Neuerscheinung Gesamtwerk 108 – Sprache der Symbole, Sprache der Natur

Neuerscheinung Gesamtwerk 108 - Sprache der Symbole, Sprache der Natur

Liebe Freunde des Verlags,

gestern kam die Bücherlieferung mit den Neuerscheinungen aus unserer Druckerei in Ungarn an. Sechs Paletten druckfrische Bücher, drei deutsche Neuerscheinungen und zwei polnische, der Rest waren Nachdrucke von Titeln wie Izvor 204 – Yoga der Ernährung und ein ganzer Schwung neuer Lesezeichen.

Hier an dieser Stelle gibt es jetzt für Sie die Leseprobe für das Gesamtwerk 108. Dieses Werk beinhaltet wieder topaktuelle Themen, ausführliche Erklärungen und wichtige Lebenshilfen und natürlich jede Menge Humor des Meisters. Wir wünschen viel Freude beim Schmökern und Studieren!

 

 

Neuerscheinung Gesamtwerk 108 – Sprache der Symbole, Sprache der Natur

 

 

Kapitel I
Die Seele

Frage: »Meister, können Sie uns sagen, was die Seele ist?«

Um diese Frage zu beantworten, werde ich zunächst erklären, auf wie viele unterschiedliche Weisen zahlreiche Religionen und philosophische Theorien versuchten, den Menschen damit zu erklären, dass in ihm eine Reihe verschiedener Prinzipien wirken.

Die Hindus unterteilten ihn in 7 Bereiche und die Theosophen übernahmen diese Aufteilung. Die Astrologen unterteilen ihn in Übereinstimmung mit den Tierkreiszeichen in 12 Bereiche und die Alchimisten entsprechend der vier Elemente in 4. Die Kabbalisten wählten die 4 und die 10, die vier Welten und die zehn Sephiroth. In der Religion der einstigen Perser, dem Mazdaismus und dann im Manichäismus, wird der Mensch in 2 Bereiche eingeteilt, entsprechend der beiden Prinzipien Gut und Böse, Licht und Finsternis, Ormuzd und Ahriman. In Widerspruch zu dieser Theorie behaupten einige, der Mensch sei eine unteilbare Einheit. Was die Christen betrifft, so gilt für sie oftmals eine Dreiteilung in Körper, Seele und Geist. Und auch wir werden gleich auf diese dreigliedrige Einteilung zurückgreifen. Ich ergänze noch, dass manche Esoteriker eine Aufteilung in 9 Ebenen wählten, weil sie die Drei in jeweils drei Welten wiederholen, in der physischen, in der spirituellen und in der göttlichen Welt.

Wo liegt jedoch jetzt die Wahrheit? Bei allen. Es hängt davon ab, von welchem Gesichtspunkt aus man den Menschen betrachtet. Sei es nun die Unterteilung in 1, 2, 3, 4, 7, 9, 10 oder 12 Ebenen, alle sind richtig. Man kann sogar noch weiter gehen und ihn in 3 x 12 einteilen, also in 36, und weiter in 2 x 36, also in 72, und sogar noch weiter in 2 x 72, also in 144. 36, 72 und 144 ist die Reihenfolge dieser Zahlen, mit der sich die Kabbala eingehend befasst, und sie sind sehr bedeutsam. Aber man kann feststellen, dass die 3 am häufigsten vorkommt: 3 x 3 = 9, 3 x 4 = 12, 3 x 12 = 36 und so weiter. Die 36, das sind die 36 Genien. Und 2 x 36 = 72, das sind die 72 Namen Gottes, die Schem Hameforasch. Es heißt, dass derjenige, der diese 72 Namen Gottes kennt, über alle planetarischen Genien herrschen kann…1 All diese Zahlen haben die Kabbalisten und Eingeweihten nicht zufällig ausgewählt. Nehmen wir als Beispiel die Zahl 72. Der Frühlingspunkt läuft alle 72 Jahre um einen Grad rückwärts, und 72 ist auch die Anzahl der Herzschläge pro Minute. Und man kann sogar feststellen, dass im Normalfall 18 Atemzüge pro Minute erfolgen, und 18 ist genau ein Viertel von 72.

Im Lauf der Sterne und der Planeten, in der Abfolge oder der Wiederholung zahlreicher Phänomene der Natur haben die Weisen der Vergangenheit eine gewisse Regelmäßigkeit beobachtet, das heißt Rhythmen, die sich in Zahlen übertragen lassen. Diese äußerst bedeutsamen Zahlen verwenden sie zur Darstellung bestimmter Ideen, und je nach dem Aspekt, den sie aufzeigen wollten, verwendeten sie diese oder jene Zahl. Ich verfahre auf die gleiche Art und Weise. Oft teile ich den Menschen der Einfachheit halber in zwei Bereiche ein, in die niedere Natur oder Personalität und in die höhere Natur oder Individualität, weil diese Einteilung das Verständnis mancher Fragen erleichtert. Für andere Erklärungen wähle ich die Einteilung in drei oder in sechs oder in sieben Bereiche, wenn mir das für euch mehr Klarheit zu bringen scheint. Diese Einteilungen sind lediglich praktische Hilfsmittel, um diesen oder jenen Aspekt der Wirklichkeit darzustellen. Keine widerspricht der anderen, weil jede, je nach Sichtweise, richtig ist.

Man kann den Menschen in so viele Bereiche einteilen, wie man will. Nehmen wir zum Beispiel die Anatomen: Auf einer Schautafel stellen sie nur das Knochensystem, das Skelett dar, auf einer anderen nur den Blutkreislauf mit den Arterien, Venen und Kapillaren, oder aber nur das Muskelsystem oder das Nervensystem und so fort. Es handelt sich immer um den Menschen, nur jedes Mal unter einem anderen Aspekt dargestellt, weil es dem Verstand unmöglich ist, ihn in seiner Gesamtheit zu erfassen. Und auch wenn die Geographen Karten anfertigen, stellen sie nicht alle Aspekte eines Landes gleichzeitig dar. Auf den Reliefkarten sind die Wasserläufe, die Berge und die Ebenen eingezeichnet, auf den geologischen Karten die Bodenbeschaffenheit. Und dann gibt es auch noch ökonomische und politische Karten und viele mehr. Das Gleiche gilt für alle Bereiche. So wie ein Anatom oder ein Geograph bedienen sich also auch die Eingeweihten verschiedener Einteilungen, je nachdem welchen Aspekt sie veranschaulichen wollen.

Um jetzt zu erklären, was die Seele ist, befassen wir uns zuerst einmal mit der Aufteilung in sieben Bereiche, in Anlehnung an die der Hindus und der Theosophen. Ich werde euch also sagen, dass der Mensch aus sieben Körpern besteht: dem physischen, dem Äther-, dem Astral- und dem Mentalkörper, dem Kausal-, Buddhi- und Atmankörper. Wollte man jetzt versuchen, diese Einteilung in sieben in Übereinstimmung zu bringen mit der für die westlichen Menschen eher gewohnten Einteilung in drei Bereiche, so ist das durchaus möglich. Bei dieser Dreiteilung entspricht »der Körper« der physischen und der ätherischen Ebene, »die Seele« der Astral- und der Mental-Ebene und »der Geist« der Kausal-, Buddhi- und Atman-Ebene. Für den Geist gibt es also drei Bereiche, für die Seele zwei und für den Körper ebenfalls zwei. Durch dieses Schema seht ihr, dass die Seele ein Vermittler ist, eine Verbindung zwischen der physischen Welt und der Welt des Geistes. Sie ist das Vehikel, das die Elemente des Himmels zur Erde transportiert und von der Erde zum Himmel. Alles vollzieht sich über die Seele.

Nehmen wir als Beispiel den Baum, denn man kann für ihn die gleiche Dreiteilung in drei Bereiche vornehmen: in Wurzeln, Stamm und Äste. Vereinfacht dargestellt, ist die Versorgung des Baumes mit Nährstoffen durch ein Gefäßsystem gewährleistet: Im Zentrum befinden sich die Gefäße, die den unbearbeiteten Saft der Wurzeln zu den Blättern transportieren, wo er verarbeitet wird, und in der Rinde befinden sich die peripheren Gefäße, die den bearbeiteten Saft zu den Wurzeln schicken. Es sind also zwei Ströme, ein aufsteigender und ein absteigender, wobei es festzustellen gilt, dass sie sich nicht vermischen. Sie sind genau vergleichbar mit dem arteriellen und dem venösen Blutkreislauf im menschlichen Körper: das Blut der Venen und das Blut der Arterien vermischen sich auch nicht, sonst leidet man unter Blausucht (Zyanose).

Die Seele ist also jene Zwischenregion, die von Strömen durchquert wird, die von der Erde zum Himmel und vom Himmel zur Erde fließen. Sie ist die Jakobsleiter. Sie ist diese Leiter, auf der – im Traum von Jakob – die Engel auf- und abstiegen. Diese Jakobsleiter befindet sich in der Seele, das heißt auf der Astral- und der Mentalebene. Deshalb gibt es zwei Ströme: den des Fühlens und den des Denkens, aber sie begegnen sich nicht. In der Seele wird nichts gestaltet, sie ist ein Durchgangsort, durch den alles fließt, was vom Himmel, von der göttlichen Welt, zu den Geschöpfen hinuntersteigt und alles, was von unten zum Himmel hinaufsteigt.

Der Geist arbeitet an der Materie, wobei aber die Seele die Vermittlerrolle übernimmt. Die Seele ist also ein Werkzeug für den Geist, ein Werkzeug, dessen er sich bedient, um die physische Ebene zu erreichen, denn der Geist selbst ist dazu nicht in der Lage. Einzig die Seele hat die Möglichkeit, die Materie zu berühren, und allein durch sie hindurch kann der Geist an der Materie arbeiten, sie modellieren, sie gestalten, ihr Anweisungen geben. Ohne die Seele, ohne die Möglichkeiten der Seele, kann der Geist an der Materie nichts ausrichten. Alle Kräfte, die im physischen Körper angesammelt sind, Metalle, Kristalle, Erdöl, Gold, Edelsteine – symbolisch ausgedrückt –, kann der Geist nur mittels der Seele nutzen, die in den physischen Körper eindringt, sich hineinschlängelt, weil sie schon viel näher an der Materie dran ist. Sie hat also mehr die Möglichkeiten, an sie heranzukommen und ihr Elemente zu entnehmen, und sobald es ihr gelungen ist, diese Elemente zu erfassen, leitet sie diese an den Geist weiter.

Aber was hat man nicht alles erzählt, was die Seele betrifft! Ich habe die wunderlichsten und verworrensten Theorien gelesen, vor allem in den Büchern, die von Theologen geschrieben wurden; und das nur, weil sie die Natur nicht richtig beobachtet haben. Alles spiegelt sich in der Natur wider und wenn man weiß, wie man sie beobachten soll, kann man die Lösung der vielschichtigsten und abstraktesten Fragen finden. Die Antwort auf alle alchimistischen, theurgischen, magischen, kabbalistischen oder astrologischen Fragen könnt ihr in den Phänomenen der physischen Ebene finden. Ihr solltet euch mittlerweile daran gewöhnt haben, diese Arbeit der Entschlüsselung vorzunehmen. Wie oft habe ich schon über dieses Thema gesprochen! Aber ihr nehmt es nicht ernst. Ihr findet meine Interpretationen poetisch, das ist alles, und passend für Kinder – zu einfach für euch.

Wenn ihr glaubt, dass man euch deutlicher erklären kann, was die Seele ist, so täuscht ihr euch. Man kann es nicht klarer darlegen, als ich es gerade mache. Nun, wenn man sich mit allen Möglichkeiten der Seele und mit den verschiedenen Arten, wie man sie dargestellt hat, zu beschäftigen hat, gibt es natürlich vieles zu sagen. Die Seele besitzt Form und Gestalt gebende Möglichkeiten, für sie gibt es keine Grenzen, sie kann sich ausdehnen, bis an die Grenzen des Universums. Sie wurde Astrallicht, universales Medium und so weiter genannt. Aber unter all diesen symbolischen Bezeichnungen und Darstellungen der Seele gibt es eine, die für viele rätselhaft geblieben ist, nämlich die der Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Auch hier kann man eine Aufteilung in 3 Bereiche erkennen: Körper, Seele, Geist. Der Geist ist der Kopf der Schlange, der Körper ist der Schwanz, und die Seele ist alles, was zwischen dem Kopf und dem Schwanz ist. Aber ich habe nicht das Recht, euch zu erklären, was es bedeutet. Ich werde euch nur sagen, dass dieses Symbol mich jahrelang sehr beschäftigt hat. Ich wollte wissen, was es darstellt, und als ich es wusste, war das eine unbeschreibliche Offenbarung. Danach habe ich mein Allermöglichstes getan, um all das zu verwirklichen, was die Eingeweihten in diesem Symbol verborgen haben. In Wirklichkeit ist es sehr einfach. Wenn der Himmel euch hilft, ist es sehr einfach zu verstehen… Aber ich habe nicht das Recht, es euch zu offenbaren.

Und wo befindet sich nun der Mensch? Überall… Ihr werdet sagen: »Sogar in seinem physischen Körper?« Ja, selbst in seinem physischen Körper. Wenn er sich mit dem Körper identifiziert, so wie es die gewöhnlichen Menschen tun, die sich immer mit ihrem Bauch, ihrem Magen, ihren Geschlechtsorganen usw. identifizieren, dann ist er der Körper. In Wirklichkeit ist der Körper natürlich nicht der Mensch, er ist sein Instrument, seine Bekleidung. Man nimmt euch vielleicht ein Bein oder einen Arm ab, man kann euch einen Lungenflügel oder eine Niere entfernen, aber ihr existiert immer noch, und ihr fühlt, dass ihr euch weder in den Beinen noch in den Armen noch im ganzen Rest befindet. »Also«, werdet ihr fragen, »existiert der Mensch in seiner Seele?« Ja, dort ist er natürlich schon viel eher, aber auch nicht vollständig. Die wahre Wohnstätte des Menschen ist sein Geist. Und was macht er mit seiner Seele? Er manifestiert sich durch sie ebenso wie durch einen Körper, einen höheren Körper natürlich, einen lichtvollen Körper, aber eben doch ein Körper, der eines Tages ebenso zerfallen wird, und dann wird der Mensch in seinem Geist leben.

Wenn es heißt, die Seele des Menschen sei unsterblich, spricht man in Wirklichkeit von seiner höheren Seele, das heißt von seinem Geist. Seine niedere Seele jedoch wird verschwinden, denn sie ist sterblich. Ja, die gewöhnliche Seele des Menschen ist sterblich, aber seine spirituelle Seele, die sein Geist ist, ist unsterblich, und dort wird er eines Tages leben. Er kann natürlich auch ab sofort damit beginnen, aber unter der Bedingung, dass er lernt, sich nicht mit all dem zu verwechseln, was er nicht ist. Indem er sich beobachtet, sich analysiert, meditiert und betet, sollte er daran arbeiten, sich zu suchen, sich zu finden. Warum? Weil er sich verirrt hat, und wer sich verirrt, verliert all seine Möglichkeiten. Weil sich die Menschen von der Quelle, vom Geist entfernt haben, haben sie das Bewusstsein ihrer wahren Identität verloren, und mit dem Verlust dieses Bewusstseins haben sie alles verloren. Aus diesem Grund stellen alle Einweihungslehren dem Schüler die Aufgabe, sich wieder zu finden, sich zu erkennen.

Im Giebeldreieck des Tempels von Delphi stand: »Erkenne dich selbst«, doch nur wenige Denker haben diesen Leitsatz verstanden. Man glaubt sich zu erkennen bedeute, seinen Charakter, seine Schwächen, seine Qualitäten zu erkennen. Nein, das reicht weit darüber hinaus. Wenn es sich nur um Psychologie handeln würde, so hätte man es niemals auf einen Tempel geschrieben! Es ist viel zu einfach, sich auf diese Art und Weise selbst zu erkennen. Wahre Erkenntnis im Sinne der Einweihungslehre bedeutet, sich durch einen Akt der Liebe zu vereinen, zu verschmelzen, so wie es in der Bibel heißt, dass »Adam Eva erkannte«(1 Mos 4). Das wahre Erkennen ist ein Verschmelzen. Indem sie sagten »Erkenne dich selbst«, meinten die Eingeweihten damit, dass der Mensch nicht derjenige ist, der er glaubt zu sein, und dass er also lernen muss, sich zu erkennen. Sich erkennen bedeutet, sich identifizieren, verschmelzen mit sich selbst, diesem höheren Selbst, das sich oben in der Region des Geistes befindet.2 Deshalb sollte er alles aufgeben, was nur Hülle, zerlumpte Kleidung, Illusion ist, und immer höher hinauf steigen, bis er nur noch eins mit seinem Geist ist. Das bedeutet sich erkennen, und dies ist eben ein Aspekt des Symbols der Schlange, die sich in den Schwanz beißt, aber es ist ein winzig kleiner Teil davon. Den Rest müsst ihr selbst suchen.

Der Sinn der Einweihung – ich wiederhole es – bedeutet, den Menschen zu lehren, sich von seiner niederen Natur zu lösen, um mit seinem Geist in Einklang schwingen zu können, der sein wahres Ich ist. Dann besitzt er alle Qualitäten des Geistes, die Macht, die Selbstbemeisterung, das Wissen des Geistes. Die Verschmelzung mit dem höheren Ich, das ist die Verschmelzung mit Gott. Ja, sich wieder zu finden, sich zu erkennen, das bedeutet mit der Gottheit zu verschmelzen, denn dieser Funke, dieser Geist, der im Menschen existiert, ist niemals von Gott getrennt. Und wenn der Mensch sich sucht, wenn er sich findet, kommt er zu der höchsten Erkenntnis, in Gott zu leben und zu atmen.

Meine lieben Brüder und Schwestern, diese Philosophie ist unermesslich und großartig… Wie man sie verstanden hat, davon habe ich keine Ahnung, aber ich meinerseits werde mit allen Mitteln versuchen, sie euch verständlich zu machen, um sie mit euch zu teilen. Für mich ist das sehr klar, sehr einfach, alles ist in dem Symbol der Schlange, die sich in den Schwanz beißt, zusammengefasst.* Und ihr seht: Das Außergewöhnlichste bei den Eingeweihten ist, dass sie die Fähigkeit hatten, eine atemberaubende Wissenschaft in einem dem Anschein nach so unbedeutenden Symbol zusammenzufassen.

»Aber warum«, werdet ihr fragen »soll man die beiden äußersten Enden der Schlange zusammenfügen?« Dazu sage ich euch nur, dass sich die Energien des Menschen zerstreuen und er sich schwächt, wenn er die Form einer geraden oder gewundenen Linie beibehält. Wenn er hingegen die äußersten Enden zusammenführt, so sind die beiden Pole verbunden und es entsteht eine gewaltige Kraft, die sich im Kreis, in dessen Zentrum ansammelt. Solange der Mensch sich noch nicht wiedergefunden hat, verfliegen seine Kräfte ungenutzt, aber wenn er sich wieder findet, sind seine Kräfte da, gesammelt, verdichtet und aufbewahrt für die Arbeit. Ja, Kopf und Schwanz – wahres Erkennen ist das Ergebnis der Vereinigung von Kopf und Schwanz.

Das Unglück der Menschen besteht darin, dass sie immer versuchen, sich durch die anderen kennen zu lernen. Der Mann sucht immer eine Frau, und die Frau einen Mann, um zu verschmelzen, deshalb gelingt es ihnen nicht, sich zu finden. Denn im Äußeren findet man sich nicht, und die Kräfte sind verloren und vergeudet. Man findet sich niemals durch einen anderen, da ist alles Bemühen umsonst. Natürlich gibt es ein paar eher unbedeutende Empfindungen, ein paar kleine Befriedigungen, aber sofort danach entfernt man sich voneinander und man ist von neuem getrennt, sogar so sehr getrennt, dass man anfängt, sich zu streiten. Man will sich zusammenschweißen, sich vereinigen, aber es ist nichts zu machen! Es bleiben immer zwei getrennte Personen, zwei verschiedene Personen. Man findet sich nur wieder, wenn man aufhört, sich im Äußeren, durch die anderen zu suchen. Wenn man sich stattdessen im Inneren sucht und das Symbol der Schlange, die sich in den Schwanz beißt, verwirklicht, dann sammeln sich die Kräfte an, das Licht nimmt zu und man lebt in der Fülle. Aber auch das ist nur ein Aspekt dieses Symbols.

Ich werde euch zu diesem Thema nichts weiter sagen, außer dass die andere Seite der… sagen wir »Schlange« anders polarisiert ist. Wenn ihr ein Mann seid, ist die andere Seite ein weibliches Prinzip und wenn ihr eine Frau seid, ist es ein männliches Prinzip. Deshalb bringt ihre Vereinigung die Fülle. Bei Mann und Frau hingegen, zwei getrennten Wesen, ist man niemals sicher, ob sie sich wirklich genau ergänzen. Wenn ihr ein Mann seid, sieht es natürlich so aus, als sei eine Frau der andere Pol, aber sie kann auch ein verkleideter Mann sein – und bei ihrer Begegnung knallt es! Und auch umgekehrt gilt das Gleiche. Der andere Teil eurer selbst hingegen ist eure absolute Ergänzung und die Verschmelzung, die ihr mit ihm eingeht, ist die einzig wirkliche Verschmelzung. Natürlich ist es möglich, im Äußeren eure ergänzende Hälfte zu finden, aber das kommt sehr selten vor. Das geschieht nur dann, wenn ihr eurer Schwesterseele begegnet, denn nur eure Schwesterseele ist euer genauer Gegenpol. Ja, aber der Mensch begegnet ihr im Laufe seiner Evolution nur zwölf Mal! Wenn es nicht eure Schwesterseele ist, mit der ihr euch vereint, so seid euch dessen gewiss, dass diese Verschmelzung nicht von langer Dauer sein wird.

Kehren wir nun zur Seele zurück. Das Wesentliche, das ihr euch merken solltet, ist, dass sie eine großartige Kraft ist, fähig, auf die Materie einzuwirken, um sie zum Himmel zu katapultieren und den Himmel anzuziehen, um ihn auf der Erde zu verwirklichen. Wir brauchen unsere Seele, um die Materie zu gestalten, sei es, um sie zu verfeinern, sei es, um sie zu verdichten. Die Alchimisten nennen diese beiden Vorgehensweisen solve und coagula, und nur die Seele ist fähig sie zu verwirklichen. Weder der Geist noch der Körper sind dazu imstande, die Seele aber schon.

Wenn man nun die Entsprechungen dieser Einteilung in Körper, Seele und Geist im menschlichen Körper sucht, so findet man, dass der Geist dem Kopf, der Körper dem Bauch und dem Magen und die Seele den beiden Armen entspricht. Das ist sehr interessant, denn die Seele hat zwei Funktionen: Die eine kondensiert, verdichtet die Dinge und die andere löst sie auf. Ein Teil projiziert sie nach oben und ein Teil zieht sie nach unten. Diese beiden Prozesse werden auch dargestellt durch den hebräischen Buchstaben Aleph. Aleph ist die Zusammenfassung einer ganzen Wissenschaft über die Aktivität der Seele. Die Seele ist der Vermittler zwischen Himmel und Erde: Sie leitet die Ströme der Erde zum Himmel und sie lenkt die Ströme des Himmels zur Erde herab.

Die Seele ist also polarisiert, sie besteht aus zwei Strömen, die im physischen Körper durch die beiden Hände repräsentiert werden. Der Geist lenkt, ordnet, erhellt, aber er kann die Materie nicht erreichen. Die Seele arbeitet über die Hände an der Materie, formt sie, löst sie auf, verdichtet sie, erwärmt sie, kristallisiert sie. Zu sagen die Seele manifestiere sich über die Hände, ist natürlich eine unerwartete Art und Weise die Dinge darzustellen. Man denkt normalerweise, die Seele manifestiere sich über die Augen. Ja natürlich, denn sie kann sich überall manifestieren. Aber symbolisch gesehen, ist der Kopf mit dem Gehirn, den Augen usw. eher die Region des Geistes. Die Seele hat dort natürlich auch einen Sitz, sie hat oben und unten einen Sitz, aber ihre Region ist nicht der Kopf, sondern es sind die Hände. Der Geist erhellt, lenkt, ordnet, aber hätte er die Hände nicht, gäbe es keine Verwirklichung in der Materie. Der Mensch schafft alles durch seine Hände, durch die Seele.

In der Seele befinden sich die beiden magischen Ströme der Liebe und des Hasses, und diese beiden Ströme drücken sich auch durch die Hände aus. In der Kabbala werden diese beiden Ströme dargestellt durch die Säule der Milde und durch die Säule der Strenge.3 Aber Vorsicht: Strenge hat nichts mit Hass zu tun, denn im Sephirotbaum gibt es einen Platz für die Gerechtigkeit, für die Strenge, aber nicht für den Hass. Den Kabbalisten zufolge stehen den zehn Sephiroth vom Baum des Lebens, die eine Repräsentation der göttlichen Welt sind, 10 andere Sephiroth gegenüber, die so etwas wie deren entgegengesetzte Projektion sind und die die höllische Welt repräsentieren. Dort, auf diesem entgegengesetzten Baum, befindet sich der Hass. Gegenüber der Sephira Geburah, der Gerechtigkeit, befindet sich deshalb die Region der Grausamkeit, des Hasses. Das Gleiche gilt auch für alle anderen Sephiroth, aber ich möchte nicht in Einzelheiten gehen.

Als Jakob diese Leiter aus Licht sah, auf der die Engel hinauf- und hinabstiegen, befand er sich im Bereich der Astral- und der Mentalebene. Diese beiden Ströme, die Engel, die hinauf- und hinabsteigen, der venöse und arterielle Blutkreislauf des Universums, das ist die Seele. Deshalb befinden sich das Herz und die Lunge zwischen Kopf und Bauch, in dieser Zwischenregion, die der Seele entspricht. Und die Arme sind die Manifestationen der Seele in die eine oder in die andere Richtung. Ihr seht, die Arme kommen aus der Region der Seele. Alles, was die Höchste Intelligenz erschaffen hat, beruht auf unglaublichen Entsprechungen.

Ja, die Arme gehören zum Bereich der Seele, das ist ganz klar. Und die Augen, die Ohren, der Mund, die Nase befinden sich nicht unter den Füßen, sondern oben im Bereich des Geistes, um die Dinge zu beobachten, sie zu hören, zu schmecken und zu verstehen. Auch das ist klar und genau das sollte man den Kindern erklären. Nie erklärt man ihnen, warum der Körper auf diese oder jene Weise aufgebaut ist und warum sich die Augen gerade an dieser Stelle und die Beine an einer anderen Stelle befinden. Das könnte ihnen aber einiges verständlich machen und ihnen später helfen, sehr viele Probleme zu lösen! Das sollten die Lehrer den Kindern beibringen…! Wenn natürlich gerade in dem Moment ein Verantwortlicher von der Schulaufsichtsbehörde kommt, wird ihm diese Art von Unterricht etwas spanisch vorkommen, aber warum lehrt man in den Schulen so viele Dinge, doch nie das Wesentliche?

Natürlich bleibt alles, was ich euch sage, sehr theoretisch. Um zu wissen, was die Seele ist, muss man sie erst einmal wahrnehmen… Ja, was immer man auch sagt, man kann nicht wirklich erklären, was die Seele ist, man muss sie wahrnehmen. Kann man die Seele überhaupt wahrnehmen? Aber sicher, das ist möglich, weil sie materiell ist, so leicht und feinstofflich, dass man sie für etwas Unsichtbares hält, aber in Wirklichkeit kann man die Seele sehen. Ihr werdet sagen: »Oh! Erzählen Sie uns, wie sie ist… Hat sie Konturen?« Einerseits ja, andererseits auch wieder nicht. Es handelt sich nicht um feste, greifbare Materie, sondern um Materie, die sich bewegt, die atmet und die so lebendig, so wandelbar ist, dass sie alle Farben und alle Formen annimmt. Und wenn man die Seelen wahrnehmen kann, dann kann man sie auch einordnen. Man sieht, dass eine bestimmte Person trotz ihres Schmuckes, trotz Flitterkram, Orden oder Makeup eine dunkle, grausame Seele hat, und eine andere, trotz ihrer Lumpen und zerrissenen Kleidungsstücke – welch ein Licht, welche Ausdruckskraft, welche Schönheit…!

Die Seele, meine lieben Brüder und Schwestern, ist eine Realität, obwohl die Zeitgenossen, die die Psychologie, die »Wissenschaft der Seele«, studieren, nicht an die Seele glauben! Ja, das ist eine Psychologie, die ohne Seele auskommt, das ist das Komischste daran. Und haben sie nun die Wahrheit auf ihrer Seite? Ja. Ihr werdet sagen, dass ich mir widerspreche… Nein, man muss mich nur verstehen: Alles entspricht der Wahrheit, aber man muss herausfinden, auf welche Art und Weise es wahr ist. Wenn für euch etwas wahr ist, dann genügt das. Wenn ihr sagt: »Es gibt keinen Gott«, so ist das wahr, in euch gibt es keinen Gott, da ihr ja sagt, Er existiere nicht. Auch wenn ihr sagt: »Ich glaube nicht an eine Seele«, nun, so ist auch das wahr, ihr seid ohne Seele, denn wenn ihr eine hättet, würdet ihr sie fühlen. Da ihr sie ja leugnet, habt ihr auch keine. Es entspricht immer alles der Wahrheit, die Existenz und die Nicht-Existenz, das hängt nur davon ab, welchen Standpunkt ihr einnehmt.

Jesus sprach genau in diesem Sinne. Er sagte: »Euch geschehe nach eurem Glauben!«4 (Mt 9,29). Das sagt alles aus. Wenn ihr glaubt, ihr werdet von Räubern verfolgt, so besteht kein Zweifel, ihr werdet von Räubern verfolgt. Und selbst wenn ihr sie nicht seht, die Räuber sind in eurem Inneren. Wenn ihr glaubt, dass ihr mit Geistern sprecht, so ist auch das wahr. Aber wie erhaben diese Geister sind, das ist eine andere Frage. Denn es gibt bestimmte Kategorien von Geistern, die die Menschen sehr gerne täuschen. Das erstaunt euch? Aber nein, so erstaunlich ist das keineswegs. Es gibt Geister der Finsternis, die sich einen großen Spaß daraus machen, den Menschen Streiche zu spielen. Die ganze Welt trifft sich mit Geistern, spricht mit ihnen, treibt Handel mit ihnen, nur muss man wissen, um welche Geister es sich handelt.

Alles, was ich euch erkläre, ist in dem Buchstaben Aleph enthalten, dem ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets. Doch das wird noch bedeutsamer, wenn man sich erinnert, dass Christus sagte: »Ich bin Alpha und Omega«(Offb 22,13), das heißt Aleph und Tav. Ich bin Aleph, bedeutet: »Ich bin derjenige, der die Elemente von der Erde zum Himmel und vom Himmel zur Erde weitergibt… Ich reiche die Segnungen des Himmels zur Erde herab und ich lasse die Seelen hinaufsteigen. Ihr könnt nur über mich in den Himmel gelangen.« Warum hat man es nicht geschafft, die Dinge abzuklären, die verschiedenen Passagen eines Textes aufeinander zu beziehen, um genau zu verstehen, was sie bedeuten?

Alles steht in der Bibel, aber die Erklärungen sind überall verstreut. In der Apokalypse zum Beispiel finden sich alle möglichen Bilder, aber ihre Anordnung entspricht nicht der, die man sich für gewöhnlich vorstellt. Manche befinden sich im einundzwanzigsten Kapitel, haben aber eine Entsprechung zum ersten Kapitel und umgekehrt. Genau wie bei Spielkarten, die wahllos hingeworfen wurden. Und der Eingeweihte nimmt diese Karten, bringt sie in die richtige Reihenfolge und liest. Später finden dann zu diesen Karten Lesungen statt. Man wird euch auch beibringen, wie man die Zahlen lesen kann. Man wird ihnen ihre jeweilige Bedeutung zuordnen und ihr werdet sehen, was sie euch alles offenbaren können. Und auch was die Worte oder Sätze betrifft, die anscheinend keinerlei Beziehung zueinander haben, werdet ihr sehen, dass, wenn man sie in Bezug zueinander bringt, eins das andere erklärt und dass ein wunderbar logisches Ganzes daraus wird. […]

264 Seiten
ISBN 978-3-89515-108-8
22,00 Euro

 

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Leseprobe Izvor 208 – Das Egregore der Taube – Innerer Friede und Weltfrieden

Leseprobe Izvor 208 - Das Egregore der Taube - Innerer Friede und Weltfrieden

Leseprobe Izvor 208 – Das Egregore der Taube – Innerer Friede und Weltfrieden

 Kapitel 1

Ein besseres Verständnis des Friedens

Ich nahm einmal an einer öffentlichen Diskussion über den Frieden teil, an der mehrere angesehene, gebildete, intelligente, sympathische und sogar amüsante Persönlichkeiten teilnahmen. Ich erfuhr dort, dass der Frieden der wünschenswerteste Zustand für die ganze Menschheit sei, der Krieg hingegen das schlimmste aller Übel. Ich war wirklich begeistert und sagte mir: »Da man offenbar endlich begriffen hat, wie segensreich der Frieden ist, wird die Menschheit ganz bestimmt gerettet werden.«

Aber ich wollte trotzdem hören, wie es zu diesem Frieden kommen sollte. Mehrere Redner legten dafür Pläne vor. Der eine schlug vor, eine »Weltpolizei« zu schaffen, um die Länder am gegenseitigen Bekämpfen zu hindern. Schön und gut, aber wie soll man so etwas durchführen? Der Vorschlag erinnerte mich an eine Fabel von La Fontaine, in der die Mäuse beratschlagten, wie sie sich am besten vor der Katze schützen könnten. Nach langem Hin und Her machte die Mäuse-Älteste den Vorschlag, der Katze ein Glöckchen umzuhängen, damit man sie schon von Weitem hören könne. Diese fabelhafte Lösung wurde mit Beifall bedacht. Nur fand sich leider nie eine mutige Maus, die der Katze das Glöckchen umhängen wollte! Mit der Weltpolizei ist es genauso. Wo findet man eine internationale Truppe, die für diese Tätigkeit unparteiisch und ehrlich genug ist? Und wie könnte man sie allen Nationen aufzwingen?

Ein anderer Redner vertrat die Ansicht, dass der Frieden nur durch den Föderalismus verwirklicht werden könne und verlor sich in komplizierten Theorien, denen niemand richtig folgen konnte. Ein Dritter beschuldigte den Staat, seine Macht zu missbrauchen und die Bürger zu Sklaven zu machen… Nachdem ich mir noch verschiedene andere Referenten angehört hatte, musste ich einsehen, dass der Frieden nicht so bald kommen würde, denn niemand begreift ihn und niemand weiß, was er eigentlich bedeutet.

Diese Frage kann nur vom Standpunkt der Einweihung aus beantwortet werden, denn um den Frieden zu verwirklichen, muss man den Menschen sehr gut kennen. Ihr werdet sagen: »Ach, den Menschen kennen wir doch!« Nein, seine seelische Beschaffenheit mit seinen feinstofflichen Körpern und deren jeweils ganz verschiedene Bedürfnisse und Wünsche kennt man nicht. Vor allem kennt man den Menschen nicht so, wie wir ihn darstellen, mit seinen beiden Seiten, seinem niederen und seinem höheren Selbst, der Personalität und der Individualität. Also gut, solange man dieses Wissen nicht hat, wird es nie Frieden in der Welt geben, wie man es auch anpackt.

