzen sie sich aufeinander und zerreißen sich gegenseitig. Und die Schulkinder? Solange der Lehrer dabei ist, sitzen alle brav auf ihren Plätzen, aber wenn er hinausgeht, toben sie herum, schreien und raufen sich. Für die Zellen im Organismus gilt das Gleiche: Solange ihr euch Mühe gebt, sie zu beherrschen, lassen sie sich ein wenig beruhigen, aber sowie ihr ihnen den Rücken zukehrt, das heißt, sobald die Gedanken woanders sind, ist die Unruhe wieder da. Man muss sich also um seine Zellen kümmern, sie zur Vernunft bringen, sie waschen und ernähren, als wenn sie unsere Kinder oder Schüler wären. Ja, und wenn es euch gelungen ist, sie zu belehren, wenn sie ihre Arbeit ohne Streit und Diskussionen ausführen, dann stellt sich der Friede ein.

Bildet euch auf keinen Fall ein, den Frieden zu finden, indem ihr die Wohnung, die Freunde, den Beruf, die Lektüre, das Land, die Religion… oder die Frau wechselt. Der Friede hängt nicht von solchen Veränderungen ab. Eine Zeit lang Ruhe, ein Aufschub, ja, aber sofort danach werden euch auch dort neue Sorgen überfallen, weil ihr nicht begriffen habt, dass der Friede einzig und allein von einem veränderten Denken, Fühlen und Handeln abhängt. Wenn ihr diese Bereiche verändert, könnt ihr am gleichen Ort, in den gleichen Schwierigkeiten sein und trotzdem den Frieden erlangen. Denn er hängt nicht ausschließlich von äußeren Umständen ab; er kommt von innen, überflutet und erfüllt euch trotz Unruhen und Erschütterungen in der ganzen Welt. Er gleicht einem von oben kommenden Strom. Wenn dieser Frieden in euch wohnt, könnt ihr ihn an andere weitergeben und wie etwas Reales, Lebendiges verbreiten. Dann arbeitet ihr für die ganze Welt, indem ihr den anderen den Frieden bringt.

Viele Menschen behaupten heute, für den Frieden in der ganzen Welt zu arbeiten. Aber in Wirklichkeit tun sie nichts, um ihn tatsächlich herbeizuführen. Nur Redensarten… Sie gründen Friedensvereinigungen, aber nur, um sich hervorzutun, einander einzuladen und Auszeichnungen in Empfang zu nehmen. Ihr Leben hat nichts mit einem Leben für den Frieden zu tun. Sie haben nie daran gedacht, dass erst einmal alle Zellen ihres Körpers, alle Teilchen ihres physischen und psychischen Wesens nach den Gesetzen des Friedens und der Harmonie leben müssen, um den Frieden auszustrahlen, für den sie angeblich arbeiten. Während sie über den Frieden schreiben und in ihren Versammlungen darüber reden, nähren sie in ihrem Inneren den Krieg, denn sie kämpfen ständig gegen das eine oder andere an. Welchen Frieden können sie also bringen? Der Mensch muss den Frieden zuerst in sich selbst, in seinen Handlungen, Gefühlen und Gedanken verwirklichen. Erst dann arbeitet er wirklich für den Frieden.

 

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Leseprobe Izvor 207 – Was ist ein geistiger Meister?

Leseprobe Izvor 207 - Was ist ein geistiger Meister?

Leseprobe Izvor 207 – Was ist ein geistiger Meister?

I

Wie man einen wirklichen geistigen Meister erkennt

Seinem Meister zu begegnen, bedeutet für den Schüler, eine Mutter gefunden zu haben, die bereit ist, ihn neun Monate lang unter ihrem Herzen zu tragen, damit er in der geistigen Welt geboren wird. Und ist er einmal geboren, das heißt erwacht, entdecken seine Augen die Schönheit der Schöpfung, seine Ohren hören das göttliche Wort, sein Mund kostet die himmlischen Speisen, seine Füße tragen ihn an die verschiedenen Orte des Raumes, um Gutes zu tun, und seine Hände lernen, in der feinstofflichen Welt der Seele Wunderbares zu erschaffen.

Nur sehr wenige Menschen wissen, was ein Meister wirklich ist. Es gibt Bücher, in denen die unglaublichsten Dinge geschildert werden: Ein Meister ist vollkommen, allwissend, allmächtig… Er braucht weder zu essen, noch zu trinken, noch zu schlafen… Er ist gegen alle Versuchungen gefeit und vor allem verbringt er seine Zeit damit, Wunder zu wirken. Wie viele Menschen waren nicht von dem Buch von Spalding »Das Leben der Meister« hellauf begeistert und ahnten nicht, dass es alle möglichen unwahrscheinlichen Geschichten enthält! Es ist wahr, die großen Meister besitzen außergewöhnliche Fähigkeiten, aber sie benutzen sie nicht, um vor Schaulustigen Wunder zu vollbringen, plötzlich zu erscheinen oder zu verschwinden, auf dem Wasser zu gehen, im Raum zu fliegen, Festessen herbeizuzaubern, Flammen einer Feuersbrunst zu durchschreiten, Häuser aus dem Boden zu stampfen… Selbst wenn er dazu imstande wäre, würde ein wahrer Meister so etwas nicht tun, denn solche Kunststückchen können den Menschen nicht helfen, sich zu verändern.

Ihr müsst wissen, dass ein Meister genau wie alle andern Menschen gebaut ist. Er hat die gleichen Organe und empfindet die gleichen Bedürfnisse und Wünsche. Wenn er sich schneidet, ist das Blut, das fließt, genauso rot, wie das Blut aller anderen Menschen! Der Unterschied besteht darin, dass das Bewusstsein des Meisters weit umfassender ist als das der meisten Menschen. Er besitzt ein Ideal, einen höheren Blickpunkt, und vor allem hat er eine vollkommene Selbstbeherrschung erreicht. Dies erfordert natürlich enorm viel Zeit und eine ungeheure Arbeit, und deshalb wird niemand in einer einzigen Inkarnation zum Meister. Ihr müsst euch darüber im Klaren sein, dass er seine guten Eigenschaften und Tugenden nicht in einem einzigen Leben erworben hat. Nein, er musste Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende dafür arbeiten. Und da die guten Eigenschaften, die man durch eigene Anstrengungen erworben hat, erhalten bleiben, wenn man die Erde verlässt, bringt er sie in seiner nächsten Inkarnation wieder mit. Von Leben zu Leben fügt er neue geistige Elemente hinzu, bis er eines Tages ein wahrer Träger des Lichts und der göttlichen Tugenden ist.

Leider gibt es auch Wesen, die sich jahrhundertelang im Bösen geschult haben, und das sind die Meister der schwarzen Magie. Der Mensch kann frei zwischen Gut und Böse wählen. Wenn jemand das Böse vorgezogen hat, wird er – selbst wenn die kosmische Intelligenz ihm eine Weile freies Spiel lässt – am Ende natürlich doch vernichtet, weil er mit seinem Verhalten gegen die universelle Ordnung verstoßen hat. Aber am Anfang hat er die Wahl. Solange er lebt, kann er sich frei für die eine oder andere Richtung entscheiden.

Es gibt einige sehr seltene Fälle von Wesen, die trotz der ihnen überlassenen Freiheit für immer festgelegt sind. Die großen Eingeweihten zum Beispiel haben sich für das Licht und die Liebe entschieden. Gewiss, manche sind vielleicht gefallen, aber die meisten sind doch Wesen des Lichts geblieben. Übrigens wird es ihnen mit der Zeit immer weniger möglich, ihre Richtung zu ändern, denn durch ihre geistige Arbeit verändern und vergöttlichen sie die Materie ihres Körpers, sodass sie wie rostfreies Metall, wie reines Gold wird. Aber solange ein Mensch diese Entwicklungsstufe nicht erreicht hat, kann er jederzeit eine andere Richtung einschlagen und es gibt historische Fälle, in denen weiße Magier zur Schwarzmagie übergetreten sind.

Ihr fragt euch, wie man ein Schwarzmagier wird… Das ist sehr einfach, sogar für euch: Ihr braucht nur eurer niederen Natur freien Lauf zu lassen. Wenn ihr ständig die Gesetze der Güte, der Gerechtigkeit und der Liebe überschreitet, indem ihr versucht, auf Kosten anderer zum Erfolg zu kommen, sie auszustechen und sie zu zerstören, werdet ihr unweigerlich ein Schwarzmagier. Das ist ganz klar und eindeutig. Viele Menschen stellen sich vor, man müsste bei einem teuflischen Meister in die Lehre gehen und bei ihm die Kunst der Verwünschung und die Beschwörung böser Geister erlernen. Das ist möglich, aber wer sich in den Dienst des Bösen stellen will, braucht nicht unbedingt einen Meister. Man kann auch ohne Lehrer, ohne Gebrauchsanweisung oder sonst etwas ein Schwarzmagier werden, und zwar wenn man sich zu sehr von seiner niederen Natur leiten lässt. Ebenso wird ein Mensch, der ständig den anderen helfen und ihnen das Licht der Erkenntnis bringen will, ein weißer Magier, auch wenn er keinen Meister hat, der ihn unterrichtet.

In Wirklichkeit hat jeder Mensch einen Meister, entweder einen sichtbaren oder einen unsichtbaren. Bei Verbrechern ist er im unsichtbaren Bereich und redet ihnen ständig ein, den anderen zu schaden. Selbst wenn sie behaupten: »Wir, einen Meister? Nie im Leben!« müssen diese Blinden doch wissen, dass sie einen Meister haben und Tag und Nacht seine bösartigen Ratschläge befolgen.

Wenn ich von Meistern rede, so meine ich natürlich immer die wirklich großen geistigen Meister, die weißen Magier. Ich weiß, dass der Titel »Meister« vielen Handwerkern, ebenso wie Notaren, Richtern, Künstlern usw. als Zeichen der Fertigkeit in ihrem Beruf gegeben wird. Das ist Ansichtssache und ich spreche ihnen diesen Titel nicht ab. Ihr solltet jedoch wissen, dass ein wahrer Meister – im spirituellen Sinne des Wortes – erstens die grundlegenden Wahrheiten kennt, und zwar nicht diejenigen, die von den Menschen geschrieben, geschaffen oder erzählt wurden, sondern die wesentlichen im Sinne der kosmischen Intelligenz. Zweitens muss er durch seine Willenskraft vollständige Beherrschung, Meisterschaft und Selbstkontrolle erreicht haben. Und schließlich dürfen dieses Wissen und diese Selbstbeherrschung nur dazu dienen, alle guten Eigenschaften und Tugenden der selbstlosen Liebe zu offenbaren.

Einen wahren Meister könnt ihr an seiner Selbstlosigkeit erkennen. Jeder Meister kommt mit einer besonderen Fähigkeit auf die Erde. Es gibt also Meister der Weisheit, der Liebe, der Kraft oder der Reinheit… Aber alle wahren großen Meister haben unbedingt eine gemeinsame Tugend: Uneigennützigkeit.

Es gibt dermaßen viele Betrüger und Scharlatane, die nur von der Naivität der Menschen profitieren wollen! Sie haben kaum ein paar Bändchen über okkultes Wissen gelesen, die oft auch noch von Dummköpfen geschrieben wurden, und schon geben sie sich überall als große Meister aus. Sie tragen nicht das geringste Zeichen, dass der Himmel sie anerkannt hat! Sie selbst haben sich zu Meistern ernannt und glauben, das würde genügen. Und anstatt einen solchen Menschen ein wenig zu beobachten, um ihn an seinem Verhalten zu erkennen, folgen die anderen ihm blindlings. Sie merken nicht einmal, wenn er sie betrügt, ausplündert und versklavt. Ja, das ist wunderbar… wenigstens ein intelligenter Mensch! Die Dummen sind die anderen… Warum fragen sie sich nicht wo er herkommt, wie er gelebt hat, wer sein Meister war und wer ihn geschickt hat? Aber nein, unnötig sich die Frage zu stellen: Solange er ihnen verspricht, sie innerhalb von drei Tagen einzuweihen – natürlich gegen Bezahlung einiger tausend Dollar –, glauben sie ihm. Sie haben es eilig, versteht ihr, die Einweihung darf nicht länger als drei Tage dauern. Und die Welt ist voll von solchen Leuten, von Angebern und Schurken, die aus der Gutgläubigkeit und Dummheit der anderen ihren Nutzen ziehen. Aber sie sind wenigstens intelligent! Ich bestreite nicht, dass solche Leute eine gewisse Macht besitzen, aber die kann jeder erwerben, wenn er sich übt. Die Frage ist nur, wie und zu welchem Zweck er sie anwendet, und gerade das beurteilt der Himmel. Er kümmert sich nicht um eure Fähigkeiten und Mittel, sondern um das, was ihr damit macht. Ihm kommt es nicht auf euer Wissen, eure Hellsicht und eure Macht an, sondern auf eure Selbstlosigkeit. Ihr könnt hellsichtig sein, Wissen und Macht besitzen, solange ihr nicht uneigennützig handelt, wird der Himmel euch nicht als Meister anerkennen, selbst wenn die Menschen es tun.

Das Unglück der Menschen liegt in ihrem mangelnden Unterscheidungsvermögen. Sie misstrauen einem wahren, selbstlosen Meister, aber dem ersten besten, der ihnen Sand in die Augen streut und sich als Meister ausgibt, dem folgen sie. In Wirklichkeit wird ein wahrer Meister euch nie sagen, dass er ein Meister ist; er wird es euch fühlen und begreifen lassen, denn er hat es nicht eilig, erkannt zu werden. Ein falscher Meister dagegen hat, sobald er sich als solcher ausgibt, nichts anderes im Sinn, als sich den anderen aufzudrängen. Vor kurzem erhielt ich den Brief eines Mannes, der sich für fähig hielt, ein geistiger Führer zu werden. Er berichtete mir von seinen Schwierigkeiten und Ängsten. Er hätte natürlich mit diesen Schwierigkeiten rechnen müssen. Warum erdreistete er sich, die andern zu täuschen und behauptet sie führen zu können, wenn er selbst nicht vollkommen ist? Wer hatte ihm diese Aufgabe erteilt? Aber so sind die Menschen; sie maßen sich an, andere zu führen, ohne die notwendigen Tugenden wie Weisheit, Liebe, Reinheit, Kraft und Selbstlosigkeit verwirklicht zu haben. Nein, solange man nicht von einem höheren Wesen den Auftrag für die überwältigende Aufgabe erhalten hat, die Menschen zu führen, ist es sehr gefährlich, diese Rolle spielen zu wollen.

Ich hätte diesem Mann gerne geholfen, denn ich sah, dass er sehr unglücklich war und nicht einmal wusste warum. Er hatte sich vorgestellt, dass die Lektüre einiger Bücher über okkultes Wissen genügt und hatte die gewaltigen Kräfte der unsichtbaren Welt ausgelöst, ohne jemals gelernt zu haben, sich vorher mit ihnen zu harmonisieren. Nun, diese Kräfte rächen sich und sagen: »Warum willst du uns bezwingen, nur um deine Launen zu befriedigen? Du bist schwach und dumm, wir wollen uns dir nicht unterwerfen. Du verdienst eine gehörige Lektion.« Wie viele sogenannte Okkultisten besitzen überhaupt keine wirkliche Kenntnis von den Gesetzen der geistigen Welt! Wie gesagt, sie haben ein paar Bücher gelesen und wollen jetzt ohne eigene Vorbereitung einige ihrer Anhänger mit ihren Wundertaten verblüffen. Nein, so geht das nicht.

Um die Aufgabe eines geistigen Führers zu übernehmen, braucht man eine Urkunde, denn auch in der geistigen Welt bekommt man Zeugnisse. Die Urkunden der physischen Welt haben im geistigen Bereich ihre Entsprechung, denn der materielle Bereich wurde nach dem geistigen Vorbild geschaffen. Die lichtvollen Geister, die uns auf die Erde geschickt haben, beobachten und beurteilen uns und wenn sie sehen, dass wir uns angestrengt haben, dass wir uns beherrschen können und gewisse Fehler ausgemerzt haben, dann geben sie uns ein Diplom. Und wo befindet sich das? Auf jeden Fall ist es kein Stück Papier, auf dem man radieren und das man vernichten kann. Nein, es gleicht einem Siegel, das auf unserem Gesicht und unserem ganzen Körper eingeprägt ist und das von unseren Siegen über uns selbst zeugt. Die Menschen sehen es vielleicht nicht, aber die Naturgeister und Lichtwesen nehmen es schon von weitem wahr und dann gehorchen und helfen sie uns.

Ja, wer bestimmte Aufgaben im geistigen Bereich ausführen will, der braucht auch die Zustimmung bestimmter Geistwesen. Und glaubt nicht, das sei so einfach! Viele finden das Studium, um Erzieher oder Lehrer zu werden, lang und schwierig. Aber das ist gar nichts, verglichen mit den Bedingungen, die derjenige erfüllen muss, der Schüler in den Wahrheiten der Einweihungswissenschaft unterrichten will. Ich bin in Bezug auf folgenden Punkt immer wieder über die Unwissenheit und Naivität der Menschen erstaunt: Jeder oder fast jeder Beliebige glaubt sich weit genug entwickelt, um den Titel »Meister« tragen zu können. Und wenn sie dann einem wahren Meister gegenüberstehen, bilden sie sich ein, er sei ganz einfach so vom Himmel gefallen, ohne sich auch nur der geringsten Anstrengung unterzogen zu haben.

Nein, ihr werdet kein einziges Geschöpf finden, das perfekt auf die Erde gekommen ist. Jeder hat eine oder sogar mehrere Schwächen, egal ob er sie nun offen zeigt oder nicht. Selbst die hohen Eingeweihten haben mindestens eine Schwäche: entweder Angst oder Hochmut oder Geiz oder Sinnlichkeit. Die Erhabenheit eines Eingeweihten liegt jedoch darin, dass er sich seiner Schwächen erstens bewusst ist und zweitens alle Mittel verwendet, um sie zu überwinden.

Sobald ein Mensch sich auf der Erde inkarniert, vererben seine Eltern ihm – unabhängig von der Erhabenheit seines Geistes – eine mehr oder weniger unvollkommene Materie, die er verwandeln muss, und die er dank seiner Qualitäten und Tugenden veredelt. Durch diesen Vorgang wird er noch größer, denn er hat eine rohe, unbehandelte Materie in einen feinen, ausgearbeiteten Stoff verwandelt, den er für seine Arbeit verwendet. Bei den Eingeweihten können wir also die wahre Macht des Geistes erkennen, denn es gelingt ihnen, alles zu bezwingen, wohingegen die meisten Menschen ihr Leben lang irgendwelche Fehler mit sich herumtragen, derer sie sich nicht entledigen können.

Nun muss man natürlich wissen, dass ein Eingeweihter alle guten Eigenschaften, die er sich in den vorhergehenden Leben erarbeitet hat, auf die Erde mitbringt. Dank dieser Qualitäten wendet er sich instinktiv vom falschen Weg ab und richtet sein Streben auf aufbauende und lichtvolle Tätigkeiten. Selbst wenn er sich an nichts erinnert, drängt es ihn ohne sein Zutun in die gleiche Richtung wie in der Vergangenheit. Ich selbst hatte lange Zeit keinerlei Erinnerung an meine Inkarnationen, aber ich bin mit Prägungen in dieses Leben gekommen, die mich in eine ganz bestimmte Richtung trieben.

Ich weiß, manche von euch sind erstaunt und schockiert, wenn sie hören, dass selbst ein großer Meister nicht mit Vollkommenheit auf die Erde kommt. Und die Christen mögen mir verzeihen, wenn ich sage, dass selbst Jesus nicht vollkommen war, als er geboren wurde. Auch er musste lernen und eine große Läuterungsarbeit durchführen, bevor er mit dreißig Jahren den Heiligen Geist empfing. Leider wird in den Evangelien nicht erwähnt, was er in der Zeit zwischen seinem zwölften und seinem dreißigsten Lebensjahr gemacht hat. Jedes Wesen, das auf die Welt kommt, erhält zum Aufbau seines Körpers immer verbrauchte, trübe Elemente, die es zu reinigen, zu ordnen und zu harmonisieren gilt. Man muss verstehen, was diese Materie, die jahrhundertelang von Generation zu Generation weitergegeben wurde, eigentlich ist. Wie könnte sie makellos und rein sein? Selbst ein Eingeweihter, der außerordentliche Eltern hatte, muss an seinem physischen Körper arbeiten, bis dieser ein perfektes Instrument für seinen Geist wird. Ein Eingeweihter ist vielleicht dazu ausersehen, eine neue Religion zu bringen, aber auch er muss seinen Geist von der Macht der Materie befreien und sie verwandeln, vergeistigen und verfeinern. Der Himmel erkennt seine Größe an der Zeit, die er dafür aufwendet.

Selbst Jesus konnte nicht sofort die Macht seines Geistes offenbaren. Er musste lernen, sich üben und in seinem dreißigsten Lebensjahr vollbrachte er schließlich Wunder. Alle geistigen Meister wussten am Anfang ihres Lebens lange Zeit nichts von ihrer Aufgabe. Selbst wenn sie während ihrer Jugend einige Offenbarungen der göttlichen Welt erhielten, so waren sie sich doch ihrer Größe ganz und gar nicht bewusst. Ich weiß, viele wollen das nicht glauben, denn für sie kommt ein Eingeweihter allmächtig und allwissend zur Welt. Nein! Manche hatten sogar körperliche oder geistige Schwächen, die sie nie überwinden konnten. Aber es würde zu lange dauern, wenn wir auf diese Einzelheiten eingehen wollten, obwohl wir dabei außerordentlich interessante Dinge entdecken würden.

Glaubt nicht, dass ich in meiner frühesten Jugend schon so war, wie ich heute bin! Nein, auch ich musste jahrelang an meiner eigenen Materie arbeiten, und nichts ist schwieriger als das. Seele und Geist sind von göttlicher Beschaffenheit und in ihrer Welt erkennen und offenbaren sie sich als solche. Aber sie müssen sich auch durch die Materie, durch den physischen Körper äußern und erkennen. Gerade hier liegt das größte Mysterium der Existenz, welches durch die Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschlingt, symbolisiert wird. Der Kopf der Schlange, das heißt der Geist, das höhere Ich, muss sich durch den Schwanz, die Materie, das niedere Ich, offenbaren. Der Geist, der oben allmächtig und allwissend ist, muss sich in der Materie wie in einem Spiegel betrachten können. Das ist das Ziel der Einweihung: die Materie so weit zu verwandeln, dass sie dem Geist sein eigenes Spiegelbild zurückschicken kann.

Wir kommen also immer wieder auf die an der Materie zu verrichtende Arbeit zurück. Hier liegt unsere wahre Aufgabe auf der Erde. Deswegen darf man sich nicht vorstellen, das Leben sei für die großen Meister einfach. Im Gegenteil, gerade sie stoßen auf die größten Schwierigkeiten und Hindernisse. Ihnen vertraut man die schwierigsten Aufgaben an, sowohl in Bezug auf ihre eigene Person als auch auf ihre Umwelt, weil sie die Fähigkeit und den Willen besitzen, diese Arbeit auszuführen, und dank der Schwierigkeiten steigen sie noch weiter auf. Ja, gerade durch die Schwierigkeiten.

Die Größe eines Eingeweihten oder eines Meisters besteht darin, dass er sich nach und nach über die Prüfungen erhebt, denen er, wie alle anderen, ausgesetzt ist, wenn er auf die Erde kommt. Deshalb darf er dann andere unterrichten und sie sogar zurechtweisen. Mit dem Sieg über seine eigenen Schwächen erwirbt er das Recht, die Menschen zu führen. Übrigens darf man nur unter dieser Bedingung den Mund auftun, um andere zu belehren. Solange man sich nicht selbst von den Fehlern befreit hat, die man bei anderen verbessern will, sollte man sich lieber zurückhalten, denn sonst würden sie spüren, dass da etwas nicht stimmt, und die Umstände würden dazu führen, dass man irgendwo in eine Falle geht. Wie wollt ihr jemanden davon überzeugen, ein Laster aufzugeben, wenn ihr es selbst noch nicht einmal geschafft habt? Wie sollte ein ängstlicher Mensch andere ermutigen können? Wenn er am ganzen Leibe zittert und »Vorwärts!« schreit, würde keiner von ihm mitgerissen werden! Ihr müsst wissen, dass euch die wahre Macht nur durch den Sieg über eure eigenen Schwächen verliehen wird. Diese Macht äußert sich früher oder später durch eure Augen, eure Gesten, euren Gesichtsausdruck und eure Stimme. Ja, sie zeigt sich, selbst wenn ihr sie verbergen wollt.

Ein Meister, der Tausende von Jahren daran gearbeitet hat, alle menschlichen Leidenschaften in sich zu besiegen und danach gestrebt hat, die Tugenden des Himmels auf sich zu lenken, wirkt durch die von ihm ausgehenden Schwingungen günstig auf seine Umwelt. Gerade darin liegt der Vorteil, mit einem Meister in Verbindung zu stehen. Seine Schüler nehmen Teilchen seines Lebens auf, indem sie ihm zuschauen, zuhören und in seiner Nähe leben, und dank dieser Teilchen können sie sich viel schneller weiterentwickeln. Was meint ihr, wozu euch sonst ein Meister von Nutzen wäre? Er will euch weder Reichtum noch eine gute Stellung oder eine Frau verschaffen, sein einziges Streben richtet sich darauf, euch Elemente höherer Natur zu geben, die mit dem Himmel im Einklang schwingen. Wenn ihr im Stande seid, diese Elemente aufzunehmen, sie in eurem Inneren zu bewahren und sogar zu verstärken, merkt ihr, dass sich eure Gedanken, eure Gefühle, selbst eure Gesundheit und alles andere mit der Zeit verbessern. Ja, bei einem wahren Meister könnt ihr nur Segen finden.

 

 

II

Von der Notwendigkeit eines geistigen Führers

Wenn ihr lernen wollt, Geige zu spielen, kauft ihr euch ein Instrument, Notenhefte und beginnt eure Übungen. Die erste Zeit spielt ihr ein oder zwei Stunden täglich, aber bald verliert ihr euren Eifer und hört auf. Eine Woche später nehmt ihr dann die Geige wieder zur Hand, aber es dauert nicht lange, bis ihr sie wieder weglegt… Und so vergeht die Zeit, je nach Lust und Laune wechseln die Phasen der Arbeit mit denen der Trägheit ab. Wenn ihr dagegen einen Lehrer habt, wollt ihr seine Anerkennung und seine Zustimmung gewinnen und arbeitet deshalb fleißig, um euch für die nächste Unterrichtsstunde vorzubereiten. Ein Lehrer korrigiert eure Fehler, ermutigt euch und dann wird aus euch unter seiner Anleitung eines Tages ein Virtuose. Es hat noch nie einen großen Musiker gegeben, der ohne Lehrer den Gipfel seiner Kunst erreichte.

Für den geistigen Bereich gilt das Gleiche. Ohne Meister ist es sehr schwer, ausdauernd zu bleiben. Ihr seid überzeugt, dass Meditation und ständiges Bemühen zu eurer Verbesserung beitragen, aber sehr schnell fallt ihr wieder in eure alten Gewohnheiten zurück. Nach einigen Monaten erinnert ihr euch dann an eure guten Vorsätze und gebt euch wieder etwas Mühe, bis schließlich endgültig die Trägheit siegt… Ein Meister hingegen stimuliert euch ständig. Seine Worte und sein Vorbild treiben euch stets voran. Außerdem wirkt er auch auf eure Gefühle. Eure Liebe und Bewunderung für ihn drängen euch ständig zum Fortschreiten.

Natürlich wird euch das nicht davor bewahren, wieder in eure alten Fehler zurückzufallen. Aber wenn ihr jedes Mal aufs Neue gute Vorsätze fasst, wird die Kraft, die bei diesen Vorsätzen entsteht, eines Tages überwiegen. Es ist nicht so schlimm, in seine alten Fehler zurückzufallen, als die Hoffnung aufzugeben, diese Fehler überwinden zu können und sich nicht mehr anzustrengen, um sie zu korrigieren. In einem Entschluss liegt Macht und die sollte man kennen. Wenn jemand sich aufrichtig entschließt, seine Ausrichtung zu ändern, weil sein Meister ihm die Gefahren aufgezeigt hat, die auf dem eingeschlagenen Weg liegen, prägt dieser Entschluss sich in ihm ein und markiert in ihm einen neuen Ausgangspunkt. Selbst wenn man noch nichts davon sieht, führt diese Prägung eines Tages doch zu Ergebnissen. Darin besteht die Nützlichkeit eines Meisters.

Ich möchte euch vor allem Folgendes verständlich machen: Angesichts der Beschaffenheit der geistigen Welt sollte man lieber gar nicht, als ohne Führer in sie eindringen wollen, so wie manche es zu ihrem Unglück tun. Sie kaufen sich Bücher über Konzentrations-, Meditations- oder Atemtechniken und stürzen sich in Übungen, die sie am Ende seelisch und körperlich kaputtmachen. Solche Leute sollten lieber etwas weniger ausdauernd in ihrem Streben sein!

Ich muss immer wieder über die Menschen staunen: Sie würden nie auf die Idee kommen, ohne Führer einen Berg zu besteigen, aber sie stürzen sich ohne weiteres und ganz allein in die Erforschung der psychischen Welt, obwohl dort die Gefahr, sich zu verirren, in einen Abgrund zu stürzen oder unter Lawinen begraben zu werden, viel größer ist. Merkwürdigerweise wollen sie sich da ganz alleine durchschlagen! Ja, und genau deswegen gibt es unter den sogenannten Spiritualisten so viele Verrückte. Sie sind ganz einfach ohne Führer losgezogen und haben sich verirrt.

Die Spiritualisten würden nicht auf Unannehmlichkeiten stoßen, wenn sie von Anfang an folgenden wesentlichen Punkt verstanden hätten: Man muss seine Arbeit durch die Ausübung bestimmter Qualitäten und Tugenden vorbereiten: durch Liebe, Sanftmut, Reinheit und Ergebenheit der göttlichen Welt gegenüber, denn in diesem Bereich genügt der Wille allein nicht.

Der Fehler vieler Spiritualisten besteht darin, dass sie ihren Handlungen keine solide Grundlage geben können. Sie stürzen sich einfach ohne die geringste Vorbereitung in die Spiritualität und denken, ihr Wunsch und ihr Verlangen genüge, damit die unsichtbare Welt sich ihnen offenbare, die Engel herbeikämen, und dass ihnen jegliche Macht in die Hände falle. Nein, leider ist dem nicht so. Ein wahrer Spiritualist bereitet sich zwanzig oder dreißig Jahre unter Anleitung eines Meisters vor, und danach erreicht er dann in sehr kurzer Zeit alles, was er sich wünscht. Im geistigen Bereich dauert die Vorbereitung am längsten. Aber die Menschen bereiten sich nicht vor, sie hegen in ihrem Innern weiterhin alle möglichen Gedanken, Ungerechtigkeiten und Schmutz. Gewiss, von Zeit zu Zeit meditieren sie angeblich auch ein wenig, und damit sind sie zufrieden. Ja, ihnen genügt das vielleicht, aber in Wirklichkeit reicht das eben nicht. Denn selbst zum Meditieren muss man bestimmte Vorbedingungen erfüllen.

Heutzutage ist Meditation Mode und es gibt immer mehr Menschen, die behaupten, sie meditierten. Aber damit erreichen sie nichts, denn man kann nicht so ohne weiteres, ohne Vorbereitung meditieren. Wie wollt ihr jemanden zum Meditieren bringen, der noch nie ein hohes Ideal besaß und seine Begierden, Launen, Schamlosigkeiten, Vergnügungen, Wein und Tabak nie überwinden konnte? Er sagt er meditiere? Aber worüber? Über Geld und Macht oder wie er einen Mann oder eine Frau verführen könnte? Wie sollte er über himmlische Themen meditieren können, wenn er noch kein hohes Ideal hat, das ihn aus dem gewöhnlichen tierhaften Leben herausziehen und ihn zum Himmel führen könnte? Meditieren ist für denjenigen, der gewisse Schwächen noch nicht besiegt und bestimmte Wahrheiten noch nicht erkannt hat, unmöglich. Und nicht nur unmöglich, sondern sogar gefährlich.

Das Bemerkenswerte an der Arbeit an sich selbst ist die Tatsache, dass keinerlei Übung im Bereich der Gedanken ohne Ergebnis bleibt. Es gibt immer Ergebnisse, leider sind sie aber oft erbärmlich. Warum? Weil der Mensch die Bestandteile seiner inneren Welt aufrührt ohne sie zu reinigen oder zu ordnen. Er wirbelt alles Nebelige, im Halbdunkel Verschwimmende auf. Er bleibt in den Sümpfen der Astralebene stecken und weiß sich nicht darüber zu erheben, um das Licht des Mentalbereiches zu erblicken!

Also gilt es, einen Meister zu finden, der euch die besten Arbeitsmethoden gibt, damit ihr im geistigen Leben vorankommt… Die besten Methoden sind die ungefährlichsten und wirksamsten; vielleicht sind sie die langwierigsten, aber dafür die dauerhaftesten. Leider sind die Menschen ewig in Eile, sie haben weder Zeit noch Geduld noch Vertrauen, um einen lichtvollen, natürlich langsamen, aber doch sicheren Weg einzuschlagen. Sie haben es eilig, sie wollen im Handumdrehen Medium, Magier oder Hellseher werden, genau wie man Hand- oder Fußpfleger wird!… Und sobald sie ein winziges Resultat erzielt haben, machen sie damit viel Aufsehen. Auf diese Weise täuschen sie viele Menschen, denn die breite Masse hat kein Unterscheidungsvermögen und nimmt alles an.

Das Wesentliche ist nicht, intelligent, reich oder mächtig zu sein, sondern einen guten Führer zu besitzen, denn dann könnt ihr das Ziel mit Sicherheit erreichen. Werdet ihr dagegen nicht richtig geführt, besteht immer die Gefahr, irgendwo »auf die Nase zu fallen«, selbst wenn ihr alle möglichen guten Eigenschaften, wie Kraft, Verstand, Güte usw. besitzt.