Gegenwärtig sieht man vor allem aufgehetzte Leute, die sich gegenseitig als Kriegsursache beschuldigen. Sie glauben, so für den Frieden zu wirken. Für die einen sind die Reichen die Schuldigen, für die anderen die Intellektuellen, die Politiker oder die Gelehrten. Die Gläubigen sehen in allen, die nicht ihrer eigenen Glaubensrichtung angehören, Ketzer, die die Menschheit ins Verderben stürzen; die Ungläubigen werfen den Gläubigen vor, sie seien Fanatiker… Bei näherer Betrachtung werdet ihr feststellen, dass jeder glaubt, durch die Beseitigung von etwas ihm Fremdem – entweder Dingen oder Menschen – den Frieden in der Welt wiederherstellen zu können. Aber gerade da täuscht man sich. Selbst wenn man heute Armeen und Waffen abschaffte, erfänden die Menschen morgen andere Mittel, um sich gegenseitig umzubringen. Der Frieden ist ein innerer Zustand, und man wird ihn nie durch Beseitigung irgendwelcher Äußerlichkeiten erlangen. Zuerst muss man in seinem Inneren die Kriegsursachen abschaffen.

Hier ein ganz einfaches Beispiel: Jemand macht sich eine üppige Mahlzeit mit Wurst, Schinken und Geflügel, die er reichlich mit gutem Wein begießt. Nach dem Essen sagt er sich: »So, jetzt suche ich mir ein stilles Plätzchen und ruhe mich aus.« Er findet tatsächlich ein ruhiges Eckchen, aber nun verspürt er eine gewisse Unruhe. Er greift nach einer Zigarette und raucht… Dann streckt er sich aus und denkt, dass er gerne auch eine nette Frau bei sich hätte. Und wo findet man eine? Beim Nachbarn, natürlich. Es gibt da zwar eine Mauer, aber das macht nichts. Er springt einfach darüber. Die Fortsetzung der Geschichte könnt ihr euch vorstellen… Von Frieden braucht man da natürlich nicht mehr zu reden!…

Frieden ist kein Zustand, der sich automatisch einstellt. Wenn ihr Frieden sucht, innerlich aber erregt oder unruhig seid, werdet ihr nie Frieden finden; denn er ist ein Ergebnis, eine Folgeerscheinung. Frieden bedeutet, dass alle äußeren und inneren Funktionen des Menschen völlig ausgeglichen und miteinander im Einklang sind. Man muss also Mittel und Wege kennen, die zum Frieden führen, und das ist eine ganze Wissenschaft.

Sobald der Mensch bestimmte Wünsche und Begierden in sich nährt, kann er – was immer er auch unternimmt – nicht mehr in Frieden leben, denn jetzt ist bereits der Keim der Unordnung in ihn gelangt. Nehmen wir zum Beispiel einen Dieb. Er muss sich ohne Unterlass vorstellen, was ihm alles zustoßen könnte, dass man ihn beobachtet, verhaftet und ins Gefängnis steckt… Er ist nie sicher, dass man ihn nicht gesehen hat, ob er Spuren hinterlassen oder durch irgendeine Bewegung seinen Diebstahl verraten hat. Er ist nicht mehr ruhig, er hat keinen Hunger mehr, kann nicht mehr schlafen und möchte sich nur noch verstecken.

Ein anderer hat sich Geld geliehen und versprochen, es zurückzugeben. Da er jedoch nicht imstande ist, sich einzuschränken, um die nötige Summe aufzubringen, gibt er sie nicht wieder zurück. Er wird nun von seinen Gläubigern verfolgt und weiß sich nicht mehr vor ihnen zu retten… Ein Dritter hat einem Freund harte, verletzende Worte gesagt und sich ihn zum Feind gemacht. Wieder einmal ist der Frieden auf und davon! Ich brauche keine weiteren Beispiele zu nennen, man könnte Hunderte finden. Ja, die Menschen beweisen immer wieder ein unerhörtes Talent, den Frieden zu verlieren. Wenn eine ganze Meute euch kläffend hinterherrennt, weil ihr Schulden habt, weil ihr gestohlen und etwas in Unordnung gebracht oder ein Versprechen nicht gehalten habt, wie wollt ihr dann Frieden finden? »Indem ich vor meinen Gläubigern fliehe«, werdet ihr sagen. Ja, bestimmt, aber wie könnt ihr den Gläubigern in eurem Inneren, der Unruhe und den Gewissensbissen entkommen, die euch verfolgen?… So zu argumentieren zeigt, dass es an echtem Wissen und an wahren Kenntnissen fehlt. Macht euch nichts vor, die Gedanken holen euch immer wieder ein.

Scheinbar ist es sehr leicht, den Frieden zu finden: Man braucht nur auf einen hohen Berg zu steigen, wo Stille und Einsamkeit herrschen. Aber selbst dort findet der Mensch den Frieden nicht. Warum? Weil er in seinem Kopf ein Radio mitgenommen hat. Ja, ein Radio, von dem er sich nie trennt und das ständig läuft… Was hört er da nicht alles! Oft ist es auf die Sender der Hölle eingestellt; die bringen natürlich auch Musik. Aber was für eine Musik, was für einen Lärm! Und das, obwohl er doch auf dem Gipfel von Ruhe und Stille umgeben ist! Ja, äußerlich ist alles ruhig, aber innerlich toben Gewitter und Sturm. Wie soll man da den Frieden finden?

Jeder weiß, dass der menschliche Körper zahlreiche Organe besitzt, die alle miteinander verbunden sind. Jedes Organ hat eine bestimmte Aufgabe, aber sie alle müssen in Einklang, in Harmonie miteinander sein, sonst gäbe es Unordnung und Dissonanzen, wie man dies in der Musik nennt. Der Mensch kann nur dann gesund und in Frieden leben, wenn all seine Organe selbstlos und uneigennützig für das Wohl des ganzen Körpers tätig sind. Aber diese Gesundheit und dieser Frieden sind erst ein rein physischer Zustand. Wer den Frieden der Seele und des Geistes finden will, muss höher aufsteigen. Alle Elemente des psychischen Organismus müssen wie die physischen Organe ebenfalls ohne Egoismus, Reibereien oder Voreingenommenheit im Einklang schwingen. Friede ist also ein höherer Bewusstseinszustand. Da er aber trotzdem von der Gesundheit unseres Organismus abhängt und weil die geringsten dort auftretenden Störungen die psychische Harmonie infrage stellen können, müssen physischer und psychischer Körper in völligem Einklang miteinander schwingen, damit der Friede sich vollständig einstellen kann.

Was man im Allgemeinen unter Frieden versteht, ist nicht der wahre Frieden. Wenn ihr einige Minuten oder Stunden lang weder Aufregung noch Unruhe verspürt, ist das noch kein Frieden, denn dieser Zustand ist nicht dauerhaft. Wenn der wahre Frieden sich erst in euch eingenistet hat, könnt ihr ihn nicht wieder verlieren. Ja, Frieden heißt nicht nur, sich eine Zeit lang wohl, ruhig und sorgenfrei zu fühlen. Frieden ist etwas viel Tieferes, viel Kostbareres… Frieden ist, wie ich schon sagte, ein Ergebnis. Wenn alle Musikinstrumente in einem Orchester perfekt gestimmt sind, wenn alle Musiker sich nach dem Dirigenten richten – den sie dank langer Zusammenarbeit gut kennen und lieben –, entsteht daraus eine außerordentliche Harmonie. Auch im Menschen bedeutet der Frieden eine Harmonie, eine völlige Übereinstimmung zwischen den Elementen, Kräften, Funktionen, Gedanken, Gefühlen und Handlungen.

Dieser tiefe, unbeschreibliche Frieden ist sehr schwer zu erreichen, weil man dazu viel Willenskraft, Geduld, Liebe und ein großes Wissen besitzen muss. Sobald der Schüler die Eigenschaften aller Elemente, Gedanken, Gefühle und Wünsche zu kennen und verstehen beginnt, damit er nichts mehr in sich aufnimmt, das seine innere Harmonie stören könnte, und wenn es ihm schließlich gelingt, alles, was nicht im Einklang schwingt, aus seinem Organismus auszuscheiden, dann erst findet er den Frieden.

Wenn ihr raucht, wenn ihr wahllos esst und trinkt, nehmt ihr gewisse schädliche Stoffe in euren Organismus auf, die krank machen. Ihr könnt dann keinen Frieden finden. Wie wollt ihr mit Zahnschmerzen, Durchfall oder Herzklopfen den Frieden erlangen? Ihr habt Stoffe in euch aufgenommen, die Verstopfungen oder Gärungen verursachen, und diese müssen jetzt ausgeschieden werden. Das gleiche Gesetz gilt im psychischen Bereich. Solange ihr die Beschaffenheit eurer Gefühle, Gedanken, Wünsche, Leidenschaften und Triebe nicht kennt, sie aber einatmet und euch von ihnen nährt, ohne zu wissen, ob sie euch guttun oder schaden, werdet ihr nie den Frieden finden.

Frieden ist also die Folge eines umfassenden Wissens über die Beschaffenheit der Elemente, von denen der Mensch sich auf den verschiedenen Ebenen nährt. Neben diesem Wissen braucht man natürlich – wie ich schon sagte – große Wachsamkeit und einen starken Willen, damit keine störenden Elemente eindringen. Gerade deshalb legen die Eingeweihten so viel Wert auf die Reinheit, weil sie seit Langem erkannten, dass sie bei der geringsten Unreinheit in ihrem physischen Körper, ihren Gefühlen oder Gedanken sofort den Frieden verloren.

 

Ich sagte es eben: Frieden ist die Folge einer Harmonie zwischen allen Elementen, aus denen der Mensch besteht: Geist, Seele, Verstand, Herz, Wille und Leib. Und weil diese Elemente nur selten im Einklang schwingen, ist es schwer, den Frieden zu erlangen. Jemand hat klare und weise Gedanken, wird aber von seinem Herzen, in das sich ein niederes Gefühl eingeschlichen hat, zu Dummheiten verleitet. Ein anderer hat die besten Absichten, aber sein Wille ist lahm. Wie sollte er bei derartigen Widersprüchen den Frieden finden? Den Frieden kann der Mensch erst zuallerletzt erlangen. Erst wenn er nach allen möglichen Leiden und Kämpfen, Niederlagen und Siegen endlich seine göttliche Natur über die aufständische, lärmende niedere Natur siegen lässt, kann er den Frieden finden. Bis dahin erlebt er vielleicht wunderbare Augenblicke, die aber nicht von Dauer sind. Deshalb hört man viele Menschen sagen: »Ich habe meinen Frieden verloren.«

Den tatsächlichen, wahren Frieden kann man unmöglich verlieren. Es mag von Zeit zu Zeit einige Unruhen geben, aber sie sind nur oberflächlich. Im tiefen Innern herrscht Frieden, wie beim Meer, dessen Oberfläche ständig durch Wellen und Schaumkronen in Bewegung ist, aber weit unter der Oberfläche herrscht in der Tiefe Frieden. Wenn ihr den wahren Frieden erlangt habt, können äußere Erschütterungen euch nicht mehr beunruhigen. Ihr fühlt euch geschützt wie in einer Festung. In Psalm 91 heißt es: »Du, oh Herr, bist meine Zuflucht, den Höchsten hast du zum Schutz dir erwählt.« Diese Zuflucht ist das höhere Selbst. Wenn es euch gelingt, diesen Punkt zu erreichen, die höchste Stufe unseres Seins, dann lernt ihr den Frieden kennen. Dieser Friede ist eine göttliche, unbeschreibliche Empfindung. Aber bevor ihr diesen Zustand erreicht, müsst ihr zahlreiche Siege über eure niederen Triebe davontragen!

Folglich herrscht dann Frieden, wenn alle Elemente und Faktoren, aus denen der Mensch besteht, in Harmonie, in absolutem Einklang schwingen. Aber ich möchte noch hinzufügen, dass diese Harmonie nur dann möglich ist, wenn alle Elemente geläutert sind. Wenn sie nicht im Einklang schwingen, haben sich Unreinheiten eingeschlichen. Wenn jemand etwas gegessen hat, das ihm nicht bekommt, fühlt er sich unwohl und reizbar. Aber wenn er ein Abführmittel nimmt, geht es wieder besser! Die Unreinheiten zerstören den Frieden. Wer also den Frieden erlangen will, muss an seiner Läuterung arbeiten und alle Schadstoffe loswerden, die Verstand, Gemüt und Willen hindern, gut zu funktionieren. Ein wahrer Eingeweihter hat nur eines begriffen: Das Wesentlichste ist, rein zu werden, so rein wie ein Gebirgssee, ein Kristall, der blaue Himmel oder das Licht der Sonne… Mit dieser Reinheit kann er alles andere erlangen. Natürlich ist es gar nicht so einfach, die Reinheit herbeizuführen. Aber man sollte sie wenigstens begreifen, dann sie lieben und mit allen Fasern seines Wesens herbeisehnen und schließlich versuchen, sie zu verwirklichen.

Ihr müsst wissen, dass ihr unreine Elemente aufgenommen habt, wenn in eurem physischen Körper, eurem Herzen oder Denken Störungen auftreten, und »unrein« kann ganz einfach »fremd« heißen. Unreinheiten sind unerwünschte Stoffe, weil sie dem menschlichen Organismus fremd sind. Diese Stoffe sind vielleicht nicht unrein an sich, werden aber als unrein angesehen, weil sie im Körper Störungen verursachen. Folglich sind sie schädlich und müssen beseitigt werden. Wenn ihr krank oder gequält seid, habt ihr eine Unreinheit in Form eines Gedankens, Gefühls oder etwas anderem in euren Körper eindringen lassen.

Jede Unreinheit, ob auf mentaler, astraler oder physischer Ebene bringt Störungen mit sich; und wenn ich von »Störungen« spreche, dann ist dies nur das kleinste Übel, denn Unreinheiten können auch Vergiftungen und sogar den Tod hervorrufen. Deshalb ist es notwendig, sich auf allen Ebenen zu reinigen. Im körperlichen Bereich kann man dies durch Bäder, Abführmittel, Klistiere oder Fasten und im psychischen Bereich durch Gebet, Meditation und andere geistige Übungen erreichen. Nur unter dieser Bedingung kann man den wahren Frieden erlangen.

Erst wenn der Mensch wachsam genug wird, um sein eigenes Reich, das er selbst verkörpert, makellos zu halten, kann er einen beständigen und dauerhaften Frieden erlangen. Und was ist dieser Friede? Eine unbeschreibliche Glückseligkeit, eine fortwährende Symphonie, ein überirdischer Bewusstseinszustand, in dem alle Zellen in einem Meer des Lichts baden, in lebendigem Wasser schwimmen und sich von Ambrosia nähren… Er lebt dann in einer solchen Harmonie, dass der ganze Himmel sich in ihm spiegelt. Er erschaut allmählich eine Pracht, die er vorher nicht wahrnehmen konnte, weil er zu unruhig und erregt war, und weil seine inneren Augen – und sogar die äußeren – nicht auf den Dingen verweilen konnten, um sie zu sehen.

Nur der Friede ermöglicht, die Anwesenheit der feinstofflichen Wirklichkeit zu erblicken und zu verstehen. Darum entdecken die Eingeweihten, die den wahren Frieden gefunden haben, die Wunder des Universums.

Die meisten Menschen suchen nur das Flüchtige, Trügerische, das ihnen nur Enttäuschung und Kummer beschert. Aber es fällt ihnen schwer, dies einzusehen. Um dies zu verstehen, muss man leiden, leiden und Enttäuschungen erleben… Man muss wirklich ganz unten und völlig verzweifelt gewesen sein, um zu erkennen, dass das Erwünschte weder Friede noch Fülle, weder Ehre noch Macht brachte. Aber den Jungen kann man dies unmöglich verständlich machen. Man muss alt sein, innerlich oder äußerlich sehr alt sein, um sich dem alleinigen, ewigen Reichtum zu widmen. Wer noch jung ist, spielt noch mit Puppen, Bleisoldaten und Sandburgen. Sein Alter erlaubt ihm noch nicht, sich mit ernsthaften Fragen zu beschäftigen… Aber wenn er reifer wird, lässt er alles beiseite, um Großartiges zu verwirklichen, und dann wird er endlich den Frieden finden.

Frieden stellt sich erst ein, wenn alle Zellen mit einer göttlichen und selbstlosen Vorstellung im Einklang schwingen. Darum sagen die Weisen zu Recht, dass man den Frieden erst erlangen kann, wenn die eigenen Zellen, das ganze Wesen aus Gedanken der Liebe, das heißt der Barmherzigkeit, Großzügigkeit, Vergebung und Entsagung besteht. Vorher ist es nicht möglich, denn nur durch solche Gedanken entsteht Frieden. Wenn ihr eurem Nachbarn etwas vorzuwerfen habt, das ihr ihm nicht verzeihen könnt, und wenn ihr euch den Kopf zerbrecht, wie ihr euch rächen könnt oder wenn sich jemand Geld bei euch geborgt hat und ihr immer daran denken müsst, dass er es euch zurückgeben sollte, dann ist es nicht möglich, den Frieden zu finden, denn solche Überlegungen sind zu persönlich und egoistisch.

Selbst wenn ihr ein paar Minuten oder ein paar Stunden lang ruhig seid, ist das noch kein Frieden, sondern nur eine kleine Pause, eine Beruhigung (diese Art Frieden können sogar böse Menschen haben), und dann werdet ihr von Neuem von euren Qualen und Ängsten gepackt. Der wahre Friede ist ein geistiger Zustand, den man nicht verlieren kann, wenn man ihn erst einmal erlangt hat. Wenn ihr den Wunsch habt, Gottes Willen zu erfüllen, das heißt, ein Wohltäter der Menschheit zu werden, alle Menschen zu lieben, ihnen zu dienen und verzeihen, dann bringen diese Gedanken alle Teilchen ihres Wesens in die gleiche Schwingung, und erst jetzt könnt ihr den Frieden genießen. Und habt ihr erst einmal diesen Frieden erlangt, folgt er euch überallhin: Ihr habt ihn gestern gespürt, und auch heute noch ist er den ganzen Tag da… und am nächsten Tag wartet er schon nach dem Erwachen auf euch. Mit Erstaunen stellt ihr fest, dass ihr euch nicht einmal mehr anstrengen müsst, um ihn wiederzufinden. Vorher musstet ihr euch lange konzentrieren, beten, singen oder sogar Beruhigungsmittel nehmen, um ruhig zu werden; jetzt ist dies nicht mehr notwendig, denn der Friede ist bereits da, in euch.

Beschäftigt ihr euch daher eingehend mit der Vorstellung, zu lieben, Gutes zu tun, alles zu verzeihen… bis ihr eines Tages so stark werdet, dass alle eure Zellen davon geprägt sind und mit euch im Einklang schwingen. Dann wird der Friede euch nicht mehr verlassen. Selbst wenn gewisse Ereignisse euch beunruhigen, werdet ihr mit einem Blick in eurem Innerem feststellen, dass der Friede trotz allem immer noch da ist. Denn jetzt handelt es sich nicht mehr wie vorher um eine Beruhigung, eine künstlich hergestellte, aufgezwungene Ruhe, die nur so lange andauert, wie ihr euch anstrengt… Jetzt ist er ein Zustand, der sozusagen ein Teil eures Selbst geworden ist.

Habt ihr schon einmal die Raubtiere beobachtet? Wenn der Dompteur bei ihnen ist, tun sie so, als ob sie sich vertragen würden; sobald er sie aber allein lässt, stürzen sie sich aufeinander und zerreißen sich gegenseitig. Und die Schulkinder? Solange der Lehrer dabei ist, sitzen alle brav auf ihren Plätzen, aber wenn er hinausgeht, toben sie herum, schreien und raufen sich. Für die Zellen im Organismus gilt das Gleiche: Solange ihr euch Mühe gebt, sie zu beherrschen, lassen sie sich ein wenig beruhigen, aber sowie ihr ihnen den Rücken zukehrt, das heißt, sobald die Gedanken woanders sind, ist die Unruhe wieder da. Man muss sich also um seine Zellen kümmern, sie zur Vernunft bringen, sie waschen und ernähren, als wenn sie unsere Kinder oder Schüler wären. Ja, und wenn es euch gelungen ist, sie zu belehren, wenn sie ihre Arbeit ohne Streit und Diskussionen ausführen, dann stellt sich der Friede ein.

Bildet euch auf keinen Fall ein, den Frieden zu finden, indem ihr die Wohnung, die Freunde, den Beruf, die Lektüre, das Land, die Religion… oder die Frau wechselt. Der Friede hängt nicht von solchen Veränderungen ab. Eine Zeit lang Ruhe, ein Aufschub, ja, aber sofort danach werden euch auch dort neue Sorgen überfallen, weil ihr nicht begriffen habt, dass der Friede einzig und allein von einem veränderten Denken, Fühlen und Handeln abhängt. Wenn ihr diese Bereiche verändert, könnt ihr am gleichen Ort, in den gleichen Schwierigkeiten sein und trotzdem den Frieden erlangen. Denn er hängt nicht ausschließlich von äußeren Umständen ab; er kommt von innen, überflutet und erfüllt euch trotz Unruhen und Erschütterungen in der ganzen Welt. Er gleicht einem von oben kommenden Strom. Wenn dieser Frieden in euch wohnt, könnt ihr ihn an andere weitergeben und wie etwas Reales, Lebendiges verbreiten. Dann arbeitet ihr für die ganze Welt, indem ihr den anderen den Frieden bringt.

Viele Menschen behaupten heute, für den Frieden in der ganzen Welt zu arbeiten. Aber in Wirklichkeit tun sie nichts, um ihn tatsächlich herbeizuführen. Nur Redensarten… Sie gründen Friedensvereinigungen, aber nur, um sich hervorzutun, einander einzuladen und Auszeichnungen in Empfang zu nehmen. Ihr Leben hat nichts mit einem Leben für den Frieden zu tun. Sie haben nie daran gedacht, dass erst einmal alle Zellen ihres Körpers, alle Teilchen ihres physischen und psychischen Wesens nach den Gesetzen des Friedens und der Harmonie leben müssen, um den Frieden auszustrahlen, für den sie angeblich arbeiten. Während sie über den Frieden schreiben und in ihren Versammlungen darüber reden, nähren sie in ihrem Inneren den Krieg, denn sie kämpfen ständig gegen das eine oder andere an. Welchen Frieden können sie also bringen? Der Mensch muss den Frieden zuerst in sich selbst, in seinen Handlungen, Gefühlen und Gedanken verwirklichen. Erst dann arbeitet er wirklich für den Frieden.

 

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Leseprobe Izvor 207 – Was ist ein geistiger Meister?

Leseprobe Izvor 207 - Was ist ein geistiger Meister?

Leseprobe Izvor 207 – Was ist ein geistiger Meister?

I

Wie man einen wirklichen geistigen Meister erkennt

Seinem Meister zu begegnen, bedeutet für den Schüler, eine Mutter gefunden zu haben, die bereit ist, ihn neun Monate lang unter ihrem Herzen zu tragen, damit er in der geistigen Welt geboren wird. Und ist er einmal geboren, das heißt erwacht, entdecken seine Augen die Schönheit der Schöpfung, seine Ohren hören das göttliche Wort, sein Mund kostet die himmlischen Speisen, seine Füße tragen ihn an die verschiedenen Orte des Raumes, um Gutes zu tun, und seine Hände lernen, in der feinstofflichen Welt der Seele Wunderbares zu erschaffen.

Nur sehr wenige Menschen wissen, was ein Meister wirklich ist. Es gibt Bücher, in denen die unglaublichsten Dinge geschildert werden: Ein Meister ist vollkommen, allwissend, allmächtig… Er braucht weder zu essen, noch zu trinken, noch zu schlafen… Er ist gegen alle Versuchungen gefeit und vor allem verbringt er seine Zeit damit, Wunder zu wirken. Wie viele Menschen waren nicht von dem Buch von Spalding »Das Leben der Meister« hellauf begeistert und ahnten nicht, dass es alle möglichen unwahrscheinlichen Geschichten enthält! Es ist wahr, die großen Meister besitzen außergewöhnliche Fähigkeiten, aber sie benutzen sie nicht, um vor Schaulustigen Wunder zu vollbringen, plötzlich zu erscheinen oder zu verschwinden, auf dem Wasser zu gehen, im Raum zu fliegen, Festessen herbeizuzaubern, Flammen einer Feuersbrunst zu durchschreiten, Häuser aus dem Boden zu stampfen… Selbst wenn er dazu imstande wäre, würde ein wahrer Meister so etwas nicht tun, denn solche Kunststückchen können den Menschen nicht helfen, sich zu verändern.

Ihr müsst wissen, dass ein Meister genau wie alle andern Menschen gebaut ist. Er hat die gleichen Organe und empfindet die gleichen Bedürfnisse und Wünsche. Wenn er sich schneidet, ist das Blut, das fließt, genauso rot, wie das Blut aller anderen Menschen! Der Unterschied besteht darin, dass das Bewusstsein des Meisters weit umfassender ist als das der meisten Menschen. Er besitzt ein Ideal, einen höheren Blickpunkt, und vor allem hat er eine vollkommene Selbstbeherrschung erreicht. Dies erfordert natürlich enorm viel Zeit und eine ungeheure Arbeit, und deshalb wird niemand in einer einzigen Inkarnation zum Meister. Ihr müsst euch darüber im Klaren sein, dass er seine guten Eigenschaften und Tugenden nicht in einem einzigen Leben erworben hat. Nein, er musste Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende dafür arbeiten. Und da die guten Eigenschaften, die man durch eigene Anstrengungen erworben hat, erhalten bleiben, wenn man die Erde verlässt, bringt er sie in seiner nächsten Inkarnation wieder mit. Von Leben zu Leben fügt er neue geistige Elemente hinzu, bis er eines Tages ein wahrer Träger des Lichts und der göttlichen Tugenden ist.

Leider gibt es auch Wesen, die sich jahrhundertelang im Bösen geschult haben, und das sind die Meister der schwarzen Magie. Der Mensch kann frei zwischen Gut und Böse wählen. Wenn jemand das Böse vorgezogen hat, wird er – selbst wenn die kosmische Intelligenz ihm eine Weile freies Spiel lässt – am Ende natürlich doch vernichtet, weil er mit seinem Verhalten gegen die universelle Ordnung verstoßen hat. Aber am Anfang hat er die Wahl. Solange er lebt, kann er sich frei für die eine oder andere Richtung entscheiden.

Es gibt einige sehr seltene Fälle von Wesen, die trotz der ihnen überlassenen Freiheit für immer festgelegt sind. Die großen Eingeweihten zum Beispiel haben sich für das Licht und die Liebe entschieden. Gewiss, manche sind vielleicht gefallen, aber die meisten sind doch Wesen des Lichts geblieben. Übrigens wird es ihnen mit der Zeit immer weniger möglich, ihre Richtung zu ändern, denn durch ihre geistige Arbeit verändern und vergöttlichen sie die Materie ihres Körpers, sodass sie wie rostfreies Metall, wie reines Gold wird. Aber solange ein Mensch diese Entwicklungsstufe nicht erreicht hat, kann er jederzeit eine andere Richtung einschlagen und es gibt historische Fälle, in denen weiße Magier zur Schwarzmagie übergetreten sind.

Ihr fragt euch, wie man ein Schwarzmagier wird… Das ist sehr einfach, sogar für euch: Ihr braucht nur eurer niederen Natur freien Lauf zu lassen. Wenn ihr ständig die Gesetze der Güte, der Gerechtigkeit und der Liebe überschreitet, indem ihr versucht, auf Kosten anderer zum Erfolg zu kommen, sie auszustechen und sie zu zerstören, werdet ihr unweigerlich ein Schwarzmagier. Das ist ganz klar und eindeutig. Viele Menschen stellen sich vor, man müsste bei einem teuflischen Meister in die Lehre gehen und bei ihm die Kunst der Verwünschung und die Beschwörung böser Geister erlernen. Das ist möglich, aber wer sich in den Dienst des Bösen stellen will, braucht nicht unbedingt einen Meister. Man kann auch ohne Lehrer, ohne Gebrauchsanweisung oder sonst etwas ein Schwarzmagier werden, und zwar wenn man sich zu sehr von seiner niederen Natur leiten lässt. Ebenso wird ein Mensch, der ständig den anderen helfen und ihnen das Licht der Erkenntnis bringen will, ein weißer Magier, auch wenn er keinen Meister hat, der ihn unterrichtet.

In Wirklichkeit hat jeder Mensch einen Meister, entweder einen sichtbaren oder einen unsichtbaren. Bei Verbrechern ist er im unsichtbaren Bereich und redet ihnen ständig ein, den anderen zu schaden. Selbst wenn sie behaupten: »Wir, einen Meister? Nie im Leben!« müssen diese Blinden doch wissen, dass sie einen Meister haben und Tag und Nacht seine bösartigen Ratschläge befolgen.

Wenn ich von Meistern rede, so meine ich natürlich immer die wirklich großen geistigen Meister, die weißen Magier. Ich weiß, dass der Titel »Meister« vielen Handwerkern, ebenso wie Notaren, Richtern, Künstlern usw. als Zeichen der Fertigkeit in ihrem Beruf gegeben wird. Das ist Ansichtssache und ich spreche ihnen diesen Titel nicht ab. Ihr solltet jedoch wissen, dass ein wahrer Meister – im spirituellen Sinne des Wortes – erstens die grundlegenden Wahrheiten kennt, und zwar nicht diejenigen, die von den Menschen geschrieben, geschaffen oder erzählt wurden, sondern die wesentlichen im Sinne der kosmischen Intelligenz. Zweitens muss er durch seine Willenskraft vollständige Beherrschung, Meisterschaft und Selbstkontrolle erreicht haben. Und schließlich dürfen dieses Wissen und diese Selbstbeherrschung nur dazu dienen, alle guten Eigenschaften und Tugenden der selbstlosen Liebe zu offenbaren.

Einen wahren Meister könnt ihr an seiner Selbstlosigkeit erkennen. Jeder Meister kommt mit einer besonderen Fähigkeit auf die Erde. Es gibt also Meister der Weisheit, der Liebe, der Kraft oder der Reinheit… Aber alle wahren großen Meister haben unbedingt eine gemeinsame Tugend: Uneigennützigkeit.

Es gibt dermaßen viele Betrüger und Scharlatane, die nur von der Naivität der Menschen profitieren wollen! Sie haben kaum ein paar Bändchen über okkultes Wissen gelesen, die oft auch noch von Dummköpfen geschrieben wurden, und schon geben sie sich überall als große Meister aus. Sie tragen nicht das geringste Zeichen, dass der Himmel sie anerkannt hat! Sie selbst haben sich zu Meistern ernannt und glauben, das würde genügen. Und anstatt einen solchen Menschen ein wenig zu beobachten, um ihn an seinem Verhalten zu erkennen, folgen die anderen ihm blindlings. Sie merken nicht einmal, wenn er sie betrügt, ausplündert und versklavt. Ja, das ist wunderbar… wenigstens ein intelligenter Mensch! Die Dummen sind die anderen… Warum fragen sie sich nicht wo er herkommt, wie er gelebt hat, wer sein Meister war und wer ihn geschickt hat? Aber nein, unnötig sich die Frage zu stellen: Solange er ihnen verspricht, sie innerhalb von drei Tagen einzuweihen – natürlich gegen Bezahlung einiger tausend Dollar –, glauben sie ihm. Sie haben es eilig, versteht ihr, die Einweihung darf nicht länger als drei Tage dauern. Und die Welt ist voll von solchen Leuten, von Angebern und Schurken, die aus der Gutgläubigkeit und Dummheit der anderen ihren Nutzen ziehen. Aber sie sind wenigstens intelligent! Ich bestreite nicht, dass solche Leute eine gewisse Macht besitzen, aber die kann jeder erwerben, wenn er sich übt. Die Frage ist nur, wie und zu welchem Zweck er sie anwendet, und gerade das beurteilt der Himmel. Er kümmert sich nicht um eure Fähigkeiten und Mittel, sondern um das, was ihr damit macht. Ihm kommt es nicht auf euer Wissen, eure Hellsicht und eure Macht an, sondern auf eure Selbstlosigkeit. Ihr könnt hellsichtig sein, Wissen und Macht besitzen, solange ihr nicht uneigennützig handelt, wird der Himmel euch nicht als Meister anerkennen, selbst wenn die Menschen es tun.

Das Unglück der Menschen liegt in ihrem mangelnden Unterscheidungsvermögen. Sie misstrauen einem wahren, selbstlosen Meister, aber dem ersten besten, der ihnen Sand in die Augen streut und sich als Meister ausgibt, dem folgen sie. In Wirklichkeit wird ein wahrer Meister euch nie sagen, dass er ein Meister ist; er wird es euch fühlen und begreifen lassen, denn er hat es nicht eilig, erkannt zu werden. Ein falscher Meister dagegen hat, sobald er sich als solcher ausgibt, nichts anderes im Sinn, als sich den anderen aufzudrängen. Vor kurzem erhielt ich den Brief eines Mannes, der sich für fähig hielt, ein geistiger Führer zu werden. Er berichtete mir von seinen Schwierigkeiten und Ängsten. Er hätte natürlich mit diesen Schwierigkeiten rechnen müssen. Warum erdreistete er sich, die andern zu täuschen und behauptet sie führen zu können, wenn er selbst nicht vollkommen ist? Wer hatte ihm diese Aufgabe erteilt? Aber so sind die Menschen; sie maßen sich an, andere zu führen, ohne die notwendigen Tugenden wie Weisheit, Liebe, Reinheit, Kraft und Selbstlosigkeit verwirklicht zu haben. Nein, solange man nicht von einem höheren Wesen den Auftrag für die überwältigende Aufgabe erhalten hat, die Menschen zu führen, ist es sehr gefährlich, diese Rolle spielen zu wollen.

Ich hätte diesem Mann gerne geholfen, denn ich sah, dass er sehr unglücklich war und nicht einmal wusste warum. Er hatte sich vorgestellt, dass die Lektüre einiger Bücher über okkultes Wissen genügt und hatte die gewaltigen Kräfte der unsichtbaren Welt ausgelöst, ohne jemals gelernt zu haben, sich vorher mit ihnen zu harmonisieren. Nun, diese Kräfte rächen sich und sagen: »Warum willst du uns bezwingen, nur um deine Launen zu befriedigen? Du bist schwach und dumm, wir wollen uns dir nicht unterwerfen. Du verdienst eine gehörige Lektion.« Wie viele sogenannte Okkultisten besitzen überhaupt keine wirkliche Kenntnis von den Gesetzen der geistigen Welt! Wie gesagt, sie haben ein paar Bücher gelesen und wollen jetzt ohne eigene Vorbereitung einige ihrer Anhänger mit ihren Wundertaten verblüffen. Nein, so geht das nicht.