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Leseprobe Izvor 206 – Eine universelle Philosophie

Leseprobe Izvor 206 - Eine universelle Philosophie

Leseprobe Izvor 206 – Eine universelle Philosophie

I

Einige Erklärungen zum Begriff »Sekte«

Seit Jahrtausenden haben die Menschen die Gewohnheit, ihre Aufmerksamkeit auf die Form und Erscheinung der Dinge zu richten und dabei deren Inhalt und Sinn außer Acht zu lassen. Ebenso haben sie es mit ihren heiligen Schriften getan, die auch eine Form, einen Inhalt und einen Sinn haben. Die Form, die Erzählung, ist für die gewöhnlichen Menschen. Der moralische, symbolische Inhalt ist für die Schüler oder Jünger, die ihn zu vertiefen und zu leben versuchen. Der geistige Gehalt ist dagegen für die Eingeweihten, die ihn zu deuten wissen.

Alle großen Eingeweihten waren Erbauer, Erfinder neuer Formen. Sie wussten also, dass die Form notwendig ist, aber sie packten eine ganze Wissenschaft hinein, die die meisten Menschen nicht entziffern, weil sie sich auf das konzentrieren, was sie sehen, hören, berühren können. Natürlich können die Formen ihnen helfen und sie anregen, aber nicht im gleichen Maße, als wenn es ihnen gelänge, die darin enthaltenen Wahrheiten zu verstehen, zu fühlen und umzusetzen. In allen Religionen findet man ein exoterisches und ein esoterisches Wissen, weil die Elite, die das Bedürfnis hat, sich in die Geheimnisse der Schöpfung zu vertiefen, sich unmöglich mit den wenigen Brocken zufrieden geben konnte, mit denen die Masse sich begnügte. Und so hat sich auch innerhalb des Christentums neben der Kirche des hl. Petrus, die die Masse der Gläubigen um sich scharte, im Geheimen die Kirche des hl. Johannes als Hüterin der wahren Spiritualität, der wahren christlichen Philosophie entwickelt.

Dieses Problem von Geist und Form geht äußerst weit. Wenn man die Menschen beobachtet, bemerkt man, dass sich die Meisten durch die Form derart gefangen nehmen lassen, dass sie sich schließlich mit ihr identifizieren. Und so identifizieren sie sich auch mit ihrem physischen Körper. Alles, was sie tun, tun sie für diesen physischen Körper. Mit dem Geist hingegen beschäftigen sie sich nicht, weil sie ihn nicht sehen. Sie wissen nicht, dass sie sich dadurch schwächen und abstumpfen, denn dem physischen Körper sind weder die wahre Kraft noch das wahre Licht gegeben. Indem sie sich mit dem physischen Körper (der Form) identifizieren, entwickeln sie den Geist nicht, der ewig, unsterblich, allwissend ist, ein aus Gott selbst sprühender Funke.

Diese materialistische Philosophie, die sich derart verbreitet hat, beschränkt die Menschen. Sobald sie nicht mehr vom Geist erhellt, geführt, inspiriert sind, engen sie sich ein, werden begrenzt, sektiererisch, und dann beurteilen sie alles im Leben aus ihrem eigenen begrenzten Gesichtspunkt. Sie glauben, den besten Standpunkt zu haben. Nein, es ist nur der beschränkte Gesichtspunkt eines Sektierers. Sektierer kann man also überall finden, auf allen Gebieten: in der Ökonomie, der Politik, Wissenschaft, Religion, Philosophie, Kunst. Ich werde es euch zeigen.

Im Leben gebraucht man laufend die Bezeichnung »Sektor«. In der Geometrie nennt man einen Kreisausschnitt Sektor. In einer Stadt, einem Land spricht man auch von Sektor, um ein begrenztes Gebiet zu bezeichnen. Und man kann sagen, dass im menschlichen Körper, der eine perfekte Einheit bildet, ein Organ ebenfalls ein Sektor ist. Und was ist jetzt eine Sekte? Das ist ganz einfach zu erklären. Wenn es einer Religion gelungen ist, sich offiziell zu etablieren, erklärt sie jede Gruppe, die ihre Dogmen, ihre Anschauungen, ihre Praktiken nicht akzeptiert, zur Sekte. Es ist also die offizielle Kirche, die sich so äußert. Wie viele Menschen in der Geschichte wurden eingekerkert, verfolgt, verbrannt unter dem Vorwurf, sie hätten sich von den Lehren einer Kirche entfernt! Und dann hat sich später die Geschichte ihrerseits über die Urteile dieser Kirche geäußert…

In Wirklichkeit haben nicht die Menschen zu beurteilen, was sektiererisch ist und was nicht, sondern die Natur. Hier ist etwas, das ihr sicher nicht wisst und das neu für euch sein wird. Stellt euch nun ein Mitglied einer Kirche vor, das für die Verbreitung des Glaubens gearbeitet hat. Ihm wird man sicher nicht vorwerfen, zu einer Sekte zu gehören. Aber vielleicht gibt es über ihn irgendwo in der Natur eine andere Meinung und er wird als Sektierer verurteilt! Ja, die Natur betrachtet ihn als Sektierer und schickt ihn ins Bett, ins Krankenhaus oder auf den Friedhof, denn er hatte nicht gemäß bestimmter Gesetze der lebendigen und intelligenten Natur gedacht und gehandelt. Er ignorierte oder vernachlässigte sie. Er lebte nicht in Harmonie mit dem Ganzen und wurde so den Sektierern zugeordnet –, trotz der Meinung aller Gläubigen, während umgekehrt bei einem anderen, der von denselben Gläubigen als Sektierer verurteilt wird, die Natur zeigt, dass sie mit ihm einverstanden ist, indem sie ihm Gesundheit, Frieden und Fülle gibt. Warum die als Richter nehmen, die überhaupt kein Unterscheidungsvermögen haben? Die kosmische Intelligenz allein weiß, ob wir Sektierer sind.

Wenn man einen Blick auf die Welt wirft, stellt man Folgendes fest: Jeder wählt seine Aktivität gemäß seinem Temperament, seinem Geschmack oder gemäß den Bedingungen und Umständen, ohne daran zu denken, sich auf allen Ebenen zu entwickeln. Nun muss aber der Mensch, der mit einem Verstand, einem Herzen und einem Willen geschaffen wurde, auf allen drei Gebieten arbeiten, um sich als wirklich ausgeglichenes Wesen zu manifestieren. Die Erfahrung zeigt, dass man nur sehr selten Wesen antrifft, die gleichermaßen auf allen drei Gebieten des Denkens, des Fühlens und des Handelns entwickelt sind. Die einen sind Intellektuelle ohne Herz und ohne Willen, die anderen sind Willensmenschen ohne Hirn und so weiter… Ja, überall sieht man nur »Behinderte«, Menschen, die auf einem Gebiet gut entwickelt sind und mehr oder weniger unterentwickelt auf allen anderen.

Und doch, wenn wir die Frage an die kosmische Intelligenz richten, wird sie uns sagen, dass es ihr Ziel war, den Menschen nach dem Vorbild des Schöpfers zu schaffen, fähig, die Vollkommenheit zu verstehen, sie zu lieben und sie auf der Erde zu verwirklichen. Warum hat Jesus gesagt: »Seid vollkommen wie euer himmlischer Vater vollkommen ist«? Er wusste genau, was er sagte! Der Mensch wurde geschaffen, um allwissend, reine Liebe und allmächtig wie sein himmlischer Vater zu werden. Deshalb sind diejenigen Sektierer, die nichts getan haben, als sich auf Gebieten zu entwickeln, die ihnen leicht fielen: der Mathematik, Dichtung, Musik, dem Schwimmen. Ja, wenn ihr die Menschen beobachtet, werdet ihr feststellen, dass die meisten nichts weiter tun, als sich auf diesen so begrenzten Gebieten weiterzuentwickeln. Und schwerwiegend ist, dass sie es nicht einmal wissen.

Der Mensch muss sich also auf den drei Ebenen des Verstandes, des Herzens und des Willens entwickeln. Er muss verstehen, lieben und verwirklichen. Was verwirklichen? Das Reich Gottes und Seine Gerechtigkeit auf Erden. Nur unter dieser Bedingung wird er »gerettet« werden und nicht auf die Weise, wie es sich die meisten Christen vorstellen. Gläubig zu sein und einige gute Werke zu tun –, genügt das, um in den Himmel zu kommen und sich an der rechten Seite des Herrn wiederzufinden? Armer Herrgott, umgeben von groben, unwissenden Menschen, von Vielfraßen, Säufern, Rauchern, Wüstlingen. Wie sie gelebt haben, hat keinerlei Bedeutung. Sie waren gläubig und sahen sich selbst als Gerechte, und so werden sie auf direktem Wege ins Paradies gelangen. Aber folgende Anekdote erzählt, was ihnen widerfahren wird.

In Bulgarien gab es einen Popen, der nicht aufhörte, seine Frau zu tadeln. Er schalt sie eine dumme Sünderin, während er sich selbst als Muster der Vollendung bezeichnete. Eines Tages spürte er, dass er in die jenseitige Welt gehen müsste und verabschiedete sich von seiner Frau: »Auf Wiedersehen, meine Frau, ich werde dich im Paradies wiedertreffen.« Wenig später starb auch sie. Im Paradies angekommen, sucht sie sogleich ihren lieben Gatten. Sie sucht und sucht… und findet ihn nicht! Also wendet sie sich an den hl. Petrus, der in seinem dicken Buch zu blättern beginnt. »Ich finde ihn nicht«, sagt Petrus. »Bestimmt ist er… im Keller!« Und er gibt ihr einen Passierschein für die Hölle. Sie sucht ein wenig, und was sieht sie plötzlich? Ihren Mann in einem Topf kochenden Wassers –, nur der Kopf ist noch zu sehen. Sie ruft: »Oh, mein armer Mann, in welch entsetzlicher Lage bist du nur!« »Beklage mich nicht«, sagt er, »ich habe es noch gut, ich stehe auf dem Kopf des Erzbischofs!«

Und genau dies passiert mit vielen, die sich für so gerecht halten. Sie werden einen kleinen Aufenthalt in der Hölle einschieben, bevor sie auf die Erde zurückkommen, um zu lernen, sich bis zur Vollkommenheit zu entwickeln. Nach dem universellen Einweihungswissen sind die meisten Menschen so lange Sektierer, bis sie vollkommen sind.

Denken wir nur an die weltweit verbreitete Tendenz, für eine Gruppe zu arbeiten, ob Gewerkschaft, politische Partei oder ein Land. Diese Einstellung gilt als großzügig, ist aber in Wirklichkeit zu egozentrisch, zu persönlich. Solange eure Tätigkeit nicht das Glück und den Frieden der ganzen Menschheit im Auge hat, ist sie begrenzt, also sektiererisch. Wenn sogar die Wissenschaft uns enthüllt, dass wir Teil des kosmischen Lebens sind und wenn wir unsere Existenz nicht nur der Erde, dem Wasser, der Luft, der Sonne, sondern auch den Sternen verdanken, warum müssen wir uns dann immer auf uns selbst zurückziehen?

Und übrigens, habt ihr die Geheimnisse dieser Erde enthüllt, dieses Wassers, dieser Luft und dieses Feuers, dank derer unsere Existenz möglich ist? Ihr werdet sagen: »Welche Geheimnisse? Was gibt es da viel zu verstehen? »Sehr viel, und unter anderem dies: Seht euch unseren Planeten an. Das Land umfasst nur einen begrenzten Teil der Oberfläche, das Wasser einen viel größeren, die Luft eine noch größere Oberfläche und das Feuer (das Licht) reicht bis in die Unendlichkeit. Dies bedeutet, dass wir ebenfalls bis in die Unendlichkeit gehen müssen.

Und weiter: Wie lange könnt ihr ohne diese Elemente leben? Ohne Nahrung könnt ihr fünfzig bis sechzig Tage sein, ohne Flüssigkeit nur etwa zehn Tage, ohne Atmung kaum einige Minuten, aber in dem Moment, da euer Herz seine Wärme verliert, sterbt ihr. Dies beweist, dass das feste Element weniger wichtig ist als das flüssige, das flüssige weniger wichtig als das gasförmige und das gasförmige weniger wichtig als das ätherische, das heißt die Wärme, das Licht.

Ihr seht, was der Mensch am meisten braucht, ist dieses ätherische Element, das den Weltraum füllt. Warum suchen die Menschen also nicht die Unendlichkeit, die Universalität, die Freiheit, anstatt sich immer an die kleinen Dinge des Lebens zu klammern und sich dann überfordert und erschlagen zu fühlen? Weil sie eine sektiererische Einstellung haben; das ist die Antwort! Wenn man die Geistlichen nimmt, die Politiker, die Ökonomen usw., wird man nur Sektierer finden. Aber weil sie es selbst als letzte bemerken, sind sie alle bereit, gegen die Sekten zu kämpfen.

Sicherlich gibt es schädliche Sekten –, ich kenne sie aber nicht, weil ich mich darum nicht kümmere, denn meine Arbeit liegt woanders –, und ich finde es ganz normal, dass man ihre Möglichkeiten zu schaden beschränkt. Wer aber glaubt, sich darüber äußern zu müssen, muss ehrlich und ohne Vorurteile sein, fähig zu sehen, wer für Anarchie und Unordnung arbeitet oder für den Frieden, die Gerechtigkeit und das Glück der Menschheit, das heißt, das Reich Gottes und das Goldene Zeitalter.

Jetzt werde ich noch einige Worte als eine Art Zusammenfassung der ganzen Einweihungsphilosophie hinzufügen. In Bulgarien gibt es eine Frau, die weltweit eine der größten Hellseherinnen ist. Ihr Name ist Vanga. Sie hat so oft Beweise ihrer Begabung geliefert, dass selbst die Regierung sich Informationen bei ihr holt. Neben ihrem Haus hat man ein Hotel bauen lassen, um Besucher aus der ganzen Welt zu empfangen. Das Besondere an Vanga ist ihre Blindheit. Wer sie aufsuchen will, muss ihr ein Stück Zucker übergeben, das er berührt hat, und allein mittels dieses Stückchen Zuckers kann sie den Leuten alles über ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft sagen, und zwar mit einer erstaunlichen Genauigkeit.

Wie ist das zu erklären? Ganz einfach! Jedes Wesen strahlt kleine, nicht fühlbare, unsichtbare Partikel aus, die die Wissenschaft noch nicht erforscht hat. Diese Partikel, die in der Atmosphäre herumfliegen, lassen sich auf den Gegenständen nieder und imprägnieren sie. Auf diese Weise lassen wir auf den Gegenständen und den Menschen, mit denen wir Kontakt haben, etwas von unseren Tugenden, unseren Kräften, unserem Licht oder umgekehrt, etwas von unseren Krankheiten, unseren Lastern, unseren Unreinheiten. Ohne uns also dessen bewusst zu sein, tun wir Gutes, und ebenfalls tun wir unbewusst auch Böses. Aber selbst ohne dieses Bewusstsein zeichnen sich unsere Handlungen auf, und eines Tages wird uns vergolten, was wir Gutes getan haben oder wir werden für das bestraft, was wir Schlechtes getan haben.

Die wahre Religion basiert daher auf einer Wissenschaft, die auf der Beobachtung von Phänomenen basiert, die für bestimmte weit entwickelte Wesen sichtbar sind. Es steht jedem frei, dieses Wissen abzulehnen, aber er wird eines Tages sehen, wohin ihn das führt. Auf jeden Fall sage ich euch, dass jeder, der dieses Wissen ignoriert, ein Sektierer ist. Ja, wer sich den Einfluss seiner Gedanken, seiner Gefühle und all seiner inneren Zustände auf die Gemeinschaft nicht bewusst machen will, ist sektiererisch. Er tut, was ihm allein gefällt, ohne sich um das Schlechte zu kümmern, das er bei den anderen bewirkt, noch um das Gute, das er ihnen bringen könnte. Durch diese Haltung begrenzt er sich und ist deshalb ein Sektierer.

 

II

Keine Kirche ist ewig

Es geht den Nationen, Ländern und Völkern wie jedem Menschen, der geboren wird, heranwächst, dann altert und schließlich seinen Platz anderen überlassen muss. Sie folgen derselben Kurve: Sie geben, was sie zu geben haben, und dann erlöschen sie. Man könnte sagen, sie ruhen sich aus, um eines Tages wieder erwachen und neue Schätze hervorbringen zu können. Man hat dies bei allen Nationen gesehen, und es ist sogar das Los der Religionen: Jede erlebt einen großen Aufschwung, kommt zu einer großartigen Entfaltung, einem Höhepunkt, dann erstarrt sie und verliert die Schlüssel zum Leben. Seht, wie viel heute noch übrig geblieben ist, selbst von den Mysterien und den Tempeln des alten Ägypten, das die Schlüssel zu Wissen und Macht besaß? Wo sind alle Hierophanten und all das Wissen geblieben? Sie alle mussten sich den unwandelbaren Gesetzen des Lebens fügen. Jede Form, das heißt jedes Ding oder Wesen, das entsteht, muss vergehen und anderen Platz machen. Nur der Geist, der keinen Anfang und kein Ende hat, verkörpert sich nach und nach wieder in neuen Formen. Gott hat die Form nicht für die Ewigkeit bestimmt; die Form ist zerbrechlich, vergänglich, sie kann der Zeit nicht standhalten. Einzig und allein das Prinzip, der Geist, der der göttlichen Welt angehört, ist unzerstörbar, ist ewig.