Um die Aufgabe eines geistigen Führers zu übernehmen, braucht man eine Urkunde, denn auch in der geistigen Welt bekommt man Zeugnisse. Die Urkunden der physischen Welt haben im geistigen Bereich ihre Entsprechung, denn der materielle Bereich wurde nach dem geistigen Vorbild geschaffen. Die lichtvollen Geister, die uns auf die Erde geschickt haben, beobachten und beurteilen uns und wenn sie sehen, dass wir uns angestrengt haben, dass wir uns beherrschen können und gewisse Fehler ausgemerzt haben, dann geben sie uns ein Diplom. Und wo befindet sich das? Auf jeden Fall ist es kein Stück Papier, auf dem man radieren und das man vernichten kann. Nein, es gleicht einem Siegel, das auf unserem Gesicht und unserem ganzen Körper eingeprägt ist und das von unseren Siegen über uns selbst zeugt. Die Menschen sehen es vielleicht nicht, aber die Naturgeister und Lichtwesen nehmen es schon von weitem wahr und dann gehorchen und helfen sie uns.

Ja, wer bestimmte Aufgaben im geistigen Bereich ausführen will, der braucht auch die Zustimmung bestimmter Geistwesen. Und glaubt nicht, das sei so einfach! Viele finden das Studium, um Erzieher oder Lehrer zu werden, lang und schwierig. Aber das ist gar nichts, verglichen mit den Bedingungen, die derjenige erfüllen muss, der Schüler in den Wahrheiten der Einweihungswissenschaft unterrichten will. Ich bin in Bezug auf folgenden Punkt immer wieder über die Unwissenheit und Naivität der Menschen erstaunt: Jeder oder fast jeder Beliebige glaubt sich weit genug entwickelt, um den Titel »Meister« tragen zu können. Und wenn sie dann einem wahren Meister gegenüberstehen, bilden sie sich ein, er sei ganz einfach so vom Himmel gefallen, ohne sich auch nur der geringsten Anstrengung unterzogen zu haben.

Nein, ihr werdet kein einziges Geschöpf finden, das perfekt auf die Erde gekommen ist. Jeder hat eine oder sogar mehrere Schwächen, egal ob er sie nun offen zeigt oder nicht. Selbst die hohen Eingeweihten haben mindestens eine Schwäche: entweder Angst oder Hochmut oder Geiz oder Sinnlichkeit. Die Erhabenheit eines Eingeweihten liegt jedoch darin, dass er sich seiner Schwächen erstens bewusst ist und zweitens alle Mittel verwendet, um sie zu überwinden.

Sobald ein Mensch sich auf der Erde inkarniert, vererben seine Eltern ihm – unabhängig von der Erhabenheit seines Geistes – eine mehr oder weniger unvollkommene Materie, die er verwandeln muss, und die er dank seiner Qualitäten und Tugenden veredelt. Durch diesen Vorgang wird er noch größer, denn er hat eine rohe, unbehandelte Materie in einen feinen, ausgearbeiteten Stoff verwandelt, den er für seine Arbeit verwendet. Bei den Eingeweihten können wir also die wahre Macht des Geistes erkennen, denn es gelingt ihnen, alles zu bezwingen, wohingegen die meisten Menschen ihr Leben lang irgendwelche Fehler mit sich herumtragen, derer sie sich nicht entledigen können.

Nun muss man natürlich wissen, dass ein Eingeweihter alle guten Eigenschaften, die er sich in den vorhergehenden Leben erarbeitet hat, auf die Erde mitbringt. Dank dieser Qualitäten wendet er sich instinktiv vom falschen Weg ab und richtet sein Streben auf aufbauende und lichtvolle Tätigkeiten. Selbst wenn er sich an nichts erinnert, drängt es ihn ohne sein Zutun in die gleiche Richtung wie in der Vergangenheit. Ich selbst hatte lange Zeit keinerlei Erinnerung an meine Inkarnationen, aber ich bin mit Prägungen in dieses Leben gekommen, die mich in eine ganz bestimmte Richtung trieben.

Ich weiß, manche von euch sind erstaunt und schockiert, wenn sie hören, dass selbst ein großer Meister nicht mit Vollkommenheit auf die Erde kommt. Und die Christen mögen mir verzeihen, wenn ich sage, dass selbst Jesus nicht vollkommen war, als er geboren wurde. Auch er musste lernen und eine große Läuterungsarbeit durchführen, bevor er mit dreißig Jahren den Heiligen Geist empfing. Leider wird in den Evangelien nicht erwähnt, was er in der Zeit zwischen seinem zwölften und seinem dreißigsten Lebensjahr gemacht hat. Jedes Wesen, das auf die Welt kommt, erhält zum Aufbau seines Körpers immer verbrauchte, trübe Elemente, die es zu reinigen, zu ordnen und zu harmonisieren gilt. Man muss verstehen, was diese Materie, die jahrhundertelang von Generation zu Generation weitergegeben wurde, eigentlich ist. Wie könnte sie makellos und rein sein? Selbst ein Eingeweihter, der außerordentliche Eltern hatte, muss an seinem physischen Körper arbeiten, bis dieser ein perfektes Instrument für seinen Geist wird. Ein Eingeweihter ist vielleicht dazu ausersehen, eine neue Religion zu bringen, aber auch er muss seinen Geist von der Macht der Materie befreien und sie verwandeln, vergeistigen und verfeinern. Der Himmel erkennt seine Größe an der Zeit, die er dafür aufwendet.

Selbst Jesus konnte nicht sofort die Macht seines Geistes offenbaren. Er musste lernen, sich üben und in seinem dreißigsten Lebensjahr vollbrachte er schließlich Wunder. Alle geistigen Meister wussten am Anfang ihres Lebens lange Zeit nichts von ihrer Aufgabe. Selbst wenn sie während ihrer Jugend einige Offenbarungen der göttlichen Welt erhielten, so waren sie sich doch ihrer Größe ganz und gar nicht bewusst. Ich weiß, viele wollen das nicht glauben, denn für sie kommt ein Eingeweihter allmächtig und allwissend zur Welt. Nein! Manche hatten sogar körperliche oder geistige Schwächen, die sie nie überwinden konnten. Aber es würde zu lange dauern, wenn wir auf diese Einzelheiten eingehen wollten, obwohl wir dabei außerordentlich interessante Dinge entdecken würden.

Glaubt nicht, dass ich in meiner frühesten Jugend schon so war, wie ich heute bin! Nein, auch ich musste jahrelang an meiner eigenen Materie arbeiten, und nichts ist schwieriger als das. Seele und Geist sind von göttlicher Beschaffenheit und in ihrer Welt erkennen und offenbaren sie sich als solche. Aber sie müssen sich auch durch die Materie, durch den physischen Körper äußern und erkennen. Gerade hier liegt das größte Mysterium der Existenz, welches durch die Schlange, die ihren eigenen Schwanz verschlingt, symbolisiert wird. Der Kopf der Schlange, das heißt der Geist, das höhere Ich, muss sich durch den Schwanz, die Materie, das niedere Ich, offenbaren. Der Geist, der oben allmächtig und allwissend ist, muss sich in der Materie wie in einem Spiegel betrachten können. Das ist das Ziel der Einweihung: die Materie so weit zu verwandeln, dass sie dem Geist sein eigenes Spiegelbild zurückschicken kann.

Wir kommen also immer wieder auf die an der Materie zu verrichtende Arbeit zurück. Hier liegt unsere wahre Aufgabe auf der Erde. Deswegen darf man sich nicht vorstellen, das Leben sei für die großen Meister einfach. Im Gegenteil, gerade sie stoßen auf die größten Schwierigkeiten und Hindernisse. Ihnen vertraut man die schwierigsten Aufgaben an, sowohl in Bezug auf ihre eigene Person als auch auf ihre Umwelt, weil sie die Fähigkeit und den Willen besitzen, diese Arbeit auszuführen, und dank der Schwierigkeiten steigen sie noch weiter auf. Ja, gerade durch die Schwierigkeiten.

Die Größe eines Eingeweihten oder eines Meisters besteht darin, dass er sich nach und nach über die Prüfungen erhebt, denen er, wie alle anderen, ausgesetzt ist, wenn er auf die Erde kommt. Deshalb darf er dann andere unterrichten und sie sogar zurechtweisen. Mit dem Sieg über seine eigenen Schwächen erwirbt er das Recht, die Menschen zu führen. Übrigens darf man nur unter dieser Bedingung den Mund auftun, um andere zu belehren. Solange man sich nicht selbst von den Fehlern befreit hat, die man bei anderen verbessern will, sollte man sich lieber zurückhalten, denn sonst würden sie spüren, dass da etwas nicht stimmt, und die Umstände würden dazu führen, dass man irgendwo in eine Falle geht. Wie wollt ihr jemanden davon überzeugen, ein Laster aufzugeben, wenn ihr es selbst noch nicht einmal geschafft habt? Wie sollte ein ängstlicher Mensch andere ermutigen können? Wenn er am ganzen Leibe zittert und »Vorwärts!« schreit, würde keiner von ihm mitgerissen werden! Ihr müsst wissen, dass euch die wahre Macht nur durch den Sieg über eure eigenen Schwächen verliehen wird. Diese Macht äußert sich früher oder später durch eure Augen, eure Gesten, euren Gesichtsausdruck und eure Stimme. Ja, sie zeigt sich, selbst wenn ihr sie verbergen wollt.

Ein Meister, der Tausende von Jahren daran gearbeitet hat, alle menschlichen Leidenschaften in sich zu besiegen und danach gestrebt hat, die Tugenden des Himmels auf sich zu lenken, wirkt durch die von ihm ausgehenden Schwingungen günstig auf seine Umwelt. Gerade darin liegt der Vorteil, mit einem Meister in Verbindung zu stehen. Seine Schüler nehmen Teilchen seines Lebens auf, indem sie ihm zuschauen, zuhören und in seiner Nähe leben, und dank dieser Teilchen können sie sich viel schneller weiterentwickeln. Was meint ihr, wozu euch sonst ein Meister von Nutzen wäre? Er will euch weder Reichtum noch eine gute Stellung oder eine Frau verschaffen, sein einziges Streben richtet sich darauf, euch Elemente höherer Natur zu geben, die mit dem Himmel im Einklang schwingen. Wenn ihr im Stande seid, diese Elemente aufzunehmen, sie in eurem Inneren zu bewahren und sogar zu verstärken, merkt ihr, dass sich eure Gedanken, eure Gefühle, selbst eure Gesundheit und alles andere mit der Zeit verbessern. Ja, bei einem wahren Meister könnt ihr nur Segen finden.

 

 

II

Von der Notwendigkeit eines geistigen Führers

Wenn ihr lernen wollt, Geige zu spielen, kauft ihr euch ein Instrument, Notenhefte und beginnt eure Übungen. Die erste Zeit spielt ihr ein oder zwei Stunden täglich, aber bald verliert ihr euren Eifer und hört auf. Eine Woche später nehmt ihr dann die Geige wieder zur Hand, aber es dauert nicht lange, bis ihr sie wieder weglegt… Und so vergeht die Zeit, je nach Lust und Laune wechseln die Phasen der Arbeit mit denen der Trägheit ab. Wenn ihr dagegen einen Lehrer habt, wollt ihr seine Anerkennung und seine Zustimmung gewinnen und arbeitet deshalb fleißig, um euch für die nächste Unterrichtsstunde vorzubereiten. Ein Lehrer korrigiert eure Fehler, ermutigt euch und dann wird aus euch unter seiner Anleitung eines Tages ein Virtuose. Es hat noch nie einen großen Musiker gegeben, der ohne Lehrer den Gipfel seiner Kunst erreichte.

Für den geistigen Bereich gilt das Gleiche. Ohne Meister ist es sehr schwer, ausdauernd zu bleiben. Ihr seid überzeugt, dass Meditation und ständiges Bemühen zu eurer Verbesserung beitragen, aber sehr schnell fallt ihr wieder in eure alten Gewohnheiten zurück. Nach einigen Monaten erinnert ihr euch dann an eure guten Vorsätze und gebt euch wieder etwas Mühe, bis schließlich endgültig die Trägheit siegt… Ein Meister hingegen stimuliert euch ständig. Seine Worte und sein Vorbild treiben euch stets voran. Außerdem wirkt er auch auf eure Gefühle. Eure Liebe und Bewunderung für ihn drängen euch ständig zum Fortschreiten.

Natürlich wird euch das nicht davor bewahren, wieder in eure alten Fehler zurückzufallen. Aber wenn ihr jedes Mal aufs Neue gute Vorsätze fasst, wird die Kraft, die bei diesen Vorsätzen entsteht, eines Tages überwiegen. Es ist nicht so schlimm, in seine alten Fehler zurückzufallen, als die Hoffnung aufzugeben, diese Fehler überwinden zu können und sich nicht mehr anzustrengen, um sie zu korrigieren. In einem Entschluss liegt Macht und die sollte man kennen. Wenn jemand sich aufrichtig entschließt, seine Ausrichtung zu ändern, weil sein Meister ihm die Gefahren aufgezeigt hat, die auf dem eingeschlagenen Weg liegen, prägt dieser Entschluss sich in ihm ein und markiert in ihm einen neuen Ausgangspunkt. Selbst wenn man noch nichts davon sieht, führt diese Prägung eines Tages doch zu Ergebnissen. Darin besteht die Nützlichkeit eines Meisters.

Ich möchte euch vor allem Folgendes verständlich machen: Angesichts der Beschaffenheit der geistigen Welt sollte man lieber gar nicht, als ohne Führer in sie eindringen wollen, so wie manche es zu ihrem Unglück tun. Sie kaufen sich Bücher über Konzentrations-, Meditations- oder Atemtechniken und stürzen sich in Übungen, die sie am Ende seelisch und körperlich kaputtmachen. Solche Leute sollten lieber etwas weniger ausdauernd in ihrem Streben sein!

Ich muss immer wieder über die Menschen staunen: Sie würden nie auf die Idee kommen, ohne Führer einen Berg zu besteigen, aber sie stürzen sich ohne weiteres und ganz allein in die Erforschung der psychischen Welt, obwohl dort die Gefahr, sich zu verirren, in einen Abgrund zu stürzen oder unter Lawinen begraben zu werden, viel größer ist. Merkwürdigerweise wollen sie sich da ganz alleine durchschlagen! Ja, und genau deswegen gibt es unter den sogenannten Spiritualisten so viele Verrückte. Sie sind ganz einfach ohne Führer losgezogen und haben sich verirrt.

Die Spiritualisten würden nicht auf Unannehmlichkeiten stoßen, wenn sie von Anfang an folgenden wesentlichen Punkt verstanden hätten: Man muss seine Arbeit durch die Ausübung bestimmter Qualitäten und Tugenden vorbereiten: durch Liebe, Sanftmut, Reinheit und Ergebenheit der göttlichen Welt gegenüber, denn in diesem Bereich genügt der Wille allein nicht.

Der Fehler vieler Spiritualisten besteht darin, dass sie ihren Handlungen keine solide Grundlage geben können. Sie stürzen sich einfach ohne die geringste Vorbereitung in die Spiritualität und denken, ihr Wunsch und ihr Verlangen genüge, damit die unsichtbare Welt sich ihnen offenbare, die Engel herbeikämen, und dass ihnen jegliche Macht in die Hände falle. Nein, leider ist dem nicht so. Ein wahrer Spiritualist bereitet sich zwanzig oder dreißig Jahre unter Anleitung eines Meisters vor, und danach erreicht er dann in sehr kurzer Zeit alles, was er sich wünscht. Im geistigen Bereich dauert die Vorbereitung am längsten. Aber die Menschen bereiten sich nicht vor, sie hegen in ihrem Innern weiterhin alle möglichen Gedanken, Ungerechtigkeiten und Schmutz. Gewiss, von Zeit zu Zeit meditieren sie angeblich auch ein wenig, und damit sind sie zufrieden. Ja, ihnen genügt das vielleicht, aber in Wirklichkeit reicht das eben nicht. Denn selbst zum Meditieren muss man bestimmte Vorbedingungen erfüllen.

Heutzutage ist Meditation Mode und es gibt immer mehr Menschen, die behaupten, sie meditierten. Aber damit erreichen sie nichts, denn man kann nicht so ohne weiteres, ohne Vorbereitung meditieren. Wie wollt ihr jemanden zum Meditieren bringen, der noch nie ein hohes Ideal besaß und seine Begierden, Launen, Schamlosigkeiten, Vergnügungen, Wein und Tabak nie überwinden konnte? Er sagt er meditiere? Aber worüber? Über Geld und Macht oder wie er einen Mann oder eine Frau verführen könnte? Wie sollte er über himmlische Themen meditieren können, wenn er noch kein hohes Ideal hat, das ihn aus dem gewöhnlichen tierhaften Leben herausziehen und ihn zum Himmel führen könnte? Meditieren ist für denjenigen, der gewisse Schwächen noch nicht besiegt und bestimmte Wahrheiten noch nicht erkannt hat, unmöglich. Und nicht nur unmöglich, sondern sogar gefährlich.

Das Bemerkenswerte an der Arbeit an sich selbst ist die Tatsache, dass keinerlei Übung im Bereich der Gedanken ohne Ergebnis bleibt. Es gibt immer Ergebnisse, leider sind sie aber oft erbärmlich. Warum? Weil der Mensch die Bestandteile seiner inneren Welt aufrührt ohne sie zu reinigen oder zu ordnen. Er wirbelt alles Nebelige, im Halbdunkel Verschwimmende auf. Er bleibt in den Sümpfen der Astralebene stecken und weiß sich nicht darüber zu erheben, um das Licht des Mentalbereiches zu erblicken!

Also gilt es, einen Meister zu finden, der euch die besten Arbeitsmethoden gibt, damit ihr im geistigen Leben vorankommt… Die besten Methoden sind die ungefährlichsten und wirksamsten; vielleicht sind sie die langwierigsten, aber dafür die dauerhaftesten. Leider sind die Menschen ewig in Eile, sie haben weder Zeit noch Geduld noch Vertrauen, um einen lichtvollen, natürlich langsamen, aber doch sicheren Weg einzuschlagen. Sie haben es eilig, sie wollen im Handumdrehen Medium, Magier oder Hellseher werden, genau wie man Hand- oder Fußpfleger wird!… Und sobald sie ein winziges Resultat erzielt haben, machen sie damit viel Aufsehen. Auf diese Weise täuschen sie viele Menschen, denn die breite Masse hat kein Unterscheidungsvermögen und nimmt alles an.

Das Wesentliche ist nicht, intelligent, reich oder mächtig zu sein, sondern einen guten Führer zu besitzen, denn dann könnt ihr das Ziel mit Sicherheit erreichen. Werdet ihr dagegen nicht richtig geführt, besteht immer die Gefahr, irgendwo »auf die Nase zu fallen«, selbst wenn ihr alle möglichen guten Eigenschaften, wie Kraft, Verstand, Güte usw. besitzt.

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Leseprobe Izvor 206 – Eine universelle Philosophie

Leseprobe Izvor 206 - Eine universelle Philosophie

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I

Einige Erklärungen zum Begriff »Sekte«

Seit Jahrtausenden haben die Menschen die Gewohnheit, ihre Aufmerksamkeit auf die Form und Erscheinung der Dinge zu richten und dabei deren Inhalt und Sinn außer Acht zu lassen. Ebenso haben sie es mit ihren heiligen Schriften getan, die auch eine Form, einen Inhalt und einen Sinn haben. Die Form, die Erzählung, ist für die gewöhnlichen Menschen. Der moralische, symbolische Inhalt ist für die Schüler oder Jünger, die ihn zu vertiefen und zu leben versuchen. Der geistige Gehalt ist dagegen für die Eingeweihten, die ihn zu deuten wissen.

Alle großen Eingeweihten waren Erbauer, Erfinder neuer Formen. Sie wussten also, dass die Form notwendig ist, aber sie packten eine ganze Wissenschaft hinein, die die meisten Menschen nicht entziffern, weil sie sich auf das konzentrieren, was sie sehen, hören, berühren können. Natürlich können die Formen ihnen helfen und sie anregen, aber nicht im gleichen Maße, als wenn es ihnen gelänge, die darin enthaltenen Wahrheiten zu verstehen, zu fühlen und umzusetzen. In allen Religionen findet man ein exoterisches und ein esoterisches Wissen, weil die Elite, die das Bedürfnis hat, sich in die Geheimnisse der Schöpfung zu vertiefen, sich unmöglich mit den wenigen Brocken zufrieden geben konnte, mit denen die Masse sich begnügte. Und so hat sich auch innerhalb des Christentums neben der Kirche des hl. Petrus, die die Masse der Gläubigen um sich scharte, im Geheimen die Kirche des hl. Johannes als Hüterin der wahren Spiritualität, der wahren christlichen Philosophie entwickelt.

Dieses Problem von Geist und Form geht äußerst weit. Wenn man die Menschen beobachtet, bemerkt man, dass sich die Meisten durch die Form derart gefangen nehmen lassen, dass sie sich schließlich mit ihr identifizieren. Und so identifizieren sie sich auch mit ihrem physischen Körper. Alles, was sie tun, tun sie für diesen physischen Körper. Mit dem Geist hingegen beschäftigen sie sich nicht, weil sie ihn nicht sehen. Sie wissen nicht, dass sie sich dadurch schwächen und abstumpfen, denn dem physischen Körper sind weder die wahre Kraft noch das wahre Licht gegeben. Indem sie sich mit dem physischen Körper (der Form) identifizieren, entwickeln sie den Geist nicht, der ewig, unsterblich, allwissend ist, ein aus Gott selbst sprühender Funke.

Diese materialistische Philosophie, die sich derart verbreitet hat, beschränkt die Menschen. Sobald sie nicht mehr vom Geist erhellt, geführt, inspiriert sind, engen sie sich ein, werden begrenzt, sektiererisch, und dann beurteilen sie alles im Leben aus ihrem eigenen begrenzten Gesichtspunkt. Sie glauben, den besten Standpunkt zu haben. Nein, es ist nur der beschränkte Gesichtspunkt eines Sektierers. Sektierer kann man also überall finden, auf allen Gebieten: in der Ökonomie, der Politik, Wissenschaft, Religion, Philosophie, Kunst. Ich werde es euch zeigen.

Im Leben gebraucht man laufend die Bezeichnung »Sektor«. In der Geometrie nennt man einen Kreisausschnitt Sektor. In einer Stadt, einem Land spricht man auch von Sektor, um ein begrenztes Gebiet zu bezeichnen. Und man kann sagen, dass im menschlichen Körper, der eine perfekte Einheit bildet, ein Organ ebenfalls ein Sektor ist. Und was ist jetzt eine Sekte? Das ist ganz einfach zu erklären. Wenn es einer Religion gelungen ist, sich offiziell zu etablieren, erklärt sie jede Gruppe, die ihre Dogmen, ihre Anschauungen, ihre Praktiken nicht akzeptiert, zur Sekte. Es ist also die offizielle Kirche, die sich so äußert. Wie viele Menschen in der Geschichte wurden eingekerkert, verfolgt, verbrannt unter dem Vorwurf, sie hätten sich von den Lehren einer Kirche entfernt! Und dann hat sich später die Geschichte ihrerseits über die Urteile dieser Kirche geäußert…

In Wirklichkeit haben nicht die Menschen zu beurteilen, was sektiererisch ist und was nicht, sondern die Natur. Hier ist etwas, das ihr sicher nicht wisst und das neu für euch sein wird. Stellt euch nun ein Mitglied einer Kirche vor, das für die Verbreitung des Glaubens gearbeitet hat. Ihm wird man sicher nicht vorwerfen, zu einer Sekte zu gehören. Aber vielleicht gibt es über ihn irgendwo in der Natur eine andere Meinung und er wird als Sektierer verurteilt! Ja, die Natur betrachtet ihn als Sektierer und schickt ihn ins Bett, ins Krankenhaus oder auf den Friedhof, denn er hatte nicht gemäß bestimmter Gesetze der lebendigen und intelligenten Natur gedacht und gehandelt. Er ignorierte oder vernachlässigte sie. Er lebte nicht in Harmonie mit dem Ganzen und wurde so den Sektierern zugeordnet –, trotz der Meinung aller Gläubigen, während umgekehrt bei einem anderen, der von denselben Gläubigen als Sektierer verurteilt wird, die Natur zeigt, dass sie mit ihm einverstanden ist, indem sie ihm Gesundheit, Frieden und Fülle gibt. Warum die als Richter nehmen, die überhaupt kein Unterscheidungsvermögen haben? Die kosmische Intelligenz allein weiß, ob wir Sektierer sind.

Wenn man einen Blick auf die Welt wirft, stellt man Folgendes fest: Jeder wählt seine Aktivität gemäß seinem Temperament, seinem Geschmack oder gemäß den Bedingungen und Umständen, ohne daran zu denken, sich auf allen Ebenen zu entwickeln. Nun muss aber der Mensch, der mit einem Verstand, einem Herzen und einem Willen geschaffen wurde, auf allen drei Gebieten arbeiten, um sich als wirklich ausgeglichenes Wesen zu manifestieren. Die Erfahrung zeigt, dass man nur sehr selten Wesen antrifft, die gleichermaßen auf allen drei Gebieten des Denkens, des Fühlens und des Handelns entwickelt sind. Die einen sind Intellektuelle ohne Herz und ohne Willen, die anderen sind Willensmenschen ohne Hirn und so weiter… Ja, überall sieht man nur »Behinderte«, Menschen, die auf einem Gebiet gut entwickelt sind und mehr oder weniger unterentwickelt auf allen anderen.

Und doch, wenn wir die Frage an die kosmische Intelligenz richten, wird sie uns sagen, dass es ihr Ziel war, den Menschen nach dem Vorbild des Schöpfers zu schaffen, fähig, die Vollkommenheit zu verstehen, sie zu lieben und sie auf der Erde zu verwirklichen. Warum hat Jesus gesagt: »Seid vollkommen wie euer himmlischer Vater vollkommen ist«? Er wusste genau, was er sagte! Der Mensch wurde geschaffen, um allwissend, reine Liebe und allmächtig wie sein himmlischer Vater zu werden. Deshalb sind diejenigen Sektierer, die nichts getan haben, als sich auf Gebieten zu entwickeln, die ihnen leicht fielen: der Mathematik, Dichtung, Musik, dem Schwimmen. Ja, wenn ihr die Menschen beobachtet, werdet ihr feststellen, dass die meisten nichts weiter tun, als sich auf diesen so begrenzten Gebieten weiterzuentwickeln. Und schwerwiegend ist, dass sie es nicht einmal wissen.

Der Mensch muss sich also auf den drei Ebenen des Verstandes, des Herzens und des Willens entwickeln. Er muss verstehen, lieben und verwirklichen. Was verwirklichen? Das Reich Gottes und Seine Gerechtigkeit auf Erden. Nur unter dieser Bedingung wird er »gerettet« werden und nicht auf die Weise, wie es sich die meisten Christen vorstellen. Gläubig zu sein und einige gute Werke zu tun –, genügt das, um in den Himmel zu kommen und sich an der rechten Seite des Herrn wiederzufinden? Armer Herrgott, umgeben von groben, unwissenden Menschen, von Vielfraßen, Säufern, Rauchern, Wüstlingen. Wie sie gelebt haben, hat keinerlei Bedeutung. Sie waren gläubig und sahen sich selbst als Gerechte, und so werden sie auf direktem Wege ins Paradies gelangen. Aber folgende Anekdote erzählt, was ihnen widerfahren wird.

In Bulgarien gab es einen Popen, der nicht aufhörte, seine Frau zu tadeln. Er schalt sie eine dumme Sünderin, während er sich selbst als Muster der Vollendung bezeichnete. Eines Tages spürte er, dass er in die jenseitige Welt gehen müsste und verabschiedete sich von seiner Frau: »Auf Wiedersehen, meine Frau, ich werde dich im Paradies wiedertreffen.« Wenig später starb auch sie. Im Paradies angekommen, sucht sie sogleich ihren lieben Gatten. Sie sucht und sucht… und findet ihn nicht! Also wendet sie sich an den hl. Petrus, der in seinem dicken Buch zu blättern beginnt. »Ich finde ihn nicht«, sagt Petrus. »Bestimmt ist er… im Keller!« Und er gibt ihr einen Passierschein für die Hölle. Sie sucht ein wenig, und was sieht sie plötzlich? Ihren Mann in einem Topf kochenden Wassers –, nur der Kopf ist noch zu sehen. Sie ruft: »Oh, mein armer Mann, in welch entsetzlicher Lage bist du nur!« »Beklage mich nicht«, sagt er, »ich habe es noch gut, ich stehe auf dem Kopf des Erzbischofs!«

Und genau dies passiert mit vielen, die sich für so gerecht halten. Sie werden einen kleinen Aufenthalt in der Hölle einschieben, bevor sie auf die Erde zurückkommen, um zu lernen, sich bis zur Vollkommenheit zu entwickeln. Nach dem universellen Einweihungswissen sind die meisten Menschen so lange Sektierer, bis sie vollkommen sind.

Denken wir nur an die weltweit verbreitete Tendenz, für eine Gruppe zu arbeiten, ob Gewerkschaft, politische Partei oder ein Land. Diese Einstellung gilt als großzügig, ist aber in Wirklichkeit zu egozentrisch, zu persönlich. Solange eure Tätigkeit nicht das Glück und den Frieden der ganzen Menschheit im Auge hat, ist sie begrenzt, also sektiererisch. Wenn sogar die Wissenschaft uns enthüllt, dass wir Teil des kosmischen Lebens sind und wenn wir unsere Existenz nicht nur der Erde, dem Wasser, der Luft, der Sonne, sondern auch den Sternen verdanken, warum müssen wir uns dann immer auf uns selbst zurückziehen?

Und übrigens, habt ihr die Geheimnisse dieser Erde enthüllt, dieses Wassers, dieser Luft und dieses Feuers, dank derer unsere Existenz möglich ist? Ihr werdet sagen: »Welche Geheimnisse? Was gibt es da viel zu verstehen? »Sehr viel, und unter anderem dies: Seht euch unseren Planeten an. Das Land umfasst nur einen begrenzten Teil der Oberfläche, das Wasser einen viel größeren, die Luft eine noch größere Oberfläche und das Feuer (das Licht) reicht bis in die Unendlichkeit. Dies bedeutet, dass wir ebenfalls bis in die Unendlichkeit gehen müssen.

Und weiter: Wie lange könnt ihr ohne diese Elemente leben? Ohne Nahrung könnt ihr fünfzig bis sechzig Tage sein, ohne Flüssigkeit nur etwa zehn Tage, ohne Atmung kaum einige Minuten, aber in dem Moment, da euer Herz seine Wärme verliert, sterbt ihr. Dies beweist, dass das feste Element weniger wichtig ist als das flüssige, das flüssige weniger wichtig als das gasförmige und das gasförmige weniger wichtig als das ätherische, das heißt die Wärme, das Licht.

Ihr seht, was der Mensch am meisten braucht, ist dieses ätherische Element, das den Weltraum füllt. Warum suchen die Menschen also nicht die Unendlichkeit, die Universalität, die Freiheit, anstatt sich immer an die kleinen Dinge des Lebens zu klammern und sich dann überfordert und erschlagen zu fühlen? Weil sie eine sektiererische Einstellung haben; das ist die Antwort! Wenn man die Geistlichen nimmt, die Politiker, die Ökonomen usw., wird man nur Sektierer finden. Aber weil sie es selbst als letzte bemerken, sind sie alle bereit, gegen die Sekten zu kämpfen.

Sicherlich gibt es schädliche Sekten –, ich kenne sie aber nicht, weil ich mich darum nicht kümmere, denn meine Arbeit liegt woanders –, und ich finde es ganz normal, dass man ihre Möglichkeiten zu schaden beschränkt. Wer aber glaubt, sich darüber äußern zu müssen, muss ehrlich und ohne Vorurteile sein, fähig zu sehen, wer für Anarchie und Unordnung arbeitet oder für den Frieden, die Gerechtigkeit und das Glück der Menschheit, das heißt, das Reich Gottes und das Goldene Zeitalter.

Jetzt werde ich noch einige Worte als eine Art Zusammenfassung der ganzen Einweihungsphilosophie hinzufügen. In Bulgarien gibt es eine Frau, die weltweit eine der größten Hellseherinnen ist. Ihr Name ist Vanga. Sie hat so oft Beweise ihrer Begabung geliefert, dass selbst die Regierung sich Informationen bei ihr holt. Neben ihrem Haus hat man ein Hotel bauen lassen, um Besucher aus der ganzen Welt zu empfangen. Das Besondere an Vanga ist ihre Blindheit. Wer sie aufsuchen will, muss ihr ein Stück Zucker übergeben, das er berührt hat, und allein mittels dieses Stückchen Zuckers kann sie den Leuten alles über ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft sagen, und zwar mit einer erstaunlichen Genauigkeit.

Wie ist das zu erklären? Ganz einfach! Jedes Wesen strahlt kleine, nicht fühlbare, unsichtbare Partikel aus, die die Wissenschaft noch nicht erforscht hat. Diese Partikel, die in der Atmosphäre herumfliegen, lassen sich auf den Gegenständen nieder und imprägnieren sie. Auf diese Weise lassen wir auf den Gegenständen und den Menschen, mit denen wir Kontakt haben, etwas von unseren Tugenden, unseren Kräften, unserem Licht oder umgekehrt, etwas von unseren Krankheiten, unseren Lastern, unseren Unreinheiten. Ohne uns also dessen bewusst zu sein, tun wir Gutes, und ebenfalls tun wir unbewusst auch Böses. Aber selbst ohne dieses Bewusstsein zeichnen sich unsere Handlungen auf, und eines Tages wird uns vergolten, was wir Gutes getan haben oder wir werden für das bestraft, was wir Schlechtes getan haben.

Die wahre Religion basiert daher auf einer Wissenschaft, die auf der Beobachtung von Phänomenen basiert, die für bestimmte weit entwickelte Wesen sichtbar sind. Es steht jedem frei, dieses Wissen abzulehnen, aber er wird eines Tages sehen, wohin ihn das führt. Auf jeden Fall sage ich euch, dass jeder, der dieses Wissen ignoriert, ein Sektierer ist. Ja, wer sich den Einfluss seiner Gedanken, seiner Gefühle und all seiner inneren Zustände auf die Gemeinschaft nicht bewusst machen will, ist sektiererisch. Er tut, was ihm allein gefällt, ohne sich um das Schlechte zu kümmern, das er bei den anderen bewirkt, noch um das Gute, das er ihnen bringen könnte. Durch diese Haltung begrenzt er sich und ist deshalb ein Sektierer.

 

II

Keine Kirche ist ewig

Es geht den Nationen, Ländern und Völkern wie jedem Menschen, der geboren wird, heranwächst, dann altert und schließlich seinen Platz anderen überlassen muss. Sie folgen derselben Kurve: Sie geben, was sie zu geben haben, und dann erlöschen sie. Man könnte sagen, sie ruhen sich aus, um eines Tages wieder erwachen und neue Schätze hervorbringen zu können. Man hat dies bei allen Nationen gesehen, und es ist sogar das Los der Religionen: Jede erlebt einen großen Aufschwung, kommt zu einer großartigen Entfaltung, einem Höhepunkt, dann erstarrt sie und verliert die Schlüssel zum Leben. Seht, wie viel heute noch übrig geblieben ist, selbst von den Mysterien und den Tempeln des alten Ägypten, das die Schlüssel zu Wissen und Macht besaß? Wo sind alle Hierophanten und all das Wissen geblieben? Sie alle mussten sich den unwandelbaren Gesetzen des Lebens fügen. Jede Form, das heißt jedes Ding oder Wesen, das entsteht, muss vergehen und anderen Platz machen. Nur der Geist, der keinen Anfang und kein Ende hat, verkörpert sich nach und nach wieder in neuen Formen. Gott hat die Form nicht für die Ewigkeit bestimmt; die Form ist zerbrechlich, vergänglich, sie kann der Zeit nicht standhalten. Einzig und allein das Prinzip, der Geist, der der göttlichen Welt angehört, ist unzerstörbar, ist ewig.