Die Menschen, die diese Wahrheit nicht kennen, versuchen immer, die Form zu verewigen. Dies gilt besonders für Religionen, die seit Jahrhunderten an bestimmten Ritualen und Glaubensbekenntnissen festhalten, ohne sich bewusst zu sein, dass diese Riten und Dogmen nur Formen sind, die nicht von Dauer sein können. Das Leben ist ein ewig sprudelnder Quell, das neue Formen braucht, um sich auszudrücken. Das Leben selbst zerbricht also die Formen, denn es benötigt neue Instrumente und Mittler, um neue Schätze, neues Licht und neue Pracht zu offenbaren. Darum müssen die Formen nach einer gewissen Zeit verschwinden, um andere, subtilere Manifestationen zu ermöglichen.

Seht euch den Menschen an: Solange er jung ist, ist das Material seines Körpers äußerst biegsam, geschmeidig und lebendig. Dank dieser stofflichen Eigenschaften kann der Geist sich durch den Intellekt, das Herz und den Willen viel leichter manifestieren. Dann kommt der Mensch unweigerlich in ein Alter, in dem sich diese Form verhärtet und kristallisiert. Dann muss der Geist, der in der alten geschrumpften Form keine Äußerungsmöglichkeit mehr hat, weichen und sich in einer neuen Form inkarnieren.

Man muss die Natur beobachten, um aus ihr gültige Schlussfolgerungen für alle Bereiche zu ziehen. Die Kirchen, die seit Jahrhunderten hartnäckig auf denselben Formen bestehen, sind im Irrtum. Die Form muss ständig verbessert und verfeinert werden, damit sie die neuen, vom Himmel kommenden Strömungen immer mehr und besser ausdrücken kann, denn der Himmel hat die Dinge nicht für die Ewigkeit festgelegt.

Seht nur, wie viel Neues in der Menschheit auftaucht! Warum sollte sich die Form nicht auch mit den neuen Bedürfnissen, den neuen Strömungen verbinden? Im Zeichen des Wassermanns werden jetzt alle alten Formen und Werte, die die Menschen für endgültig hielten, umgestürzt und zerbrochen werden. Die Ansichten der Menschen und die Ansichten der kosmischen Intelligenz sind zweierlei! Die kosmische Intelligenz hat andere Pläne als die Menschen, deshalb wird sie dank den Strömungen des Wassermanns alles umstürzen und den Menschen zeigen, dass sie den Geist nicht in alten Formen begraben dürfen. Was andauern will, muss fähig sein, sich stets zu erneuern. Die Kirche wird heute gerade deshalb mehr und mehr verlassen, weil sie sich nicht erneuert und sich an alte Vorstellungen klammert, die heute keine Gültigkeit mehr haben und ersetzt werden müssen. Damit meine ich natürlich nicht die Prinzipien, auf denen das Christentum aufgebaut ist. Es kann gar keine besseren Prinzipien geben als jene des Christus in den Evangelien. Aber warum besteht die Kirche immer noch auf den alten Bräuchen, die keine Ergebnisse mehr zeigen?

Viele lösen sich von der christlichen Religion, weil die Wissenschaft ihrer Ansicht nach allen Wahrheiten der Evangelien widerspricht oder sie zunichte macht. Aber sie haben nichts verstanden. Ich sage, dass im Gegenteil die Entdeckungen der Wissenschaft die Wahrheiten der Evangelien nur noch unterstreichen.

Ich kann euch zeigen – was ich übrigens bereits getan habe –, dass die Entdeckungen der offiziellen Wissenschaft der Einweihungslehre in keiner Weise widersprechen, sondern ihre Wahrhaftigkeit beweisen. Aber das haben weder die Geistlichen noch die Gelehrten verstanden. Für mich gibt es keinen Widerspruch; die Wissenschaft, die Religion und selbst die Kunst gehen Hand in Hand, denn alle drei sind miteinander verbunden. Die Wissenschaft soll den Menschen das Licht bringen, die Religion soll ihnen die Wärme, die Liebe schenken und die Kunst soll ihnen das schöpferische Handeln eingeben. Warum hat man sie voneinander getrennt, wo sie doch in der Natur, im Leben, im Menschen zusammenhängen und zusammenarbeiten? Die Eingeweihten haben diese drei Gebiete nie voneinander getrennt. Jetzt, da sich die Trennung in der westlichen Kultur vollzogen hat, ist die Religion nicht mehr in der Lage, die Wissenschaftler zurückzuhalten, die sie ablehnen. Aber sie lehnen die Religion nur deshalb ab, weil ihnen das wahre Wissen fehlt. Ihre Wissenschaft ist ausschließlich auf die physische, materielle Ebene ausgerichtet, und sie kennen das wahre Wissen nicht, auf dem alle Religionen beruhen: das Wissen von den drei Welten, nämlich der physischen, psychischen und geistigen Welt. Die Kunst pendelt zwischen Wissenschaft und Religion und legt sich bald mit der einen, bald mit der anderen an.

Wie ich schon sagte, sind Religion, Wissenschaft und Kunst in der Natur eins, nur die Menschen haben sie voneinander getrennt. Solange sie aber diese Trennung aufrechterhalten, bleibt ihnen die Wahrheit verborgen. Wissenschaft, Religion und Kunst bilden eine Einheit, mit der man alles erklären und verstehen kann. Die Wissenschaft ist ein Bedürfnis des Intellekts, das Herz braucht die Religion und der Wille bedarf der Kunst. Er muss etwas ausdrücken, etwas schöpferisch gestalten und aufbauen. Diese drei Bedürfnisse sind miteinander verbunden, denn ihr müsst fühlen, was ihr denkt, um es dann schließlich in die Tat umzusetzen. Übrigens sind viele der heutigen Wissenschaftler Reinkarnationen von Eingeweihten und hohen Priestern der Vergangenheit, die die Mysterien kannten. Die Erfinder von Fernsehen und Radio haben lediglich Kenntnisse angewandt, die sie bereits in ferner Vergangenheit besaßen. Ja, sie waren Eingeweihte im alten Ägypten, denn unsere Epoche weist viele Beziehungen zu der ägyptischen Zivilisation auf, und das ganze heilige Wissen Ägyptens wird nun enthüllt und auf physischer Ebene angewandt werden.

Das Christentum braucht große Veränderungen, denn die Traditionen, auf die es sich beruft, sind unserer Epoche nicht mehr gemäß. Würde übrigens die Religion, so wie man sie heute versteht, wirklich genügen, dann wäre die Menschheit in einem besseren Zustand. Man hat die Religion auf unwirksame Formen reduziert, und man darf sich deshalb nicht wundern, wenn sie heute von den meisten Menschen nicht mehr ernst genommen wird. Die Menschen überlegen mehr und mehr; sie stellen sich Fragen und sind mit dem, was man ihnen bietet, nicht mehr zufrieden. Früher akzeptierten sie alles, was man sie glauben machen wollte. Es gab eine Obrigkeit, die Kirche, die für sie dachte und entschied. Heute dulden es die Menschen nicht mehr, dass andere an ihrer Stelle denken. Dies deutet darauf hin, dass das Christentum neue Formen annehmen muss… bis auch diese eines Tages veraltet sind und ersetzt werden müssen.

Die Form hat die Aufgabe, den Inhalt zu bewahren. Sie gleicht also einem Gefäß, einer Schutzhülle, aber auch einem Gefängnis. Damit der Inhalt nun nicht ewig in einer Form festgehalten wird, muss man das Gefäß öffnen und den Inhalt ausgießen, in eine neue Form, die feiner, geschmeidiger und transparenter ist. Deshalb ist nichts, was auf physischer Ebene erschaffen wurde, von ewiger Dauer.

Die Zeit beeinflusst nicht die Prinzipien, sondern nur die Formen. Der Spruch: »Mit der Zeit vergeht alles«, betrifft also nur die Formen. Die Christen haben noch nicht erkannt, dass die ihrer Religion vor Jahrhunderten gegebene Form nicht ewig andauern kann und geändert werden muss. Aber sie sind hartnäckig und wollen nichts ändern.

Die Universelle Weiße Bruderschaft bringt keine neuen Prinzipien, sondern neue Formen, das heißt neue Methoden, damit sich der Inhalt, der Geist, besser manifestieren und ausdrücken kann. Gerade das ist Evolution: ein Wechsel der Form. Die Frage der Evolution hat die Naturwissenschaftler sehr beschäftigt. Die einen behaupten, dass sich die Formen entwickeln, die anderen, dass die Formen für alle Ewigkeit festgelegt sind, dafür aber die Wesen die Form wechseln. Wo liegt die Wahrheit? Bei der zweiten Hypothese, sie ist die richtige: Die Formen entwickeln sich nicht. Alle Formen der Tiere, Insekten und Pflanzen existieren bereits in der Welt der Archetypen. Die Wesen nehmen die Formen an, verlassen sie dann wieder, um sich in anderen Formen zu verkörpern, genau wie Schauspieler, die bei jeder neuen Rolle ihre Maske wechseln.

Der Geist wechselt also die Form, aber die Formen selbst entwickeln sich nicht. Sie sind seit aller Ewigkeit geschaffen. Selbst die neuen, uns noch unbekannten Formen für Pflanzen und Tiere sind schon auf der Ebene der Archetypen vorhanden. Auch auf uns warten neue Formen. Im Laufe unserer Entwicklung eignen wir uns neue Formen an, denn es gilt immer eine alte Form zurückzulassen und eine neue anzunehmen, eine geschmeidigere, reinere und lichtvollere. Indem wir diese neue Form annehmen, erweitern sich unsere Handlungs- und Manifestierungsmöglichkeiten. Wenn wir hingegen in den alten Formen bleiben, sind wir begrenzt und kommen nie voran. Das haben die Christen nicht verstanden. Sie wollen immer die Form verewigen, aber das ist unmöglich. Es ist eine Haltung, die den Gesetzen der kosmischen Intelligenz widerspricht.

In den himmlischen Werkstätten, in der Welt der Archetypen, ist die Form bereits verewigt. Dort sind alle Formen ewig und dienen den Plänen der kosmischen Intelligenz. Aber wenn der Mensch die Form hier auf Erden verewigen und sich um jeden Preis an der einen oder anderen fest klammern will, provoziert er die unsichtbare Welt, die dann zum Hammer greift und die Formen zersprengt, um ihn zu befreien. Ihr werdet sagen, das sei grausam… Nein, das ist keine Grausamkeit, sondern die Liebe des Himmels, der den Menschen zum Weitergehen zwingen will.

Was geschieht übrigens mit den Menschen von einer Inkarnation zur anderen? Meistens wechseln sie das Geschlecht. Angenommen, ihr wart in einer früheren Inkarnation eine Frau, um zu lernen, die Qualitäten des weiblichen Prinzips zu manifestieren, dann seid ihr jetzt ein Mann, um andere Qualitäten zu manifestieren.

Die Kirche hat die scheinbare Grausamkeit der unsichtbaren Welt, die die Formen sprengt, um neue zu schaffen, noch nicht verstanden. Aber ob sie es versteht oder nicht, die alten Strukturen werden dennoch zerbrochen werden, das versichere ich euch. Die Christen können machen, was sie wollen, die unsichtbare Welt zerschlägt die Formen, weil sie die Menschen befreien und zwingen will, sich weiterzuentwickeln.

Die Universelle Weiße Bruderschaft ist eine neue Form der Religion Christi. Sicher werden die Christen dagegen protestieren und uns bekämpfen, denn sie sind überzeugt, dass sie den überlieferten Traditionen treu bleiben müssen. Aber sie werden sich nicht durchsetzen können, denn die unsichtbare Welt wird ihnen beweisen, dass sie sich irren. Eine neue Form wird also erscheinen und eine gewisse Zeit lang aufrechterhalten werden, um dann eines Tages durch eine neue, bessere ersetzt zu werden. Ihr seht, ich bin gerecht und ehrlich. Ich will euch nicht täuschen und behaupten, dass die Form unserer Lehre ewig sein wird. Wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hat, wird auch sie einer neuen, weiterentwickelten, besser angepassten Platz machen.

Wenn mir jemand als Erklärung, warum er die Lehre der Universellen Weißen Bruderschaft nicht annehmen kann, den Vorwand gibt, er sei katholisch, sage ich ihm: »Gut, wenn Sie sich dort wohl fühlen, dann bleiben Sie dort! Wir aber gehen weiter!« Denn was kann man schon aus den vielen Predigten lernen, die nichts erklären? Wer hat später Schuld, wenn die Menschen Dummheiten machen? Sie treten aus der Kirche aus, weil diese ihnen keine Antwort auf ihre Fragen und Ängste gibt. Die Predigten sind sehr poetisch und moralisch… Ja, ich bin mit ihnen einverstanden, aber man lernt nicht viel dabei; denn es gibt dort kein Wissen, das wirklich den Sinn und das Ziel des menschlichen Daseins erklärt, das seine Gesetze erläutert und zeigt, wie man sich diesen Gesetzen entsprechend verhalten soll. Sie bestehen nur aus Worten; aber wo werden diese Worte umgesetzt? Glaubt ihr, dass die Christen die Evangelien in die Tat umgesetzt haben? Keineswegs! Seht nur, was sich in den sogenannten christlichen Ländern tut!

Wer mit den ewigen und unveränderlichen Christus-Prinzipien arbeiten will, gehört zur Universellen Weißen Bruderschaft. Er zerstört nichts, arbeitet nicht gegen Christus, führt keine neuen Religionen ein, sondern er arbeitet für die neuen Formen, das ist alles. Wer sich hingegen an die alten Formen klammert, zeigt, dass er die Prinzipien nicht verstanden hat. Er bildet sich ein, dass die Form ihn retten würde und schläft unbesorgt im Schutze der Form. Ja, in der Form schläft man ein! Wer sich weiterentwickeln will, der darf nicht zu sehr auf die Formen zählen, sondern muss mit den Prinzipien arbeiten. Ist das Ideal, das ich euch aufzeige, nicht viel lohnender? Christus selbst wird euch sagen, dass es wunderbar ist, denn im Neuen Testament heißt es: »Der Buchstabe tötet, aber der Geist belebt!« Gerade das erkläre ich euch hier: Ja, ständig treibe ich euch an –, dem belebenden Geist entgegen.

Alle, die den Prinzipien den ersten Platz einräumen, gehören der Universellen Weißen Bruderschaft an. Nicht der Bruderschaft hier auf Erden, sondern der Großen Universellen Bruderschaft, die alle lichtvollen Wesen im Universum umfasst. Wir sind nur dazu da, diesen vollkommenen Wesen Wirkungsmöglichkeiten zu verschaffen, damit das Reich Gottes hier auf die Erde kommt. In diesem Sinne ist es zu verstehen, dass die Universelle Weiße Bruderschaft eine neue Form der Religion Christi ist. Also gehört jemand, der mit den Christus-Prinzipien arbeitet, der Universellen Weißen Bruderschaft an. Möglicherweise kennt er uns gar nicht, aber das spielt keine Rolle; er ist trotzdem ein Mitglied der Universellen Weißen Bruderschaft.

Die Menschen werden durch ihre Trägheit dazu getrieben, sich an die Form zu klammern. Sie haben die geistige Aktivität eingestellt und brüsten sich mit etwas Äußerem. Seht die Christen an: Sie wollen nicht lernen, nicht verstehen; sie widersetzen sich jeder Veränderung und glauben, auf diese Art Christus treu zu sein. In Wirklichkeit sind sie aber nur den von den Menschen errichteten Formen treu.

Man muss dem Herrn und nicht nur den Menschen treu sein. Ich habe nichts dagegen, wenn ihr den Menschen treu sein wollt, aber ihr werdet im Staub enden. Was verkörperten diese Menschen, die jahrhundertelang die Kirche regierten? Oft waren es genauso arme Schlucker wie die anderen, wenn nicht sogar Verbrecher. Sobald der eine oder andere ein höheres Verständnis zeigte, wurde er kritisiert und verfolgt. Werft einen Blick in die Geschichte, dann könnt ihr sehen, dass alle, die wirklich Verbesserungen einführen wollten, ausgestoßen, exkommuniziert und verbrannt wurden… Sie hätten den Formen treu bleiben müssen! Aber die Form bringt nicht viel hervor, sie hält die Menschen nur gefangen. Ja, die Form ist das beste Gefängnis, dem der Gefangene nicht mehr entkommen kann.

Gott hat sich durch Jesus offenbart, aber vor Jesus hatte Er sich auch schon durch Moses kundgetan. Moses hat nur deshalb so viel Außergewöhnliches vollbringen können, weil Gott mit ihm war. Dann aber kam Jesus, denn nach einer gewissen Zeitspanne entsprachen die unerbittlichen Gesetze von Moses nicht mehr den Plänen, die die kosmische Intelligenz für die Menschheit hegte. Und warum sollte die kosmische Intelligenz heute nicht auch andere Pläne haben?