Die Menschen, die diese Wahrheit nicht kennen, versuchen immer, die Form zu verewigen. Dies gilt besonders für Religionen, die seit Jahrhunderten an bestimmten Ritualen und Glaubensbekenntnissen festhalten, ohne sich bewusst zu sein, dass diese Riten und Dogmen nur Formen sind, die nicht von Dauer sein können. Das Leben ist ein ewig sprudelnder Quell, das neue Formen braucht, um sich auszudrücken. Das Leben selbst zerbricht also die Formen, denn es benötigt neue Instrumente und Mittler, um neue Schätze, neues Licht und neue Pracht zu offenbaren. Darum müssen die Formen nach einer gewissen Zeit verschwinden, um andere, subtilere Manifestationen zu ermöglichen.

Seht euch den Menschen an: Solange er jung ist, ist das Material seines Körpers äußerst biegsam, geschmeidig und lebendig. Dank dieser stofflichen Eigenschaften kann der Geist sich durch den Intellekt, das Herz und den Willen viel leichter manifestieren. Dann kommt der Mensch unweigerlich in ein Alter, in dem sich diese Form verhärtet und kristallisiert. Dann muss der Geist, der in der alten geschrumpften Form keine Äußerungsmöglichkeit mehr hat, weichen und sich in einer neuen Form inkarnieren.

Man muss die Natur beobachten, um aus ihr gültige Schlussfolgerungen für alle Bereiche zu ziehen. Die Kirchen, die seit Jahrhunderten hartnäckig auf denselben Formen bestehen, sind im Irrtum. Die Form muss ständig verbessert und verfeinert werden, damit sie die neuen, vom Himmel kommenden Strömungen immer mehr und besser ausdrücken kann, denn der Himmel hat die Dinge nicht für die Ewigkeit festgelegt.

Seht nur, wie viel Neues in der Menschheit auftaucht! Warum sollte sich die Form nicht auch mit den neuen Bedürfnissen, den neuen Strömungen verbinden? Im Zeichen des Wassermanns werden jetzt alle alten Formen und Werte, die die Menschen für endgültig hielten, umgestürzt und zerbrochen werden. Die Ansichten der Menschen und die Ansichten der kosmischen Intelligenz sind zweierlei! Die kosmische Intelligenz hat andere Pläne als die Menschen, deshalb wird sie dank den Strömungen des Wassermanns alles umstürzen und den Menschen zeigen, dass sie den Geist nicht in alten Formen begraben dürfen. Was andauern will, muss fähig sein, sich stets zu erneuern. Die Kirche wird heute gerade deshalb mehr und mehr verlassen, weil sie sich nicht erneuert und sich an alte Vorstellungen klammert, die heute keine Gültigkeit mehr haben und ersetzt werden müssen. Damit meine ich natürlich nicht die Prinzipien, auf denen das Christentum aufgebaut ist. Es kann gar keine besseren Prinzipien geben als jene des Christus in den Evangelien. Aber warum besteht die Kirche immer noch auf den alten Bräuchen, die keine Ergebnisse mehr zeigen?

Viele lösen sich von der christlichen Religion, weil die Wissenschaft ihrer Ansicht nach allen Wahrheiten der Evangelien widerspricht oder sie zunichte macht. Aber sie haben nichts verstanden. Ich sage, dass im Gegenteil die Entdeckungen der Wissenschaft die Wahrheiten der Evangelien nur noch unterstreichen.

Ich kann euch zeigen – was ich übrigens bereits getan habe –, dass die Entdeckungen der offiziellen Wissenschaft der Einweihungslehre in keiner Weise widersprechen, sondern ihre Wahrhaftigkeit beweisen. Aber das haben weder die Geistlichen noch die Gelehrten verstanden. Für mich gibt es keinen Widerspruch; die Wissenschaft, die Religion und selbst die Kunst gehen Hand in Hand, denn alle drei sind miteinander verbunden. Die Wissenschaft soll den Menschen das Licht bringen, die Religion soll ihnen die Wärme, die Liebe schenken und die Kunst soll ihnen das schöpferische Handeln eingeben. Warum hat man sie voneinander getrennt, wo sie doch in der Natur, im Leben, im Menschen zusammenhängen und zusammenarbeiten? Die Eingeweihten haben diese drei Gebiete nie voneinander getrennt. Jetzt, da sich die Trennung in der westlichen Kultur vollzogen hat, ist die Religion nicht mehr in der Lage, die Wissenschaftler zurückzuhalten, die sie ablehnen. Aber sie lehnen die Religion nur deshalb ab, weil ihnen das wahre Wissen fehlt. Ihre Wissenschaft ist ausschließlich auf die physische, materielle Ebene ausgerichtet, und sie kennen das wahre Wissen nicht, auf dem alle Religionen beruhen: das Wissen von den drei Welten, nämlich der physischen, psychischen und geistigen Welt. Die Kunst pendelt zwischen Wissenschaft und Religion und legt sich bald mit der einen, bald mit der anderen an.

Wie ich schon sagte, sind Religion, Wissenschaft und Kunst in der Natur eins, nur die Menschen haben sie voneinander getrennt. Solange sie aber diese Trennung aufrechterhalten, bleibt ihnen die Wahrheit verborgen. Wissenschaft, Religion und Kunst bilden eine Einheit, mit der man alles erklären und verstehen kann. Die Wissenschaft ist ein Bedürfnis des Intellekts, das Herz braucht die Religion und der Wille bedarf der Kunst. Er muss etwas ausdrücken, etwas schöpferisch gestalten und aufbauen. Diese drei Bedürfnisse sind miteinander verbunden, denn ihr müsst fühlen, was ihr denkt, um es dann schließlich in die Tat umzusetzen. Übrigens sind viele der heutigen Wissenschaftler Reinkarnationen von Eingeweihten und hohen Priestern der Vergangenheit, die die Mysterien kannten. Die Erfinder von Fernsehen und Radio haben lediglich Kenntnisse angewandt, die sie bereits in ferner Vergangenheit besaßen. Ja, sie waren Eingeweihte im alten Ägypten, denn unsere Epoche weist viele Beziehungen zu der ägyptischen Zivilisation auf, und das ganze heilige Wissen Ägyptens wird nun enthüllt und auf physischer Ebene angewandt werden.

Das Christentum braucht große Veränderungen, denn die Traditionen, auf die es sich beruft, sind unserer Epoche nicht mehr gemäß. Würde übrigens die Religion, so wie man sie heute versteht, wirklich genügen, dann wäre die Menschheit in einem besseren Zustand. Man hat die Religion auf unwirksame Formen reduziert, und man darf sich deshalb nicht wundern, wenn sie heute von den meisten Menschen nicht mehr ernst genommen wird. Die Menschen überlegen mehr und mehr; sie stellen sich Fragen und sind mit dem, was man ihnen bietet, nicht mehr zufrieden. Früher akzeptierten sie alles, was man sie glauben machen wollte. Es gab eine Obrigkeit, die Kirche, die für sie dachte und entschied. Heute dulden es die Menschen nicht mehr, dass andere an ihrer Stelle denken. Dies deutet darauf hin, dass das Christentum neue Formen annehmen muss… bis auch diese eines Tages veraltet sind und ersetzt werden müssen.

Die Form hat die Aufgabe, den Inhalt zu bewahren. Sie gleicht also einem Gefäß, einer Schutzhülle, aber auch einem Gefängnis. Damit der Inhalt nun nicht ewig in einer Form festgehalten wird, muss man das Gefäß öffnen und den Inhalt ausgießen, in eine neue Form, die feiner, geschmeidiger und transparenter ist. Deshalb ist nichts, was auf physischer Ebene erschaffen wurde, von ewiger Dauer.

Die Zeit beeinflusst nicht die Prinzipien, sondern nur die Formen. Der Spruch: »Mit der Zeit vergeht alles«, betrifft also nur die Formen. Die Christen haben noch nicht erkannt, dass die ihrer Religion vor Jahrhunderten gegebene Form nicht ewig andauern kann und geändert werden muss. Aber sie sind hartnäckig und wollen nichts ändern.

Die Universelle Weiße Bruderschaft bringt keine neuen Prinzipien, sondern neue Formen, das heißt neue Methoden, damit sich der Inhalt, der Geist, besser manifestieren und ausdrücken kann. Gerade das ist Evolution: ein Wechsel der Form. Die Frage der Evolution hat die Naturwissenschaftler sehr beschäftigt. Die einen behaupten, dass sich die Formen entwickeln, die anderen, dass die Formen für alle Ewigkeit festgelegt sind, dafür aber die Wesen die Form wechseln. Wo liegt die Wahrheit? Bei der zweiten Hypothese, sie ist die richtige: Die Formen entwickeln sich nicht. Alle Formen der Tiere, Insekten und Pflanzen existieren bereits in der Welt der Archetypen. Die Wesen nehmen die Formen an, verlassen sie dann wieder, um sich in anderen Formen zu verkörpern, genau wie Schauspieler, die bei jeder neuen Rolle ihre Maske wechseln.

Der Geist wechselt also die Form, aber die Formen selbst entwickeln sich nicht. Sie sind seit aller Ewigkeit geschaffen. Selbst die neuen, uns noch unbekannten Formen für Pflanzen und Tiere sind schon auf der Ebene der Archetypen vorhanden. Auch auf uns warten neue Formen. Im Laufe unserer Entwicklung eignen wir uns neue Formen an, denn es gilt immer eine alte Form zurückzulassen und eine neue anzunehmen, eine geschmeidigere, reinere und lichtvollere. Indem wir diese neue Form annehmen, erweitern sich unsere Handlungs- und Manifestierungsmöglichkeiten. Wenn wir hingegen in den alten Formen bleiben, sind wir begrenzt und kommen nie voran. Das haben die Christen nicht verstanden. Sie wollen immer die Form verewigen, aber das ist unmöglich. Es ist eine Haltung, die den Gesetzen der kosmischen Intelligenz widerspricht.

In den himmlischen Werkstätten, in der Welt der Archetypen, ist die Form bereits verewigt. Dort sind alle Formen ewig und dienen den Plänen der kosmischen Intelligenz. Aber wenn der Mensch die Form hier auf Erden verewigen und sich um jeden Preis an der einen oder anderen fest klammern will, provoziert er die unsichtbare Welt, die dann zum Hammer greift und die Formen zersprengt, um ihn zu befreien. Ihr werdet sagen, das sei grausam… Nein, das ist keine Grausamkeit, sondern die Liebe des Himmels, der den Menschen zum Weitergehen zwingen will.

Was geschieht übrigens mit den Menschen von einer Inkarnation zur anderen? Meistens wechseln sie das Geschlecht. Angenommen, ihr wart in einer früheren Inkarnation eine Frau, um zu lernen, die Qualitäten des weiblichen Prinzips zu manifestieren, dann seid ihr jetzt ein Mann, um andere Qualitäten zu manifestieren.

Die Kirche hat die scheinbare Grausamkeit der unsichtbaren Welt, die die Formen sprengt, um neue zu schaffen, noch nicht verstanden. Aber ob sie es versteht oder nicht, die alten Strukturen werden dennoch zerbrochen werden, das versichere ich euch. Die Christen können machen, was sie wollen, die unsichtbare Welt zerschlägt die Formen, weil sie die Menschen befreien und zwingen will, sich weiterzuentwickeln.

Die Universelle Weiße Bruderschaft ist eine neue Form der Religion Christi. Sicher werden die Christen dagegen protestieren und uns bekämpfen, denn sie sind überzeugt, dass sie den überlieferten Traditionen treu bleiben müssen. Aber sie werden sich nicht durchsetzen können, denn die unsichtbare Welt wird ihnen beweisen, dass sie sich irren. Eine neue Form wird also erscheinen und eine gewisse Zeit lang aufrechterhalten werden, um dann eines Tages durch eine neue, bessere ersetzt zu werden. Ihr seht, ich bin gerecht und ehrlich. Ich will euch nicht täuschen und behaupten, dass die Form unserer Lehre ewig sein wird. Wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hat, wird auch sie einer neuen, weiterentwickelten, besser angepassten Platz machen.

Wenn mir jemand als Erklärung, warum er die Lehre der Universellen Weißen Bruderschaft nicht annehmen kann, den Vorwand gibt, er sei katholisch, sage ich ihm: »Gut, wenn Sie sich dort wohl fühlen, dann bleiben Sie dort! Wir aber gehen weiter!« Denn was kann man schon aus den vielen Predigten lernen, die nichts erklären? Wer hat später Schuld, wenn die Menschen Dummheiten machen? Sie treten aus der Kirche aus, weil diese ihnen keine Antwort auf ihre Fragen und Ängste gibt. Die Predigten sind sehr poetisch und moralisch… Ja, ich bin mit ihnen einverstanden, aber man lernt nicht viel dabei; denn es gibt dort kein Wissen, das wirklich den Sinn und das Ziel des menschlichen Daseins erklärt, das seine Gesetze erläutert und zeigt, wie man sich diesen Gesetzen entsprechend verhalten soll. Sie bestehen nur aus Worten; aber wo werden diese Worte umgesetzt? Glaubt ihr, dass die Christen die Evangelien in die Tat umgesetzt haben? Keineswegs! Seht nur, was sich in den sogenannten christlichen Ländern tut!

Wer mit den ewigen und unveränderlichen Christus-Prinzipien arbeiten will, gehört zur Universellen Weißen Bruderschaft. Er zerstört nichts, arbeitet nicht gegen Christus, führt keine neuen Religionen ein, sondern er arbeitet für die neuen Formen, das ist alles. Wer sich hingegen an die alten Formen klammert, zeigt, dass er die Prinzipien nicht verstanden hat. Er bildet sich ein, dass die Form ihn retten würde und schläft unbesorgt im Schutze der Form. Ja, in der Form schläft man ein! Wer sich weiterentwickeln will, der darf nicht zu sehr auf die Formen zählen, sondern muss mit den Prinzipien arbeiten. Ist das Ideal, das ich euch aufzeige, nicht viel lohnender? Christus selbst wird euch sagen, dass es wunderbar ist, denn im Neuen Testament heißt es: »Der Buchstabe tötet, aber der Geist belebt!« Gerade das erkläre ich euch hier: Ja, ständig treibe ich euch an –, dem belebenden Geist entgegen.

Alle, die den Prinzipien den ersten Platz einräumen, gehören der Universellen Weißen Bruderschaft an. Nicht der Bruderschaft hier auf Erden, sondern der Großen Universellen Bruderschaft, die alle lichtvollen Wesen im Universum umfasst. Wir sind nur dazu da, diesen vollkommenen Wesen Wirkungsmöglichkeiten zu verschaffen, damit das Reich Gottes hier auf die Erde kommt. In diesem Sinne ist es zu verstehen, dass die Universelle Weiße Bruderschaft eine neue Form der Religion Christi ist. Also gehört jemand, der mit den Christus-Prinzipien arbeitet, der Universellen Weißen Bruderschaft an. Möglicherweise kennt er uns gar nicht, aber das spielt keine Rolle; er ist trotzdem ein Mitglied der Universellen Weißen Bruderschaft.

Die Menschen werden durch ihre Trägheit dazu getrieben, sich an die Form zu klammern. Sie haben die geistige Aktivität eingestellt und brüsten sich mit etwas Äußerem. Seht die Christen an: Sie wollen nicht lernen, nicht verstehen; sie widersetzen sich jeder Veränderung und glauben, auf diese Art Christus treu zu sein. In Wirklichkeit sind sie aber nur den von den Menschen errichteten Formen treu.

Man muss dem Herrn und nicht nur den Menschen treu sein. Ich habe nichts dagegen, wenn ihr den Menschen treu sein wollt, aber ihr werdet im Staub enden. Was verkörperten diese Menschen, die jahrhundertelang die Kirche regierten? Oft waren es genauso arme Schlucker wie die anderen, wenn nicht sogar Verbrecher. Sobald der eine oder andere ein höheres Verständnis zeigte, wurde er kritisiert und verfolgt. Werft einen Blick in die Geschichte, dann könnt ihr sehen, dass alle, die wirklich Verbesserungen einführen wollten, ausgestoßen, exkommuniziert und verbrannt wurden… Sie hätten den Formen treu bleiben müssen! Aber die Form bringt nicht viel hervor, sie hält die Menschen nur gefangen. Ja, die Form ist das beste Gefängnis, dem der Gefangene nicht mehr entkommen kann.

Gott hat sich durch Jesus offenbart, aber vor Jesus hatte Er sich auch schon durch Moses kundgetan. Moses hat nur deshalb so viel Außergewöhnliches vollbringen können, weil Gott mit ihm war. Dann aber kam Jesus, denn nach einer gewissen Zeitspanne entsprachen die unerbittlichen Gesetze von Moses nicht mehr den Plänen, die die kosmische Intelligenz für die Menschheit hegte. Und warum sollte die kosmische Intelligenz heute nicht auch andere Pläne haben?

Heute hat sich übrigens sogar die Form der Einweihungen geändert. In der Antike erfolgte die Einweihung in den Tempeln, wo der Schüler Feuer-, Luft-, Wasser- und Erdprüfungen bestehen musste. Jetzt vollzieht sich die Einweihung im täglichen Leben. Ohne dass die Schüler etwas davon merken, werden sie von den Eingeweihten in bestimmte Situationen gebracht, vor bestimmte Probleme gestellt und auf ihre Reaktion hin beobachtet. Alle Prüfungen finden im Leben statt. Die vier Elemente sind Teil des Lebens. Hier muss man beweisen, dass man Angst, Begierde, Egoismus, Sinnlichkeit usw. überwunden hat. Ja, es gibt viele Prüfungen, besonders für den, der auf dem Weg der Einweihung vorankommen will: Er muss im Voraus wissen, dass sein Wunsch erhört wird, dass er aber auch geprüft wird. Gerade, wenn er am wenigsten darauf gefasst ist, wird er auf die Probe gestellt, aber hier, im täglichen Leben; denn alle Prüfungen finden im Leben statt. In den kleinsten Einzelheiten wird man überwacht, und oft scheitert man an einer Kleinigkeit, weil man seine Bemühungen für die großen Prüfungen aufgespart hatte!

Es liegt also an euch, aufmerksam und wachsam zu sein und sich zu sagen, dass jede Situation im Leben eine Prüfung sein kann. Bei jeder Prüfung fällen die Wesen der höheren Welt ihr Urteil, und wenn ihr Erfolge verzeichnet, bekommt ihr Auszeichnungen. Aber nicht solche, wie in den Universitäten, die man zerreißen und verbrennen kann, die verblassen oder gestohlen werden können, sondern Auszeichnungen, die sich auf eurem Gesicht und auf eurem ganzen Körper einprägen und die euch niemand nehmen kann. Es ist sogar so, dass die Naturgeister, die diese Auszeichnungen lesen können, euch dann schätzen, euch aufnehmen und beschließen, euch zu helfen. Sie sehen eure Auszeichnungen durch das All, wo immer ihr hingeht. Wenn ihr aber keine Auszeichnungen habt, schenken sie euch keinerlei Beachtung und können euch eventuell sogar verfolgen, weil sie euch als schwach, unwissend und unnütz ansehen.

Behaltet also Folgendes im Gedächtnis: Alles im Leben ist nur das Ergebnis der Beziehungen, die zwischen den zwei entgegengesetzten Polen bestehen: Geist und Materie, Prinzipien und Formen. Die Menschen auf der Erde sind nicht gemacht, um nur mit den Prinzipien zu leben; sie brauchen Formen, auf die sie sich stützen können. Der Geist inkarniert sich in der Gestalt eines Körpers, um sich hier auf der materiellen Ebene offenbaren zu können. Wenn er in die geistigen Regionen zurückkehrt, braucht er die Form nicht mehr; aber hier auf der Erde braucht er sie. Man muss nur wissen, dass die Form nicht dauerhaft ist. Gott hat ihr nicht die Ewigkeit gegeben, und deshalb schickt der Himmel regelmäßig Eingeweihte und hohe Meister, um die Formen zu ändern –, aber nur die Formen und niemals die Prinzipien. Ich wiederhole: Die Prinzipien sind und bleiben gültig und für alle Ewigkeit unveränderlich, denn sie sind die Liebe, die Weisheit, die Wahrheit, die Aufopferung.

 

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Leseprobe Izvor 205 – Die Sexualkraft oder der geflügelte Drache

Leseprobe Izvor 205 - Die Sexualkraft oder der geflügelte Drache

Leseprobe Izvor 205 – Die Sexualkraft oder der geflügelte Drache

I
Der geflügelte Drache

Bei allen Völkern findet man in den Überlieferungen, Märchen und Mythologien das Bild von einer Schlange oder einem Drachen, deren symbolische Bedeutung von einem Kulturraum zum anderen fast die gleiche ist. Unzählige Sagen berichten von einem Drachen, der eine schöne, unschuldige und reine Prinzessin entführt und sie auf einem Schloss gefangen hält. Die arme Prinzessin weint und fleht den Himmel sehnsüchtig an, ihr einen Befreier zu schicken. Aber alle Ritter, die sie befreien wollen, werden einer nach dem anderen von dem Drachen verschlungen, der sich ihre Schätze aneignet und in den unterirdischen Gängen des Schlosses anhäuft. Eines Tages jedoch kommt ein Ritter, ein Prinz, ehrenhafter, schöner und reiner als die anderen. Eine Fee hatte ihm das Geheimnis von dem Sieg über den Drachen anvertraut. Er kannte also die Schwächen des Ungeheuers und wusste, wann und wie er gefesselt oder verwundet werden konnte. Dieser bevorzugte, gut gewappnete und belehrte Prinz trägt den Sieg davon. Er befreit die Prinzessin; und wie süß sind nachher ihre Küsse! Alle seit Jahrhunderten angesammelten Schätze gehören nun dem Ritter, diesem schönen Prinzen, der dank seines Wissens und seiner Reinheit siegreich aus dem Kampf hervorgegangen ist. Daraufhin schwingen sie sich beide auf dem vom Prinzen gelenkten Drachen in die Lüfte und durchziehen die ganze Welt.
Diese Erzählungen, von denen man meistens glaubt, sie seien nur für Kinder bestimmt, sind in Wirklichkeit initiatische Märchen. Wer sie aber richtig auslegen will, der muss mit der Wissenschaft der Symbole vertraut sein. Der Drache ist nichts anderes als die Sexualkraft. Das Schloss versinnbildlicht den Körper des Menschen. In diesem Schloss seufzt die Prinzessin, d. h. die Seele, die von den ungenügend beherrschten sexuellen Trieben gefangen gehalten wird. Der Ritter stellt das höhere Ich, den Geist des Menschen dar. Die Waffen, die er benutzt, um den Drachen zu besiegen, sind die Mittel, die dem Geist zur Verfügung stehen: der Wille und das Wissen, diese Energie zu beherrschen und einzusetzen. Gebändigt wird der Drache zum Untertan des Menschen und dient ihm als Fortbewegungsmittel für die Reise durch das Weltall, denn er hat nämlich Flügel. Obgleich er mit dem Schwanz einer Schlange dargestellt wird – Symbol der unterirdischen Kräfte –, hat er auch Flügel. Ja, all das ist klar und einfach, es ist die ewige Sprache der Symbole.
Eine Variante dieses Abenteuers finden wir in der Geschichte von Theseus, der mit Hilfe des Ariadnefadens das Labyrinth durchquerte, den Minotaurus tötete und wieder zum Ausgang zurückfand. Der Minotaurus ist ein anderes Bild für die Sexualkraft. Er ist ein starker und fruchtbarer Stier, der die niedere Natur verkörpert, die wir wie das Rind anspannen müssen, um die Erde zu bearbeiten. Das Labyrinth hat dieselbe Bedeutung wie das Schloss, es symbolisiert den physischen Körper, und Ariadne ist die höhere Seele, die den Menschen zum Sieg führt.
In den jüdischen und christlichen Überlieferungen entspricht der Drache dem Teufel; und der Teufel riecht angeblich nach Schwefel. Alle diese leicht entzündbaren Stoffe, wie Benzin, Erdöl, Schießpulver und Gasgemische, die Flammen und Explosionen auslösen können, entsprechen in der Natur dem Feuer speienden Drachen. Dieser Drache, der auch im Menschen existiert, ist einem Brennstoff vergleichbar. Wenn der Mensch sich seiner bedienen kann, schöpft er daraus die Kraft, sich in höhere Regionen aufzuschwingen. Wenn er es aber nicht vermag, weil er unwissend, nachlässig oder schwach ist, geht er in Asche auf oder wird in den Abgrund geschleudert.

II
Liebe und Sexualität

Frage: »Meister, würden Sie uns bitte sagen, welche Unterscheidung Sie zwischen Liebe und Sexualität machen, und wie man die Sexualität im spirituellen Leben einsetzen kann?«

Das ist eine wirklich sehr interessante Frage, die das wichtigste Thema des Lebens überhaupt berührt und jedermann betrifft. Ja, die Jungen wie die Alten.
Ich will nicht behaupten, dass ich außerordentlich qualifiziert bin, um alle Fragen, die dieses Problem aufwirft, zu beantworten. Was mich von anderen ein wenig unterscheidet, ist eine ganz bestimmte Einstellung, mit der ich immer alles beurteile; ich habe mein ganzes Leben lang darauf hingearbeitet, um diesen Blickpunkt zu finden. Ich möchte euch also zuerst einmal ein oder zwei Worte sagen, damit ihr mich nicht gleich kritisiert und sagt: »Mein Gott, ich habe Bücher über Liebe und Sexualität gelesen, in denen viel mehr gesagt wird. Dieser Lehrer hat keine Ahnung!« Ja, ich bin unwissend, warum auch nicht? Aber die Autoren jener Bücher hatten nicht meinen Blickpunkt, und sie haben diese Frage nicht so verstanden, wie ich sie verstehe. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch also informieren und alles lesen, was Psychoanalytiker und Mediziner über die Sexualität geschrieben haben. Ich aber möchte euch zu einem anderen, bis jetzt fast unbekannten Blickpunkt führen.
Um welchen Blickpunkt handelt es sich? Manchmal habe ich ihn spaßeshalber mit der folgenden Situation verglichen. Ein Professor mit drei oder vier verschiedenen akademischen Graden arbeitet in seinem Labor an allen möglichen Untersuchungen und Experimenten… Währenddessen ist sein 12-jähriger Sohn, der im Garten spielt, auf einen Baum gestiegen und ruft von dort oben: »Papa, ich sehe Onkel und Tante kommen…« Der Vater, der selbst nichts davon sehen kann, fragt seinen Sohn: »Wie weit sind sie noch entfernt? Bringen sie etwas mit?« Und das Kind gibt ihm genaue Auskunft. Trotz all seiner Wissenschaft sieht der Vater nichts, während das Kind, klein und unwissend wie es ist, sehr weit sehen kann und das nur, weil sein Blickpunkt ein anderer ist: Es ist sehr hoch aufgestiegen, während sein Vater unten blieb.
Das ist natürlich nur ein Beispiel, aber es zeigt euch, dass Kenntnisse und intellektuelle Fähigkeiten zwar nützlich sind, der richtige Blickpunkt aber noch wichtiger ist. Je nach dem, ob man das Universum aus der Sicht der Erde oder der Sonne betrachtet, erhält man ein völlig anderes Bild. Jeder sagt: »Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter…« Ja, das ist ebenso wahr wie falsch. Für den irdischen, den geozentrischen Standpunkt, ist dies zutreffend, aber für den heliozentrischen Blickpunkt, von der Sonne aus gesehen, ist dies falsch. Alle betrachten das Leben vom Standpunkt der Erde, und aus dieser Sicht haben sie natürlich Recht. Sie sagen: »Man muss essen, Geld verdienen und die Vergnügen auskosten.« Würden sie aber den heliozentrischen, d. h. den göttlichen und spirituellen Blickpunkt annehmen, dann würden sie die Dinge ganz anders sehen. Ich habe den letzteren Blickpunkt angenommen und kann euch deshalb das Wesen der Liebe und der Sexualität auf vollkommen andere Weise darlegen.
Zunächst scheint es schwierig, Sexualität von Liebe zu trennen. Alles kommt von Gott und alles, was sich durch den Menschen als Energie manifestiert, ist im Ursprung eine göttliche Energie. Sie hat jedoch verschiedene Auswirkungen, je nachdem, durch welchen Leiter sie sich offenbart. Man kann sie mit Elektrizität vergleichen. Elektrizität ist eine Energie, deren Wesen unbekannt ist; leitet man sie durch eine Lampe, wird sie zu Licht, obwohl sie selbst doch kein Licht ist, durch eine Heizplatte geleitet wird sie zu Wärme, durch einen Magneten zu Magnetismus, durch einen Ventilator zu Bewegung. Ebenso gibt es auch eine kosmische Urkraft, die, je nachdem, durch welches Organ des Menschen sie sich manifestiert, die eine oder andere Ausdrucksform annimmt. Wenn sie sich durch das Gehirn äußert, wird sie zu Intelligenz und Urteilsvermögen, durch den Solarplexus oder das Hara-Zentrum zu Gefühl und Empfindung, durch die Muskulatur zu Bewegung, und wenn sie sich schließlich durch die Geschlechtsorgane ausdrückt, wirkt sie als Anziehungskraft auf das andere Geschlecht. Aber es handelt sich immer um dieselbe Energie.
Die sexuelle Energie kommt also ursprünglich von sehr hohen Ebenen. Wenn sie ihren Weg aber über die Geschlechtsorgane nimmt, erweckt sie Gefühle, Erregungen und ein Verlangen nach Annäherung. Aber in all diesen Manifestationen kann unter Umständen nicht die geringste Liebe zum Ausdruck kommen. So ist es bei den Tieren. Sie paaren sich zu bestimmten Jahreszeiten, aber tun sie das aus Liebe? Oft behandeln sie einander sehr rau, und bei manchen Insekten, wie bei der Gottesanbeterin und bei bestimmten Spinnen, frisst das Weibchen seinen Partner auf. Ist das Liebe? Nein, das ist reine Sexualität. Die Liebe beginnt dann, wenn diese Energie gleichzeitig auch noch andere Zentren im Menschen aktiviert: das Herz, die Seele und den Geist. In diesem Augenblick wird die Anziehungskraft, das Verlangen, sich dem anderen zu nähern, durch Gedanken, Gefühle und ein ästhetisches Schönheitsempfinden erhellt und erleuchtet; und dann handelt es sich nicht mehr um eine rein egoistische Befriedigung, bei der auf den Partner nicht die geringste Rücksicht genommen wird.
Wenn ihr wollt, ist Liebe eine Art von Sexualität, aber erweitert, erhellt und verwandelt. In der Liebe gibt es so viele Nuancen und Ausdrucksformen, dass man sie nicht einmal alle aufzählen und klassifizieren kann. Zum Beispiel kommt es vor, dass ein Mann eine hübsche, junge Frau liebt, ohne sich von ihr körperlich besonders angezogen zu fühlen. Er möchte vor allem, das sie glücklich, gesund, gebildet, reich, gesellschaftlich gut gestellt ist usw. Wie ist das zu erklären? Es handelt sich hier nicht um Sexualität allein, sondern um Liebe; sie findet auf einer höheren Ebene ihren Ausdruck. Dennoch muss auch in dieser Liebe ein wenig Sexualität enthalten sein, denn man kann sich die Frage stellen: Warum fühlt dieser Mann sich nicht zu jemand anderem hingezogen, zu einer alten, hässlichen Frau oder einem anderen Mann? Ja, wenn man genau analysiert, findet man zumindest einen geringen Anteil an Sexualität.
Sexualität und Liebe sind demnach nur eine Frage der Abstufung. Wenn ihr euch nicht auf einige grobe, körperliche Empfindungen beschränkt, sondern fühlt, dass euch subtilere Ausdrucksformen dieser kosmischen Kraft erfüllen, so ist das Liebe, und dann steht ihr mit den himmlischen Regionen in Verbindung. Wie viele Menschen aber trennen sich oder schlagen einander sogar, sobald sie ihr Verlangen befriedigt haben! Für sie kommt es nur darauf an, sich zu entladen, eine Spannung loszuwerden, und wenn sich diese Energie nach einiger Zeit von neuem in ihnen staut, werden sie wieder freundlich und zärtlich, allerdings einzig und allein deshalb, weil sie das Tierische in sich wiederum befriedigen wollen. Wo bleibt hier die Liebe?
Jeder hat Verlangen und Bedürfnisse, das ist ganz normal, besonders wenn man jung ist. Die Natur, die alles vorhergesehen hat, hat dies zur Erhaltung der Art als notwendig erachtet. Wenn Mann und Frau dem anderen Geschlecht gegenüber kalt blieben, wenn sie keine Gefühlsregungen und Triebe hätten, so wäre das das Ende der Menschheit. Daher sorgt die Natur dafür, dass die Wesen sich einander körperlich nähern, die Liebe aber ist etwas ganz anderes.
Man kann sagen, dass die Sexualität eine von Grund auf egozentrische Neigung ist, die den Menschen dazu drängt, nichts als das eigene Vergnügen zu suchen, und das kann ihn zur größten Grausamkeit führen, weil er nicht an den anderen denkt und nur die persönliche Befriedigung sucht. Die Liebe hingegen, die wahre Liebe, denkt zuallererst an das Glück des anderen, sie beruht auf dem Opfer: Opfer von Zeit, Kraft und Geld, um dem anderen zu helfen, um ihm zu ermöglichen, sich zu entfalten und alle seine Fähigkeiten zu entwickeln. Die Spiritualität beginnt genau dort, wo die Liebe die Sexualität beherrscht, wenn der Mensch fähig wird, etwas in sich selbst zum Wohle des anderen aufzugeben. Solange man jedoch zu keinerlei Verzicht fähig ist, äußert man keine Liebe. Wenn sich ein Mann auf ein Mädchen stürzt, denkt er dann an den Schaden, den er ihr dabei zufügen kann? Keineswegs. Um seine Instinkte zu befriedigen, ist er sogar im Stande, sie umzubringen. Genau das ist Sexualität: ein durch und durch animalischer Trieb.
Ihr meint: »Das ist ganz klar, darin liegt nichts Göttliches!« Trotzdem ist die Sexualität göttlichen Ursprungs, doch solange der Mensch sich selbst nicht beherrschen kann, können seine Liebesäußerungen ganz offensichtlich nicht göttlich sein. Das Gute an der Sexualität ist, dass sie zur Erhaltung der menschlichen Rasse dient; richtet man sie aber einzig und allein auf das Vergnügen aus, dann ist sie sinnlose Verschwendung. In letzter Zeit hat man auf diesem Gebiet die unwahrscheinlichsten Dinge erfunden. Abgesehen von der Pille wird auch eine Unzahl anderer Produkte und Gegenstände verkauft, die ich nicht einmal nennen will. Hier handelt es sich nicht mehr um die Erhaltung der Art, sondern ausschließlich um die Lust.
Ich will mich mit dieser Frage nicht länger befassen, um auseinander zu setzen, ob solche Sachen existieren müssen oder nicht. Beim heutigen Stand der Menschheit haben sogar Moralisten und Vertreter der Religion befunden, dass diese Dinge notwendig und unvermeidbar sind, denn die niedere, animalische Natur im Menschen ist immer noch derart stark, dass sie, völlig unterdrückt, noch weitaus schlimmere Folgen nach sich ziehen würde. Ich möchte diesen Punkt also nicht ausdiskutieren, ich finde es nur schade, dass man die Menschen nicht lehrt, welche Vorteile es hat, diese Energie zu lenken und für ein göttliches Ziel, für die spirituelle Arbeit einzusetzen, anstatt zu allen möglichen Produkten und Fabrikaten Zuflucht zu nehmen, um sich ganz den sinnlichen Genüssen hinzugeben.
In ihrem äußerlichen Ausdruck gibt es zwischen Liebe und Sexualität kaum einen Unterschied: die gleichen Gesten, die gleichen Umarmungen, die gleichen Küsse. Der Unterschied liegt in der Richtung der Energieströme. Seid ihr nur von der Sinnlichkeit getrieben, kümmert ihr euch nicht um den anderen; wenn ihr ihn aber liebt, denkt ihr vor allem daran, ihn glücklich zu machen. Im körperlichen Bereich unterscheiden sich Liebe und Sexualität nicht wesentlich voneinander, sie differenzieren sich nur im Unsichtbaren, auf psychischer und spiritueller Ebene. Auf welche Weise? Genau das möchte ich euch erklären.
Keiner, der sich mit der Frage der Sexualität beschäftigt hat, sei er nun Physiologe, Psychiater oder Sexualforscher, hat erkannt, was während der geschlechtlichen Vereinigung im subtilen, ätherischen und fluidischen Bereich vor sich geht. Alle wissen, dass es zu Erregungen, Spannungen und Entladungen kommt, die sogar klassifiziert wurden. Sie wissen allerdings nicht, dass es bei rein körperlicher, biologischer, egoistischer Sexualität in den subtilen Sphären zu allen möglichen vulkanartigen Ausbrüchen kommt, die sich durch sehr grobe Formen und äußerst dichte Emanationen in dunklen, verschwommenen Farben manifestieren, in denen Rot – ein sehr schmutziges Rot – dominiert… All diese Emanationen werden von der Erde aufgesogen, wo schon finstere Wesenheiten darauf warten, ihr Mahl zu halten und sich diese lebenswichtigen Energien gut schmecken zu lassen. Es handelt sich um wenig entwickelte Kreaturen, die sich oft bei Verliebten nähren. Ihr staunt, aber das ist die reine Wahrheit: Verliebte geben Festmahle in der unsichtbaren Welt.
Mitunter gaben früher Könige und Fürsten zur Feier einer Geburt, einer Hochzeit oder eines Sieges Festessen für das Volk, die mehrere Tage andauerten. Da jeder bewirtet wurde, kamen alle Bettler, Landstreicher und Armen herbei, um an der Feier teilzunehmen. Ihr seht also, hier wiederholt sich das gleiche Phänomen, nur in einer Form, die die Wissenschaft noch nicht entdeckt hat. Wenn Mann und Frau sich zueinander hingezogen fühlen, sich lieben und vereinigen, geben auch sie ein Festmahl, und dieses Fest ist vielen anderen Wesen frei zugänglich. Auch wenn ihre Verbindung geheim bleibt, stattet ihnen die unsichtbare Welt ihren Besuch ab. Leider sind es meistens Larven, niedere Elementargeister, die sich auf ihre Kosten amüsieren und alles absorbieren, denn ihre Ausströmungen enthalten nur sehr wenige Elemente für die Seele, für den Geist und für das Göttliche.
Deshalb bringt der körperliche Verkehr den Verliebten nur selten einen Nutzen. Im Gegenteil, sie verlieren sogar etwas dabei: Ihr Blick, ihre Gesichtsfarbe, ihre Bewegungen und ihr ganzes Sein ist nicht mehr so strahlend und lebendig wie zuvor. Ihre Liebe war noch auf einer zu niedrigen Ebene und hat deshalb dunkle Wesenheiten angezogen. Warum haben sie nicht vielmehr die Naturgeister und sogar die Engel und die Wesen des Lichts eingeladen, die auch eine Nahrung brauchen?
Wenn ein Magier eine Zeremonie abhalten will, umgibt er sich zuerst mit einem schützenden Kreis, in dem ihm die übel wollenden Geister, die ihn drohend umkreisen, ihm schaden und ihn vernichten wollen, nichts anhaben können. In diesem Kreis ist der Magier so sicher wie in einer Festung. Die Männer und Frauen haben nie gelernt, wie sie sich vor den dunklen Wesenheiten schützen können, und das hat mich eines Tages dazu gebracht, etwas sehr Gewagtes auszusprechen: Das ganze Unglück der Menschheit ist auf die niederen Liebesäußerungen der Männer und Frauen zurückzuführen. Ja, wenn so viele Kriege und Epidemien ausbrechen, haben diejenigen die Schuld, die sich wie Tiere auf dumme, abstoßende, höllische Art lieben. Mit ihrem Verhalten nähren und stärken sie Wesen, die darauf lauern, der Menschheit zu schaden. Wenn die Männer und Frauen das wüssten, wären sie so traurig, unglücklich und angeekelt über ihr Tun, dass sie versuchen würden, richtig lieben zu lernen.
Die Vergeistigung der Liebe ist die Voraussetzung für die Verwirklichung des Reiches Gottes auf Erden. Alle jene, die Licht und Klarheit haben und ein hohes Ideal der Liebe besitzen, müssen wissen, dass sie mit dieser Energie, mit der Sexualkraft, dem Reich Gottes dienen können. Dann sollen sie einander ruhig lieben und sich küssen, aber mit der Absicht, ihre Liebe der Verwirklichung einer göttlichen Idee zu widmen. Unter dieser Bedingung gehen derart schöne Emanationen von ihnen aus, dass selbst die Engel angesichts einer solchen Schönheit erstaunt und bezaubert sind und den beiden Liebenden Geschenke bringen.
Ich wiederhole also, dass eure Gesten immer die gleichen sind, unabhängig davon, welcher Natur eure Liebe ist: Ihr müsst euch dem geliebten Wesen nähern, es an euch drücken, umarmen und streicheln. Nichts ändert sich. Der Unterschied liegt allein in eurer Einstellung zu diesen Gesten, und darauf kommt es an. Jemand sagt: »Ah, ich habe gesehen, dass Soundso jemanden geküsst hat!« und verurteilt ihn. Der Himmel achtet nicht