Heute hat sich übrigens sogar die Form der Einweihungen geändert. In der Antike erfolgte die Einweihung in den Tempeln, wo der Schüler Feuer-, Luft-, Wasser- und Erdprüfungen bestehen musste. Jetzt vollzieht sich die Einweihung im täglichen Leben. Ohne dass die Schüler etwas davon merken, werden sie von den Eingeweihten in bestimmte Situationen gebracht, vor bestimmte Probleme gestellt und auf ihre Reaktion hin beobachtet. Alle Prüfungen finden im Leben statt. Die vier Elemente sind Teil des Lebens. Hier muss man beweisen, dass man Angst, Begierde, Egoismus, Sinnlichkeit usw. überwunden hat. Ja, es gibt viele Prüfungen, besonders für den, der auf dem Weg der Einweihung vorankommen will: Er muss im Voraus wissen, dass sein Wunsch erhört wird, dass er aber auch geprüft wird. Gerade, wenn er am wenigsten darauf gefasst ist, wird er auf die Probe gestellt, aber hier, im täglichen Leben; denn alle Prüfungen finden im Leben statt. In den kleinsten Einzelheiten wird man überwacht, und oft scheitert man an einer Kleinigkeit, weil man seine Bemühungen für die großen Prüfungen aufgespart hatte!

Es liegt also an euch, aufmerksam und wachsam zu sein und sich zu sagen, dass jede Situation im Leben eine Prüfung sein kann. Bei jeder Prüfung fällen die Wesen der höheren Welt ihr Urteil, und wenn ihr Erfolge verzeichnet, bekommt ihr Auszeichnungen. Aber nicht solche, wie in den Universitäten, die man zerreißen und verbrennen kann, die verblassen oder gestohlen werden können, sondern Auszeichnungen, die sich auf eurem Gesicht und auf eurem ganzen Körper einprägen und die euch niemand nehmen kann. Es ist sogar so, dass die Naturgeister, die diese Auszeichnungen lesen können, euch dann schätzen, euch aufnehmen und beschließen, euch zu helfen. Sie sehen eure Auszeichnungen durch das All, wo immer ihr hingeht. Wenn ihr aber keine Auszeichnungen habt, schenken sie euch keinerlei Beachtung und können euch eventuell sogar verfolgen, weil sie euch als schwach, unwissend und unnütz ansehen.

Behaltet also Folgendes im Gedächtnis: Alles im Leben ist nur das Ergebnis der Beziehungen, die zwischen den zwei entgegengesetzten Polen bestehen: Geist und Materie, Prinzipien und Formen. Die Menschen auf der Erde sind nicht gemacht, um nur mit den Prinzipien zu leben; sie brauchen Formen, auf die sie sich stützen können. Der Geist inkarniert sich in der Gestalt eines Körpers, um sich hier auf der materiellen Ebene offenbaren zu können. Wenn er in die geistigen Regionen zurückkehrt, braucht er die Form nicht mehr; aber hier auf der Erde braucht er sie. Man muss nur wissen, dass die Form nicht dauerhaft ist. Gott hat ihr nicht die Ewigkeit gegeben, und deshalb schickt der Himmel regelmäßig Eingeweihte und hohe Meister, um die Formen zu ändern –, aber nur die Formen und niemals die Prinzipien. Ich wiederhole: Die Prinzipien sind und bleiben gültig und für alle Ewigkeit unveränderlich, denn sie sind die Liebe, die Weisheit, die Wahrheit, die Aufopferung.

 

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Leseprobe Izvor 205 – Die Sexualkraft oder der geflügelte Drache

Leseprobe Izvor 205 - Die Sexualkraft oder der geflügelte Drache

Leseprobe Izvor 205 – Die Sexualkraft oder der geflügelte Drache

I
Der geflügelte Drache

Bei allen Völkern findet man in den Überlieferungen, Märchen und Mythologien das Bild von einer Schlange oder einem Drachen, deren symbolische Bedeutung von einem Kulturraum zum anderen fast die gleiche ist. Unzählige Sagen berichten von einem Drachen, der eine schöne, unschuldige und reine Prinzessin entführt und sie auf einem Schloss gefangen hält. Die arme Prinzessin weint und fleht den Himmel sehnsüchtig an, ihr einen Befreier zu schicken. Aber alle Ritter, die sie befreien wollen, werden einer nach dem anderen von dem Drachen verschlungen, der sich ihre Schätze aneignet und in den unterirdischen Gängen des Schlosses anhäuft. Eines Tages jedoch kommt ein Ritter, ein Prinz, ehrenhafter, schöner und reiner als die anderen. Eine Fee hatte ihm das Geheimnis von dem Sieg über den Drachen anvertraut. Er kannte also die Schwächen des Ungeheuers und wusste, wann und wie er gefesselt oder verwundet werden konnte. Dieser bevorzugte, gut gewappnete und belehrte Prinz trägt den Sieg davon. Er befreit die Prinzessin; und wie süß sind nachher ihre Küsse! Alle seit Jahrhunderten angesammelten Schätze gehören nun dem Ritter, diesem schönen Prinzen, der dank seines Wissens und seiner Reinheit siegreich aus dem Kampf hervorgegangen ist. Daraufhin schwingen sie sich beide auf dem vom Prinzen gelenkten Drachen in die Lüfte und durchziehen die ganze Welt.
Diese Erzählungen, von denen man meistens glaubt, sie seien nur für Kinder bestimmt, sind in Wirklichkeit initiatische Märchen. Wer sie aber richtig auslegen will, der muss mit der Wissenschaft der Symbole vertraut sein. Der Drache ist nichts anderes als die Sexualkraft. Das Schloss versinnbildlicht den Körper des Menschen. In diesem Schloss seufzt die Prinzessin, d. h. die Seele, die von den ungenügend beherrschten sexuellen Trieben gefangen gehalten wird. Der Ritter stellt das höhere Ich, den Geist des Menschen dar. Die Waffen, die er benutzt, um den Drachen zu besiegen, sind die Mittel, die dem Geist zur Verfügung stehen: der Wille und das Wissen, diese Energie zu beherrschen und einzusetzen. Gebändigt wird der Drache zum Untertan des Menschen und dient ihm als Fortbewegungsmittel für die Reise durch das Weltall, denn er hat nämlich Flügel. Obgleich er mit dem Schwanz einer Schlange dargestellt wird – Symbol der unterirdischen Kräfte –, hat er auch Flügel. Ja, all das ist klar und einfach, es ist die ewige Sprache der Symbole.
Eine Variante dieses Abenteuers finden wir in der Geschichte von Theseus, der mit Hilfe des Ariadnefadens das Labyrinth durchquerte, den Minotaurus tötete und wieder zum Ausgang zurückfand. Der Minotaurus ist ein anderes Bild für die Sexualkraft. Er ist ein starker und fruchtbarer Stier, der die niedere Natur verkörpert, die wir wie das Rind anspannen müssen, um die Erde zu bearbeiten. Das Labyrinth hat dieselbe Bedeutung wie das Schloss, es symbolisiert den physischen Körper, und Ariadne ist die höhere Seele, die den Menschen zum Sieg führt.
In den jüdischen und christlichen Überlieferungen entspricht der Drache dem Teufel; und der Teufel riecht angeblich nach Schwefel. Alle diese leicht entzündbaren Stoffe, wie Benzin, Erdöl, Schießpulver und Gasgemische, die Flammen und Explosionen auslösen können, entsprechen in der Natur dem Feuer speienden Drachen. Dieser Drache, der auch im Menschen existiert, ist einem Brennstoff vergleichbar. Wenn der Mensch sich seiner bedienen kann, schöpft er daraus die Kraft, sich in höhere Regionen aufzuschwingen. Wenn er es aber nicht vermag, weil er unwissend, nachlässig oder schwach ist, geht er in Asche auf oder wird in den Abgrund geschleudert.

II
Liebe und Sexualität

Frage: »Meister, würden Sie uns bitte sagen, welche Unterscheidung Sie zwischen Liebe und Sexualität machen, und wie man die Sexualität im spirituellen Leben einsetzen kann?«

Das ist eine wirklich sehr interessante Frage, die das wichtigste Thema des Lebens überhaupt berührt und jedermann betrifft. Ja, die Jungen wie die Alten.
Ich will nicht behaupten, dass ich außerordentlich qualifiziert bin, um alle Fragen, die dieses Problem aufwirft, zu beantworten. Was mich von anderen ein wenig unterscheidet, ist eine ganz bestimmte Einstellung, mit der ich immer alles beurteile; ich habe mein ganzes Leben lang darauf hingearbeitet, um diesen Blickpunkt zu finden. Ich möchte euch also zuerst einmal ein oder zwei Worte sagen, damit ihr mich nicht gleich kritisiert und sagt: »Mein Gott, ich habe Bücher über Liebe und Sexualität gelesen, in denen viel mehr gesagt wird. Dieser Lehrer hat keine Ahnung!« Ja, ich bin unwissend, warum auch nicht? Aber die Autoren jener Bücher hatten nicht meinen Blickpunkt, und sie haben diese Frage nicht so verstanden, wie ich sie verstehe. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch also informieren und alles lesen, was Psychoanalytiker und Mediziner über die Sexualität geschrieben haben. Ich aber möchte euch zu einem anderen, bis jetzt fast unbekannten Blickpunkt führen.
Um welchen Blickpunkt handelt es sich? Manchmal habe ich ihn spaßeshalber mit der folgenden Situation verglichen. Ein Professor mit drei oder vier verschiedenen akademischen Graden arbeitet in seinem Labor an allen möglichen Untersuchungen und Experimenten… Währenddessen ist sein 12-jähriger Sohn, der im Garten spielt, auf einen Baum gestiegen und ruft von dort oben: »Papa, ich sehe Onkel und Tante kommen…« Der Vater, der selbst nichts davon sehen kann, fragt seinen Sohn: »Wie weit sind sie noch entfernt? Bringen sie etwas mit?« Und das Kind gibt ihm genaue Auskunft. Trotz all seiner Wissenschaft sieht der Vater nichts, während das Kind, klein und unwissend wie es ist, sehr weit sehen kann und das nur, weil sein Blickpunkt ein anderer ist: Es ist sehr hoch aufgestiegen, während sein Vater unten blieb.
Das ist natürlich nur ein Beispiel, aber es zeigt euch, dass Kenntnisse und intellektuelle Fähigkeiten zwar nützlich sind, der richtige Blickpunkt aber noch wichtiger ist. Je nach dem, ob man das Universum aus der Sicht der Erde oder der Sonne betrachtet, erhält man ein völlig anderes Bild. Jeder sagt: »Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter…« Ja, das ist ebenso wahr wie falsch. Für den irdischen, den geozentrischen Standpunkt, ist dies zutreffend, aber für den heliozentrischen Blickpunkt, von der Sonne aus gesehen, ist dies falsch. Alle betrachten das Leben vom Standpunkt der Erde, und aus dieser Sicht haben sie natürlich Recht. Sie sagen: »Man muss essen, Geld verdienen und die Vergnügen auskosten.« Würden sie aber den heliozentrischen, d. h. den göttlichen und spirituellen Blickpunkt annehmen, dann würden sie die Dinge ganz anders sehen. Ich habe den letzteren Blickpunkt angenommen und kann euch deshalb das Wesen der Liebe und der Sexualität auf vollkommen andere Weise darlegen.
Zunächst scheint es schwierig, Sexualität von Liebe zu trennen. Alles kommt von Gott und alles, was sich durch den Menschen als Energie manifestiert, ist im Ursprung eine göttliche Energie. Sie hat jedoch verschiedene Auswirkungen, je nachdem, durch welchen Leiter sie sich offenbart. Man kann sie mit Elektrizität vergleichen. Elektrizität ist eine Energie, deren Wesen unbekannt ist; leitet man sie durch eine Lampe, wird sie zu Licht, obwohl sie selbst doch kein Licht ist, durch eine Heizplatte geleitet wird sie zu Wärme, durch einen Magneten zu Magnetismus, durch einen Ventilator zu Bewegung. Ebenso gibt es auch eine kosmische Urkraft, die, je nachdem, durch welches Organ des Menschen sie sich manifestiert, die eine oder andere Ausdrucksform annimmt. Wenn sie sich durch das Gehirn äußert, wird sie zu Intelligenz und Urteilsvermögen, durch den Solarplexus oder das Hara-Zentrum zu Gefühl und Empfindung, durch die Muskulatur zu Bewegung, und wenn sie sich schließlich durch die Geschlechtsorgane ausdrückt, wirkt sie als Anziehungskraft auf das andere Geschlecht. Aber es handelt sich immer um dieselbe Energie.
Die sexuelle Energie kommt also ursprünglich von sehr hohen Ebenen. Wenn sie ihren Weg aber über die Geschlechtsorgane nimmt, erweckt sie Gefühle, Erregungen und ein Verlangen nach Annäherung. Aber in all diesen Manifestationen kann unter Umständen nicht die geringste Liebe zum Ausdruck kommen. So ist es bei den Tieren. Sie paaren sich zu bestimmten Jahreszeiten, aber tun sie das aus Liebe? Oft behandeln sie einander sehr rau, und bei manchen Insekten, wie bei der Gottesanbeterin und bei bestimmten Spinnen, frisst das Weibchen seinen Partner auf. Ist das Liebe? Nein, das ist reine Sexualität. Die Liebe beginnt dann, wenn diese Energie gleichzeitig auch noch andere Zentren im Menschen aktiviert: das Herz, die Seele und den Geist. In diesem Augenblick wird die Anziehungskraft, das Verlangen, sich dem anderen zu nähern, durch Gedanken, Gefühle und ein ästhetisches Schönheitsempfinden erhellt und erleuchtet; und dann handelt es sich nicht mehr um eine rein egoistische Befriedigung, bei der auf den Partner nicht die geringste Rücksicht genommen wird.
Wenn ihr wollt, ist Liebe eine Art von Sexualität, aber erweitert, erhellt und verwandelt. In der Liebe gibt es so viele Nuancen und Ausdrucksformen, dass man sie nicht einmal alle aufzählen und klassifizieren kann. Zum Beispiel kommt es vor, dass ein Mann eine hübsche, junge Frau liebt, ohne sich von ihr körperlich besonders angezogen zu fühlen. Er möchte vor allem, das sie glücklich, gesund, gebildet, reich, gesellschaftlich gut gestellt ist usw. Wie ist das zu erklären? Es handelt sich hier nicht um Sexualität allein, sondern um Liebe; sie findet auf einer höheren Ebene ihren Ausdruck. Dennoch muss auch in dieser Liebe ein wenig Sexualität enthalten sein, denn man kann sich die Frage stellen: Warum fühlt dieser Mann sich nicht zu jemand anderem hingezogen, zu einer alten, hässlichen Frau oder einem anderen Mann? Ja, wenn man genau analysiert, findet man zumindest einen geringen Anteil an Sexualität.
Sexualität und Liebe sind demnach nur eine Frage der Abstufung. Wenn ihr euch nicht auf einige grobe, körperliche Empfindungen beschränkt, sondern fühlt, dass euch subtilere Ausdrucksformen dieser kosmischen Kraft erfüllen, so ist das Liebe, und dann steht ihr mit den himmlischen Regionen in Verbindung. Wie viele Menschen aber trennen sich oder schlagen einander sogar, sobald sie ihr Verlangen befriedigt haben! Für sie kommt es nur darauf an, sich zu entladen, eine Spannung loszuwerden, und wenn sich diese Energie nach einiger Zeit von neuem in ihnen staut, werden sie wieder freundlich und zärtlich, allerdings einzig und allein deshalb, weil sie das Tierische in sich wiederum befriedigen wollen. Wo bleibt hier die Liebe?
Jeder hat Verlangen und Bedürfnisse, das ist ganz normal, besonders wenn man jung ist. Die Natur, die alles vorhergesehen hat, hat dies zur Erhaltung der Art als notwendig erachtet. Wenn Mann und Frau dem anderen Geschlecht gegenüber kalt blieben, wenn sie keine Gefühlsregungen und Triebe hätten, so wäre das das Ende der Menschheit. Daher sorgt die Natur dafür, dass die Wesen sich einander körperlich nähern, die Liebe aber ist etwas ganz anderes.
Man kann sagen, dass die Sexualität eine von Grund auf egozentrische Neigung ist, die den Menschen dazu drängt, nichts als das eigene Vergnügen zu suchen, und das kann ihn zur größten Grausamkeit führen, weil er nicht an den anderen denkt und nur die persönliche Befriedigung sucht. Die Liebe hingegen, die wahre Liebe, denkt zuallererst an das Glück des anderen, sie beruht auf dem Opfer: Opfer von Zeit, Kraft und Geld, um dem anderen zu helfen, um ihm zu ermöglichen, sich zu entfalten und alle seine Fähigkeiten zu entwickeln. Die Spiritualität beginnt genau dort, wo die Liebe die Sexualität beherrscht, wenn der Mensch fähig wird, etwas in sich selbst zum Wohle des anderen aufzugeben. Solange man jedoch zu keinerlei Verzicht fähig ist, äußert man keine Liebe. Wenn sich ein Mann auf ein Mädchen stürzt, denkt er dann an den Schaden, den er ihr dabei zufügen kann? Keineswegs. Um seine Instinkte zu befriedigen, ist er sogar im Stande, sie umzubringen. Genau das ist Sexualität: ein durch und durch animalischer Trieb.
Ihr meint: »Das ist ganz klar, darin liegt nichts Göttliches!« Trotzdem ist die Sexualität göttlichen Ursprungs, doch solange der Mensch sich selbst nicht beherrschen kann, können seine Liebesäußerungen ganz offensichtlich nicht göttlich sein. Das Gute an der Sexualität ist, dass sie zur Erhaltung der menschlichen Rasse dient; richtet man sie aber einzig und allein auf das Vergnügen aus, dann ist sie sinnlose Verschwendung. In letzter Zeit hat man auf diesem Gebiet die unwahrscheinlichsten Dinge erfunden. Abgesehen von der Pille wird auch eine Unzahl anderer Produkte und Gegenstände verkauft, die ich nicht einmal nennen will. Hier handelt es sich nicht mehr um die Erhaltung der Art, sondern ausschließlich um die Lust.
Ich will mich mit dieser Frage nicht länger befassen, um auseinander zu setzen, ob solche Sachen existieren müssen oder nicht. Beim heutigen Stand der Menschheit haben sogar Moralisten und Vertreter der Religion befunden, dass diese Dinge notwendig und unvermeidbar sind, denn die niedere, animalische Natur im Menschen ist immer noch derart stark, dass sie, völlig unterdrückt, noch weitaus schlimmere Folgen nach sich ziehen würde. Ich möchte diesen Punkt also nicht ausdiskutieren, ich finde es nur schade, dass man die Menschen nicht lehrt, welche Vorteile es hat, diese Energie zu lenken und für ein göttliches Ziel, für die spirituelle Arbeit einzusetzen, anstatt zu allen möglichen Produkten und Fabrikaten Zuflucht zu nehmen, um sich ganz den sinnlichen Genüssen hinzugeben.
In ihrem äußerlichen Ausdruck gibt es zwischen Liebe und Sexualität kaum einen Unterschied: die gleichen Gesten, die gleichen Umarmungen, die gleichen Küsse. Der Unterschied liegt in der Richtung der Energieströme. Seid ihr nur von der Sinnlichkeit getrieben, kümmert ihr euch nicht um den anderen; wenn ihr ihn aber liebt, denkt ihr vor allem daran, ihn glücklich zu machen. Im körperlichen Bereich unterscheiden sich Liebe und Sexualität nicht wesentlich voneinander, sie differenzieren sich nur im Unsichtbaren, auf psychischer und spiritueller Ebene. Auf welche Weise? Genau das möchte ich euch erklären.
Keiner, der sich mit der Frage der Sexualität beschäftigt hat, sei er nun Physiologe, Psychiater oder Sexualforscher, hat erkannt, was während der geschlechtlichen Vereinigung im subtilen, ätherischen und fluidischen Bereich vor sich geht. Alle wissen, dass es zu Erregungen, Spannungen und Entladungen kommt, die sogar klassifiziert wurden. Sie wissen allerdings nicht, dass es bei rein körperlicher, biologischer, egoistischer Sexualität in den subtilen Sphären zu allen möglichen vulkanartigen Ausbrüchen kommt, die sich durch sehr grobe Formen und äußerst dichte Emanationen in dunklen, verschwommenen Farben manifestieren, in denen Rot – ein sehr schmutziges Rot – dominiert… All diese Emanationen werden von der Erde aufgesogen, wo schon finstere Wesenheiten darauf warten, ihr Mahl zu halten und sich diese lebenswichtigen Energien gut schmecken zu lassen. Es handelt sich um wenig entwickelte Kreaturen, die sich oft bei Verliebten nähren. Ihr staunt, aber das ist die reine Wahrheit: Verliebte geben Festmahle in der unsichtbaren Welt.
Mitunter gaben früher Könige und Fürsten zur Feier einer Geburt, einer Hochzeit oder eines Sieges Festessen für das Volk, die mehrere Tage andauerten. Da jeder bewirtet wurde, kamen alle Bettler, Landstreicher und Armen herbei, um an der Feier teilzunehmen. Ihr seht also, hier wiederholt sich das gleiche Phänomen, nur in einer Form, die die Wissenschaft noch nicht entdeckt hat. Wenn Mann und Frau sich zueinander hingezogen fühlen, sich lieben und vereinigen, geben auch sie ein Festmahl, und dieses Fest ist vielen anderen Wesen frei zugänglich. Auch wenn ihre Verbindung geheim bleibt, stattet ihnen die unsichtbare Welt ihren Besuch ab. Leider sind es meistens Larven, niedere Elementargeister, die sich auf ihre Kosten amüsieren und alles absorbieren, denn ihre Ausströmungen enthalten nur sehr wenige Elemente für die Seele, für den Geist und für das Göttliche.
Deshalb bringt der körperliche Verkehr den Verliebten nur selten einen Nutzen. Im Gegenteil, sie verlieren sogar etwas dabei: Ihr Blick, ihre Gesichtsfarbe, ihre Bewegungen und ihr ganzes Sein ist nicht mehr so strahlend und lebendig wie zuvor. Ihre Liebe war noch auf einer zu niedrigen Ebene und hat deshalb dunkle Wesenheiten angezogen. Warum haben sie nicht vielmehr die Naturgeister und sogar die Engel und die Wesen des Lichts eingeladen, die auch eine Nahrung brauchen?
Wenn ein Magier eine Zeremonie abhalten will, umgibt er sich zuerst mit einem schützenden Kreis, in dem ihm die übel wollenden Geister, die ihn drohend umkreisen, ihm schaden und ihn vernichten wollen, nichts anhaben können. In diesem Kreis ist der Magier so sicher wie in einer Festung. Die Männer und Frauen haben nie gelernt, wie sie sich vor den dunklen Wesenheiten schützen können, und das hat mich eines Tages dazu gebracht, etwas sehr Gewagtes auszusprechen: Das ganze Unglück der Menschheit ist auf die niederen Liebesäußerungen der Männer und Frauen zurückzuführen. Ja, wenn so viele Kriege und Epidemien ausbrechen, haben diejenigen die Schuld, die sich wie Tiere auf dumme, abstoßende, höllische Art lieben. Mit ihrem Verhalten nähren und stärken sie Wesen, die darauf lauern, der Menschheit zu schaden. Wenn die Männer und Frauen das wüssten, wären sie so traurig, unglücklich und angeekelt über ihr Tun, dass sie versuchen würden, richtig lieben zu lernen.
Die Vergeistigung der Liebe ist die Voraussetzung für die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden. Alle jene, die Licht und Klarheit haben und ein hohes Ideal der Liebe besitzen, müssen wissen, dass sie mit dieser Energie, mit der Sexualkraft, dem Reich Gottes dienen können. Dann sollen sie einander ruhig lieben und sich küssen, aber mit der Absicht, ihre Liebe der Verwirklichung einer göttlichen Idee zu widmen. Unter dieser Bedingung gehen derart schöne Emanationen von ihnen aus, dass selbst die Engel angesichts einer solchen Schönheit erstaunt und bezaubert sind und den beiden Liebenden Geschenke bringen.
Ich wiederhole also, dass eure Gesten immer die gleichen sind, unabhängig davon, welcher Natur eure Liebe ist: Ihr müsst euch dem geliebten Wesen nähern, es an euch drücken, umarmen und streicheln. Nichts ändert sich. Der Unterschied liegt allein in eurer Einstellung zu diesen Gesten, und darauf kommt es an. Jemand sagt: »Ah, ich habe gesehen, dass Soundso jemanden geküsst hat!« und verurteilt ihn. Der Himmel achtet nicht