auf den Kuss selbst, sondern auf das, was dahinter steckt; und wenn sie einander etwas Schönes und Reines damit schenken, belohnt er sie. Auf der Erde werden sie vielleicht von Unwissenden verurteilt, oben aber erwartet sie eine Belohnung. Wenn ihr in eure Liebe ewiges Leben, Unsterblichkeit, Reinheit und Licht legt, und wenn ihr dem geliebten Menschen helft, aufzusteigen, vorwärts zu kommen und sich zu entfalten, dann ist es wirklich Liebe, denn die wahre Liebe verbessert alles. Liebt ihr aber jemanden, und ihr merkt, dass es mit ihm bergab geht, müsst ihr euch über den Wert eurer Gefühle für ihn befragen und euch sagen: »Ich habe diesen Menschen zerstört. Vorher war er wunderbar und jetzt ist er ruiniert. « Ihr habt also keinen Grund, besonders stolz auf euch zu sein und müsst euch bemühen, eure Fehler wiedergutzumachen. Eure Liebe muss den anderen erheben. Und nur wenn ihr seht, dass er sich unter dem Einfluss eurer Liebe entfaltet, dürft ihr stolz und glücklich sein und könnt dem Himmel danken, dass ihr ihm helfen und ihn beschützen konntet. In der Regel aber kümmern sich die Menschen um derartige Dinge überhaupt nicht, und später kommen sie dann zu mir und sagen: »Ich liebe ihn, oh, ich liebe ihn so sehr…« – »Ja«, antworte ich dann, »ich weiß, dass Sie ihn lieben, aber Sie lieben ihn genauso wie ein Huhn, das in den Kochtopf kommt und verspeist wird: Sie mögen es sehr gern, verschlingen es, und das war’s dann.« Nein, die Liebe darf die Wesen niemals verschlingen oder ihnen schaden. Ihr seht, die Liebe, wie ich sie verstehe, unterscheidet sich sehr wesentlich von dem, was sich die unaufgeklärte, breite Masse der Menschen oder die Jugend unter ihr vorstellen kann.
Die Menschen können nicht richtig lieben, und dann wollen sie sich folgendermaßen bei mir rechtfertigen: »Meister, Sie kennen die menschliche Natur nicht, sie ist fürchterlich!« Ach so, ich kenne also das Wesen der Menschen nicht…! Darauf erwidere ich, dass sie diese Natur ebenso gut bändigen und verfeinern können, wie sie sie so unzähmbar werden ließen. In der Vergangenheit haben sie sich keinerlei Mühe gegeben, und jetzt haben sie natürlich mit einem sehr schwierigen Charakter zu kämpfen. Das ist also die Erklärung; sie sind selbst schuld und können sich nicht rechtfertigen. Viele entscheiden sich dafür, überhaupt keine Anstrengungen mehr zu machen, da man sich angeblich nicht ändern kann. Doch, man kann sich ändern. Ab jetzt sollt ihr euch sagen, selbst wenn ihr auf große Schwierigkeiten stoßt: »Der Meister hat von einer besonderen Liebe gesprochen und die will ich erfahren.« Warum wendet ihr immer ein, dass sich die Realität von dem unterscheidet, was ich euch offenbare? Die »Realität« – als könnte dieses Wort alles entschuldigen! Aber es gibt verschiedene Arten der Realität. Ich bestreite nicht, dass die Sexualität eine Realität ist, aber warum soll man sich nur auf diese niedere, primitive Tatsache beschränken, wenn es noch andere, ebenso reale, aber subtilere Stufen
von ihr gibt? Manche Wesen sind so weit fortgeschritten, dass sie diese Realität erfassen und leben können, und nichts auf der Welt kann sie mehr davon abhalten oder zum Kehrtmachen veranlassen.
Leider kann man aber auch die weniger weit Fortgeschrittenen durch nichts in der Welt dazu bringen, ihren Begriff der Liebe zu erweitern und sie auf eine höhere Ebene zu erheben; sie
missachten alle tiefen Wahrheiten, die ihre Rettung sein könnten, gleiten mehr und mehr in die Triebhaftigkeit ab und fühlen sich dann natürlich innerlich zerrissen und unausgeglichen. Das ist ganz normal, denn ihre Liebe konnte nur einige Minuten bezaubern, und was bleibt ist nur Schlacke und Asche. Man sagt: »Es war so schön!« Ja, es war… aber es ist nicht mehr, es war nur kurz, und aus Gold ist Blei geworden. Die himmlische Liebe jedoch bleibt ewig Gold, nichts kann sie oxydieren. Der Mensch hat eine Erbanlage, mit der er zu kämpfen hat. Seit Tausenden von Jahren hat er sich ein bestimmtes Bild von der Liebe gemacht, das nun in seinen Zellen gespeichert und nur schwer wieder auszulöschen ist. Aber auch wenn ihr eure Auffassung von der Liebe nicht von heute auf morgen ändern könnt, dürft ihr nicht an den Worten der hohen Meister zweifeln. Wenn ihr euch nicht ändern könnt, bedeutet das nichts anderes, als dass ihr entweder verschroben oder schwach seid, nicht aber, dass euch die Eingeweihten täuschen.
Solange ihr niedere Neigungen in euch tragt, müsst ihr sie auch befriedigen. Aber das darf euch nicht daran hindern, an eine mögliche Besserung zu glauben. Sobald es euch gelingt, andere, höhere, göttliche Regungen in euch zu entwickeln, werdet ihr im Ozean der kosmischen
Liebe schwimmen, während ihr euch bis dahin von wenigen, hier und dort verstreuten Tropfen genährt habt. Und bedenkt nur, welche Enttäuschungen und welches Unglück man im Leben auf sich nimmt, um sie überhaupt zu finden! Wenn ihr aber in den kosmischen Ozean getaucht seid, trinkt ihr davon in vollen Zügen und habt es nicht mehr nötig, den anderen ein paar Tröpfchen Liebe zu stehlen. Ich weiß, dass meine Worte für manche unverständlich sind. Aber sie sollen eben ihr Möglichstes tun und hoffen, dass sie in späteren Inkarnationen imstande sein werden, ihre Liebe umzuwandeln. Man soll sich nicht dabei zugrunde richten. Wer bereits in früheren Leben auf diesem Bereich gearbeitet hat, kann sich im Körperlichen leichter mit wenig zufrieden geben, sich später sogar vollkommen befreien und sich an der höheren Liebe auf spiritueller Ebene erfreuen. Natürlich gibt es nur sehr wenige Menschen, die dazu fähig sind. Wie viele Geistliche haben das Keuschheitsgelübde abgelegt, ohne zu wissen, worauf sie sich einließen! Sie waren sehr jung und kannten weder sich selbst noch die menschliche Natur; und eines Tages, als die Instinkte und Leidenschaften in ihnen erwachten, wurden sie davon überwältigt. Welch ein Trauerspiel! Ja, was für ein Trauerspiel für die Nonnen und Mönche in den Klöstern! Es ist vernünftiger, zu heiraten und Kinder zu haben, als sich irgendwo in einem Kloster zu quälen und angeblich die Braut Jesu zu sein, wenn man in seiner Vorstellung dauernd Ehebruch mit anderen begeht. In diesem Fall sollte man lieber aus dem Orden austreten. Gott ist viel großzügiger; Er hat nie verlangt, dass man sich ihm gänzlich weiht, wenn man dafür in Qualen leben muss. Er zieht es vor, dass man eine Frau oder einen Mann und Kinder hat und Gutes tut, anstatt ein unausgeglichenes, verworrenes Leben zu führen und mit all seinen unbefriedigten Wünschen die Atmosphäre belastet. Sogar Heilige wurden ihr ganzes Leben lang von der Sexualkraft gequält, und erst kurz vor ihrem Ende – wenn überhaupt – fanden sie Frieden. Die heilige Therese von Avila war zum Beispiel sehr leidenschaftlich und auch von der heiligen Therese von Lisieux weiß man nicht immer, wie sie gelebt hatte und welchen Versuchungen sie widerstehen musste. Sie war nicht das kleine, liebe Mädchen mit dem zarten, feinen Gesicht, wie sie immer dargestellt wurde. Nein, sie hatte ein kraftvolles und starkes Wesen. Ich schätze sie und habe sie sehr gern, aber ich bin überhaupt nicht damit einverstanden, dass man sie, unter dem Vorwand, den Schein wahren zu müssen, so ungenau darstellt!

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Leseprobe Izvor 204 – Yoga der Ernährung

Leseprobe Izvor 204 - Yoga der Ernährung

Leseprobe Izvor 204 – Yoga der Ernährung

I

Die Er­näh­rung be­trifft das ganze Wesen

 

Meine lieben Brüder und Schwes­tern, die Frage der Er­näh­rung ist von höchs­ter Wich­tig­keit. Nur sehr wenige, selbst unter den Ge­bildets­ten und Fort­geschrit­tensten, wissen darü­ber Be­scheid. Sicher­lich werdet ihr dieses Thema zu­nächst un­inte­ressant finden, aber wenn ihr mir zu­hört und vor allem dann, wenn ihr diese Wahr­heiten in die Tat um­setzt, werdet ihr be­stimmt ein­sehen, dass diese Er­kennt­nisse euer Da­sein be­rei­chern, ver­schö­nern und ver­wan­deln können.

Nehmen wir ein­mal an, ihr habt aus irgend­einem Grund mehre­re Tage lang keine Nah­rung zu euch ge­nommen. Ihr seid der­art ge­schwächt, dass ihr weder gehen noch euch irgend­wie be­wegen könnt. Selbst wenn ihr sehr ge­lehrt oder reich seid, sind alle eure Kennt­nisse und Reich­tümer nichts wert im Ver­gleich zu einem Stück Brot oder einer Frucht, die man euch gibt. Schon beim ersten Bissen fühlt ihr euch neu be­lebt. Ist das nicht wunder­voll? Dieser eine Bissen hat der­art viele Mecha­nis­men und Kräfte in euch aus­gelöst, dass ein ganzes Da­sein nicht aus­rei­chen würde, um sie alle auf­zu­zählen.

Habt ihr auch nur ein ein­ziges Mal an die Kraft der Ele­mente ge­dacht, die in der Nah­rung sind? Ist euch schon ein­mal auf­gefal­len, dass eine Mahl­zeit wirk­samer ist als eure Ge­danken, eure Ge­fühle oder euer Wille, um euch wieder auf die Beine zu brin­gen? Ihr bil­ligt der Nah­rung ledig­lich eine in­stinkt­gelenk­te, aber keine intellek­tuelle, be­wusste Be­deu­tung zu, ob­gleich doch nur sie allein euch Ener­gie und Ge­sund­heit wieder­geben kann. Ge­rade sie er­mög­licht euch das Han­deln, Spre­chen, Fühlen und Denken.

Die Ein­geweih­ten haben der Er­for­schung der Er­näh­rung große Be­deu­tung bei­gemes­sen. Sie haben fest­ge­stellt, dass die Nah­rung, die in den gött­lichen Labora­torien mit un­sag­barer Weis­heit be­reitet wird, magi­sche Ele­mente ent­hält, welche die physi­sche wie auch die psychi­sche Ge­sund­heit er­halten oder wieder her­stel­len und zu den höchs­ten Er­kennt­nissen führen können. Um aber diese Ele­mente nutzen zu können, muss man die dafür nöti­gen Be­din­gungen kennen.

Ge­wiss, man stellt ohne weite­res fest, dass auf der ganzen Welt die Frage der Er­näh­rung an erster Stelle steht. Alle ver­suchen zu­erst ein­mal, diesen Punkt zu regeln. Sie arbei­ten Tag für Tag und kämp­fen sogar dafür — wie viele Kriege und Revolu­tionen sind al­leine aus diesem Grunde aus­gebro­chen! Diese Hal­tung gegen­über der Nah­rung ist jedoch nur ein In­stinkt, den die Men­schen mit den Tieren ge­mein­sam haben. Die spiri­tuelle Be­deu­tung des Essens haben sie da­gegen noch nicht ver­stan­den. Sie können nicht rich­tig essen. Be­obach­tet sie bei den Mahl­zeiten. Sie nehmen die Nah­rung rein mecha­nisch und völlig un­be­wusst auf, schlu­cken ohne zu kauen, wälzen in ihrem Kopf wirre Ge­danken, hegen in ihrem Herzen chaoti­sche Ge­fühle und oft strei­ten sie sogar. Auf diese Weise stören sie die Funk­tionen ihres Orga­nis­mus. Nichts funktio­niert wie es soll, weder die Ver­dauung und die Sekre­tion noch die Aus­schei­dung der Schad­stoffe.

Tau­sende von Leuten machen sich un­be­wusst durch ihre Er­näh­rungs­weise krank. Seht ein­mal, was sich in den Fami­lien ab­spielt: Vor dem Essen hat sich keiner etwas zu sagen, jeder hockt in seiner Ecke, der eine liest, der andere hört Radio oder bas­telt… Aber sobald sie am Tisch sitzen, haben alle etwas zu er­zählen oder wollen sogar mit einan­der ab­rech­nen. Sie reden, disku­tieren und strei­ten sich. Nach einer sol­chen Mahl­zeit fühlt man sich schwer­fällig, schläf­rig, muss sich aus­ruhen oder sogar schla­fen, und dieje­nigen, die sofort wieder an die Arbeit müssen, tun sie ohne Lust und Be­geiste­rung. Wer jedoch rich­tig zu essen ver­steht, der ist nach der Mahl­zeit hell­wach und gut ge­launt.

Ihr fragt: »Aber wie soll man denn essen?« — Ich will euch er­klären, wie ein Ein­geweih­ter die Er­näh­rung auf­fasst. Da er immer ver­sucht, die besten Be­din­gungen zu schaf­fen, um die in den Labora­torien der Natur be­reite­ten Ele­mente auf­zu­nehmen, be­sinnt er sich erst ein­mal, ver­bindet sich mit dem Schöp­fer und vor allem unter­hält er sich nicht beim Essen. Er isst in tiefem Schwei­gen.

Man darf die Stille beim Essen nicht aus­schließ­lich als einen klös­ter­lichen Brauch an­sehen. Ein Weiser, ein Ein­geweih­ter isst schwei­gend. Er kaut den ersten Bissen be­wusst und so lange wie mög­lich, bis er sich im Mund auf­löst, ohne dass er ihn schlu­cken muss. Es ist außer­ordent­lich wich­tig, in wel­chem Zu­stand man den ersten Bissen zu sich nimmt, denn dieser erste Bissen setzt alle mög­lichen Mecha­nis­men in uns in Gang. Man muss sich also vor­berei­ten, um die best­mög­lichen Voraus­set­zungen dafür zu schaf­fen. Ihr dürft nie ver­gessen, dass der wich­tigste Moment einer Hand­lung ihr Be­ginn ist. Er gibt das Signal, das die Kräfte aus­löst, die dann nicht auf halbem Wege ste­hen blei­ben. Wenn ihr in einem Zu­stand der Harmo­nie be­ginnt, läuft auch das Übrige in Harmo­nie ab.

Man soll lang­sam essen und gut kauen — das för­dert die Ver­dauung, ge­wiss, aber es gibt noch einen ande­ren Grund: Der Mund, der als erster die Nah­rung auf­nimmt, ist das wich­tigste, das spiritu­ellste Labora­torium des Kör­pers. Der Mund hat die glei­che Funk­tion wie der Magen, jedoch auf einer sub­tile­ren Ebene; er nimmt die ätheri­schen Teil­chen der Nah­rung auf, die feins­ten und stärks­ten Ener­gien. Die groben Stoffe werden an den Magen weiter­gelei­tet.

Im Mund be­finden sich außer­ordent­lich ver­fei­nerte Ein­rich­tungen, und zwar die auf und unter der Zunge lie­genden Drüsen, die die Auf­gabe haben, die ätheri­schen Teil­chen der Nah­rung auf­zu­fangen. Wie oft habt ihr schon fol­gende Erfah­rung ge­macht: Wenn ihr aus­gehun­gert wart, keine Ener­gie hattet, habt ihr etwas ge­gessen… schon die ersten Bissen haben euch wieder fit und munter ge­macht, noch be­vor die Nah­rung selbst ver­daut wurde. Wie konnte dies so schnell ge­sche­hen? Schon im Mund hat der Orga­nis­mus Ener­gien, ätheri­sche Ele­mente auf­genom­men, die das Nerven­system ver­sorgt haben. Noch be­vor der Magen die Nah­rung auf­genom­men hat, ist das Nerven­system be­reits er­nährt.

Ihr dürft euch nicht wun­dern, wenn ich von ätheri­schen Ele­menten spre­che, die der Nah­rung ent­nommen werden müssen. Eine Frucht zum Bei­spiel be­steht aus festen, flüs­sigen, gas­förmi­gen und ätheri­schen Stof­fen. Jeder kennt die festen und die flüs­sigen Stoffe, aber nur wenige küm­mern sich um die viel feine­ren Duft­stoffe, die dem Be­reich der Luft an­gehö­ren. Die ätheri­sche Seite jedoch, die mit den Farben der Frucht und vor allem mit ihrem Leben ver­bunden ist, wird voll­kommen igno­riert und ver­nach­lässigt. Doch ge­rade sie ist von größ­ter Wich­tig­keit, denn mit den ätheri­schen Teil­chen der Nah­rung nährt der Mensch seine feinst­off­lichen Körper.

Der Mensch be­sitzt nicht nur einen physi­schen, son­dern noch andere, viel fei­nere Körper, die Sitz seiner psychi­schen und spiritu­ellen Fähig­keiten sind (Äther-, Astral-, Mental-, Kausal-, Buddha-, Atmanleib). Des­halb stellt sich ihm die Frage, wie er diese feinst­off­lichen Körper, die durch seine Un­wissen­heit oft ohne Nah­rung blei­ben, er­nähren soll. Er weiß un­gefähr, was er seinem physi­schen Körper geben muss (ich sage: un­gefähr, denn die meis­ten Men­schen essen Fleisch und schä­digen damit ihre physi­sche und psychi­sche Ge­sund­heit), aber er ist un­fähig, seine ande­ren Körper zu er­nähren: den Äther­leib (oder Vital­körper), den Astral­leib (Sitz der Ge­fühle und Empfin­dungen), den Mental­leib (Sitz des Intel­lekts) und noch viel weni­ger die ande­ren höhe­ren Körper.

Wenn ich euch emp­fehle, die Nah­rung gut zu kauen, so be­zieht sich dies haupt­säch­lich auf den physi­schen Körper. Für den Äther­leib muss man die Atmung hin­zufü­gen. Ge­nau wie die Luft die Flamme ent­facht – ihr wisst, dass man blasen muss, um ein Feuer wieder auf­flam­men zu lassen – ebenso för­dern tiefe Atem­züge wäh­rend der Mahl­zeit die Ver­bren­nung. Die Ver­dauung ist nichts ande­res als eine Ver­bren­nung, ge­nau wie das Atmen und das Denken. Der Unter­schied liegt nur im Wärme­grad und in der Rein­heit der Mate­rie. Ihr sollt also beim Essen von Zeit zu Zeit inne­halten und tief atmen, damit der Äther­leib durch diese Ver­bren­nung der Nah­rung die feine­ren Teil­chen ent­nehmen kann. Da der Äther­leib Träger der Vitali­tät, des Ge­dächt­nisses und der Emp­find­sam­keit ist, werdet ihr von seiner guten Ent­wick­lung profi­tieren.

Der Astral­leib nährt sich von Ge­fühlen und Empfin­dungen, also von Ele­menten, die noch feinst­off­licher sind als die ätheri­schen Teil­chen. In­dem ihr euch der Nah­rung einige Augen­blicke in Liebe zu­wendet, be­reitet ihr euren Astral­leib vor, ihr noch wert­vol­lere Teil­chen als die ätheri­schen Sub­stan­zen zu ent­nehmen. Wenn der Astral­leib diese Ele­mente auf­genom­men hat, kann er die höchs­ten und erha­bensten Empfin­dungen ver­mit­teln: die Liebe zur ganzen Welt, das Ge­fühl glück­lich zu sein, im Frie­den und in Harmo­nie mit der Natur zu leben.

Leider ver­lieren die Men­schen all­mäh­lich dieses Ge­fühl: Sie nehmen den Schutz, die Für­sorge, die Liebe und die Freund­schaft der Dinge, der Bäume, der Berge und der Sterne nicht mehr wahr. Sie sind be­unru­higt und ver­wirrt, auch wenn sie bei sich zu Hause in Sicher­heit sind. Sogar wäh­rend des Schlafs haben sie den Ein­druck, be­droht zu werden. Dies ist rein sub­jektiv; in Wirk­lich­keit sind sie gar nicht be­droht. In ihrem Inne­ren jedoch ist etwas zu­grun­de gegan­gen, sie fühlen sich nicht mehr von der Mutter Natur ge­schützt, weil ihr Astral­leib keine Nah­rung er­halten hat.

Wenn ihr euren Astral­leib nährt, könnt ihr Ge­fühle un­be­schreib­lichen Wohl­empfin­dens er­leben, die euch zur Groß­zügig­keit und zum Ent­gegen­kommen an­regen. Bei wich­tigen Fragen wird es euch leicht fallen, euch offen­herzig und ver­ständ­nis­voll zu zeigen und nach­zu­geben.

Um seinen Mental­leib zu er­nähren, rich­tet ein Ein­geweih­ter alle seine Ge­danken auf die Nah­rung, er schließt sogar die Augen, um sich besser konzen­trieren zu können. Da die Nah­rung für ihn eine Offen­barung Gottes dar­stellt, be­müht er sich, sie in all ihren Aspek­ten zu er­fassen: woher sie kommt, was sie ent­hält, welche Eigen­schaf­ten ihr ent­spre­chen, welche Wesen­heiten sich mit ihr be­fasst haben, denn an jedem Baum und an jeder Pflan­ze arbei­ten un­sicht­bare Wesen. In­dem er seinen Geist auf diese Über­legun­gen konzen­triert, ent­nimmt er der Nah­rung Ele­mente, die über jenen der Astral­ebene stehen. Durch sie wird ihm Klar­heit zu­teil, eine tiefe Durch­drin­gung des Lebens und der Welt. Nach einer so ein­genom­menen Mahl­zeit ver­lässt er den Tisch mit einem der­art klaren Geist, dass er die schwie­rigste Ge­danken­arbeit an­gehen kann.

Die meis­ten Men­schen glau­ben, dass lesen, stu­dieren und über­legen ge­nügt, um die intellek­tuellen Fähig­keiten zu ent­wi­ckeln. Nein, Stu­dium und Ge­dächt­nis­trai­ning sind un­ent­behr­liche, aber un­zurei­chende Aktivi­täten. Wäh­rend der Mahl­zeit muss auch der Mental­leib ge­nährt werden, um wider­stands­fähig zu werden und länge­ren An­stren­gungen ge­wach­sen zu sein.

Man muss ver­stehen, dass der Astral- und der Mental­leib Träger der Ge­fühle und Ge­danken sind, und dass diese beiden Körper eine ent­spre­chende Nah­rung brau­chen, damit der Mensch seine Auf­gabe im Be­reich des Ge­müts und des Intel­lekts er­füllen kann.

Außer dem Äther-, Astral- und Mental­leib be­sitzt der Mensch noch andere Körper von spiritu­eller Essenz, die auch er­nährt werden müssen: Kausal-, Buddha- und Atmanleib, der Sitz des Ver­stands, der Seele und des Geis­tes. Ihr nährt sie durch eure Dank­bar­keit dem Schöp­fer gegen­über. Das Ge­fühl der Dank­bar­keit, das die Men­schen immer mehr ver­lieren, wird euch die himmli­schen Tore öffnen, durch die ihr den größ­ten Segen er­halten werdet. Dann wird sich alles vor euch ent­hüllen, ihr werdet sehen, fühlen, leben! Dank­bar­keit kann die grobe Mate­rie in Licht und Freude ver­wan­deln. Also muss man lernen, mit ihr zu arbei­ten.

Wenn ihr diese drei höhe­ren Körper er­nährt, werden die feinst­off­lichen Teil­chen, die ihr auf­genom­men habt, an das Ge­hirn, an das Sonnen­ge­flecht und an alle Organe weiter­gelei­tet. Dann werdet ihr euch lang­sam be­wusst, dass ihr andere Be­dürf­nisse habt, Freu­den höhe­rer Natur emp­findet, und dann bieten sich auch euch viel grö­ßere Mög­lich­keiten.

Nach dem Essen soll­tet ihr nicht gleich auf­stehen und euch auf die Arbeit stür­zen, auch nicht ein oder zwei Stun­den im Sessel oder auf dem Sofa liegen. Wenn ihr euch hin­legt, um — an­geb­lich — aus­zu­ruhen, ruht ihr euch in Wirk­lich­keit gar nicht aus, son­dern werdet schwer­fällig und euer Orga­nis­mus wird träge. Be­sinnt euch nach der Mahl­zeit noch ein wenig und macht einige tiefe Atem­züge. Sie werden für eine bes­sere Ver­tei­lung der Ener­gien im Orga­nis­mus sorgen. Dann fühlt ihr euch ge­stärkt und fit für alle mög­lichen Arbei­ten.

Es ge­nügt nicht, die Mahl­zeit nur gut zu be­ginnen, ihr müsst sie auch so gut wie mög­lich be­enden, damit sie den ver­schie­denen Arbei­ten, die auf euch warten, einen guten Start gibt. Ihr dürft nie ver­gessen, dass jede Aktivi­tät ihren An­fang hat, und dass ge­rade der An­fang der aus­schlag­ge­bende Moment ist.

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Leseprobe Izvor 200 – Hommage an Meister Peter Deunov

Leseprobe Izvor 200 – Hommage an Meister Peter Deunov

 

 »Ein Meister ist wie ein Vogel, der zu euch kommt
und für euch singt, um euch auf den Weg
zum verwunschenen Schloss zu führen.
An dem Tag, an dem ihr keine Gefahr mehr lauft,
euch zu verirren,
kann euch der Vogel verlassen, er fliegt davon.«

           Omraam Mikhaël Aïvanhov

 

Wenn ich euch erzählen würde, wie groß meine Freude und wie beglückt ich an dem Tag war, als ich dem Meister begegnete, ihr würdet es mir nicht glauben! Damals war ich sehr arm und besaß nichts weiter als ein Bett, eine Geige und einige Bücher. Wochenlang verbrachte ich meine Zeit in den Bergen mit Lesen und Meditieren und von Zeit zu Zeit ging ich ein wenig arbeiten, um mir einige Groschen zu verdienen. Und hättet ihr die Schuhe und die Kleider gesehen, die ich trug! Aber ich war glücklich, denn ich fühlte mich reich, sagenhaft reich; reich, weil ich wusste, dass es meinen Meister gab. Ich hatte das Gefühl, dass mein Kopf und mein Herz alle Schätze des Universums enthielten. Einen Meister zu haben, begreift ihr das! Ich wusste, dass ich durch ihn Himmel und Erde besitzen würde, dass ich die mir kostbarsten Wünsche verwirklichen würde.

Es gibt leider nur sehr wenige Menschen, die ein Gespür dafür haben, was ein Meister für die Ausrichtung ihres Schicksals bedeuten kann, ein Gespür dafür, was seine Gegenwart in ihrem Leben alles in Ordnung bringen, verbessern und harmonisieren kann. Einen Meister zu haben, bedeutet ihnen nichts, denn sie wissen, durch ihn wird es mit ihrer Ruhe vorbei sein. Der Meister wird ihnen ihre Mängel aufzeigen und die Gefahren der Wege, die sie oft einschlagen; dann fühlen sie sich natürlich ein wenig gebremst und genau das wollen sie nicht. Und das ist schade, weil sie mit dieser Einstellung geradewegs auf größere Leiden und Beschränkungen zusteuern, als sie zu erdulden hätten, wenn sie auf die Ratschläge eines  Meisters hören würden. Ich allerdings, ich habe seit meiner frühesten Jugend gespürt, dass ich einen Meister brauchte, und gerade das hat mich gerettet.

Als ich dem Meister Peter Deunov begegnete, war ich siebzehn Jahre alt und wohnte in Varna am Schwarzen Meer. Und dass ich ihn gerade zu dieser Zeit getroffen habe, lag daran, dass infolge allerlei Intrigen der Klerus der orthodoxen Kirche bei der Regierung erwirkt hatte, dass er Sofia, wo er sich niedergelassen hatte, verlassen musste. Er wurde in die Stadt Varna ins Exil geschickt, in deren Nähe er übrigens geboren war und wo er lange Zeit gewohnt hatte.

Leseprobe Izvor 200 - Hommage an Meister Peter Deunov

Der Meister war der Sohn eines Popen der bulgarischen orthodoxen Kirche. Sein Vater wünschte natürlich, dass er den gleichen Weg einschlüge und auch Pope würde. Aber das hat der Meister abgelehnt. Er kannte zu gut dieses Milieu des Klerus, seine Mentalität, und er wusste, was in ihnen vorging, und davon war er nicht sonderlich begeistert. Er hätte ebenso gut Pastor werden können, denn schon in seiner Jugendzeit hatte er eine protestantische Schule in Bulgarien besucht und danach sein Theologiestudium – sowie ein Medizinstudium – in den Vereinigten Staaten weitergeführt. Obwohl man bei seiner Rückkehr erwartete, dass er ein Amt in der evangelischen Kirche annehmen würde, wies er auch dies zurück. Er spürte, dass er eine andere Berufung hatte.

Als er dann anfing, Vorträge zu halten und einige Schüler um sich zu scharen, stellte sich der Klerus der orthodoxen Kirche dem Meister unverzüglich in den Weg. Warum? Oh, das ist ganz einfach! Zu allen Zeiten und in allen Religionen war der Klerus stets der Ansicht, dass außerhalb der etablierten Kirchen nichts Gutes entstehen könne. Meinetwegen, wenn die Kirchen ihre Aufgabe ordentlich erfüllen würden, hätte man ihnen nichts vorzuwerfen; aber oft machen sie nichts weiter, als die Gläubigen in engen und beschränkten Lebensauffassungen festzuhalten. Denn was verlangt man schließlich von ihnen? Sie sollen glauben, regelmäßig zum Gottesdienst kommen, einige Gebete hersagen, fromme Lieder singen und Moralpredigten anhören, das ist alles! Wie kann die Kirche glauben, dies genüge, um die Menschen umzuwandeln und Gott näher zu bringen? Aber will man sie wirklich umwandeln und Gott näher bringen? Und wie viele gibt es sogar in der Priesterschaft, die tatsächlich ein beispielhaftes Leben führen, in wahrer Übereinstimmung mit den heiligsten Prinzipien ihrer Religion?

Nach und nach wurden die Person und die Aktivitäten des Meisters zu einem richtigen lebenden Vorwurf für die Bischöfe. Er schien ihnen zu sagen: »Wie weit seid ihr doch entfernt von den Wahrheiten des Evangeliums! Wie sehr unterscheidet sich euer Leben von dem, was Jesus gelehrt hat! Ihr müsst euch korrigieren.« Aber anstatt dies zu akzeptieren, beschuldigten sie den Meister, ein Häretiker zu sein, ein falscher Prophet. Hätte er ein völlig mittelmäßiges Leben geführt, dann hätten sie ihn in Ruhe gelassen, er aber wollte auf den Spuren Christi wandeln und so haben sie ihn verfolgt. Nach einiger Zeit haben sich die Bischöfe mit einigen Regierungsmitgliedern zusammengetan, um ihn ins Exil zu schicken. Dieser Schritt der Bischöfe war ein Beweis ihrer Schwäche. Der Meister wurde aufgefordert, Sofia zu verlassen. Er blieb friedlich und begab sich mit einigen Schülern nach Varna. Das war im Jahre 1917.

Zu dieser Zeit bewohnte ich ein Haus, das meinen Eltern gehörte und das sich, ohne dass ich es wusste, nur einige Schritte weit von dem entfernt befand, wo der Meister früher gewohnt hatte, bevor er nach Sofia gegangen war. Ich erinnere mich noch gut daran, das war wirklich die außergewöhnlichste Straße der Stadt auf Grund ihrer starken Abschüssigkeit. Jeden Morgen, wenn ich zur Schule ging, musste ich diesen steilen Weg hinaufgehen, und im Winter war schon große Vorsicht geboten, denn das Eis verwandelte ihn manchmal in eine wahre Rutschbahn. In dieser Straße, die zudem sehr lang war, befand sich die Kirche, in welcher der Vater des Meisters das Amt des Popen innegehabt hatte; so war er in ein Nachbarhaus gezogen, und der Meister hatte dort mehrere Jahre lang gewohnt.

Das Exil des Meisters in Varna wurde für mich zu einem glücklichen Ereignis. Durch diesen Umstand habe ich ihn kennen gelernt, und mein Leben bekam seine endgültige Ausrichtung.

Schon beim ersten Anblick war ich wie geblendet. Sein Gesicht, seine Ausstrahlung, der Frieden, der von ihm ausging, der feierliche Ernst seines Auftretens, die Anmut seiner Gesten, sein Gang, seine Art zu sprechen, sein Blick, sein Lächeln, alles entstammte einer anderen Welt. Sein ganzes Wesen ließ die lange Arbeit der Eingeweihten und der Meister spüren, eine Arbeit voller Geduld, voller Beharrlichkeit, voller Edelmut und Selbstlosigkeit. Eine durch ihre Tiefe, ihren Reichtum und ihre Schönheit unermessliche Welt, das war es, was der Meister mitbrachte.

Leseprobe Izvor 200 - Hommage an Meister Peter Deunov

Was mich dann weiterhin noch sehr beim Meister beeindruckte, das war seine Würde. Aber es dürfte euch schwer fallen zu begreifen, was ich damit meine, denn für viele ist die Würde kein klarer Begriff, sie neigen dazu, sie mit Stolz oder Hochmut zu verwechseln. Die Würde des Meisters, das war sein Bewusstsein der Schätze, die Gott in ihn gelegt hatte, und der Wille, diese unversehrt zu bewahren. Ja, wahre Würde besteht in der Achtung all dessen, was Gott uns gegeben hat, zunächst einmal für unseren physischen Körper, aber auch für unser Herz, unseren Intellekt, unsere Seele und unseren Geist. Wie oft habe ich bemerkt, wie der Meister sich gegen jegliche körperliche oder seelische Beschmutzung abschirmte. Man spürte, dass er beständig darauf achtete, seine inneren Reichtümer zu erhalten, um sie eines Tages dem Schöpfer in noch größerer Fülle und größerem Glanz zurückgeben zu können.

Und diese Würde, diese Selbstachtung wollte er auch seinen Schülern vermitteln, indem er ihnen bewusst machte, dass sie Tempel, Heiligtümer des Ewigen sind, wo nur reine Nahrung, reine Gedanken, reine Worte und reine Empfindungen hinein- und herausdürfen. Alle diejenigen, die nicht darauf aufpassen, was in sie hineingelangt oder aus ihnen herauskommt, die sich hinreißen lassen, um irgendetwas zu machen, sich mit irgendetwas zu beschäftigen, ganz gleich, was zu sagen oder zu denken, die können sich ihrer wahren Menschenwürde nicht bewusst werden.

Was ich euch nun erzählen werde, hat sich in Varna zugetragen, in der Anfangszeit meiner Bekanntschaft mit dem Meister, als ich ihm einen Besuch abstattete. Es war während des Balkankrieges. An jenem Abend hatten wir viel miteinander gesprochen, und ich war recht spät dran. Die Zeit der nächtlichen Ausgangssperre war längst erreicht. An einer Straßenecke lief ich plötzlich zwei berittenen Wachleuten in die Arme, die mich aufhielten und fragten: »Wohin wollen Sie denn noch so spät?« – »Ich geh‘ nach Hause.« – »So, so, dann kommen Sie erst mal mit.« Ich musste mitgehen. Dabei dachte ich an den Meister und war so glücklich über unsere Unterhaltung, dass es mir völlig gleich war, ob ich die Nacht im Gefängnis verbringen würde… Auf einmal, ganz ohne Grund, änderten die Wachleute ihr Verhalten und sagten: »Gut, gehen Sie zu! Gehen Sie nach Hause. Wir begleiten Sie noch ein Stück, damit Sie nicht von der nächsten Wache angehalten werden; aber lassen Sie sich nicht einfallen, wieder um diese Uhrzeit auf die Straße zu gehen.« Ich war sehr froh über ihr Einlenken, und am folgenden Tag hatte ich den Zwischenfall bereits vergessen.

Einige Tage darauf ging ich wieder zum Meister. Er empfing mich lächelnd und meinte: »Wie ist es ausgegangen neulich abends? Die Wachleute waren freundlich, nicht wahr?« – »Was, Sie wissen, was passiert ist, Meister? Was haben Sie gemacht?« – »Ich habe den Wachleuten gesagt: Lasst ihn in Frieden heimgehen, er ist ein guter Schüler.« Nach diesem Zwischenfall habe ich begriffen, wie sehr es für den Meister, der hellsehen konnte, ein Leichtes war, so im Unsichtbaren zu sprechen. Alle, die sich hinsichtlich der Realität der Gedanken Fragen stellen, ob diese sich wohl frei im Raum bewegen können und ob das menschliche Gehirn sie auffangen kann, werden über diese Tatsachen nachdenken. Der Meister hatte den Wachleuten gesagt: »Das ist ein guter Schüler, lasst ihn«, und ihre Seelen waren gehorsam, denn der Aufruf eines Meisters ist ein Befehl.

Manchmal, wenn wir miteinander sprachen, betrachtete der Meister den Himmel und beobachtete die von den Wolken gebildeten Figuren. »Mikhaël«, sagte er zu mir, »heute Nachmittag werden drei Leute aus Sofia zu mir kommen.« – »Woran sehen Sie das, Meister?« – »Die Wolken kündigen es mir an«, antwortete er, »sie benachrichtigen mich.« In welcher Sprache sie das taten, das weiß ich nicht, aber durch den Meister habe ich viel zu diesem Thema gelernt. Er hat mir auch erklärt, dass die Wolken, die man über einer Stadt sieht, die Gesinnung ihrer Bewohner erkennen lassen.

Zu einer bestimmten Zeit wohnte ich mit einem meiner Freunde zusammen. Als ich eines Tages nach Hause kam, sagte mir mein Freund, dass ein Dieb bei uns eingedrungen war und etliche Sachen hatte mitgehen lassen, unter anderem einen Radioapparat und eine Uhr, die mir gehörten. Ich hatte den Meister sagen hören, dass uns oft deshalb Diebe Dinge entwenden, weil sie uns aus irgendwelchen Gründen nicht wirklich gehören. So antwortete ich meinem Freund: »Wenn das wirklich unsere Sachen sind, dann werden wir sie zurückbekommen; wenn wir sie nicht zurückbekommen, dann gehören sie uns nicht, wir brauchen uns also nicht zu beklagen.« Mein Freund war sehr intelligent, aber vor allem auch sehr praktisch veranlagt. Er fand meine Scherze ein wenig fehl am Platze und zog es vor, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, wobei er seinen und meinen Namen angab.

Zwei Tage später wurde ich ins Kommissariat vorgeladen. Ich ging hin, und als der Kommissar mich sah, sagte er: »Sie sind ein Schüler von Herrn Deunov, nicht wahr?« – »Ja, woher wissen Sie das?« – »Das sehe ich Ihrem Gesicht an.« – »Sie kennen also den Meister?« – »Ja, ich kenne ihn und ich werde Ihnen erzählen woher.« Und er begann, wobei er den Dieb völlig vergaß: »Welch ein Glück für Sie, einen solchen Meister zu haben! Warum ich das denke? Also, während des Krieges war ich an der mazedonischen Front. Mein Vater war damals Gouverneur von Varna. Zu der Zeit war es äußerst schwierig, Briefe zur Front zu schicken oder von dort zu erhalten, und mein Vater, der ohne Nachricht von mir war, machte sich Sorgen. Als er erfuhr, dass Ihr Meister sich in Varna aufhielt, ging er zu ihm mit der Frage, ob er ihm sagen könne, wo ich mich befand. Der Meister schloss einen Moment lang die Augen, um mich zu suchen und antwortete dann: »In diesem Augenblick befindet sich Ihr Sohn mit Kameraden in einem Wald; sie verstecken sich, weil Flugzeuge das Gehölz überfliegen und Bomben abwerfen, und sie haben Angst, weil dieser Platz sehr den Angriffen ausgesetzt ist. Wasser fließt auch in ihrer Nähe. Jetzt fällt eine Bombe dort, wo sie sich versteckt halten… Ihr Sohn ist verwundet, aber nicht tödlich getroffen. Seien Sie ohne Sorge, er wird gerettet werden. Ich kann Ihnen versichern, dass er nicht sterben und bald nach Varna zurückkehren wird. Holen Sie ihn an folgendem Datum vom Bahnhof ab (der Meister gab Tag und Stunde genau an), er wird an dem Tag ankommen und einen Fisch mitbringen.« Mein Vater war tief gerührt und ging beruhigt heim. An dem Tag, den der Meister angegeben hatte, erwartete er mich mit Freunden am Bahnhof und sah mich zu seiner großen Freude ankommen – mit einem Fisch!

Mein Vater, der auch wusste, dass der Meister Phrenologe war und an der Schädelform die Veranlagung eines Menschen ablesen konnte, brachte mich später einmal zu ihm hin, um meinen Kopf in Augenschein nehmen zu lassen; ich erinnere mich aber nicht mehr daran, was er dazu sagte, denn damals war ich noch recht unbekümmert und nicht in der Lage, die Worte Ihres Meisters zu begreifen…«

Nach diesem Bericht bat mich der Kommissar um nähere Angaben zu dem an mir und meinem Freund begangenen Diebstahl. Er versprach mir, sein Möglichstes zu tun, um den Dieb aufzuspüren, und so ging ich nach Hause. Mir lag vor allem daran, meine Uhr wiederzubekommen und zwar aus folgendem Grund: Es handelte sich um eine silberne Uhr, die mindestens fünfzig Jahre alt war, sie hatte meinem Vater gehört und war außerdem deshalb von besonderem Wert, da sie die jeweilige Planetenstunde anzeigte. Ich hatte dieses astrologische Zifferblatt auf Grund entsprechender Berechnungen selbst angefertigt, und es genügte, einen Blick darauf zu werfen, um den jeweiligen Planeteneinfluss zu kennen. Darum wollte ich meine Uhr gern wiederhaben. Und ich habe sie wiederbekommen. Der Dieb war ein armer junger Mann. Ich habe versucht mit ihm zu reden, um sein Herz zu berühren, und dann habe ich den Kommissar gebeten, nicht zu hart mit ihm zu sein; ich sagte dem Kommissar, dass er ein Opfer der sozialen Verhältnisse, dass er arm und hungrig gewesen sei. Meine Argumente erschienen ihm nicht gerade überzeugend, aber vielleicht auf Grund seiner Sympathie für mich, vielleicht, weil ich ein Schüler des Meisters war, versprach er mir, nicht zu streng zu sein. Als ich nach Hause kam, sagte ich zu meinem Freund: »Siehst Du, die unsichtbare Polizei arbeitet tüchtig: Sie hat herausgefunden, dass diese Sachen uns gehören und dass der Diebstahl ein Irrtum war.« Vor Freude fiel er mir um den Hals. Ich muss dazu sagen, dass ihm weitaus mehr Dinge abhanden gekommen waren.

 

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Leseprobe Izvor 203 – Die Erziehung beginnt vor der Geburt

Leseprobe Izvor 203 – Die Erziehung beginnt vor der Geburt

Kapitel 1: Zuerst müssen die Eltern erzogen werden

 

Vielleicht stellen sich manche von euch die Frage, warum ich als Pädagoge nur sehr selten über Kindererziehung spreche. Alle Pädagogen befassen sich mit den Kindern, nur ich nicht; ich mache eine Ausnahme. Warum? Weil meiner Ansicht nach die Erziehung bei den Eltern beginnen muss.

Ich glaube an keinerlei pädagogische Theorie, sondern nur an die Lebensweise der Eltern vor und nach der Geburt der Kinder. Deshalb lag mir nie soviel daran, über die Erziehung der Kinder zu sprechen. Wenn sich die Eltern nicht einmal selbst erziehen, wie wollen sie dann ihre Kinder erziehen? Man spricht mit Eltern über die Erziehung ihrer Kinder, als ob sie wirklich vorbereitet seien, denn dann, wenn sie Kinder haben, nimmt man an, dass sie dazu auch imstande sind. Doch häufig haben sie keine Ahnung und müssen erst einmal selbst belehrt werden, wie sie sich verhalten sollen, um einen guten Einfluss auf ihre Kinder auszuüben.

Und dann werde ich kritisiert, weil man meine Vorgehensweise nicht kennt: »Pädagoge? Pah! Der ist kein Pädagoge, er spricht nie über die Erziehung der Kinder!« Solche Aussagen beweisen, dass man meinen Gesichtspunkt noch nicht verstanden hat. Solange die Eltern nicht richtig handeln, nützen selbst die besten pädagogischen Erklärungen nichts. Diese würden den Kindern sogar sehr schaden, wenn sie falsch verstanden und falsch angewendet werden.

Viele Menschen, die Kinder bekommen wollen, fragen sich nicht, ob sie wirklich die Bedingungen dafür erfüllen, ob sie bei guter Gesundheit sind und über die materiellen Mittel verfügen, um die Kinder aufzuziehen und vor allem, ob sie die notwendigen guten Eigenschaften besitzen, damit sie ihnen als Beispiel dienen und ihnen in allen Lebenslagen Sicherheit und Beistand geben können. Daran denken sie nicht. Sie setzen Kinder in die Welt, die dann, sich selbst überlassen, alleine aufwachsen, sich so gut wie möglich durchschlagen und eines Tages, unter ebenso bedauerlichen Umständen wie ihre Eltern, selbst Kinder bekommen.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele junge Leute heiraten wollen, ohne dass sie daran denken, sich auf ihre künftige Rolle als Vater und Mutter vorzubereiten. Bei manchen jungen, schwangeren Frauen muss man sich wirklich fragen… Ein Kind trägt ein anderes Kind! Man sieht es am Gesicht: ein Kind. Nun, was soll dabei herauskommen? Solange man nicht dafür vorbereitet ist, sollte man lieber keine Kinder in die Welt setzen, denn sonst wird man es teuer bezahlen müssen, das kann ich euch versichern.

Ihr fragt: »Sich vorbereiten… Wie soll man sich denn vorbereiten?« Sich vorbereiten heißt, Gedanken, Gefühle haben, ein Verhalten, das außergewöhnliche Wesen in eine Familie zieht. Ja, die Einweihungswissenschaft lehrt, dass ein bestimmtes Kind nicht aus Zufall in eine Familie hineingeboren wird. Die Eltern haben es bewusst oder unbewusst – aber meistens unbewusst – angezogen. Deshalb sollten sie bewusst Genies und gottähnliche Wesen herbeirufen, denn sie können ihre Kinder auswählen. Aber dies wissen die meisten nicht.

Man sollte also alles von Anfang an noch einmal überprüfen, und der Anfang, das ist die Zeugung des Kindes. Die Eltern denken nicht daran, dass sie sich monate  und jahrelang darauf vorbereiten müssen, ähnlich wie zu einer heiligen Handlung. Oft zeugt man ein Kind nach einem Abend, an dem man viel zu viel gegessen und getrunken hat. Ein solcher Augenblick wird gewählt, wenn man überhaupt noch von »wählen« sprechen kann! Sie hätten sich für einen Augenblick des Friedens und der Klarheit entscheiden können, in dem eine tiefe Harmonie sie verband. Aber nein, sie warten, bis sie vom Alkohol erregt sind und nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht! Unter solch wundervollen Umständen zeugen sie ein Kind! Was meint ihr, welche Elemente sie ihm mitgeben? Ein Kind, das mit solchen Elementen belastet auf die Welt kommt, ist weiter nichts als das erste Opfer seiner eigenen Eltern. Also wer muss nun erzogen werden? Ich würde sagen, die Eltern und nicht die Kinder.

Wie können sich die Eltern einbilden, dass sie ihre Kinder erziehen, wenn sie ihnen zu Hause unaufhörlich das Schauspiel ihrer Streitereien, Lügen und Unehrlichkeiten vorleben? Man hat festgestellt, dass ein Baby durch die Konflikte der Eltern krank werden und nervöse Störungen bekommen kann. Selbst wenn es nicht unmittelbar beim Streit dabei war, entsteht eine disharmonische Atmosphäre, die es empfindet, weil es noch sehr eng mit seinen Eltern verbunden ist. Das Baby ist sich dessen nicht bewusst, aber es nimmt trotzdem diese Dinge auf, sein Ätherleib bekommt die Schläge.

Die Eltern müssen ihre Verantwortung klar erkennen. Sie haben kein Recht, Geistwesen zur Wiedergeburt einzuladen, wenn sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Manche haben ein derart unbeschreibliches Benehmen, dass ich mich der Frage nicht enthalten kann: »Lieben Sie eigentlich ihre Kinder?« Dann sind sie empört: »Wieso? Ob wir unsere Kinder lieben? Natürlich!« »Nun, das glaube ich nicht, denn wäre dies der Fall, dann würden Sie Ihr Verhalten ändern und anfangen, so manche Schwächen zu korrigieren, die einen sehr negativen Einfluss auf die Kinder haben. Sie geben sich aber überhaupt keine Mühe! Ist das für Sie Liebe?«

Ich weiß, die Zukunft der Bruderschaft liegt bei den Kindern, aber trotzdem kümmere ich mich um die Eltern und will ihnen klarmachen, dass sie keine Kinder in die Welt setzen dürfen, nur weil sie ihren ererbten Zeugungstrieb befriedigen wollen. Gewiss, dieser Trieb existiert, aber er muss auf eine geistigere Weise verstanden werden. Bei der Zeugung müssen die Gedanken, die Seele und der Geist beteiligt sein, um das Kind mit einer höheren Welt zu verbinden. Die Menschen begnügen sich meist mit einem tierischen Dasein: Sie essen, trinken und zeugen wie die Tiere. Ihrem Tun fehlt das Geistige. Die Liebe ist für sie unwichtig, für sie zählt die Lust. Fünf Minuten Vergnügen müssen sie dann ihr ganzes Leben lang bezahlen, und auch ihre Kinder müssen dafür büßen.
Ihr wollt, dass ich mich um die Kinder kümmere? Nein, zuerst will ich mich um euch kümmern, und indem ich das tue, befasse ich mich indirekt mit euren Kindern, die ihr bereits habt oder eines Tages haben werdet.

 

 

Kapitel 2: Die Erziehung beginnt vor der Geburt

 

Die meisten Menschen glauben, sie könnten nur im körperlichen Bereich etwas tun, um ein Kind zu zeugen; alles übrige, die Konstitution ihres Kindes, dessen Charakter, Fähigkeiten, Eigenschaften und Fehler, hingen vom Zufall ab oder vom Willen Gottes, von dem sie keine klare Vorstellung haben. Da sie vom Gesetz der Vererbung gehört haben, sind sie überzeugt, dass dieses Kind körperlich und moralisch den Eltern oder Großeltern, einem Onkel oder einer Tante ähnlich wird. Aber sie denken nicht daran, dass sie diese Ähnlichkeit begünstigen oder verhindern können. Und sie denken auch nicht daran, dass sie ganz allgemein zur guten Entwicklung ihres Kindes beitragen können, sowohl auf der körperlichen als auch auf der seelischen und geistigen Ebene. Aber da täuschen sie sich. Die Eltern können sehr wohl in positiver Weise auf das Kind, das sich in ihrer Familie inkarniert, einwirken.

Die Eltern müssen jedoch schon vor der Zeugung mit der Vorbereitung beginnen, damit sie einen erhabenen Geist anziehen können. Denn höhere Wesen können sich nur bei Menschen inkarnieren, die bereits einen bestimmten Grad der Reinheit und Meisterschaft erreicht haben. Für ein solches Wesen ist es unwichtig, ob es in eine reiche oder berühmte Familie kommt; oft zieht es eine bescheidene Familie vor, in der keine Gefahr besteht, dass es sich einem leichten Leben hingibt. Aber das Erbgut der Eltern, bei denen es sich inkarniert, darf die spirituelle Arbeit, für die es auf die Erde kommt, nicht behindern. Nur wenige Männer und Frauen bieten den erhabenen Geistwesen günstige Bedingungen für eine Inkarnation, und deshalb ist die Erde von so vielen gewöhnlichen, kranken und verbrecherischen Menschen bevölkert anstatt von gottähnlichen Wesen.

Die Lehre der Universellen Weißen Bruderschaft zeigt also den Männern und Frauen, in welcher geistigen Verfassung und in welcher Reinheit sie sich auf die Zeugung eines Kindes vorbereiten sollen. Sie können sogar in Bezug auf die planetarischen Einflüsse den günstigsten Zeitpunkt dafür wählen. Wie konnten die Menschen so tief sinken, dass sie ein so wichtiges Ereignis wie die Zeugung eines Kindes dem Zufall überlassen? Gerade in diesem Moment sollte man den Himmel um Hilfe bitten und die Engel herbeirufen, damit man einen starken, lichtvollen Geist anzieht, der später ein Wohltäter der Menschheit wird. Aber nein, man sucht beim Alkohol oder wer weiß wo Unterstützung. Oft benimmt sich der Mann gerade in diesem Augenblick wie ein Tier: Er vergewaltigt seine Frau, die ihm gegenüber dann nur Verachtung, Abscheu und Rachegefühle empfindet. Ist es verwunderlich, wenn unter solchen Umständen ein Monster geboren wird?

Aber lasst uns die Frage der Zeugung ein bisschen näher betrachten. Damit ein Kind geboren werden kann, muss der Vater der Mutter einen Samen geben, den diese bis zur Reife tragen muss. Also kann man sagen, dass der Vater die schöpferische und die Mutter die formende Kraft ist. Der Same des Vaters ist eine Zusammenfassung, eine Verdichtung seiner eigenen Quintessenz. Sein ganzes Leben und Dasein kommen in diesem Keim zum Ausdruck. Deshalb hängt die mehr oder weniger gute Beschaffenheit des Samens von seiner Lebensweise ab.

Ich habe euch schon oft erklärt, dass unsere ganze Lebensweise in unserem Inneren, in unseren Chromosomen und Zellen aufgezeichnet. Jede Zelle hat ein Gedächtnis. Es nützt nichts, den anderen mit seinem netten, ehrlichen und großzügigen Verhalten etwas vorzuspielen, denn nur das, was man denkt und in seinem Innersten fühlt, wird aufgezeichnet und überträgt sich als Erbe von Generation zu Generation. Und wenn das Krankheiten und Laster sind, die eingeprägt sind und weitergegeben werden, dann ist es für Lehrer, Schulen oder Ärzte, die das Kind heilen sollen, zu spät. Nichts zu machen, es ist zu spät! Man gibt alles weiter; und wenn das erste Kind keine Spuren davon zeigt, dann ist es eben das zweite oder dritte. Jeder muss begreifen, dass die Natur unabänderliche und wahre Gesetze hat.

Es ist also ein Irrtum, zu glauben, dass das, was der Mann der Frau im Augenblick der Zeugung gibt, immer von gleicher Beschaffenheit ist. Wenn ein Mann noch nie an sich gearbeitet hat, um sich zu erheben und reiner zu werden, gibt er der Mutter einen Samen, aus dem ein ganz gewöhnlicher Mensch – wenn nicht sogar ein Verbrecher – werden wird.

Nehmen wir ein Beispiel, das ihr vielleicht nicht sehr poetisch findet, das aber wenigstens klar ist: Aus einem Wasserhahn fließt Wasser, welches entweder schmutzig oder kristallklar sein kann. Wer ständig nur hässliche Gedanken und Gefühle hegt, der kann nur schmutziges Wasser geben, während ein anderer, der unaufhörlich für das Gute und für das Licht arbeitet, kristallklares, lebendiges Wasser spenden kann. Ja, ihr braucht euch gar nicht zu wundern, der Mann gibt der Frau im Augenblick der Zeugung einen Samen, der je nach seinem eigenen Entwicklungsgrad verschieden ist.

Genau wie die Saat in der Erde das Muster eines Baums oder einer Blume in sich trägt, so enthält auch der Same des Vaters den Entwurf des Kindes, mit dessen Fähigkeiten und Talenten oder im Gegenteil mit seinen Mängeln und Fehlern. Die Mutter gibt dann während der Schwangerschaft neun Monate lang die Materialien zur Verwirklichung dieses Plans hinzu. Und auch zu diesem Thema kann ich außerordentlich interessante und wichtige Dinge offenbaren.

Während der neun Monate Schwangerschaft arbeitet die Mutter nicht nur daran, den physischen Körper des Kindes auszubilden, sondern sie wirkt unbewusst auf den Samen ein, den der Mann ihr gegeben hat, indem sie günstige oder ungünstige Bedingungen zur Entfaltung der verschiedenen Charaktereigenschaften, die der Samen enthält, schafft. Wie macht sie das? Indem auch sie auf ihre Gedanken, ihre Gefühle und ihre Lebensweise achtet. Dies habe ich die spirituelle Galvanoplastik genannt.

Ich will euch zunächst einmal den chemischen Vorgang der Galvanoplastik beschreiben. Auf den spirituellen Bereich übertragen, kann dieser Vorgang von höchster Wichtigkeit für die ganze Menschheit werden.

Man taucht zwei Elektroden in einen mit der Lösung eines Metallsalzes – Gold, Silber, Kupfer usw. – gefüllten Behälter. Die Anode, der positive Pol, ist eine Platte aus demselben Metall wie das in der Salzlösung enthaltene. Die Kathode, der negative Pol, ist eine Gussform aus Guttapercha, die mit Graphit überzogen ist und entweder eine Figur, eine Münze oder eine Medaille darstellt. Die beiden Elektroden werden mit Metalldraht an die Pole einer Batterie angeschlossen und dann schickt man Strom hindurch. Das in der Lösung enthaltene Metall setzt sich an der Kathode an, während die Anode sich auflöst und dadurch die Flüssigkeit regeneriert. Die Gussform bedeckt sich allmählich mit dem in der Lösung enthaltenen Metall, und man erhält, je nach Wunsch, eine vergoldete, versilberte oder verkupferte Medaille.

Leseprobe Izvor 203 - Die Erziehung beginnt vor der Geburt

 

Wenn ihr die Natur beobachtet, werdet ihr feststellen, dass dieser Vorgang der Galvanoplastik überall existiert. So nimmt z. B. unser Planet, die Erde, zahlreiche Einflüsse anderer Himmelskörper auf, denn sie ist der negative Pol, die Kathode, das weibliche Prinzip. Der Himmel (d.h. Sonne und Sterne) stellt den positiven Pol, die Anode, das männliche Prinzip dar. Zwischen Erde und Sonne (oder einem anderen Gestirn) besteht aufgrund des ständigen Kreislaufs ein Austausch. Diese beiden Pole sind in eine kosmische Lösung, den Äther, getaucht. Er ist das universale Fluidum, das alle Himmelskörper umhüllt. Die Batterie, die den Kreislauf auslöst, ist Gott, und beide Pole sind an Ihn angeschlossen.

Nehmen wir einmal an, wir setzen an die Kathode, die Erde, eine Gussform, beispielsweise einen Samen. Dann ist dieser Samen in die kosmische Lösung getaucht; und wenn der von Gott ausgehende Strom ihn durchfließt, löst das den Vorgang der Galvanoplastik aus: Die in der Lösung enthaltenen Stoffe setzen sich an der Kathode, dem Samen ab, und die Anode, die Sonne – oder ein anderes Gestirn – regeneriert die Lösung, während der Samen heranwächst. Auf diese Weise zieht jedes Samenkörnchen im Boden alle Elemente aus dem Äther an, die seinem Wesen entsprechen. Diese Teilchen setzen sich am Samen ab, und er entwickelt sich je nach den Aufbaustoffen, die er selbst angezogen hat.

Das Phänomen der Galvanoplastik wiederholt sich auch in der schwangeren Frau, denn auch sie trägt in sich den Samen, die Elektroden und die Lösung. Der Same ist der vom Vater kommende lebendige Keim, die Kathode. Er trägt das Abbild des Vaters in sich. Manchmal ist dies das Bild eines Alkoholikers, eines Verbrechers oder eines ganz gewöhnlichen Menschen, und manchmal ist es das eines Genies oder eines Heiligen. Sobald die Frau schwanger ist, kreist ein Energiestrom zwischen ihrem Gehirn – der Anode – und dem Samen. Das Gehirn ist an die Batterie – an die Quelle der kosmischen Energie, an Gott – angeschlossen, von wo es den Strom bekommt, und dieser Strom kreist dann zwischen Gehirn und Embryo. Die Lösung ist das Blut der Mutter, in der die Anode (das Gehirn) und die Kathode (die Gebärmutter) getaucht sind, denn das Blut durchfließt ebenso alle anderen Organe und Körperzellen. Im Blut sind in gelöster Form alle Stoffe enthalten: Gold, Silber, Kupfer usw…

Die Anode, der Kopf, liefert also das Metall, die Gedanken, die das Blut regenerieren. Auch wenn der Same edel ist, die werdende Mutter aber nur bleischwere Gedanken hegt, dann darf sie sich nicht wundern, wenn ihr Kind symbolisch gesehen – in Blei gehüllt zur Welt kommt, d.h. bösartig, pessimistisch, kränklich ist. Man muss verstehen, dass der Same lediglich die Gussform ist; selbst wenn diese ein wunderschönes Bild zeigt, verliert die Medaille ihren Wert, wenn sie aus einem unedlen Metall nachgebildet wird.

Nehmen wir einmal an, eine Mutter kennt die Gesetze der Galvanoplastik und entschließt sich, sie anzuwenden, während sie ihr Kind austrägt. Dann legt sie, sobald sie den Samen in ihrem Leib (Kathode) empfangen hat, ein Goldplättchen in ihr Gehirn (Anode), d.h. die edelsten und erhabensten Gedanken. Durch den Kreislauf führt das Blut dem Samen ein edles Metall zu. Das Kind wächst heran, eingehüllt in goldene Kleider, und wenn es geboren wird, ist es kräftig, schön, edel und allen Schwierigkeiten, Krankheiten und schädlichen Einflüssen gewachsen.

Die meisten Mütter ahnen nicht, dass ihr Gemütszustand auf das Kind unter ihrem Herzen einwirkt. Sie kümmern sich erst nach der Geburt um das Kind und sorgen dann für Erzieher, Lehrer usw… Nein, wenn es geboren ist, ist es schon zu spät, dann hat es bereits seine Prägung erhalten! Kein Pädagoge und kein Lehrer vermag ein Kind zu ändern, wenn die vom Mutterleib erhaltenen Aufbaustoffe von schlechter Qualität waren.

Erzieher und Lehrer können viel tun, was die Bildung betrifft, aber sie können nicht die innerste Natur des Kindes verändern. Wenn diese voller Fehler ist, können selbst die besten Erzieher keine Verbesserung erreichen. Blei bleibt Blei, auch wenn ihr alles Mögliche tut, um es aufzuwerten. Ihr könnt es polieren, feilen, durchschneiden, damit es glänzt, kurz darauf wird es wieder stumpf, denn es ist eben Blei. Das Kind muss aus Gold und nicht aus Blei sein, dann können ihm selbst die schlimmsten Verhältnisse nichts anhaben, eben weil sein Wesen rein ist.