auf den Kuss selbst, sondern auf das, was dahinter steckt; und wenn sie einander etwas Schönes und Reines damit schenken, belohnt er sie. Auf der Erde werden sie vielleicht von Unwissenden verurteilt, oben aber erwartet sie eine Belohnung. Wenn ihr in eure Liebe ewiges Leben, Unsterblichkeit, Reinheit und Licht legt, und wenn ihr dem geliebten Menschen helft, aufzusteigen, vorwärts zu kommen und sich zu entfalten, dann ist es wirklich Liebe, denn die wahre Liebe verbessert alles. Liebt ihr aber jemanden, und ihr merkt, dass es mit ihm bergab geht, müsst ihr euch über den Wert eurer Gefühle für ihn befragen und euch sagen: »Ich habe diesen Menschen zerstört. Vorher war er wunderbar und jetzt ist er ruiniert. « Ihr habt also keinen Grund, besonders stolz auf euch zu sein und müsst euch bemühen, eure Fehler wiedergutzumachen. Eure Liebe muss den anderen erheben. Und nur wenn ihr seht, dass er sich unter dem Einfluss eurer Liebe entfaltet, dürft ihr stolz und glücklich sein und könnt dem Himmel danken, dass ihr ihm helfen und ihn beschützen konntet. In der Regel aber kümmern sich die Menschen um derartige Dinge überhaupt nicht, und später kommen sie dann zu mir und sagen: »Ich liebe ihn, oh, ich liebe ihn so sehr…« – »Ja«, antworte ich dann, »ich weiß, dass Sie ihn lieben, aber Sie lieben ihn genauso wie ein Huhn, das in den Kochtopf kommt und verspeist wird: Sie mögen es sehr gern, verschlingen es, und das war’s dann.« Nein, die Liebe darf die Wesen niemals verschlingen oder ihnen schaden. Ihr seht, die Liebe, wie ich sie verstehe, unterscheidet sich sehr wesentlich von dem, was sich die unaufgeklärte, breite Masse der Menschen oder die Jugend unter ihr vorstellen kann.
Die Menschen können nicht richtig lieben, und dann wollen sie sich folgendermaßen bei mir rechtfertigen: »Meister, Sie kennen die menschliche Natur nicht, sie ist fürchterlich!« Ach so, ich kenne also das Wesen der Menschen nicht…! Darauf erwidere ich, dass sie diese Natur ebenso gut bändigen und verfeinern können, wie sie sie so unzähmbar werden ließen. In der Vergangenheit haben sie sich keinerlei Mühe gegeben, und jetzt haben sie natürlich mit einem sehr schwierigen Charakter zu kämpfen. Das ist also die Erklärung; sie sind selbst schuld und können sich nicht rechtfertigen. Viele entscheiden sich dafür, überhaupt keine Anstrengungen mehr zu machen, da man sich angeblich nicht ändern kann. Doch, man kann sich ändern. Ab jetzt sollt ihr euch sagen, selbst wenn ihr auf große Schwierigkeiten stoßt: »Der Meister hat von einer besonderen Liebe gesprochen und die will ich erfahren.« Warum wendet ihr immer ein, dass sich die Realität von dem unterscheidet, was ich euch offenbare? Die »Realität« – als könnte dieses Wort alles entschuldigen! Aber es gibt verschiedene Arten der Realität. Ich bestreite nicht, dass die Sexualität eine Realität ist, aber warum soll man sich nur auf diese niedere, primitive Tatsache beschränken, wenn es noch andere, ebenso reale, aber subtilere Stufen
von ihr gibt? Manche Wesen sind so weit fortgeschritten, dass sie diese Realität erfassen und leben können, und nichts auf der Welt kann sie mehr davon abhalten oder zum Kehrtmachen veranlassen.
Leider kann man aber auch die weniger weit Fortgeschrittenen durch nichts in der Welt dazu bringen, ihren Begriff der Liebe zu erweitern und sie auf eine höhere Ebene zu erheben; sie
missachten alle tiefen Wahrheiten, die ihre Rettung sein könnten, gleiten mehr und mehr in die Triebhaftigkeit ab und fühlen sich dann natürlich innerlich zerrissen und unausgeglichen. Das ist ganz normal, denn ihre Liebe konnte nur einige Minuten bezaubern, und was bleibt ist nur Schlacke und Asche. Man sagt: »Es war so schön!« Ja, es war… aber es ist nicht mehr, es war nur kurz, und aus Gold ist Blei geworden. Die himmlische Liebe jedoch bleibt ewig Gold, nichts kann sie oxydieren. Der Mensch hat eine Erbanlage, mit der er zu kämpfen hat. Seit Tausenden von Jahren hat er sich ein bestimmtes Bild von der Liebe gemacht, das nun in seinen Zellen gespeichert und nur schwer wieder auszulöschen ist. Aber auch wenn ihr eure Auffassung von der Liebe nicht von heute auf morgen ändern könnt, dürft ihr nicht an den Worten der hohen Meister zweifeln. Wenn ihr euch nicht ändern könnt, bedeutet das nichts anderes, als dass ihr entweder verschroben oder schwach seid, nicht aber, dass euch die Eingeweihten täuschen.
Solange ihr niedere Neigungen in euch tragt, müsst ihr sie auch befriedigen. Aber das darf euch nicht daran hindern, an eine mögliche Besserung zu glauben. Sobald es euch gelingt, andere, höhere, göttliche Regungen in euch zu entwickeln, werdet ihr im Ozean der kosmischen
Liebe schwimmen, während ihr euch bis dahin von wenigen, hier und dort verstreuten Tropfen genährt habt. Und bedenkt nur, welche Enttäuschungen und welches Unglück man im Leben auf sich nimmt, um sie überhaupt zu finden! Wenn ihr aber in den kosmischen Ozean getaucht seid, trinkt ihr davon in vollen Zügen und habt es nicht mehr nötig, den anderen ein paar Tröpfchen Liebe zu stehlen. Ich weiß, dass meine Worte für manche unverständlich sind. Aber sie sollen eben ihr Möglichstes tun und hoffen, dass sie in späteren Inkarnationen imstande sein werden, ihre Liebe umzuwandeln. Man soll sich nicht dabei zugrunde richten. Wer bereits in früheren Leben auf diesem Bereich gearbeitet hat, kann sich im Körperlichen leichter mit wenig zufrieden geben, sich später sogar vollkommen befreien und sich an der höheren Liebe auf spiritueller Ebene erfreuen. Natürlich gibt es nur sehr wenige Menschen, die dazu fähig sind. Wie viele Geistliche haben das Keuschheitsgelübde abgelegt, ohne zu wissen, worauf sie sich einließen! Sie waren sehr jung und kannten weder sich selbst noch die menschliche Natur; und eines Tages, als die Instinkte und Leidenschaften in ihnen erwachten, wurden sie davon überwältigt. Welch ein Trauerspiel! Ja, was für ein Trauerspiel für die Nonnen und Mönche in den Klöstern! Es ist vernünftiger, zu heiraten und Kinder zu haben, als sich irgendwo in einem Kloster zu quälen und angeblich die Braut Jesu zu sein, wenn man in seiner Vorstellung dauernd Ehebruch mit anderen begeht. In diesem Fall sollte man lieber aus dem Orden austreten. Gott ist viel großzügiger; Er hat nie verlangt, dass man sich ihm gänzlich weiht, wenn man dafür in Qualen leben muss. Er zieht es vor, dass man eine Frau oder einen Mann und Kinder hat und Gutes tut, anstatt ein unausgeglichenes, verworrenes Leben zu führen und mit all seinen unbefriedigten Wünschen die Atmosphäre belastet. Sogar Heilige wurden ihr ganzes Leben lang von der Sexualkraft gequält, und erst kurz vor ihrem Ende – wenn überhaupt – fanden sie Frieden. Die heilige Therese von Avila war zum Beispiel sehr leidenschaftlich und auch von der heiligen Therese von Lisieux weiß man nicht immer, wie sie gelebt hatte und welchen Versuchungen sie widerstehen musste. Sie war nicht das kleine, liebe Mädchen mit dem zarten, feinen Gesicht, wie sie immer dargestellt wurde. Nein, sie hatte ein kraftvolles und starkes Wesen. Ich schätze sie und habe sie sehr gern, aber ich bin überhaupt nicht damit einverstanden, dass man sie, unter dem Vorwand, den Schein wahren zu müssen, so ungenau darstellt!

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Leseprobe Izvor 204 – Yoga der Ernährung

Leseprobe Izvor 204 - Yoga der Ernährung

Leseprobe Izvor 204 – Yoga der Ernährung

I

Die Er­näh­rung be­trifft das ganze Wesen

 

Meine lieben Brüder und Schwes­tern, die Frage der Er­näh­rung ist von höchs­ter Wich­tig­keit. Nur sehr wenige, selbst unter den Ge­bildets­ten und Fort­geschrit­tensten, wissen darü­ber Be­scheid. Sicher­lich werdet ihr dieses Thema zu­nächst un­inte­ressant finden, aber wenn ihr mir zu­hört und vor allem dann, wenn ihr diese Wahr­heiten in die Tat um­setzt, werdet ihr be­stimmt ein­sehen, dass diese Er­kennt­nisse euer Da­sein be­rei­chern, ver­schö­nern und ver­wan­deln können.

Nehmen wir ein­mal an, ihr habt aus irgend­einem Grund mehre­re Tage lang keine Nah­rung zu euch ge­nommen. Ihr seid der­art ge­schwächt, dass ihr weder gehen noch euch irgend­wie be­wegen könnt. Selbst wenn ihr sehr ge­lehrt oder reich seid, sind alle eure Kennt­nisse und Reich­tümer nichts wert im Ver­gleich zu einem Stück Brot oder einer Frucht, die man euch gibt. Schon beim ersten Bissen fühlt ihr euch neu be­lebt. Ist das nicht wunder­voll? Dieser eine Bissen hat der­art viele Mecha­nis­men und Kräfte in euch aus­gelöst, dass ein ganzes Da­sein nicht aus­rei­chen würde, um sie alle auf­zu­zählen.

Habt ihr auch nur ein ein­ziges Mal an die Kraft der Ele­mente ge­dacht, die in der Nah­rung sind? Ist euch schon ein­mal auf­gefal­len, dass eine Mahl­zeit wirk­samer ist als eure Ge­danken, eure Ge­fühle oder euer Wille, um euch wieder auf die Beine zu brin­gen? Ihr bil­ligt der Nah­rung ledig­lich eine in­stinkt­gelenk­te, aber keine intellek­tuelle, be­wusste Be­deu­tung zu, ob­gleich doch nur sie allein euch Ener­gie und Ge­sund­heit wieder­geben kann. Ge­rade sie er­mög­licht euch das Han­deln, Spre­chen, Fühlen und Denken.

Die Ein­geweih­ten haben der Er­for­schung der Er­näh­rung große Be­deu­tung bei­gemes­sen. Sie haben fest­ge­stellt, dass die Nah­rung, die in den gött­lichen Labora­torien mit un­sag­barer Weis­heit be­reitet wird, magi­sche Ele­mente ent­hält, welche die physi­sche wie auch die psychi­sche Ge­sund­heit er­halten oder wieder her­stel­len und zu den höchs­ten Er­kennt­nissen führen können. Um aber diese Ele­mente nutzen zu können, muss man die dafür nöti­gen Be­din­gungen kennen.

Ge­wiss, man stellt ohne weite­res fest, dass auf der ganzen Welt die Frage der Er­näh­rung an erster Stelle steht. Alle ver­suchen zu­erst ein­mal, diesen Punkt zu regeln. Sie arbei­ten Tag für Tag und kämp­fen sogar dafür — wie viele Kriege und Revolu­tionen sind al­leine aus diesem Grunde aus­gebro­chen! Diese Hal­tung gegen­über der Nah­rung ist jedoch nur ein In­stinkt, den die Men­schen mit den Tieren ge­mein­sam haben. Die spiri­tuelle Be­deu­tung des Essens haben sie da­gegen noch nicht ver­stan­den. Sie können nicht rich­tig essen. Be­obach­tet sie bei den Mahl­zeiten. Sie nehmen die Nah­rung rein mecha­nisch und völlig un­be­wusst auf, schlu­cken ohne zu kauen, wälzen in ihrem Kopf wirre Ge­danken, hegen in ihrem Herzen chaoti­sche Ge­fühle und oft strei­ten sie sogar. Auf diese Weise stören sie die Funk­tionen ihres Orga­nis­mus. Nichts funktio­niert wie es soll, weder die Ver­dauung und die Sekre­tion noch die Aus­schei­dung der Schad­stoffe.

Tau­sende von Leuten machen sich un­be­wusst durch ihre Er­näh­rungs­weise krank. Seht ein­mal, was sich in den Fami­lien ab­spielt: Vor dem Essen hat sich keiner etwas zu sagen, jeder hockt in seiner Ecke, der eine liest, der andere hört Radio oder bas­telt… Aber sobald sie am Tisch sitzen, haben alle etwas zu er­zählen oder wollen sogar mit einan­der ab­rech­nen. Sie reden, disku­tieren und strei­ten sich. Nach einer sol­chen Mahl­zeit fühlt man sich schwer­fällig, schläf­rig, muss sich aus­ruhen oder sogar schla­fen, und dieje­nigen, die sofort wieder an die Arbeit müssen, tun sie ohne Lust und Be­geiste­rung. Wer jedoch rich­tig zu essen ver­steht, der ist nach der Mahl­zeit hell­wach und gut ge­launt.

Ihr fragt: »Aber wie soll man denn essen?« — Ich will euch er­klären, wie ein Ein­geweih­ter die Er­näh­rung auf­fasst. Da er immer ver­sucht, die besten Be­din­gungen zu schaf­fen, um die in den Labora­torien der Natur be­reite­ten Ele­mente auf­zu­nehmen, be­sinnt er sich erst ein­mal, ver­bindet sich mit dem Schöp­fer und vor allem unter­hält er sich nicht beim Essen. Er isst in tiefem Schwei­gen.

Man darf die Stille beim Essen nicht aus­schließ­lich als einen klös­ter­lichen Brauch an­sehen. Ein Weiser, ein Ein­geweih­ter isst schwei­gend. Er kaut den ersten Bissen be­wusst und so lange wie mög­lich, bis er sich im Mund auf­löst, ohne dass er ihn schlu­cken muss. Es ist außer­ordent­lich wich­tig, in wel­chem Zu­stand man den ersten Bissen zu sich nimmt, denn dieser erste Bissen setzt alle mög­lichen Mecha­nis­men in uns in Gang. Man muss sich also vor­berei­ten, um die best­mög­lichen Voraus­set­zungen dafür zu schaf­fen. Ihr dürft nie ver­gessen, dass der wich­tigste Moment einer Hand­lung ihr Be­ginn ist. Er gibt das Signal, das die Kräfte aus­löst, die dann nicht auf halbem Wege ste­hen blei­ben. Wenn ihr in einem Zu­stand der Harmo­nie be­ginnt, läuft auch das Übrige in Harmo­nie ab.

Man soll lang­sam essen und gut kauen — das för­dert die Ver­dauung, ge­wiss, aber es gibt noch einen ande­ren Grund: Der Mund, der als erster die Nah­rung auf­nimmt, ist das wich­tigste, das spiritu­ellste Labora­torium des Kör­pers. Der Mund hat die glei­che Funk­tion wie der Magen, jedoch auf einer sub­tile­ren Ebene; er nimmt die ätheri­schen Teil­chen der Nah­rung auf, die feins­ten und stärks­ten Ener­gien. Die groben Stoffe werden an den Magen weiter­gelei­tet.

Im Mund be­finden sich außer­ordent­lich ver­fei­nerte Ein­rich­tungen, und zwar die auf und unter der Zunge lie­genden Drüsen, die die Auf­gabe haben, die ätheri­schen Teil­chen der Nah­rung auf­zu­fangen. Wie oft habt ihr schon fol­gende Erfah­rung ge­macht: Wenn ihr aus­gehun­gert wart, keine Ener­gie hattet, habt ihr etwas ge­gessen… schon die ersten Bissen haben euch wieder fit und munter ge­macht, noch be­vor die Nah­rung selbst ver­daut wurde. Wie konnte dies so schnell ge­sche­hen? Schon im Mund hat der Orga­nis­mus Ener­gien, ätheri­sche Ele­mente auf­genom­men, die das Nerven­system ver­sorgt haben. Noch be­vor der Magen die Nah­rung auf­genom­men hat, ist das Nerven­system be­reits er­nährt.

Ihr dürft euch nicht wun­dern, wenn ich von ätheri­schen Ele­menten spre­che, die der Nah­rung ent­nommen werden müssen. Eine Frucht zum Bei­spiel be­steht aus festen, flüs­sigen, gas­förmi­gen und ätheri­schen Stof­fen. Jeder kennt die festen und die flüs­sigen Stoffe, aber nur wenige küm­mern sich um die viel feine­ren Duft­stoffe, die dem Be­reich der Luft an­gehö­ren. Die ätheri­sche Seite jedoch, die mit den Farben der Frucht und vor allem mit ihrem Leben ver­bunden ist, wird voll­kommen igno­riert und ver­nach­lässigt. Doch ge­rade sie ist von größ­ter Wich­tig­keit, denn mit den ätheri­schen Teil­chen der Nah­rung nährt der Mensch seine feinst­off­lichen Körper.

Der Mensch be­sitzt nicht nur einen physi­schen, son­dern noch andere, viel fei­nere Körper, die Sitz seiner psychi­schen und spiritu­ellen Fähig­keiten sind (Äther-, Astral-, Mental-, Kausal-, Buddha-, Atmanleib). Des­halb stellt sich ihm die Frage, wie er diese feinst­off­lichen Körper, die durch seine Un­wissen­heit oft ohne Nah­rung blei­ben, er­nähren soll. Er weiß un­gefähr, was er seinem physi­schen Körper geben muss (ich sage: un­gefähr, denn die meis­ten Men­schen essen Fleisch und schä­digen damit ihre physi­sche und psychi­sche Ge­sund­heit), aber er ist un­fähig, seine ande­ren Körper zu er­nähren: den Äther­leib (oder Vital­körper), den Astral­leib (Sitz der Ge­fühle und Empfin­dungen), den Mental­leib (Sitz des Intel­lekts) und noch viel weni­ger die ande­ren höhe­ren Körper.

Wenn ich euch emp­fehle, die Nah­rung gut zu kauen, so be­zieht sich dies haupt­säch­lich auf den physi­schen Körper. Für den Äther­leib muss man die Atmung hin­zufü­gen. Ge­nau wie die Luft die Flamme ent­facht – ihr wisst, dass man blasen muss, um ein Feuer wieder auf­flam­men zu lassen – ebenso för­dern tiefe Atem­züge wäh­rend der Mahl­zeit die Ver­bren­nung. Die Ver­dauung ist nichts ande­res als eine Ver­bren­nung, ge­nau wie das Atmen und das Denken. Der Unter­schied liegt nur im Wärme­grad und in der Rein­heit der Mate­rie. Ihr sollt also beim Essen von Zeit zu Zeit inne­halten und tief atmen, damit der Äther­leib durch diese Ver­bren­nung der Nah­rung die feine­ren Teil­chen ent­nehmen kann. Da der Äther­leib Träger der Vitali­tät, des Ge­dächt­nisses und der Emp­find­sam­keit ist, werdet ihr von seiner guten Ent­wick­lung profi­tieren.

Der Astral­leib nährt sich von Ge­fühlen und Empfin­dungen, also von Ele­menten, die noch feinst­off­licher sind als die ätheri­schen Teil­chen. In­dem ihr euch der Nah­rung einige Augen­blicke in Liebe zu­wendet, be­reitet ihr euren Astral­leib vor, ihr noch wert­vol­lere Teil­chen als die ätheri­schen Sub­stan­zen zu ent­nehmen. Wenn der Astral­leib diese Ele­mente auf­genom­men hat, kann er die höchs­ten und erha­bensten Empfin­dungen ver­mit­teln: die Liebe zur ganzen Welt, das Ge­fühl glück­lich zu sein, im Frie­den und in Harmo­nie mit der Natur zu leben.

Leider ver­lieren die Men­schen all­mäh­lich dieses Ge­fühl: Sie nehmen den Schutz, die Für­sorge, die Liebe und die Freund­schaft der Dinge, der Bäume, der Berge und der Sterne nicht mehr wahr. Sie sind be­unru­higt und ver­wirrt, auch wenn sie bei sich zu Hause in Sicher­heit sind. Sogar wäh­rend des Schlafs haben sie den Ein­druck, be­droht zu werden. Dies ist rein sub­jektiv; in Wirk­lich­keit sind sie gar nicht be­droht. In ihrem Inne­ren jedoch ist etwas zu­grun­de gegan­gen, sie fühlen sich nicht mehr von der Mutter Natur ge­schützt, weil ihr Astral­leib keine Nah­rung er­halten hat.

Wenn ihr euren Astral­leib nährt, könnt ihr Ge­fühle un­be­schreib­lichen Wohl­empfin­dens er­leben, die euch zur Groß­zügig­keit und zum Ent­gegen­kommen an­regen. Bei wich­tigen Fragen wird es euch leicht fallen, euch offen­herzig und ver­ständ­nis­voll zu zeigen und nach­zu­geben.

Um seinen Mental­leib zu er­nähren, rich­tet ein Ein­geweih­ter alle seine Ge­danken auf die Nah­rung, er schließt sogar die Augen, um sich besser konzen­trieren zu können. Da die Nah­rung für ihn eine Offen­barung Gottes dar­stellt, be­müht er sich, sie in all ihren Aspek­ten zu er­fassen: woher sie kommt, was sie ent­hält, welche Eigen­schaf­ten ihr ent­spre­chen, welche Wesen­heiten sich mit ihr be­fasst haben, denn an jedem Baum und an jeder Pflan­ze arbei­ten un­sicht­bare Wesen. In­dem er seinen Geist auf diese Über­legun­gen konzen­triert, ent­nimmt er der Nah­rung Ele­mente, die über jenen der Astral­ebene stehen. Durch sie wird ihm Klar­heit zu­teil, eine tiefe Durch­drin­gung des Lebens und der Welt. Nach einer so ein­genom­menen Mahl­zeit ver­lässt er den Tisch mit einem der­art klaren Geist, dass er die schwie­rigste Ge­danken­arbeit an­gehen kann.

Die meis­ten Men­schen glau­ben, dass lesen, stu­dieren und über­legen ge­nügt, um die intellek­tuellen Fähig­keiten zu ent­wi­ckeln. Nein, Stu­dium und Ge­dächt­nis­trai­ning sind un­ent­behr­liche, aber un­zurei­chende Aktivi­täten. Wäh­rend der Mahl­zeit muss auch der Mental­leib ge­nährt werden, um wider­stands­fähig zu werden und länge­ren An­stren­gungen ge­wach­sen zu sein.

Man muss ver­stehen, dass der Astral- und der Mental­leib Träger der Ge­fühle und Ge­danken sind, und dass diese beiden Körper eine ent­spre­chende Nah­rung brau­chen, damit der Mensch seine Auf­gabe im Be­reich des Ge­müts und des Intel­lekts er­füllen kann.

Außer dem Äther-, Astral- und Mental­leib be­sitzt der Mensch noch andere Körper von spiritu­eller Essenz, die auch er­nährt werden müssen: Kausal-, Buddha- und Atmanleib, der Sitz des Ver­stands, der Seele und des Geis­tes. Ihr nährt sie durch eure Dank­bar­keit dem Schöp­fer gegen­über. Das Ge­fühl der Dank­bar­keit, das die Men­schen immer mehr ver­lieren, wird euch die himmli­schen Tore öffnen, durch die ihr den größ­ten Segen er­halten werdet. Dann wird sich alles vor euch ent­hüllen, ihr werdet sehen, fühlen, leben! Dank­bar­keit kann die grobe Mate­rie in Licht und Freude ver­wan­deln. Also muss man lernen, mit ihr zu arbei­ten.

Wenn ihr diese drei höhe­ren Körper er­nährt, werden die feinst­off­lichen Teil­chen, die ihr auf­genom­men habt, an das Ge­hirn, an das Sonnen­ge­flecht und an alle Organe weiter­gelei­tet. Dann werdet ihr euch lang­sam be­wusst, dass ihr andere Be­dürf­nisse habt, Freu­den höhe­rer Natur emp­findet, und dann bieten sich auch euch viel grö­ßere Mög­lich­keiten.

Nach dem Essen soll­tet ihr nicht gleich auf­stehen und euch auf die Arbeit stür­zen, auch nicht ein oder zwei Stun­den im Sessel oder auf dem Sofa liegen. Wenn ihr euch hin­legt, um — an­geb­lich — aus­zu­ruhen, ruht ihr euch in Wirk­lich­keit gar nicht aus, son­dern werdet schwer­fällig und euer Orga­nis­mus wird träge. Be­sinnt euch nach der Mahl­zeit noch ein wenig und macht einige tiefe Atem­züge. Sie werden für eine bes­sere Ver­tei­lung der Ener­gien im Orga­nis­mus sorgen. Dann fühlt ihr euch ge­stärkt und fit für alle mög­lichen Arbei­ten.

Es ge­nügt nicht, die Mahl­zeit nur gut zu be­ginnen, ihr müsst sie auch so gut wie mög­lich be­enden, damit sie den ver­schie­denen Arbei­ten, die auf euch warten, einen guten Start gibt. Ihr dürft nie ver­gessen, dass jede Aktivi­tät ihren An­fang hat, und dass ge­rade der An­fang der aus­schlag­ge­bende Moment ist.

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Leseprobe Izvor 200 – Hommage an Meister Peter Deunov

Leseprobe Izvor 200 – Hommage an Meister Peter Deunov

 

 »Ein Meister ist wie ein Vogel, der zu euch kommt
und für euch singt, um euch auf den Weg
zum verwunschenen Schloss zu führen.
An dem Tag, an dem ihr keine Gefahr mehr lauft,
euch zu verirren,
kann euch der Vogel verlassen, er fliegt davon.«

           Omraam Mikhaël Aïvanhov

 

Wenn ich euch erzählen würde, wie groß meine Freude und wie beglückt ich an dem Tag war, als ich dem Meister begegnete, ihr würdet es mir nicht glauben! Damals war ich sehr arm und besaß nichts weiter als ein Bett, eine Geige und einige Bücher. Wochenlang verbrachte ich meine Zeit in den Bergen mit Lesen und Meditieren und von Zeit zu Zeit ging ich ein wenig arbeiten, um mir einige Groschen zu verdienen. Und hättet ihr die Schuhe und die Kleider gesehen, die ich trug! Aber ich war glücklich, denn ich fühlte mich reich, sagenhaft reich; reich, weil ich wusste, dass es meinen Meister gab. Ich hatte das Gefühl, dass mein Kopf und mein Herz alle Schätze des Universums enthielten. Einen Meister zu haben, begreift ihr das! Ich wusste, dass ich durch ihn Himmel und Erde besitzen würde, dass ich die mir kostbarsten Wünsche verwirklichen würde.