Jetzt erkennt ihr, wie wichtig es für die Frau ist, lichtvolle Gedanken im Kopf zu haben. Dank dieser Gedanken wird der Same, der in ihr heranwächst, jeden Tag reine und kostbare Stoffe aufnehmen. Auf diese Weise bringt die Mutter einen bedeutenden Künstler, einen erleuchteten Wissenschaftler, einen Heiligen oder einen Boten Gottes zur Welt. Die Frau kann große Wunder vollbringen, denn sie besitzt den Schlüssel für die Kräfte des Lebens.

Meine Mutter hat mir erzählt, sie habe mich in dem Gedanken gezeugt und ausgetragen, mich dem Dienste Gottes zu weihen. Man sagt auch, dass selbst der Pope, der mich getauft hat, an dem Tag so glücklich war, dass er sich zum ersten Mal in seinem Leben betrank. Normalerweise trank er nie! Er versicherte später, er habe nur deswegen getrunken, weil ich bestimmt ein besonderes Kind wäre, das sich von den anderen unterschied. Er machte auch eine Prophezeiung in Bezug auf mich…, aber die brauche ich euch nicht zu verraten! Dann wuchs ich zu einem kleinen Strolch heran. Ich habe euch schon erzählt, wie ich Äpfel beim Nachbarn gestohlen und Feuer in den Scheunen gelegt habe. Aber diese Streiche dauerten nicht lange, weil nur die tiefen inneren Veranlagungen beständig sind; die anderen waren nur oberflächliche, vorübergehende Äußerungen.

Aber ich will nicht behaupten, dass ich ein außergewöhnliches Wesen bin, weil meine Mutter mich Gott geweiht hatte. Man kann die Kinder zwar in den Dienst Gottes stellen, aber man weiß nicht, welche Stufe sie in der Hierarchie der Diener einnehmen werden. Die Mütter wissen es bestimmt nicht, und ich glaube auch nicht, dass meine Mutter es wusste. Die Tatsache, dass sie mich dem Himmel geweiht hatte, besagt also nichts über meine geistige Höhe. Viele Christen wurden von ihren Müttern geweiht, aber sie blieben in ihren Kirchen, ohne große Fortschritte zu machen. Nur eines ist sicher, die Eltern haben gebetet, dass ihre Kinder einen kleinen geistigen Funken in sich tragen mögen. Ein Funke kann zur Glut werden, wenn man ihn anfacht, aber er erlischt, wenn er nicht genährt wird. Soll der Funke wachsen, dann muss er – symbolisch gesehen – ständig mit neuem Holz versorgt und angefacht werden.

Es ist allgemein bekannt, dass viele Frauen während der Schwangerschaft seltsamen Wünschen und unkontrollierten Impulsen unterliegen, die sie normalerweise nicht haben. Aber den Grund dieses Phänomens kennt keiner, und den will ich euch jetzt erklären. Die schwangere Frau wird oft von bösartigen Wesen aufgesucht, die später von dem Leben des Kindes profitieren wollen. Sie treiben also die Mutter dazu, durch ein unkontrolliertes Verhalten den galvanoplastischen Vorgang völlig durcheinander zu bringen. Dies ermöglicht ihnen später, sich des Kindes zu bemächtigen, ungehindert in dessen Seele ein- und auszugehen und sich von ihm zu nähren. Dies kann man ganz schnell erkennen.

Alle Kinder, die zu mir kommen, haben mich gewöhnlich sehr gern. Drei- oder viermal ist es aber vorgekommen, dass ein Kind vor mir weglief. Keiner konnte sich den Grund dafür erklären. Ich wusste jedoch Bescheid, denn alle Phänomene, die im Leben auftreten, sind sehr klar für mich. Die Eltern waren zutiefst betrübt und unglücklich, so dass ich die Mutter aufklären musste: »Sie haben sich sicherlich während der Schwangerschaft gewisse Dinge erlaubt, wodurch Sie Wesenheiten angezogen haben, die jetzt in dem Kind nisten und es ausnutzen wollen. Diese Wesen wohnen in ihm und warten einen günstigen Augenblick ab, um sich zu manifestieren. In mir fühlen sie aber einen Feind, denn sie wissen, dass ich sie durch mein Verhalten, meine Willenskraft und meine Emanationen und durch alles, was ich dem Kind gebe, wenn es in meinen Einflussbereich kommt, verjagen werde. (Übrigens ist das alles, was ich tue, ich ersetze bestimmte Wesenheiten durch andere. Das macht mir Spaß. Seht ihr, auch ich habe mein Vergnügen!) Also handelt es sich um solche Wesenheiten, die versuchen, Ihr Kind von mir fern zu halten.« Ich gebe mich allerdings nicht so leicht geschlagen; und weil ich die Eltern gern habe, will ich ihnen helfen und führe deshalb eine bestimmte Arbeit aus. Nach kurzer Zeit lief mir das gleiche Kind, das mich vorher gemieden hatte, in die Arme. So etwas hat sich manchmal sogar vor euren Augen zugetragen, nicht wahr?

Während der ganzen Schwangerschaft muss die Mutter darauf achten, dass ihr Kind keinen negativen Einflüssen ausgesetzt ist. Durch die Kraft der Gedanken soll sie es bewusst mit einer Atmosphäre aus Reinheit und Licht umgeben, damit es vor Angriffen bösartiger Wesenheiten geschützt ist. Außerdem kann sie unter solchen Bedingungen mit der Seele, die sich inkarnieren wird, zusammenarbeiten.

Im Gegensatz zu manchen Auffassungen tritt die Seele nicht während der Schwangerschaft in den Körper des Kindes ein. Das Kind lebt zwar im Leib der Mutter, sein Herz schlägt und es ernährt sich, aber die Seele ist noch nicht in seinen Körper eingezogen; das geschieht erst bei der Geburt, beim ersten Atemzug. Bis dahin hält sie sich in der Nähe der Mutter auf und arbeitet mit ihr gemeinsam am Aufbau der verschiedenen Körper des Kindes, dem physischen, dem Astral  und dem Mentalkörper. Im Allgemeinen ist sich die Mutter dieser Gemeinschaftsarbeit nicht bewusst, denn sie ist weder empfindsam noch erleuchtet genug. Aber auch wenn sie die Seele nicht sieht, kann sie trotz allem mit ihr sprechen, Gebete an sie richten und sie bitten: »Ich gebe dir die besten Aufbaustoffe, ich will dir helfen, aber du musst deinerseits für diese oder jene Fähigkeit sorgen, damit das Kind ein Künstler, ein Philosoph, ein Wissenschaftler oder ein Heiliger wird!«

Wenn die Mutter diese kraftvollen, magischen Worte von ganzem Herzen ausspricht, dann strahlt sie bereits bestimmte Teilchen aus, die der Geist des Kindes, der sich inkarnieren will, als Aufbaustoffe für seine verschiedenen Körper benutzt. Das Kind besitzt selbst nichts, es erhält alles von seiner Mutter, deshalb muss sie bewusst darauf achten, ihm nur das Beste zu geben und ihm durch ihre Gedanken und Gefühle nur die lichtvollsten und reinsten Elemente zuzuführen.

Den meisten Menschen sind die Vorgänge, die sich in der unsichtbaren Welt abspielen, unbekannt. Aber gerade dies ist die Aufgabe unserer Lehre, sie will euch diese feinstoffliche, ungreifbare, aber reale Welt, die realer ist als die Realität selbst, nahe bringen. Sie will euch helfen, damit ihr bewusster werdet und darauf achtet, welche Schwingungen euch beeinflussen und welche Wesenheiten euch umgeben. Mit diesem Bewusstsein könnt ihr dann für das Gute arbeiten.

Männer und Frauen dürfen nie vergessen, dass ihre künftigen Kinder in irgendeiner Form ihre eigene Denk- oder Lebensweise widerspiegeln. Denn alles was im Kopf oder im Herzen des Menschen vorgeht, verwirklicht sich früher oder später. Jeder auftretende Gedanke oder Wunsch ist lebendig, und das kommende Kind lebte bereits im Kopf oder im Herzen des Vaters oder der Mutter. Wenn also euer heranwachsendes Kind zu einem Engel wird, der euch hilft, dann war es ursprünglich ein wunderbarer Gedanke, den ihr jahrelang in eurem Inneren getragen habt, ein Gedanke, der sich in dem Kind verkörpert hat und euch durch das Kind weiterhin zur Seite steht. Wenn euch das Kind jedoch nur Ärger bereitet, dann müsst ihr euch darüber im Klaren sein, dass es sich hier um einen kriminellen Gedanken handelt, den ihr genährt habt und der sich verkörpert hat.

Ein Kind wird nicht aus dem Nichts geboren. Wenn ihr mich fragt, warum euer Kind zur Welt kam, dann antworte ich euch: »Damit ihr seht, was ihr in eurem Kopf hattet.« Genau durch ihre Kinder erkennen Männer und Frauen ihr eigenes Wesen.

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Leseprobe Izvor 202 – Der Mensch erobert sein Schicksal

Leseprobe Izvor 202 - Der Mensch erobert sein Schicksal

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Kapitel 1, Das Gesetz von Ursache und Wirkung

Teil 1

Sobald der Mensch handelt, löst er unweigerlich bestimmte Kräfte aus, die ihrerseits wieder bestimmte Folgen nach sich ziehen. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Karma drückte gerade diesen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung aus. Erst später nahm Karma den Sinn der Wiedergutmachung begangener Fehler an.
Der Karma-Yoga — einer der vielen indischen Yogas — ist nichts anderes als eine Disziplin, die den Menschen lehrt, sich durch uneigennütziges Handeln zu entfalten und sich dadurch zu befreien. Sobald der Mensch jedoch mit Geldgier, Hinterlist und zweifelhaften Motiven zu arbeiten beginnt, lädt er sich Schulden auf, die er später begleichen muss. Das Wort Karma nimmt jetzt also den allgemein gültigen Sinn der Strafe für begangene Fehler an.
Ganz allgemein kann man also sagen, dass sich das Karma, im letzteren Sinne verstanden, bei jeder Handlung einschaltet, die nicht vollkommen richtig ausgeführt worden ist — was übrigens meistens der Fall ist. Der Mensch macht immer wieder Versuche, er muss sich üben, bis er zur Perfektion gelangt. Solange sein Streben misslingt, muss er sich korrigieren, bis er seine Fehler wieder gutgemacht hat, natürlich unter schwerer Arbeit und Leiden.
Ihr meint: »Wenn man also beim Handeln unweigerlich Fehler macht, und sie unter Qualen wieder ausbessern muss, wäre es doch viel besser, überhaupt nichts zu tun!« Nein, man soll handeln. Gewiss, man wird leiden. Aber dabei lernt und entfaltet man sich… und eines Tages ist das Leiden dann vorbei. Wenn ihr gelernt habt, richtig zu handeln, gibt es kein Karma mehr für euch. Zugegeben, jede Bewegung, jede Geste, jedes Wort löst Kräfte aus, die bestimmte Folgen haben. Nehmen wir aber an, dass diese Gesten und Worte aus Güte, Reinheit und Selbstlosigkeit entstanden sind, dann ziehen sie günstige Folgen nach sich. Dies nennt sich dann Dharma.
Das Dharma ist das Ergebnis einer geordneten, harmonischen und wohltätigen Aktivität. Wer zu einem solchen Handeln fähig ist, entzieht sich dem Gesetz der zwangsläufigen Schicksalsfügung und stellt sich unter den Einfluss der göttlichen Vorsehung. Nichts tun, um Kummer und Qualen zu vermeiden, ist keine gute Lösung. Man soll aktiv, tatkräftig und unternehmungslustig sein, aber man muss seinem Handeln höhere Ziele setzen als Egoismus und persönlichen Nutzen. Nur dieser Weg vermeidet die katastrophalen Folgen, denen keiner entgehen kann. Es wird stets Ursache und Wirkung geben, ganz gleich was man auch tut. Nur werden durch selbstloses Handeln keine schmerzlichen Folgen mehr hervorgerufen, sondern Freude, Glück und Befreiung.
Wer seine Ruhe haben will und deshalb nichts tut, kann sich nicht entfalten, nichts lernen, nichts gewinnen. Natürlich kann man unter solchen Umständen auch keine Fehler begehen, aber man gleicht einem Stein. Steine begehen nie Fehler! Man sollte sich lieber irren, sich sogar beschmutzen, aber daraus lernen. Wie kann man Farb- und Zementkleckse vermeiden, wenn Handwerker im Hause sind? Unmöglich, man muss die Flecke hinnehmen, die Hauptsache ist, die Arbeit ist getan, und das Haus ist fertig. Nachher muss man sich dann putzen und waschen und sich umziehen, aber das Haus ist wenigstens fertig.
Meister Peter Deunov sagte eines Tages: »Ich gebe jedem von euch ein kleines Buch, mit dem ihr das Alphabet lernen könnt« (wir nennen es »boukvartche« in Bulgarien, und Ihr?… Fibel? Gut, eine Fibel.) »In einem Jahr möchte ich es wiederhaben«. Manche brachten das »boukvartche« vollkommen sauber und tadellos zurück. Sie hatten es nicht einmal aufgeschlagen, hatten folglich auch nichts daraus gelernt. Andere gaben es ihm vollkommen bekritzelt, zerrissen und befleckt zurück. Sie hatten es viele hundert Mal geöffnet, hatten es überallhin mitgenommen, hatten sogar darauf gefrühstückt… »Ja, aber dafür können sie jetzt lesen«, sagte der Meister, »das ist mir lieber.« Damals war ich noch jung, und ich weiß noch, wie ich ihn ganz schüchtern fragte: »Und ich, zu welcher Kategorie gehöre ich?« Er antwortete: »Du? Zur zweiten!« Darüber war ich natürlich glücklich, denn ich hatte begriffen, dass es die bessere war.
Jetzt erinnere ich mich nicht mehr in welchem Zustand ich mein »boukvartche« zurückgab, auf jeden Fall aber hatte er mich in die zweite Kategorie Menschen eingeordnet, die zum arbeiten bereit sind… und das stimmt. Wie viele Fehler man auch begeht, wie viele Flecken und Spritzer man auch hinterlässt, wie sehr man auch beschimpft und kritisiert wird, das hat überhaupt keine Bedeutung. Das Wichtigste ist, man hat Lesen gelernt, die Arbeit getan, das Haus fertig gebaut. Alle, die immer sehr vernünftig und vorsichtig sind, um sich nicht bloßzustellen, machen keine Fortschritte. Mein Gott, was soll aus solchen Leuten werden?
In der Offenbarung heißt es: »… dass du kalt oder warm wärest! Wenn du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.« Warum ziehen manche das Lauwarme vor? Für die Lauwarmen gibt es keinen Platz. Ihr dürft euch nicht davor fürchten, Fehler zu begehen. Wer eine Fremdsprache lernt, aber kein Wort sagt aus Angst, sich durch einige Fehler lächerlich zu machen, wird nie richtig sprechen können. Man muss es in Kauf nehmen, sich ein bisschen lächerlich zu machen, man muss Fehler riskieren, denn man muss Sprechen lernen. Für das Karma gilt das Gleiche: Wir dürfen uns nicht von der Angst lähmen lassen, Fehler zu begehen, die wir dann wieder gutmachen müssen. Wenn wir uns nach und nach darin üben, unseren Handlungen ein göttliches Ziel zu setzen, werden wir nicht länger das Karma, sondern das Dharma auslösen, das heißt die Gnade und den Segen des Himmels auf uns herabrufen.

Teil 2

Es ist unmöglich, dem Gesetz von Ursache und Wirkung zu entkommen. Die Frage ist nur zu wissen, welche Kraft man auslöst. Deshalb sage ich euch, dass das großartigste Gesetz, das uns die kosmische Intelligenz gegeben hat, dort liegt, wo keiner danach sucht, dort wo die Philosophen, Theologen und Moralisten nicht mehr hinsehen: in der Natur, genauer gesagt in der Landwirtschaft… Ja, auf dem Land. Alle Bauern wissen, dass sie keine Weintrauben ernten können, wenn sie einen Feigenbaum pflanzen und von einem Apfelbaum keine Birnen pflücken können. Das ist das höchste moralische Gesetz: Jeder erntet, was er gesät hat.
Man könnte also sagen, dass die Bauern die ersten Moralisten waren. Sie haben erkannt, dass die Intelligenz der Natur dort ein strenges, unveränderliches Gesetz erlassen hat, das Gesetz von Ursache und Wirkung. Später, als sie das Leben der Menschen beobachteten, haben sie festgestellt, dass auch hier das gleiche Gesetz gilt. Wer mit Grausamkeit, Egoismus und Gewalt handelt, bekommt eines Tages selbst Grausamkeit, Egoismus und Gewalt zurück. Dieses Gesetz kann man auch das Gesetz des Echos oder das Gesetz des Rückstoßes nennen. Der Ball springt zurück und trifft den Werfer.

Jeder erntet, was er gesät hat. Wenn man dieses Gesetz im Detail studiert und seine Bedeutung erweitert, wird es ein tiefgründiges, fruchtbares System, denn jede grundlegende Wahrheit findet in allen Bereichen ihre Anwendung. Die Erklärung dieses Gesetzes im Detail bringt ein ganzes philosophisches System ans Tageslicht. Gerade deshalb ist die Religion heute so reich an Vorschriften und Geboten. In Wirklichkeit liegt ihnen aber nur ein einziges Gesetz zugrunde: Man erntet nur das, was man gesät hat. Ihm wurden später andere, nicht weniger wahre Gesetze angefügt, die einem Anhang, einer Ausdehnung in den philosophischen Bereich gleichen. Zum Beispiel ist das Sprichwort: »Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu!« eine Weiterführung dieses Gesetzes.
Diejenigen, die sämtliche fundamentalen Gesetze bestreiten und ablehnen, entfernen sich mehr und mehr von der Wahrheit. Ihre Seele ist von Zweifel und Ungewissheit gespalten, das Leben reißt sie ewig hin und her, obgleich die Wahrheit doch so einfach ist und vor ihnen liegt. Warum wollen die heutigen Denker sie nicht anerkennen? Warum bieten sie uns alle möglichen selbst erfundenen Theorien an, die nicht mit der kosmischen Intelligenz übereinstimmen? Da sie nicht länger an die Existenz einer auf Naturgesetzen bestehenden Moral glauben, sind ihre Überlegungen und Schlussfolgerungen falsch. Alle, die ihre Bücher lesen und ihnen folgen, schlucken ihre Fehler und geraten in Verwirrung, Angstzustände und Finsternis. Also, Achtung! Ihr müsst das Überlegen und Urteilen lernen. Ohne Maßstäbe kann euch jeder irreführen. Seid wachsam, lasst euch nicht von verwirrten Menschenhirnen beeinflussen, folgt der kosmischen Intelligenz, die alles so wunderbar geordnet und organisiert hat.
Selbst wer nicht an Gott glaubt, kann nicht bestreiten, dass in der Natur eine Ordnung herrscht, und dass es somit eine Intelligenz gibt, die diese Ordnung geschaffen hat. Man sollte wenigstens die Tatsache bedenken, dass jeder Samen seinesgleichen hervorbringt. Wie kann man darin nicht das Werk einer Intelligenz sehen? Jeder, der dieses Gesetz erkennt, muss seine Weltanschauung ändern. Man mag nicht an Gott glauben, aber man kann nicht bestreiten, dass jeder Same genau sich selbst reproduziert, sei er nun von einer Pflanze, einem Baum, einem Insekt, einem Tier oder einem Menschen. Dies ist ein absolutes Gesetz, das euch zum Überlegen bringen muss. Ihr könnt euch Undankbarkeit, Ungerechtigkeit, Grausamkeit oder Gewalt erlauben, aber ihr müsst damit rechnen, dass dieses Gesetz eines Tages in eurem Leben zu euren Ungunsten wirken wird. Ihr habt z. B. eines oder mehrere Kinder, die euch ähneln. Durch sie seid ihr selbst die ersten Leidtragenden eures eigenen Verhaltens. Selbst wenn es Gott nicht gäbe, gibt es immer noch die kosmische Intelligenz. Dafür habt ihr ständige Beweise.
Ihr macht, was euch gefällt und meint, dass ihr ohne Konsequenzen davonkommt. Glaubt was ihr wollt, die kosmische Intelligenz hat bereits alles registriert. In jedem Gedanken, Gefühl oder Unternehmen keimt eine Saat und wächst heran. Wenn ihr ungerecht, grausam oder gewalttätig wart, dann stoßt ihr auf eurem Weg eines Tages auf die gleiche Undankbarkeit, die gleichen Ungerechtigkeiten, die gleichen Grausamkeiten, die gleiche Gewalt. Nach 20, 30 oder 40 Jahren fallen sie euch auf den Kopf, und dann glaubt ihr auf einmal an die Existenz einer kosmischen Intelligenz, die alles registriert.
Lasst, wenn ihr wollt, Bibel, Evangelium, Propheten, Kirchen und Tempel beiseite, aber akzeptiert wenigstens dieses bestehende, unwiderlegbare Gesetz: Was ihr sät, das erntet ihr. Schon die alten Weisen, die das Leben beobachteten, sagten: »Wer den Wind sät, erntet den Sturm.« Die Wissenschaftler und Denker, die diese Wahrheit abstreiten, werden eines Tages unweigerlich auch in der Enge stecken und gezwickt werden. Sie können den Folgen ihrer Handlungen nicht entkommen und dann werden sie begreifen. Wie kommt es, dass sie mit ihrer großen Klugheit die einfachen Dinge nicht erfassen können?… Ich sage sogar, dass mit diesem Gesetz als Grundlage sämtliche heiligen Bücher der Welt wieder richtig gestellt werden können… Ja, allein mit diesem Gesetz!
Viele sagen sich: »Gewiss, dies und jenes steht in der Bibel, im Evangelium, aber existiert Gott überhaupt?« Darauf erwidere ich euch, dass euch dies gar nicht kümmern soll. Ihr braucht auch nicht zu wissen, ob Jesus gelebt hat und ob die Evangelien authentisch sind oder nicht. Betrachtet nur dieses eine Gesetz, das genügt, um alles richtig zu stellen und euch zur Wahrheit zu führen. Seht ihr, meine Erläuterungen sind ganz einfach. In diesem Fall müsste man Gott erfinden, selbst wenn Er nicht existierte. Allein aufgrund dieser Tatsache müsste man Ihn erfinden. Warum also lässt man sich von den so genannten modernen Denkern überreden, die alles vernichten? Anstatt die Menschen zu den einfachen, existierenden Dingen zu führen, die sichtbar und fühlbar sind, führen sie sie zu »originellen« Überlegungen und Argumenten… Versteht ihr?! Die Denkweisen können ruhig der Wahrheit widersprechen, die überall in der Natur eingeprägt ist, das schadet nichts. Jeder ist davon begeistert, es braucht nur etwas Neues, Originelles zu sein.
Die Moral ist eine Realität, nur sehen die Menschen sie nicht und diskutieren obendrein noch über Gott, über diesen und jenen Punkt der Theologie… Das Diskutieren ist völlig überflüssig. Das Wissen genügt, dass sich alles, alles einprägt. Wenn die Natur bestimmt hat, dass ein Baum seinem Samen Beschaffenheit, Farbe, Größe, Geschmack und Geruch der Früchte einprägt, warum hätte sie dann in Bezug auf den Menschen nicht das Gleiche getan? In der Natur ist alles eingeprägt. Die Moral beruht gerade auf dieser Einprägung, auf dem Gedächtnis der Natur – ja, dem Gedächtnis. Denn die Natur besitzt ein Gedächtnis, das durch nichts ausgelöscht werden kann. Und wehe dem, der das nicht beachtet! Es registriert ununterbrochen, Tag und Nacht, das Katzenkonzert und die abscheulichen Zustände, die der Mensch in sich trägt. Eines schönen Tages wird er gezwickt, getreten, vernichtet. Keiner kann diesem Gesetz entkommen. Keiner war bisher mächtig genug, ihm zu entfliehen: kein Kaiser, kein Diktator, niemand… Im Gedächtnis der Natur ist alles registriert.
Also, Achtung! Jede Handlung, jedes Wort, jeder Gedanke, jeder Wunsch prägt sich in die Tiefen eurer Zellen ein, und früher oder später erntet ihr in eurem Leben die Früchte. Wenn ihr darauf achtet, keine finstere, zerstörende Saat durch euer Denken, Fühlen und Handeln zu verbreiten, dann könnt ihr euch eine bessere Zukunft aufbauen.
Glaubt nicht, dass die guten, großzügigen, liebevollen Menschen ewig nur Schlechtes statt Gutes zurückbekommen. Diejenigen, die voreilig Schlussfolgerungen ziehen, verbreiten Dummheiten, indem sie behaupten: »Tut Gutes und ihr erntet immer nur Schlechtes.« Nein, das stimmt nicht. Das Gute erzeugt immer Gutes und das Schlechte immer Schlechtes. Tut Gutes und ihr werdet auf Gutes stoßen, auch wenn ihr es nicht wollt. Wenn ihr Gutes tut und euch Schlechtes widerfährt, so ist dies darauf zurückzuführen, dass es noch Menschen auf Erden gibt, die eure Güte ausnutzen und missbrauchen. Aber ihr müsst euch gedulden und weiterhin gut handeln, denn früher oder später werden die anderen bestraft, von Stärkeren, Heftigeren unterworfen. Dann werden sie begreifen, bereuen und ihre Fehler bei euch wieder gutmachen wollen. So trägt das Gute doppelt Früchte, denn in solchen Fällen berücksichtigt der Himmel euer unverdientes Leiden und Elend, während ihr Gutes tatet und ihr werdet doppelt belohnt.
Die Menschen brauchen jetzt ein solides, vollständiges, wahres, unwiderlegbares Wissen. Dieses Wissen bringe ich euch. Nun denn, versucht doch zu bestreiten, dass man das erntet, was man gesät hat! Jeder ist natürlich von der Wahrhaftigkeit dieses Gesetzes überzeugt, aber dies nur im körperlichen Bereich. Das genügt nicht. Wer weitergeht, höher hinaufsteigt, der findet auch dort dieses Gesetz wieder, denn die Welt ist eine Einheit. Auf allen Stufen, auf allen Niveaus treten die gleichen Phänomene in einer anderen Form und jedes Mal feinstofflicher auf.
Alles was in der Erde ist, findet sich im Wasser wieder. Alles was im Wasser ist, findet sich in der Luft wieder. Die vier Elemente unterliegen den gleichen Gesetzen. Da sie jedoch weder das gleiche Wesen noch die gleiche Dichte haben, stellt man in der Anwendung der Gesetze einige Unterschiede von einem Element zum anderen fest. Sie reagieren mehr oder weniger schnell, mehr oder weniger heftig, aber sie werden von denselben Prinzipien regiert. Der Mentalbereich des Menschen z. B. entspricht der Luft. Hier findet man unter der feineren Form der Gedanken und Ideen die gleichen Wirbelstürme und Strömungen wie in der Atmosphäre. Die Gesetze der psychischen Welt stimmen mit den Naturgesetzen überein.
Wenn der Gärtner da, wo er nicht gesät hat, nichts wachsen sieht, findet er das richtig und gerecht und regt sich nicht darüber auf. Er jammert nicht, sondern sagt sich einfach: »Was willst du, mein Alter, du hattest eben keine Zeit zum Rüben säen, nun kannst du auch keine Rüben ernten. Aber du kannst Salatköpfe, Petersilie und Zwiebeln ernten, denn die hast du gesät.« Anscheinend sind die Menschen im Bereich der Landwirtschaft sehr bewandert. Ja, wenn es sich um Obst oder Gemüse handelt, dann sind sie gelehrt, aber sobald es sich um das Reich der Seele und der Gedanken handelt, wissen sie nichts mehr. Sie glauben, Glück, Freude und Frieden zu ernten, wo sie Gewalt, Grausamkeit und Bosheit gesät haben. Aber nein, sie werden die gleiche Gewalt, Grausamkeit und Bosheit ernten. Wenn sie sich obendrein noch darüber aufregen, wütend und rebellisch sind, beweist dies, dass sie keine guten Landwirte sind!
Die erste Regel der Moral lautet: Man soll keine Gedanken, Gefühle oder Taten akzeptieren, die für andere gefährlich oder schädlich sind. Man muss sie nachher nämlich selbst ernten, sie selbst »essen«. Wenn es sich um Gift handelt, dann ist man selbst der Erste, der sich daran vergiftet! Wenn ihr euch dies zum absoluten Grundsatz macht, beginnt ihr euch zu vervollkommnen. Ich weiß, die Langsamkeit, mit der sich die Gesetze vollziehen, hindert die Menschen oft daran, die Dinge zu verstehen. Weder das Gute noch das Schlechte kommt sofort. Der eine überschreitet laufend Gesetze, und trotzdem läuft für ihn noch alles gut ab, wohingegen ein Anderer, Ehrlicher Gutes tut und nur auf Schwierigkeiten stößt. Daraus schließt natürlich jeder, dass es keine Gerechtigkeit gibt. Die Menschen wissen nicht, warum man auf Belohnungen und Strafen so lange warten muss. Sie stellen sich Fragen und sagen sich: »Es wäre viel besser, wenn die Gesetze schneller wirkten, denn dann würde man sofort korrigiert oder belohnt werden und somit gleich begreifen«.
Nun, ich weiß, warum es so lange dauert. Die Langsamkeit zeigt uns die Güte und Barmherzigkeit der kosmischen Intelligenz. Sie will den Menschen Zeit für Erfahrungen, für Überlegungen und sogar für Reue lassen, damit sie sich bessern und ihre Fehler wieder gutmachen können. Würden uns die Gesetze sofort für unsere Fehler strafen, würden wir vernichtet werden und könnten uns nicht einmal bessern. Folglich gibt der Himmel uns Zeit und schickt uns hier und da einige kleine Schwierigkeiten, die uns zum Nachdenken bringen sollen. Auf diese Weise haben wir die Möglichkeit wieder gutzumachen.

Auch der Wohltätige wird nicht sofort belohnt, und das ist gut. Erhielte er sofort eine Belohnung, würde er sich bald gehen lassen und dann sämtliche Gesetze überschreiten. Der Himmel lässt ihn Kraft, Festigkeit und Selbsterkenntnis gewinnen. Er schenkt ihm nicht alles auf einmal, um zu sehen, wie weit er im Guten weitermacht. Ihr seht also, es gibt einen Grund für die Langsamkeit. Das Gute aber bringt immer Gutes, das ist absolut! Das Schlechte nimmt immer ein schlimmes Ende, das ist ebenso absolut! Es ist nur sehr schwer abzuschätzen, wie lange es dauert, bevor sich die Konsequenzen zeigen.
Ja, wie viel Kraftaufwand, Macht, Willensstärke, Entscheidung und Glauben braucht derjenige, der im Guten weiterhandeln will, wo doch die ganze Welt zusammenbricht. Gerade dies ist lobenswert, denn unter anderen Umständen könnte man leicht an das Gute glauben und im Guten fortfahren. Alles ist angenehm, nützlich, alles ist leicht. Doch gerade jetzt, wo sich die Lage verschlimmert, ist das Weitermachen verdienstvoll, ohne sich von den Umständen beeinflussen zu lassen. Ein Schüler versucht, genau wie ein Meister, immer auf die Macht des Geistes zu zählen. Selbst unter den schlimmsten Bedingungen will er die Macht des Willens, des Guten und des Lichts in sich erwecken. Daran erkennt man den wahren Spiritualisten. Natürlich können viele ihren Worten nach als Spiritualisten gelten, aber bei den geringsten Schwierigkeiten sind sie am Boden zerstört. Wo bleibt also die Kraft des Geistes?
Alle erwarten von den anderen, dass sie sich ihnen gegenüber feinfühlig, freundlich, geduldig und nachsichtig verhalten. Ja, aber wie kann das erreicht werden? Indem jeder selbst feinfühlig, freundlich, geduldig und nachsichtig wird. Wenn ihr von den anderen gutes Verhalten erwartet, müsst ihr selbst erst einmal richtig handeln. Ihr sagt: »Ja, das kennen wir schon!« Gut, aber nur theoretisch. Es gibt noch Millionen Wesen auf Erden, die sich gemein, hart und grausam aufführen und sich wundern, dass sich die anderen dies nicht gefallen lassen. Sie sind überzeugt, dass die anderen unterlegen sind und sich ihrem Willen beugen müssen. Seht einmal, wie sie sich benehmen: Sie warten auf Befriedigung durch Mittel, die ihren Wünschen widersprechen und umgekehrt glauben sie nicht daran, dass sie Liebe, Zärtlichkeit und Güte ernten, wenn sie auch Liebe, Zärtlichkeit und Güte säen. Trotzdem kann ich euch versichern, dass nach einiger Zeit auch derjenige kapituliert, der heute noch widerspenstig und boshaft mit euch umgeht, wenn ihr ihm weiterhin Gutes entgegenbringt.
Wer Zuneigung und Vertrauen gewinnen will, der muss sie herbeirufen. »Aber wir rufen doch, und sie kommen trotzdem nicht!« Nein, mit rufen meine ich, sie selbst schaffen. Wenn ihr gute Zustände in eurem Inneren aufbaut, könnt ihr hundertprozentig sicher sein, dass ihr diese auch bei den anderen findet. Wenn ihr sie in eurem Inneren schafft, zieht ihr sie von außen an. Hier liegt die ganze Magie. Also probiert es doch einmal: Wenn ihr etwas erhalten wollt, was euch sehr am Herzen liegt, dann versucht es erst einmal zu geben. Was man nicht gegeben hat, kann man nicht empfangen. Ihr wendet ein: »Das stimmt doch gar nicht, es gibt sehr reiche, hochgestellte Persönlichkeiten, die den anderen nichts geben, die verschlossen und verachtend sind, und trotzdem bringt man ihnen laufend Respekt, Achtung und Ehren entgegen…« Sie erhalten ganz einfach das, was sie in einer anderen Inkarnation gegeben haben. Wenn sie jedoch weiterhin hochmütig und ohne Liebe handeln, werden sie später genau das Gleiche von anderen erhalten.
Das Geheimnis von Erfolg und Glück liegt darin, das zu manifestieren, was man selbst wünscht. Wollt ihr Lächeln und freundliche Blicke sehen, dann lächelt und seid freundlich. Wollt ihr, dass der Himmel, dass ein Engel euch belehrt, dann sucht einen weniger Klugen und erleuchtet seinen Verstand. Das reflektiert sofort in der unsichtbaren Welt, aus der ihr lichtvolle Geister anzieht, die dasselbe für euch tun.