Es gibt leider nur sehr wenige Menschen, die ein Gespür dafür haben, was ein Meister für die Ausrichtung ihres Schicksals bedeuten kann, ein Gespür dafür, was seine Gegenwart in ihrem Leben alles in Ordnung bringen, verbessern und harmonisieren kann. Einen Meister zu haben, bedeutet ihnen nichts, denn sie wissen, durch ihn wird es mit ihrer Ruhe vorbei sein. Der Meister wird ihnen ihre Mängel aufzeigen und die Gefahren der Wege, die sie oft einschlagen; dann fühlen sie sich natürlich ein wenig gebremst und genau das wollen sie nicht. Und das ist schade, weil sie mit dieser Einstellung geradewegs auf größere Leiden und Beschränkungen zusteuern, als sie zu erdulden hätten, wenn sie auf die Ratschläge eines  Meisters hören würden. Ich allerdings, ich habe seit meiner frühesten Jugend gespürt, dass ich einen Meister brauchte, und gerade das hat mich gerettet.

Als ich dem Meister Peter Deunov begegnete, war ich siebzehn Jahre alt und wohnte in Varna am Schwarzen Meer. Und dass ich ihn gerade zu dieser Zeit getroffen habe, lag daran, dass infolge allerlei Intrigen der Klerus der orthodoxen Kirche bei der Regierung erwirkt hatte, dass er Sofia, wo er sich niedergelassen hatte, verlassen musste. Er wurde in die Stadt Varna ins Exil geschickt, in deren Nähe er übrigens geboren war und wo er lange Zeit gewohnt hatte.

Leseprobe Izvor 200 - Hommage an Meister Peter Deunov

Der Meister war der Sohn eines Popen der bulgarischen orthodoxen Kirche. Sein Vater wünschte natürlich, dass er den gleichen Weg einschlüge und auch Pope würde. Aber das hat der Meister abgelehnt. Er kannte zu gut dieses Milieu des Klerus, seine Mentalität, und er wusste, was in ihnen vorging, und davon war er nicht sonderlich begeistert. Er hätte ebenso gut Pastor werden können, denn schon in seiner Jugendzeit hatte er eine protestantische Schule in Bulgarien besucht und danach sein Theologiestudium – sowie ein Medizinstudium – in den Vereinigten Staaten weitergeführt. Obwohl man bei seiner Rückkehr erwartete, dass er ein Amt in der evangelischen Kirche annehmen würde, wies er auch dies zurück. Er spürte, dass er eine andere Berufung hatte.

Als er dann anfing, Vorträge zu halten und einige Schüler um sich zu scharen, stellte sich der Klerus der orthodoxen Kirche dem Meister unverzüglich in den Weg. Warum? Oh, das ist ganz einfach! Zu allen Zeiten und in allen Religionen war der Klerus stets der Ansicht, dass außerhalb der etablierten Kirchen nichts Gutes entstehen könne. Meinetwegen, wenn die Kirchen ihre Aufgabe ordentlich erfüllen würden, hätte man ihnen nichts vorzuwerfen; aber oft machen sie nichts weiter, als die Gläubigen in engen und beschränkten Lebensauffassungen festzuhalten. Denn was verlangt man schließlich von ihnen? Sie sollen glauben, regelmäßig zum Gottesdienst kommen, einige Gebete hersagen, fromme Lieder singen und Moralpredigten anhören, das ist alles! Wie kann die Kirche glauben, dies genüge, um die Menschen umzuwandeln und Gott näher zu bringen? Aber will man sie wirklich umwandeln und Gott näher bringen? Und wie viele gibt es sogar in der Priesterschaft, die tatsächlich ein beispielhaftes Leben führen, in wahrer Übereinstimmung mit den heiligsten Prinzipien ihrer Religion?

Nach und nach wurden die Person und die Aktivitäten des Meisters zu einem richtigen lebenden Vorwurf für die Bischöfe. Er schien ihnen zu sagen: »Wie weit seid ihr doch entfernt von den Wahrheiten des Evangeliums! Wie sehr unterscheidet sich euer Leben von dem, was Jesus gelehrt hat! Ihr müsst euch korrigieren.« Aber anstatt dies zu akzeptieren, beschuldigten sie den Meister, ein Häretiker zu sein, ein falscher Prophet. Hätte er ein völlig mittelmäßiges Leben geführt, dann hätten sie ihn in Ruhe gelassen, er aber wollte auf den Spuren Christi wandeln und so haben sie ihn verfolgt. Nach einiger Zeit haben sich die Bischöfe mit einigen Regierungsmitgliedern zusammengetan, um ihn ins Exil zu schicken. Dieser Schritt der Bischöfe war ein Beweis ihrer Schwäche. Der Meister wurde aufgefordert, Sofia zu verlassen. Er blieb friedlich und begab sich mit einigen Schülern nach Varna. Das war im Jahre 1917.

Zu dieser Zeit bewohnte ich ein Haus, das meinen Eltern gehörte und das sich, ohne dass ich es wusste, nur einige Schritte weit von dem entfernt befand, wo der Meister früher gewohnt hatte, bevor er nach Sofia gegangen war. Ich erinnere mich noch gut daran, das war wirklich die außergewöhnlichste Straße der Stadt auf Grund ihrer starken Abschüssigkeit. Jeden Morgen, wenn ich zur Schule ging, musste ich diesen steilen Weg hinaufgehen, und im Winter war schon große Vorsicht geboten, denn das Eis verwandelte ihn manchmal in eine wahre Rutschbahn. In dieser Straße, die zudem sehr lang war, befand sich die Kirche, in welcher der Vater des Meisters das Amt des Popen innegehabt hatte; so war er in ein Nachbarhaus gezogen, und der Meister hatte dort mehrere Jahre lang gewohnt.

Das Exil des Meisters in Varna wurde für mich zu einem glücklichen Ereignis. Durch diesen Umstand habe ich ihn kennen gelernt, und mein Leben bekam seine endgültige Ausrichtung.

Schon beim ersten Anblick war ich wie geblendet. Sein Gesicht, seine Ausstrahlung, der Frieden, der von ihm ausging, der feierliche Ernst seines Auftretens, die Anmut seiner Gesten, sein Gang, seine Art zu sprechen, sein Blick, sein Lächeln, alles entstammte einer anderen Welt. Sein ganzes Wesen ließ die lange Arbeit der Eingeweihten und der Meister spüren, eine Arbeit voller Geduld, voller Beharrlichkeit, voller Edelmut und Selbstlosigkeit. Eine durch ihre Tiefe, ihren Reichtum und ihre Schönheit unermessliche Welt, das war es, was der Meister mitbrachte.

Leseprobe Izvor 200 - Hommage an Meister Peter Deunov

Was mich dann weiterhin noch sehr beim Meister beeindruckte, das war seine Würde. Aber es dürfte euch schwer fallen zu begreifen, was ich damit meine, denn für viele ist die Würde kein klarer Begriff, sie neigen dazu, sie mit Stolz oder Hochmut zu verwechseln. Die Würde des Meisters, das war sein Bewusstsein der Schätze, die Gott in ihn gelegt hatte, und der Wille, diese unversehrt zu bewahren. Ja, wahre Würde besteht in der Achtung all dessen, was Gott uns gegeben hat, zunächst einmal für unseren physischen Körper, aber auch für unser Herz, unseren Intellekt, unsere Seele und unseren Geist. Wie oft habe ich bemerkt, wie der Meister sich gegen jegliche körperliche oder seelische Beschmutzung abschirmte. Man spürte, dass er beständig darauf achtete, seine inneren Reichtümer zu erhalten, um sie eines Tages dem Schöpfer in noch größerer Fülle und größerem Glanz zurückgeben zu können.

Und diese Würde, diese Selbstachtung wollte er auch seinen Schülern vermitteln, indem er ihnen bewusst machte, dass sie Tempel, Heiligtümer des Ewigen sind, wo nur reine Nahrung, reine Gedanken, reine Worte und reine Empfindungen hinein- und herausdürfen. Alle diejenigen, die nicht darauf aufpassen, was in sie hineingelangt oder aus ihnen herauskommt, die sich hinreißen lassen, um irgendetwas zu machen, sich mit irgendetwas zu beschäftigen, ganz gleich, was zu sagen oder zu denken, die können sich ihrer wahren Menschenwürde nicht bewusst werden.

Was ich euch nun erzählen werde, hat sich in Varna zugetragen, in der Anfangszeit meiner Bekanntschaft mit dem Meister, als ich ihm einen Besuch abstattete. Es war während des Balkankrieges. An jenem Abend hatten wir viel miteinander gesprochen, und ich war recht spät dran. Die Zeit der nächtlichen Ausgangssperre war längst erreicht. An einer Straßenecke lief ich plötzlich zwei berittenen Wachleuten in die Arme, die mich aufhielten und fragten: »Wohin wollen Sie denn noch so spät?« – »Ich geh‘ nach Hause.« – »So, so, dann kommen Sie erst mal mit.« Ich musste mitgehen. Dabei dachte ich an den Meister und war so glücklich über unsere Unterhaltung, dass es mir völlig gleich war, ob ich die Nacht im Gefängnis verbringen würde… Auf einmal, ganz ohne Grund, änderten die Wachleute ihr Verhalten und sagten: »Gut, gehen Sie zu! Gehen Sie nach Hause. Wir begleiten Sie noch ein Stück, damit Sie nicht von der nächsten Wache angehalten werden; aber lassen Sie sich nicht einfallen, wieder um diese Uhrzeit auf die Straße zu gehen.« Ich war sehr froh über ihr Einlenken, und am folgenden Tag hatte ich den Zwischenfall bereits vergessen.

Einige Tage darauf ging ich wieder zum Meister. Er empfing mich lächelnd und meinte: »Wie ist es ausgegangen neulich abends? Die Wachleute waren freundlich, nicht wahr?« – »Was, Sie wissen, was passiert ist, Meister? Was haben Sie gemacht?« – »Ich habe den Wachleuten gesagt: Lasst ihn in Frieden heimgehen, er ist ein guter Schüler.« Nach diesem Zwischenfall habe ich begriffen, wie sehr es für den Meister, der hellsehen konnte, ein Leichtes war, so im Unsichtbaren zu sprechen. Alle, die sich hinsichtlich der Realität der Gedanken Fragen stellen, ob diese sich wohl frei im Raum bewegen können und ob das menschliche Gehirn sie auffangen kann, werden über diese Tatsachen nachdenken. Der Meister hatte den Wachleuten gesagt: »Das ist ein guter Schüler, lasst ihn«, und ihre Seelen waren gehorsam, denn der Aufruf eines Meisters ist ein Befehl.

Manchmal, wenn wir miteinander sprachen, betrachtete der Meister den Himmel und beobachtete die von den Wolken gebildeten Figuren. »Mikhaël«, sagte er zu mir, »heute Nachmittag werden drei Leute aus Sofia zu mir kommen.« – »Woran sehen Sie das, Meister?« – »Die Wolken kündigen es mir an«, antwortete er, »sie benachrichtigen mich.« In welcher Sprache sie das taten, das weiß ich nicht, aber durch den Meister habe ich viel zu diesem Thema gelernt. Er hat mir auch erklärt, dass die Wolken, die man über einer Stadt sieht, die Gesinnung ihrer Bewohner erkennen lassen.

Zu einer bestimmten Zeit wohnte ich mit einem meiner Freunde zusammen. Als ich eines Tages nach Hause kam, sagte mir mein Freund, dass ein Dieb bei uns eingedrungen war und etliche Sachen hatte mitgehen lassen, unter anderem einen Radioapparat und eine Uhr, die mir gehörten. Ich hatte den Meister sagen hören, dass uns oft deshalb Diebe Dinge entwenden, weil sie uns aus irgendwelchen Gründen nicht wirklich gehören. So antwortete ich meinem Freund: »Wenn das wirklich unsere Sachen sind, dann werden wir sie zurückbekommen; wenn wir sie nicht zurückbekommen, dann gehören sie uns nicht, wir brauchen uns also nicht zu beklagen.« Mein Freund war sehr intelligent, aber vor allem auch sehr praktisch veranlagt. Er fand meine Scherze ein wenig fehl am Platze und zog es vor, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, wobei er seinen und meinen Namen angab.

Zwei Tage später wurde ich ins Kommissariat vorgeladen. Ich ging hin, und als der Kommissar mich sah, sagte er: »Sie sind ein Schüler von Herrn Deunov, nicht wahr?« – »Ja, woher wissen Sie das?« – »Das sehe ich Ihrem Gesicht an.« – »Sie kennen also den Meister?« – »Ja, ich kenne ihn und ich werde Ihnen erzählen woher.« Und er begann, wobei er den Dieb völlig vergaß: »Welch ein Glück für Sie, einen solchen Meister zu haben! Warum ich das denke? Also, während des Krieges war ich an der mazedonischen Front. Mein Vater war damals Gouverneur von Varna. Zu der Zeit war es äußerst schwierig, Briefe zur Front zu schicken oder von dort zu erhalten, und mein Vater, der ohne Nachricht von mir war, machte sich Sorgen. Als er erfuhr, dass Ihr Meister sich in Varna aufhielt, ging er zu ihm mit der Frage, ob er ihm sagen könne, wo ich mich befand. Der Meister schloss einen Moment lang die Augen, um mich zu suchen und antwortete dann: »In diesem Augenblick befindet sich Ihr Sohn mit Kameraden in einem Wald; sie verstecken sich, weil Flugzeuge das Gehölz überfliegen und Bomben abwerfen, und sie haben Angst, weil dieser Platz sehr den Angriffen ausgesetzt ist. Wasser fließt auch in ihrer Nähe. Jetzt fällt eine Bombe dort, wo sie sich versteckt halten… Ihr Sohn ist verwundet, aber nicht tödlich getroffen. Seien Sie ohne Sorge, er wird gerettet werden. Ich kann Ihnen versichern, dass er nicht sterben und bald nach Varna zurückkehren wird. Holen Sie ihn an folgendem Datum vom Bahnhof ab (der Meister gab Tag und Stunde genau an), er wird an dem Tag ankommen und einen Fisch mitbringen.« Mein Vater war tief gerührt und ging beruhigt heim. An dem Tag, den der Meister angegeben hatte, erwartete er mich mit Freunden am Bahnhof und sah mich zu seiner großen Freude ankommen – mit einem Fisch!

Mein Vater, der auch wusste, dass der Meister Phrenologe war und an der Schädelform die Veranlagung eines Menschen ablesen konnte, brachte mich später einmal zu ihm hin, um meinen Kopf in Augenschein nehmen zu lassen; ich erinnere mich aber nicht mehr daran, was er dazu sagte, denn damals war ich noch recht unbekümmert und nicht in der Lage, die Worte Ihres Meisters zu begreifen…«

Nach diesem Bericht bat mich der Kommissar um nähere Angaben zu dem an mir und meinem Freund begangenen Diebstahl. Er versprach mir, sein Möglichstes zu tun, um den Dieb aufzuspüren, und so ging ich nach Hause. Mir lag vor allem daran, meine Uhr wiederzubekommen und zwar aus folgendem Grund: Es handelte sich um eine silberne Uhr, die mindestens fünfzig Jahre alt war, sie hatte meinem Vater gehört und war außerdem deshalb von besonderem Wert, da sie die jeweilige Planetenstunde anzeigte. Ich hatte dieses astrologische Zifferblatt auf Grund entsprechender Berechnungen selbst angefertigt, und es genügte, einen Blick darauf zu werfen, um den jeweiligen Planeteneinfluss zu kennen. Darum wollte ich meine Uhr gern wiederhaben. Und ich habe sie wiederbekommen. Der Dieb war ein armer junger Mann. Ich habe versucht mit ihm zu reden, um sein Herz zu berühren, und dann habe ich den Kommissar gebeten, nicht zu hart mit ihm zu sein; ich sagte dem Kommissar, dass er ein Opfer der sozialen Verhältnisse, dass er arm und hungrig gewesen sei. Meine Argumente erschienen ihm nicht gerade überzeugend, aber vielleicht auf Grund seiner Sympathie für mich, vielleicht, weil ich ein Schüler des Meisters war, versprach er mir, nicht zu streng zu sein. Als ich nach Hause kam, sagte ich zu meinem Freund: »Siehst Du, die unsichtbare Polizei arbeitet tüchtig: Sie hat herausgefunden, dass diese Sachen uns gehören und dass der Diebstahl ein Irrtum war.« Vor Freude fiel er mir um den Hals. Ich muss dazu sagen, dass ihm weitaus mehr Dinge abhanden gekommen waren.

 

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