Oh ja, dies ist ein großartiges Gesetz, das noch in vielen anderen Bereichen angewendet werden kann. Lächeln und ein Lächeln empfangen ist noch sehr wenig. Ihr habt gelächelt und man hat zurückgelächelt. Ihr wart nett und freundlich, man war nett und freundlich zu euch. Gut, das ist schön, ihr wart höflich, das versteht sich, das ist notwendig, ihr fühlt euch wie neugeboren. Ihr solltet dieses Gesetz jedoch auch in anderen Bereichen anwenden, damit es größere Folgen trägt als ein Lächeln, einen Händedruck, einen Blick oder einige nette Worte im Vorübergehen. Mit diesem Gesetz kann das ganze Universum beeinflusst werden, und gerade das ist das Interessante. Man kann weit, sehr weit gehen, ganze Sphären im Raum zum Schwingen bringen…
Ihr könnt nur die Früchte ernten, die dem gesäten Samen entsprechen. Das ist eine andere Frage, ob es Unwetter gab oder ob die Sonne zu stark schien und alles verbrannte, ob es an Regen mangelte oder die Vögel und Maulwürfe eure Saat gefressen haben. Es ist eine andere Frage. Das sind Vorfälle, die nichts am Gesetz ändern. Was im Samen steckt, kann ihm nicht genommen werden. Man kann ihn daran hindern, Früchte zu tragen, aber man kann seine Eigenart nicht ändern. Und gerade die Eigenart ist es, von der ich spreche.
Wenn ihr also immer freundlich, nett und höflich seid, und man euch trotzdem beschimpft, ist dies nur nebensächlich. Darüber hinaus muss man prüfen, wer etwas, wann und unter welchen Bedingungen sagt… Vielleicht seid ihr zu gut, zu großzügig, zu freigebig, zu vertrauensvoll. Dann seid ihr natürlich schon in die Kategorie der Dummköpfe eingeordnet worden und müsst unter den menschlichen Konventionen leiden, die sich ewig ändern. Aber das besagt nichts, das ist nicht dauerhaft, denn Menschen und Verhältnisse ändern sich, die Grundgesetze jedoch sind beständig. Wenn die wahren Werte wieder gelten, dann nimmt alles wieder seinen Platz ein, und ihr werdet das Gute ernten, das ihr gesät habt.
Gewiss, heute wird jemand geschätzt, wenn er gerissen ist, die anderen ein bisschen tritt, beißt und durchrüttelt. Er gilt als sehr interessant, aber das bleibt nicht ewig so, denn bald kommt ein anderer Halunke und gibt dem ersten eine Tracht Prügel. Ihr dürft euch nicht von vorübergehenden Verhältnissen beeindrucken lassen. Nach einiger Zeit hört man dann, dass irgendwo ein Raufbold von einem anderen, noch stärkeren misshandelt wurde.
Nun sucht nicht gleich Ausflüchte. Ich weiß viel besser als ihr, was man mir entgegenhalten könnte. Ich warte nicht ab, bis die anderen fragen: »Ja, aber dann… warum dies, warum das?« Ich packe meine Argumente selbst beim Schopf und greife sie an. Wenn sie trotz allem standhaft sind, sage ich: »Das ist Gold! Das ist reines Gold, folglich ist es eine Wahrheit!« Und was passiert mit den Argumenten, die nicht widerstehen? Nun, die können begraben werden: »Amen… ruht hier in Frieden!«
Jetzt möchte ich euch ein anschauliches Beispiel nennen. Stellt euch einen wunderschönen Wald vor, mit Tieren, Vögeln, Bäumen voller Blüten und Früchten aller Art. Welch ein Reichtum! Leider gibt es ein Hindernis: Er ist von hohen, dicken Mauern umgeben und somit unzugänglich. Auf den Mauern stecken sogar Scherben und Stacheldraht. Obendrein ist der Wald wegen der wilden Tiere gefährlich: Bären, Löwen und Tiger würden sich den unvorsichtigen Abenteurer schon schmecken lassen. Ja, nun braucht ihr aber die Früchte, was tun?… Plötzlich bemerkt ihr auf einem Baum Affen. Jetzt seid ihr gerettet! Ihr nehmt einen Korb, voll Orangen z. B., geht dicht an die Mauer heran und fangt an, die Affen damit zu bewerfen… Die Affen, hervorragende Nachahmer, pflücken nun haufenweise Früchte von den Bäumen und bewerfen euch damit. Ihr braucht sie jetzt nur noch aufzusammeln und kehrt mit schweren Körben voller Früchte zurück. Das Geheimnis lag also darin, die Affen mit euren Orangen zu bewerfen!
Ihr sagt: »Was ist das denn für eine komische Geschichte? Als hätten wir Gelegenheit, von einer Mauer aus Affen im Wald mit Orangen zu bewerfen!« Aber das ist ja nur eine bildhafte Darstellung. Habt ihr nie einen Bauern gesehen, der auf seinem Feld sät? Er wirft den Affen Orangen zu, nur sind die Orangen winzig klein und die Affen sind ein bisschen tiefer unter der Erde versteckt… Wenn der Bauer seine Arbeit beendet hat, geht er zufrieden weg, und wenn er nach einigen Monaten wiederkommt, bringt er die Ernte ein und füllt seine Scheunen.
»Ach so!« meint ihr jetzt, »wenn es so ist, dann haben wir verstanden.« Nein, ihr habt noch gar nichts begriffen, ihr habt das Bild noch nicht entziffert. Die Affen stellen hier symbolisch die Naturkräfte dar. Ob sie unter der Erde oder auf den Bäumen sind, spielt überhaupt keine Rolle. Kommen wir jetzt zur Erklärung: Der Wald ist das von Gott geschaffene Universum, das alle Reichtümer in sich birgt. Die Mauern stellen die Hindernisse dar, die den Menschen daran hindern, an diese Reichtümer heranzukommen. Die Affen symbolisieren die Geschöpfe der unsichtbaren Welt. Die Orangen bedeuten das Licht und die Liebe, die ihr durch eure Gedanken und Gefühle ausstrahlt. Was geschieht nun? Nach einiger Zeit tun die Wesen der unsichtbaren Welt das Gleiche wie ihr und überschütten euch hundertfach mit Früchten, d. h. mit ihrem Segen. Wenn ihr jedoch euren Missmut, euren Hass oder eure Wut aussendet, werdet ihr eines Tages all dies wieder zurückbekommen.
»Was ihr sät, das erntet ihr.« Mit anderen Worten: So wie ihr jetzt handelt, gestaltet ihr bereits eure Zukunft. In jedem Augenblick könnt ihr durch eure innere Arbeit eure Zukunft gestalten. Jede Entscheidung, ob gut oder schlecht, lenkt eure Zukunft in die eine oder andere Richtung.

Nehmen wir einmal an, dass ihr euch heute entschlossen habt, Gott zu dienen, den Menschen zu helfen, euch nicht mehr von euren niederen Neigungen beeinflussen zu lassen. Sofort wird eure Zukunft lichtvoll, wunderschön und kraftvoll. Alle Herrlichkeiten warten auf euch.
Warum erlebt ihr diesen Zustand nicht? Weil euch die Vergangenheit noch zurückhält. Wenn ihr euch aber von dem Entschluss nicht abbringen lasst, in dieser Richtung zu arbeiten, löst ihr euch nach und nach von ihr und eines Tages empfangt ihr das himmlische Erbe. Ja, wenn ihr aber nun wieder ein egoistisches Leben führen wollt, wird sich alles wieder ändern und ihr baut euch ein ganz anderes Schicksal auf – voller Leiden und Enttäuschungen. Gewiss, im Augenblick gibt es noch Freuden, ihr macht Geschäfte, die Gegenwart bleibt die gleiche, weil ihr noch einige Reserven habt und ihr die finstere Zukunft nicht seht, die auf euch wartet. Sobald der Vorrat aber verbraucht ist, steht diese abscheuliche Zukunft plötzlich vor der Tür. Die Zukunft lässt sich leicht gestalten, aber die Vergangenheit ist schwer auszulöschen.

Ich möchte euch noch ein anderes Beispiel nennen. Ihr wollt verreisen, zögert aber noch, ob ihr euch für Nizza oder Moskau entscheiden sollt. Nehmen wir an, ihr entscheidet euch schließlich für Nizza. Sofort ist eure Reiseroute festgelegt, die Landschaften, die Bahnhöfe, die Begegnungen… Sobald, ihr eine Richtung einschlagt, ist alles berechnet, ihr müsst einem vorherbestimmten Weg folgen. Die Landschaften sind nicht euer Werk, dessen Existenz hängt nicht von euch ab, bei euch liegt nur die Wahl der Richtung.
Wir sind nicht die Schöpfer unserer Zukunft. Wenn man sagt, dass sich der Mensch seine Zukunft schafft, ist dies nur eine Redensart. Man sollte besser sagen, er wählt seine Richtung. Ihr beschließt: »Ich nehme diesen Weg!« Einverstanden, aber die Existenz der Gebiete und Wesen, denen ihr auf diesem Weg begegnen werdet, hängt nicht von euch ab. Das sind Bereiche und Wesenheiten, die schon vor langer Zeit von Gott geschaffen worden sind. Wir schaffen uns kein schlechtes Schicksal, sondern steuern es nur an: Treibsand, Sümpfe, gefährliche Wälder… Wir entscheiden lediglich über die Richtung, das ist alles. Handelt es sich um eine herrliche Zukunft, gilt das Gleiche. Wir gehen darauf zu, sie existiert bereits, sie wartet auf uns. Im Raum gibt es Tausende von Bereichen oder Sphären, mit unzähligen Geschöpfen bevölkert, und je nach unserer Entscheidung steigen wir zu ihnen auf oder fallen zu ihnen hinunter.
Jedes Unglück und jedes Glück existiert bereits. Andere haben sie schon vor uns durchlebt, sie wurden vor langer Zeit geschaffen. Es hängt allein von uns ab, wofür wir uns entscheiden. Deshalb sollt ihr euch jetzt für eine andere Richtung entscheiden und euch dem Paradies zuwenden, das Gott schon von Anfang an für euch geschaffen hat.

 

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Leseprobe Gesamtwerk 1 – Das geistige Erwachen

Leseprobe Gesamtwerk 1 – Das geistige Erwachen

Dieses Buch enthält die ersten Vorträge von O. M. Aivanhov, die er in den 30-er Jahren gehalten hat, als er von Bulgarien nach Frankreich kam. Sie bilden den Kern seiner Lehre, den er dann im Laufe der nächsten Jahrzehnte im Detail aufgerollt hat.

Das “geistige“ Erwachen ist ein Erwachen in den Frieden, das Glück, den inneren Reichtum, die Weisheit und die Liebe.

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Geboren aus Wasser und Geist
    (Vortrag gehalten am 29. 01. 1938)
  2. Teil 1: »Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden,
    klopfet  an, so wird euch aufgetan.«
    (Vortrag gehalten am 05. 02. 1938)
  3. In den Augen offenbart sich die Wahrheit
    (Vortrag gehalten am 12. 02. 1938)
  4. Die Ohren bergen die Weisheit
    (Vortrag gehalten am 19. 02. 1938)
  5. Der Mund kündet von der Liebe
    (Vortrag gehalten am 26. 02. 1938)
  6. Liebe, Weisheit, Wahrheit (Mund, Ohren und Augen)
    (Vortrag gehalten am 05. 03. 1938)
  7. Bei Meister Peter Deunov in Bulgarien Erlebtes
    (Vortrag gehalten am 12. 03.1938)
  8. Die lebendige Kette der Universellen Weißen Bruderschaft
    (Vortrag gehalten am 10. 07. 1938)

 

Leseprobe Gesamtwerk 1 – Das geistige Erwachen

I
Ge­boren aus Wasser und Geist

Wer unsere Bruder­schaft in Bulga­rien zu der Zeit be­sucht, da sie auf den Bergen in der Nähe der sieben Seen von Rila ihre Zelte auf­geschla­gen hat, erblickt un­fern des Lagers eine Quelle, die in be­sonde­rer Weise aus­gestal­tet wurde. Das Wasser springt aus einem riesi­gen Fels­block her­vor, dem man die Form eines Schiffs­bugs ge­geben hat und fließt durch eine mit fla­chen, schnee­weißen Stei­nen aus­ge­legte Rinne. Diese Rinne endet in zwei an­einan­der­lie­genden Händen. Jeder darf von dem reinen Wasser der Quelle trin­ken, das ihm die beiden Hände dar­bieten… In die linke Seite des Fel­sens ist ein rot be­malter Anker, das Symbol der Bruder­schaft, ein­gemei­ßelt; rechts ist fol­gende In­schrift zu lesen:

Brüder und Schwes­tern, Väter und Mütter,
Freun­de und Fremde,
Lehrer und Studie­rende,
Ihr alle, die ihr dem Leben dient,
öffnet eure Herzen dem Guten,
werdet dieser Quelle gleich.

Neben der In­schrift sind kabbalis­tische Zei­chen und geo­metri­sche Figu­ren an­ge­bracht, über die ich später spre­chen werde.

Ihr kennt wohl alle die Stelle im Johan­nes-Evange­lium, wo Jesus zu Nikode­mus spricht: »Wahr­lich, wahr­lich, ich sage dir: Wenn einer nicht von neuem ge­boren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.« – »Aber wie kann ein Mensch ge­boren werden, wenn er alt ist?« fragt Nikode­mus. »Kann er wie­derum in seiner Mutter Leib gehen und ge­boren werden?« Jesus ant­wortet darauf: »Wahr­lich, wahr­lich, ich sage dir. Wenn einer nicht von neuem ge­boren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.« – Was be­deutet »aus Wasser und Geist ge­boren werden«?

Einst lebte in Jeru­salem ein Weiser namens Nathan… Als sich der Sultan Sala­din der Stadt be­mäch­tigte, er­hielt er Kunde von diesem Weisen und ließ ihn in den Palast kommen; er stell­te ihm sieben Fragen, u.a. auch diese: »Welche ist die beste Reli­gion: die jüdi­sche, christ­liche oder mosle­mische?« Nathan er­wi­derte: »Sultan, ich will dir eine Ge­schich­te er­zählen… Es war ein­mal ein König, der be­saß einen Zauber­ring, der ihm gött­liche All­macht ver­lieh: Kraft dieses Ringes blieb sein Reich vor Un­heil, Krie­gen und Krank­heiten ver­schont. Der König hatte drei Söhne, die ihm alle gleich lieb waren, und als er alt ge­worden war, wusste er nicht, wel­chem der Söhne er den Ring über­lassen sollte. So ließ er denn heim­lich zwei zu­sätz­liche Ringe an­ferti­gen, die dem Zauber­ring zum Ver­wech­seln ähn­lich waren und schüt­telte sie alle durch­einan­der, so dass er selber den ur­sprüng­lichen Ring nicht mehr er­kannte. Nun rief er seinen ältes­ten Sohn zu sich und sprach zu ihm: »Du bist mir von allen Söhnen der liebs­te, des­halb möchte ich dir meinen Ring schen­ken und da­zu ein Drit­tel meines König­rei­ches.« Das­selbe sagte er auch zu den beiden ande­ren Söhnen. Der König ahnte nicht im Gerings­ten, wel­chem von ihnen er den Zauber­ring über­reicht hatte, und alle drei waren fest davon über­zeugt, ihn ge­erbt zu haben… Einige Jahre später machte sich der König auf, um seinen Söhnen einen Be­such ab­zu­stat­ten. Er be­gab sich zu­erst zu dem Ältes­ten; doch als er sah, wie dessen Volk von Seu­chen und Ent­beh­rungen heim­ge­sucht war, er­kannte er, dass dieser den Ring nicht be­saß. Er be­gab sich in das Reich seines zwei­ten Sohnes; auch dort laste­ten un­unter­bro­chen Kriege und Not auf dem Volk. Also hatte auch dieser den Ring nicht er­halten. Als er schließ­lich bei dem drit­ten Sohne ein­traf und dessen Unter­tanen alle­samt wohl­habend und ge­sund in Glück und Frie­den leben sah, wusste der König, dass der jüngs­te Sohn im Be­sitz des Zauber­rings war. Auf diese Weise«, sprach Nathan, »wirst du er­mit­teln, wo sich die wahre Reli­gion be­findet: näm­lich da, wo Frie­den, Glück, Reich­tum, Weis­heit und Liebe walten.«

Wenn wir trotz der Wei­sungen, welche uns die großen Meis­ter geben, nicht in der Lage sind, die Wahr­heit zu ent­decken, dann viel­leicht des­halb, weil die Kanäle in uns so ver­stopft sind, dass die Ener­gie­ströme der geis­tigen Welt nicht durch­flie­ßen können. Ich war noch sehr jung, als ich dies auf fol­gende Weise er­kannte: Damals lernte ich flei­ßig, las viel und arbei­tete – fühlte mich aber trotz­dem nicht ganz zu­frie­den. Dann unter­nahm ich eine zehn­tägige Fasten­kur. Im An­schluss an das Fasten be­griff ich plötz­lich Dinge, die ich noch in keinem Buch ge­funden hatte. Die ersten Tage war ich natür­lich schreck­lich hung­rig, doch das ließ bald nach. Am drit­ten und vier­ten Tag hatte ich einen bren­nenden Durst, der in den dar­auf­fol­genden Tagen noch peini­gender wurde. Ich dachte nur noch an Wasser und träum­te nachts von Quel­len und Bächen, aus denen ich un­unter­bro­chen trank, ohne den Durst je lö­schen zu können. Auch dieser Durst ver­ging. Am sieb­ten Tag nahm ich eine Frucht in die Hand und atmete ihren Duft ein. Da fühlte ich, wie der­art feine, köst­liche Essen­zen von ihr aus­gingen, dass ich da­durch wunder­bar er­quickt wurde. Wäh­rend der letz­ten Tage er­nährte ich mich dann ledig­lich von diesen feinen Wirk­stof­fen; ich be­griff, dass jede Pflan­ze, jede Frucht un­sag­bar feine ätheri­sche Stoffe ent­hält, die wir nur des­halb nicht wahr­nehmen und nicht in uns auf­nehmen können, weil wir über­sät­tigt und über­füllt sind. Wir sind von un­end­lich vielen Dingen um­geben, die wir nicht wahr­nehmen, weil in uns kein Raum dafür übrig bleibt. Ob­wohl über­aus kost­bare Ele­mente vor­han­den sind, müssen wir erst aus­gehun­gert und durs­tig sein, um sie zu spüren. Aber wir dösen dahin wie einer, der sich zu satt ge­gessen hat. Des­wegen blei­ben uns be­stimm­te feinst­off­liche Spei­sen vor­ent­halten.

Hat man die Ge­wohn­heit, zu üppige Spei­sen und Ge­tränke zu sich zu nehmen, wird der Körper von Schla­cken der­art über­lastet, dass er schließ­lich schwer­fällig, plump und wie be­täubt wird. Die Sinne stump­fen ab, die Intel­ligenz wird ge­trübt, der Wille schwach, die Leiden­schaf­ten nehmen zu. Das­selbe gilt auch für die ande­ren Be­reiche. Wenn wir auf der Astral- und Mental­ebene (den Ebenen der ge­wöhn­lichen Ge­danken und Ge­fühle) zu viel essen, ent­geht uns das Feins­te in der Seele und der Natur. Sie blei­ben außer­halb unse­res norma­len Be­wusst­seins. Selbst wenn dann alle größ­ten Meis­ter der Welt kämen, um uns ihre Weis­heit zu lehren, würden wir nichts davon er­fassen, nichts emp­finden. Wäh­rend meiner Fasten­zeit merkte ich außer­dem, dass es mir leicht fiel, meinen Körper zu ver­lassen; ich trat mühe­los aus ihm heraus und er­reich­te höhere Regio­nen; sobald ich wieder Nah­rung zu mir nahm, wurde mir dies er­schwert.

Die kleine Quelle ruft uns zu: »Werdet wie ich! Leben­dig und spru­delnd!« Ja, meine lieben Brüder und Schwes­tern hört auf sie! Nehmt die spru­delnde Quelle zum Vor­bild, sonst werdet ihr einem Sumpf ähn­lich. Wenn eure innere Quelle ver­siegt, fängt es in euch an zu gären. – Was ge­schieht dort, wo etwas ver­west? Ihr wisst es: Es wim­melt von Mücken, Flie­gen und allem mög­lichen Un­gezie­fer; ihr wollt sie ver­jagen, aber es hilft alles nichts, sie werden immer zahl­rei­cher. Es bleibt nur eine Lösung: den Sumpf tro­cken zu legen und die Quelle spru­deln zu lassen; denn wo Wasser fließt, gibt es keine Fäul­nis. Und was be­obach­tet man um eine Quelle herum? Bäume wach­sen, Blumen blühen, Vögel zwit­schern… Men­schen und Tiere kommen zum Trin­ken und die ganze Natur freut sich – selbst die Steine.

Ihr fragt: »Aber wie brin­gen wir in uns eine Quelle zum Flie­ßen?« – Ganz ein­fach da­durch, dass ihr Liebe ver­strömt! Ihr werdet frei­lich ein­wenden, dass ihr ja ver­liebt seid und alle ande­ren sich auch ver­lieben. Ich weiß schon, aber wenn ich von Liebe spre­che, ver­stehe ich darun­ter eine andere Liebe. Die meis­ten Leute, die sich ver­lieben, ge­stehen, dass sie oft leiden und un­glück­lich sind. Das be­deutet, dass sie die wahre Liebe nicht kennen. Jene Liebe, die die Men­schen un­glück­lich macht, ist nicht die wahre Liebe, son­dern eine Krank­heit. Selt­samer­weise ent­geht ihr fast nie­mand. Es ist wie eine Seuche. Egal, wie man sich vor ihr zu schüt­zen sucht, früher oder später wird man ge­packt, und die Qual be­ginnt.

In Bulga­rien hatte ich einen Freund, der von der Liebe als der schöns­ten Sache der Welt sprach. Eines Tages kam er mit zer­zaus­tem Haar und einem ver­stör­ten, fins­teren Ge­sicht zu mir; ich fragte be­sorgt, was ihm zu­gesto­ßen sei. »Ich bin ver­liebt«, rief er aus, »das ist alles.« Die Liebe machte ihn un­glück­lich, weil er nicht in den Be­sitz des Gegen­stan­des seiner Liebe ge­langen konnte. Die Liebe, die ich meine, ist etwas ganz ande­res; wenn diese wahre Liebe kommt, die der neuen Lehre, ist man fröh­lich, denn die Liebe ist ein wunder­voller Be­wusst­seins­zu­stand, der sich auf allen Ge­bieten segens­reich aus­wirkt. Sobald in uns eine Quelle spru­delt, ge­deihen Bäume, Blumen, Tiere, Men­schen; denn wo Wasser fließt, ent­faltet sich das Leben; mit ande­ren Worten: Wo echte Liebe ist, er­blüht eine Flora, eine Fauna, eine Kultur.

In unse­rem Inne­ren ent­spricht das Mine­ral­reich dem Kno­chen­system, das Pflan­zen­reich den Mus­keln, das Tier­reich dem Blut­kreis­lauf und das Men­schen­reich dem Nerven­system.

Wer nicht aus Wasser und Geist ge­boren wird, ge­langt nicht in das Reich Gottes. Was sind Wasser und Geist? In der esoteri­schen Wissen­schaft gilt das Wasser stets als das weib­liche, pas­sive Ele­ment; der Geist da­gegen als männ­liches, akti­ves Prin­zip. Im Hebräi­schen heißt das Wasser »maim« und der Geist »ruah«. Selt­samer­weise er­gibt das Wort »ruah« rück­wärts ge­lesen »haur«, was Licht be­deutet: jenes Licht, das die Welt er­schuf. Es ist dieses Licht, das jeder Seele als winzi­ger Funke des schöpfe­risch-männ­lichen Prin­zips, des Him­mels­feuers, inne­wohnt. Das Wasser hin­gegen ist das weib­liche Prin­zip, der ge­stal­tende Mitt­ler, das uni­ver­sale Flui­dum.

»Werdet ihr nicht ge­boren aus Wasser und Geist«, heißt mit ande­ren Worten: »Werdet ihr nicht ge­boren aus Wasser und Feuer«… Um euch die beiden Worte »Wasser« und »Feuer« nahe zu brin­gen, möchte ich von der Astro­logie aus­gehen. Ihr kennt die 12 Tier­kreis­zei­chen. Sie ent­spre­chen den vier Ele­menten der Alchi­mie: Erde, Wasser, Luft und Feuer. […]

 

Leseprobe Gesamtwerk 1 – Das geistige Erwachen

II
»Bittet, so wird euch ge­geben;
suchet, so werdet ihr finden;
klop­fet an, so wird euch auf­getan!«

Freier Vor­trag

Ich möchte heute Abend er­neut über die Farben spre­chen, denn es gibt noch sehr viel Interes­santes darü­ber zu sagen. Doch zu­vor nehme ich euch mit auf die Berge von Rila – wir wollen dort oben fri­sche Luft atmen.

Wir stei­gen zu­nächst zum Sommer­lager der Bruder­schaft hinauf… Die Zelte der Brüder und Schwes­tern stehen am Ufer eines klaren Sees, auf dem Wasser­rosen blühen. Die An­höhe, welche das Zen­trum des Lagers bildet, über­ragt eine Hoch­ebene, auf der ein zwei­ter, viel klei­nerer See ruht. Nach sieben­stün­digem Marsch sind wir hier oben an­ge­langt – es war ein mit­unter be­schwer­licher Auf­stieg durch Wiesen und Tannen­wälder. Wir be­finden uns 2300 Meter hoch und über­bli­cken die ganze Ge­birgs­kette Bulga­riens. Nun um­runden wir den See, an dem sich das Lager aus­dehnt und stei­gen noch höher, den kahlen, majestä­tischen Gip­feln ent­gegen. Wir ent­decken nach­einan­der noch fünf andere glas­klare Seen, in denen sich der Himmel und die Berge spiegeln. Die Ge­stalt dieser Seen ist eigen­artig: Der eine gleicht einem Herzen, der andere einem Magen, der dritte einer Niere… Sie wurden nach ihrem Aus­sehen be­nannt. Der höchst­gele­gene ist der kleins­te. Er ist durch einen natür­lichen Graben mit einem großen See ver­bunden, der un­gefähr auf glei­cher Höhe liegt. Man nennt ihn den »Kopf«; von dort aus erblickt man einige der ande­ren Seen.

Wir lassen uns weder durch die zauber­haft leuch­tenden Berg­blumen noch durch die schöne Land­schaft ab­lenken, son­dern stei­gen un­ent­wegt weiter bis zum Mussala, dem 3000 m empor­ragen­den, höchs­ten Gipfel der Balkan­kette. Hier oben ist es wunder­bar still und klar, wir fühlen uns leich­ter. Glit­zerndes Licht um­flutet uns… Wir setzen uns nieder und wollen nun in der reinen Luft dieser Höhe einige be­kannte Tat­sachen auf­grei­fen, die in mehre­ren Lebens­berei­chen ihre Ent­spre­chungen haben.

Wie ihr wisst, ist unser Körper dem atmosphä­rischen Druck aus­ge­setzt. Dieser ist so stark, dass er uns völlig nieder­drü­cken würde, wäre nicht durch den Innen­druck unse­rer Körper­zellen ein Aus­gleich ge­schaf­fen. Wenn wir jedoch hohe Berge er­stei­gen, wird der Innen­druck höher als der Außen­druck, und es wird uns leicht zu­mute; er­klim­men wir jedoch sehr hohe Gipfel, stei­gert sich der Innen­druck der­art, dass uns sogar das Blut aus Nase, Ohren oder Haut dringt. Je tiefer wir da­gegen unter die Erde hinab­stei­gen, desto schwe­rer lastet der äußere Druck auf uns, und wir fühlen uns er­drückt und be­klemmt. Der­selbe Vor­gang lässt sich im geis­tigen Leben be­obach­ten. Unser Be­wusst­sein kann stei­gen oder sinken, je nach­dem wie wach und auf­merk­sam wir zu blei­ben wissen. Steigt es, so wird uns der Außen­druck (d.h. die Sorgen und Be­las­tungen des All­tags) weni­ger fühl­bar, weil der innere Druck sich ver­stärkt. Glei­tet unser Be­wusst­sein jedoch tief ins Grob­stoff­liche ab, so er­schei­nen uns selbst ge­ring­fügige Be­geben­heiten als eine schwe­re Last, als hätten wir Berge zu ver­setzen. Des­halb muss man sich in Ge­danken auf die hohen Gipfel der geis­tigen Berge empor­schwin­gen.

Der atmosphä­rische Druck ver­sinn­bild­licht die äuße­ren Lebens­bedin­gungen, die mate­rielle Welt; der Innen­druck das schöpfe­rische Lebens­prin­zip, der nach Äuße­rung drän­gende Geist. Es gibt in der Welt zweier­lei An­schau­ungen: Die eine lehrt, dass die mate­riellen Be­din­gungen im Leben alles ent­schei­den, dass von ihnen alles ab­hängt, die andere sagt uns im Gegen­teil, dass der Geist, wenn er sich offen­bart, die Macht be­sitzt, diese Be­din­gungen zu ändern.

Emp­findet ihr das Mate­rielle als be­drü­ckende und hem­mende Last, so zeigt dies an, dass euer Be­wusst­sein sehr tief ge­sunken ist, dass der Außen­druck zu­genom­men hat. Fühlt ihr euch hin­gegen froh, frei und voller Kraft, dann be­weist dies, dass ihr hoch oben auf dem Gipfel steht. Wer an die Macht des Geis­tes glaubt, wird merken, dass sich seine Lebens­bedin­gungen mehr und mehr ver­bes­sern. Wer in­des an die Über­macht der Mate­rie über den Geist glaubt, wird Opfer dieser Mei­nung und bringt sich selbst in die denk­bar un­güns­tigste Lage. In Wahr­heit sind beide Lebens­anschau­ungen rich­tig. Es hängt nur vom Stand­punkt ab, den man ein­nimmt und durch den man ent­schei­det, welche der beiden Wirk­lich­keit wird.

Nehmen wir nun die Kennt­nisse ein wenig unter die Lupe, die alle Tage an uns heran­getra­gen werden. Nur all­zu oft blei­ben diese reine Theo­rie, es wird er­zählt, dass in Bulga­rien einst ein Bi­schof amtier­te, der wunder­voll über die Nächs­ten­liebe pre­digte. Un­auf­hör­lich wieder­holte er den Satz: »Wer zwei Hemden hat, der gebe eins dem, der keines hat.« Er sprach dies mit viel Pathos und mit beben­der Stimme, so dass den Zu­hörern die Tränen in die Augen traten. Eines Sonn­tags hörte die Frau des Bi­schofs die Pre­digt ihres Mannes und war von seinen Worten tief er­grif­fen. Der Bi­schof be­saß zwei Hemden… Als die Frau nach Hause kam, holte sie flugs das zweite Hemd aus dem Schrank und schenk­te es einem Armen. Wie sich nun der Bi­schof nach der Kirche um­ziehen wollte, fand er sein zwei­tes Hemd nicht im Schrank. Er ruft seine Frau herein, welche ihm ge­steht, dass sie es ver­schenkt hat. Da ge­rät der Bi­schof in Wut. »Aber du selbst hast doch ge­sagt!« ent­schul­digte sich die Frau, »wer zwei Hemden habe, solle dem eins geben, der keines hat.« – »Dummes Weib«, schrie der Mann, »das sagte ich für die ande­ren, das gilt nicht für uns!«

Hier noch eine Anek­dote. Ein großer Ge­lehr­ter fuhr eines Tages mit einem Kahn aufs Meer hinaus. Er unter­hielt sich mit dem Schif­fer und fragte: »Ver­stehst du etwas von Astro­nomie?« – »Nein«, er­wi­derte dieser. »Dann bist du aber zu be­klagen«, sagte der Ge­lehrte, »denn du hast ein Vier­tel deines Lebens ver­loren. – Weißt du etwas über Physik?« – »Nein, davon weiß ich nichts.« – »Nun, dann hast du zwei Vier­tel deines Lebens ver­loren. Aber viel­leicht kennst du dich in der Chemie aus?« – »Ganz und gar nicht, ich habe nie etwas davon ge­hört.« »Wie un­gebil­det! Drei Vier­tel deines Lebens hast du ver­tan!« Das Schiff be­fand sich mitt­ler­weile auf offe­ner See… Da zog ein Ge­witter herauf, und ein schreck­licher Sturm brach los. Nun war es an dem Schif­fer, den Ge­lehr­ten zu fragen: »Können Sie schwim­men, Herr?« »Nein, das kann ich nicht.« Er­schro­cken ruft der Schif­fer: »Dann sind jetzt vier Vier­tel ihres Lebens dahin!«

Seht ihr, so gibt es Kennt­nisse, die dem Men­schen von keiner­lei Nutzen sind. Sie sind wie eine Aus­schmü­ckung oder dienen zum Geld ver­dienen, doch bei einem Un­wetter stellt sich dann heraus ob wir wirk­lich schwim­men können. Das Leben ist wie ein Meer, und auf diesem Meer gibt es Hinder­nisse und Ge­fahren. Um sich da zu­recht­zu­finden, sind einige Kennt­nisse weit­aus nütz­licher als andere, dieje­nigen näm­lich, welche uns helfen, unse­rem Leben eine Rich­tung zu geben: Wel­chem hohen Ideal sollen wir zu­stre­ben?… Wie lassen sich quä­lende Ge­danken und Ge­fühle um­wan­deln?… Wie sollen wir die Er­eig­nisse deuten, die sich um uns herum ab­spie­len?… Wie er­kennen wir unser Ver­hält­nis zum Makro­kosmos?… Wie sollen wir essen, schla­fen, uns wa­schen, atmen, lieben?… – Dies ist ein Wissen, das zu er­werben sich lohnt.

Es ist wesent­lich zu er­fahren, wie man sich mit der höhe­ren Welt, der gött­lichen Welt, in Ein­klang bringt. Wenn Jesus sagte: »Bittet, so wird euch ge­geben; suchet, so werdet ihr finden; klop­fet an, so wird euch auf­getan«, gab er uns damit ge­rade die Mittel, um jene höhere Welt zu er­rei­chen. Bitten, suchen und an­klop­fen können sich selbst­ver­ständ­lich auch auf die mate­rielle Welt be­ziehen, aber sie be­tref­fen ebenso die spiri­tuelle Welt. Was tut der Mensch, wenn er betet? Nichts ande­res als bitten, suchen und an­klop­fen. Doch die Men­schen wissen immer weni­ger zu beten. Sie haben sogar eine regel­rechte Ab­nei­gung da­gegen und ver­achten dieje­nigen, die es tun.

Beten ge­hört nicht zu den Ge­wohn­heiten, die in Mode sind. Man hält sich für ge­bildet und ge­lehrt, und für einen Ge­lehr­ten ist es frei­lich lächer­lich, sich bit­tend an Gott zu wenden.

»Bittet, so wird euch ge­geben, suchet, so werdet ihr finden, klopft an, so wird euch auf­getan«… Diese Worte lassen sich nur durch das Wissen um die im Men­schen be­find­liche Drei­heit Ver­stand, Herz und Wille deuten, die unsere psychi­sche Struk­tur bildet. »Bittet, so wird euch ge­geben«… Worum soll man bitten? Und wer ist es in uns, der bittet?… Wer ist es, der sucht?… Wer klopft an?… Der Bit­tende ist das Herz, der Suchen­de der Ver­stand, der An­klop­fende der Wille. Das Herz bittet, doch nicht um Wissen, Licht und Weis­heit; nein, das Herz ver­langt nach Liebe, Wärme und Zärt­lich­keit. Der Ver­stand bittet nicht, son­dern sucht, jedoch nicht Wärme oder Liebe, denn in der Wärme arbei­tet der Ver­stand schlecht, er wird schläf­rig. Er sucht nach Licht, nach Weis­heit und vor allem nach Metho­den, mit denen er beides er­langen kann! Und der Wille klopft an, weil er ge­fangen ist und Raum und Frei­heit braucht, um seine schöpfe­rische Kraft zu ent­falten. […]

Reihe Gesamtwerke
ISBN 978-3-89515-068-5
22,00 Euro
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